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Gebrauchsanweisung für Tirol (eBook)

eBook Download: EPUB
2017 | 1. Auflage
224 Seiten
Piper Verlag
978-3-492-97754-8 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Gebrauchsanweisung für Tirol -  Bernd Schuchter
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Von Landeck bis Lienz, Zillertal bis Kufstein: Bernd Schuchter, waschechter Tiroler, begibt sich jenseits der gängigen Werbeslogans auf die Suche nach dem Mythos seiner Heimat. Vorbei an Almwiesen und steilen Hängen zieht es ihn in die Universitätsstadt Innsbruck - seit dem Mittelalter wichtiger Knotenpunkt zwischen Nord und Süd. Er ergründet seine Landsleute, diese seltsamen Wesen, die so gerne schweigen und dabei stolz sind auf ihre Berge und tausend Kirchen, auf Krimiautoren wie Bernhard Aichner und Erfolgsunternehmen wie Swarovski. Und er geht selbstironisch den brisantesten Fragen nach: Kennen sich hier alle fünfhunderttausend Einwohner wirklich persönlich? Beginnen amouröse Abenteuer immer noch mit einer Leiter, die am Fenster der Angebeteten angelegt wird? Und was bewegt Jahr für Jahr Millionen von Menschen dazu, hier ihren Urlaub zu verbringen?

Bernd Schuchter, 1977 geboren, Autor, Rezensent und Verleger, lebt mit seiner Familie in Innsbruck. Er ist Preisträger beim Prosapreis Brixen/Hall und beim Preis für künstlerisches Schaffen der Stadt Innsbruck. Zuletzt erschienen die Erzählung »Jene Dinge«, die Romane »Link und Lerke« sowie »Föhntage« und der literarische Reiseführer »Innsbruck abseits der Pfade«. Seine Bücher wurden bisher ins Ukrainische, Polnische und Englische übersetzt.

Bernd Schuchter, 1977 geboren, Autor, Rezensent und Verleger, lebt mit seiner Familie in Innsbruck. Er ist Preisträger beim Prosapreis Brixen/Hall und beim Preis für künstlerisches Schaffen der Stadt Innsbruck. Zuletzt erschienen die Erzählung "Jene Dinge", die Romane "Link und Lerke" sowie "Föhntage" und der literarische Reiseführer "Innsbruck abseits der Pfade". Seine Bücher wurden bisher ins Ukrainische, Polnische und Englische übersetzt.

Wo sind die Tiroler?

Tirol isch lei oans,

Isch a Landl a kloans,

Isch a schians, isch a feins,

Und dås Landl isch meins.

Tirol ist nur eines,

Ist ein Ländchen ein kleines,

Ist ein schönes, ist ein feines,

Und das Ländchen ist meines.

Inoffizielle Landeshymne Tirols, verfasst von Reimmichl, d.i. Sebastian Rieger, heute bekannt durch den Reimmichl-Kalender

Ich bin Tiroler.

Wenn ich meiner Mutter sage: »Ich gehe nach Deutschland« oder »Ich gehe nach Frankreich« oder »Ich gehe nach Schweden«, dann sagt sie nichts, sondern zuckt nur mit den Schultern. Das soll heißen, ich werde schon wissen, was ich tue, aber zu helfen sei mir nicht. Wie kann jemand freiwillig das schöne, das heilige Land Tirol verlassen, staunt ihr Blick, ehe sie mich fragt, ob ich noch etwas essen will. Als wären zwei Teller nicht genug gewesen …

Am Anfang jedes Buches steht eine Frage, die man nicht beantworten kann. Warum – habe ich mich bei diesem Buch gefragt – kann jemand nicht verstehen, was ich zu verstehen versuche? Was es mit Tirol auf sich hat. Mit den Tirolern, ihrer bärbeißigen Mentalität, mit den Bergen, der Natur, dem Skifahren, dem Gemüt, dem Charakter, diesem allzu großen Klischee, das so erfolgreich ins Ausland verkauft wird.

Die Tiroler sind stur, und sie sind widerständig. Aber sind sie das wirklich? Ist das Leben in den Bergen so hart, wie es das Sprichwort sagt, dass man selbst am Beginn des 21. Jahrhunderts noch zu einem maulfaulen, gottgläubigen, immens gesunden, weil sportlichen Menschen werden muss, der sich ob seiner Herkunft einbildet, die Geburt allein berechtige ihn dazu, maulfaul, gottgläubig und gesund zu sein?

Der Anfang dieses Buches ist – das muss ich gestehen – bis auf die Reaktion meiner Mutter dem wunderbaren Essay Des Schweizers Schweiz über die Schweizer Mentalität von Peter Bichsel entlehnt, der mit ebenjenen Worten beginnt: »Ich bin Schweizer.« Nur antwortet ihm seine Mutter auf die Ankündigung hin, er gehe nach Schweden: »Du gehst also ins Ausland.«

In Tirol, denke ich mir, wird in diesen Fällen geschwiegen oder mit den Schultern gezuckt. Gleichmütig nehmen die Tiroler das Leben hin wie das mal bessere, mal schlechtere Wetter, den Tourismus, die Wechselkurse, die Regierung in Wien und die ganzen anderen Unwägbarkeiten des Lebens, auf die der kleine Mann keinen Einfluss hat. Vielleicht hat sich diese Gleichmut über die Jahrhunderte durch das karge Leben, das die Tiroler führen mussten, so ergeben; bis auf Innsbruck, die Landeshauptstadt – seit dem Mittelalter wichtiger Knotenpunkt zwischen Nord und Süd, Residenzstadt, Universitätsstadt, Zentrum der Büchsenmacher und Kanonenbauer, mehr noch aber der Glockengießer –, und ein paar andere annähernd urbane Zentren war Tirol bäuerlich organisiert, und die Bauern mussten der Natur und den steilen Berghängen, an denen ihre Wiesen hingen, das Nötigste zum Leben wohl mehr abringen, als dass sie es wie aus einem Füllhorn geschenkt bekommen hätten. Es braucht Geduld für so ein Leben, Zähigkeit, Ausdauer, Sturheit; alles Eigenschaften, die jahrhundertelang fürs Überleben notwendig waren, ehe man begann, darauf stolz zu sein.

»Die Tiroler sind schön, heiter, ehrlich, brav und von unergründlicher Geistesbeschränktheit. Sie sind eine gesunde Menschenrasse, vielleicht weil sie zu dumm sind, um krank sein zu können«, schreibt Heinrich Heine, der bei seinen Zeitgenossen für seinen bissigen Spott bekannt war, im dritten Teil seiner Reisebilder, die 1830 im Hamburger Verlag Hoffmann & Campe erschienen. Reise von München nach Genua lautet der Titel jenes Abschnitts, in dem Heine recht ausführlich seine Fahrt durch Tirol beschreibt, das im 19. Jahrhundert noch weit bis in den Süden reicht und neben Südtirol auch das Trentino umfasst.

Es ist immer schon das Bild von außen, die Beschreibung von Dritten gewesen, das schließlich die Vorstellung des Tirolers ergab, von dem der Fremdenverkehr bis heute zehrt. Heinrich Heine war nur einer der ersten Spötter, die – zwischen Liebe und Abneigung changierend – versuchten, den Tiroler, die Tirolerin zu verstehen.

Ein anderer war der unter dem Pseudonym Sepp Schluiferer schreibende Gymnasiallehrer Carl Techet mit seinem 1909 erschienenen Buch Fern von Europa, in dem er in mehreren Erzählungen polemisch die Denkweise und das Verhalten der Tiroler Bevölkerung schilderte. Die Reaktionen waren derart hysterisch, dass der Autor 1910 nach München fliehen musste und schließlich nach Mähren strafversetzt wurde, zu sehr hatte er die Tiroler in ihrem Selbstbild gekränkt. Buchhändlerisch gesehen war das Buch jedenfalls ein Erfolg; der Verlag Lothar Joachim konnte es bis ins Jahr 1923 in zwanzig Auflagen stattliche 25000 Mal verkaufen – und das, obwohl es in Tirol nur über München zu beziehen war. Da ergibt sich eine Parallele zu Heinrich Heine: In seinen Reisebildern schildert er gleich zu Beginn seiner Tirol-Passagen, sein Freund Moser habe ihm geschrieben, der zweite Band der Reisebilder sei verboten, was Heine spöttisch kommentiert: »Die Regierung hätte aber das Buch gar nicht zu verbieten brauchen, es wäre dennoch gelesen worden.«

Eine heute wenig bekannte Satire auf Tirol stammt aus den Siebzigerjahren, genauer: 1974 drehten Christian Berger und Werner Pirchner den Kurzfilm Der Untergang des Alpenlandes Part One – es folgte kein zweiter Teil –, der mit verfremdeten Heimatfilm-Elementen das Alpenland Tirol samt seiner Gläubigkeit zerlegt. Christian Berger wurde später als Kameramann weltberühmt, der Tiroler Werner Pirchner aber machte Karriere als Musiker und Komponist, der eigenwillig und mit viel Humor Werke wie Streichquartett für Bläserquintett schuf und unvergessen ist durch sein Sounddesign für den österreichischen Radiokultursender Ö1.

Die vierte Koryphäe auf dem Gebiet der Tirol-Beleidigung ist vermutlich Felix Mitterer, der – wenngleich er als Spätwerk vor allem Tatort-Drehbücher zu schreiben scheint – in frühen Jahren ein gewisses Gespür für die Themen der Zeit besaß, wie er mit dem Volksstück Kein Platz für Idioten bewies, das 1977 von der Innsbrucker Blaas-Bühne uraufgeführt und ein enormer Erfolg wurde. Mitterer selbst spielte die Hauptrolle eines geistig Behinderten, der, verstoßen von seinen Eltern, beim Plattl-Hans lebt, unter der Ausgrenzung aus der Dorfgemeinschaft leidet und schließlich an dieser scheitert. Das Tabu, das Mitterer dabei verletzte, war das Verhalten der Mehrheitsbevölkerung Behinderten gegenüber, ein Thema, das Ende der Siebzigerjahre von großer Brisanz war. Mit dem Drehbuch zur Fernsehfilm-Reihe Die Piefke-Saga gelang Felix Mitterer schließlich Anfang der 1990er-Jahre sein Meisterstück.

Das in Kooperation von NDR (Norddeutscher Rundfunk) und ORF (Österreichischer Rundfunk) produzierte Fernsehspiel in vier Teilen in Spielfilmlänge hatte einen der größten Fernsehskandale der jüngeren Geschichte zur Folge, und sein Hauptdarsteller war: Tirol.

Was löste diesen Skandal aus? Vordergründig handelte es sich um eine Satire auf den Tourismus, bei dem die sogenannten Piefke, wie die deutschen Touristen in Tirol abwertend genannt werden, ob ihrer Art und Mentalität veralbert werden. An dieser Satire war viel Wahres dran – tatsächlich wurden sogar echte Fernsehaufnahmen verwendet –, sie zeigte Missstände im Umgang mit den Fremden, den Gästen auf und zeichnete vor allem ein Bild der Tiroler, die bereit waren, sich bis zur Selbstaufgabe für das Geld aus dem Fremdenverkehr abzurackern, sozusagen ihre Seele zu verkaufen. So aufgeregt wurde dann auch in beiden Meinungslagern über den Film gesprochen. Die Touristiker fürchteten um die Umsätze, die Touristen waren beleidigt und drohten auszubleiben (was im Übrigen durch einen der Protagonisten, Heinrich Sattmann senior, mit seinem immer wiederkehrenden Satz »Ich reise ab!« vorweggenommen war) und die Stammbevölkerung lachte sich insgeheim ins Fäustchen.

Und niemandem kam anfangs in den Sinn, es handele sich bei der Piefke-Saga eigentlich um eine Satire auf die Tiroler selbst, zu sehr hatte sich das Bild des Tirolers über die Jahre bereits verfestigt.

Aber was macht dieses »Bild des Tirolers« eigentlich aus? Was macht Tirol zu Tirol? Worin besteht der Reiz dieses Landes, das Jahr für Jahr Millionen von Menschen dazu bewegt, hier nicht nur durchzureisen, sondern absichtlich Urlaub zu machen. Was macht den Mythos Tyrol aus? – um ganz altertümlich zu sprechen. Das würde mich als Tiroler selbst einmal interessieren.

Wie sind nun die Tiroler? Die Tirolerinnen? Und vor allem: Wo sind sie? Abseits der Filme und Werbesujets bin ich noch selten diesen kernigen graden Michln, wie man sagt, begegnet. Und ich lebe immerhin hier, die meiste Zeit des Jahres.

Seit Jahren fahre ich regelmäßig nach Wien, die einzige Metropole Österreichs, und wundere mich, wie wenig »echte« Wiener ich in Wien treffe. Die meisten Wiener sind aus den Bundesländern zugewandert, scheint es. Oder aber, denke ich mir immer, die echten Wiener bleiben lieber unter sich. Dieses Phänomen kenne ich schließlich auch aus Tirol. Während meiner Studienzeit an der Universität war ich selbst oft der einzige Innsbrucker (und ich rede jetzt nicht nur von...

Erscheint lt. Verlag 1.8.2017
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Verlagsort München
Sprache deutsch
Themenwelt Reisen Reiseberichte Europa
Reisen Reiseführer Europa
Sozialwissenschaften Politik / Verwaltung
Schlagworte Berge • Bernhard Aichner • Buch • Bücher • Bundeshauptstadt • Ferienhaus • Führer • Gebrauchsanweisung • Goldenes Dachl • Guide • Hauptstadt • Insidertipps • Pauschalreise • Reise • Reisebericht • Reiseberichte • Reisebeschreibung • Reiseerzählungen • Reiseführer • Reiseliteratur • Reisen • Skifahren • Swarovski • Tipps • Tirolerisch • Travel • travelogues • Uni • Urlaub • Wandern
ISBN-10 3-492-97754-5 / 3492977545
ISBN-13 978-3-492-97754-8 / 9783492977548
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