Ice Man (eBook)
512 Seiten
Piper Verlag
978-3-492-98338-9 (ISBN)
Philip Carlo wuchs im Viertel Bensonhurst in Brooklyn auf, das als Keimzelle der New Yorker Mafia gilt. Später berichtete er hautnah aus der kriminellen Unterwelt und war bekannt als Experte für Mafiaverbrechen und Autor zahlreicher Bestseller über Serienkiller. Philip Carlo lebte in New York, wo er im November 2010 seinen jahrelangen Kampf gegen die Erkrankung an Amyotropher Lateralsklerose schließlich verlor.
Philip Carlo wuchs im Viertel Bensonhurst in Brooklyn auf, das als Keimzelle der New Yorker Mafia gilt. Später berichtete er hautnah aus der kriminellen Unterwelt und war bekannt als Experte für Mafiaverbrechen und Autor zahlreicher Bestseller über Serienkiller. Philip Carlo lebte in New York, wo er im November 2010 seinen jahrelangen Kampf gegen die Erkrankung an Amyotropher Lateralsklerose schließlich verlor.
1
Todsünde
Am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts war der Geburtsort von Richard Kuklinski, Jersey City, New Jersey, eine lebendige polnische Enklave. Wegen der vielen polnisch-katholischen Kirchen und einem großen Angebot einfacher Arbeit strömten polnische Immigranten scharenweise in die Stadt.
Die Eisenbahngesellschaften Lackawanna, Erie, Pennsylvania und Central hatten alle Niederlassungen in Jersey City. Züge aus den gesamten Vereinigten Staaten brachten allerlei Produkte an die Ostküste von Amerika, und hier war die Endstation. Verschiebebahnhöfe breiteten sich endlos vor der Stadt aus. Schienen liefen durch fast alle Straßen. Mitten durch die Hauptverkehrsstraße von Jersey City, die Railroad Avenue, zog sich eine große Eisenbahnbrücke. Mächtige schwarze Lokomotiven, die lange, rostfarbene Anhängerketten an die Küste schleppten, gehörten zum Alltag, das laute Tsch-tsch und die hohen Pfiffe der Dampflokomotiven erklangen aus allen Richtungen, tagsüber und nachts, sieben Tage die Woche.
Jersey City lag am nordöstlichen Ende des Staates New Jersey und in unmittelbarer Nähe zu der lebendigen Metropole Manhattan. Von hier aus wurden alle möglichen Waren die Ostküste hinauf und hinunter verschifft. Am südlichsten Ende lag Jersey City gerade eine Dreiviertelmeile über den Hudson River von Manhattan entfernt – dem Mittelpunkt der Welt –, und Fähren transportierten ohne Unterlass Güter zu den Piers im geschäftigen Hafengebiet von Manhattan. An einem klaren Tag schien es, als könne man ohne Probleme einen Stein von Jersey City nach Manhattan werfen, so nah war die Metropole – nur den sprichwörtlichen Steinwurf entfernt.
Tatsächlich unterschied sich Jersey City von New York City, als läge es auf einem anderen Planeten. In Jersey City lebten die armen Arbeiter, diejenigen, die darum kämpfen mussten, über die Runden zu kommen, das notwendige Essen auf dem Tisch zu haben. Ja, in Jersey City gab es viel Arbeit, aber es war schwere körperliche Arbeit, und die Löhne waren erbärmlich niedrig. Im Sommer war es fast unerträglich heiß und feucht. Wegen der noch nicht erschlossenen Sümpfe in der Nähe füllten wirbelnde schwarze Moskitowolken die nächtliche Luft. Im Winter war Jersey City schrecklich kalt, ständig belagert von heftigen Winden, die den Hudson River entlangbliesen und die Kälte des nahegelegenen Atlantiks mit sich brachten. In diesen Monaten schien die Stadt im Norden Sibiriens zu liegen.
Jersey City, das direkt neben Hoboken, der Geburtsstadt von Frank Sinatra lag, war eine wilde Stadt, gefüllt mit abgebrühten Arbeitern und ihren Kindern. Es war ein Ort, an dem ein Kind schnell lernen musste, sich zu verteidigen, oder es wurde schikaniert und gemobbt. Die Starken wurden respektiert und kamen voran. Die Schwachen wurden an den Rand gedrängt und ausgenutzt.
Richard Kuklinskis Mutter, Anna McNally, wuchs im Herz-Jesu-Waisenhaus an der Ecke Erie und Ninth Street auf. Ihre Eltern waren 1904 aus Dublin emigriert und ließen sich in Jersey City nieder, das zu dieser Zeit die zehntgrößte Stadt in Amerika war. Anna hatte zwei ältere Brüder, Micky und Sean. Kurz nachdem die Familie in Jersey City angekommen war, starb Annas Vater an einer Lungenentzündung, und ihre Mutter wurde an der Tenth Street von einem Lastwagen überfahren. Anna und ihre Brüder landeten im Waisenhaus. Obwohl unterernährt, war Anna ein gutaussehendes Kind mit dunklen, mandelförmigen Augen und einer makellosen cremefarbenen Haut.
Im Herz-Jesu-Waisenhaus wurde den Kindern die Religion aufgezwungen, und sadistische Nonnen prügelten in Anna die Angst vor Gott, der Hölle und der Verdammnis hinein. Die Nonnen behandelten ihre Schützlinge, als seien sie eine Mischung aus Bediensteten und Prügelknaben. Bevor Anna zehn Jahre alt war, wurde sie von einem Priester sexuell missbraucht. Sie verlor ihre Jungfräulichkeit und einen Teil ihrer Menschlichkeit und wuchs zu einer harten, kalten Frau heran, die selten lächelte und das Leben durch starre, gefühllose Augen betrachtete.
Als Anna mit achtzehn gezwungen war, das Waisenhaus zu verlassen, wechselte sie in ein katholisches Nonnenkloster. Sie wollte selbst Nonne werden. Sie hatte keine anderen Begabungen und keinen Ort, an den sie gehen konnte. Aber Anna war nicht für das Klosterleben geboren. Bei einem von der Kirche veranstalteten Tanzabend traf sie bald Stanley Kuklinski und damit war ihr Schicksal besiegelt.
Stanley Kuklinski war in Warschau zur Welt gekommen und später mit Mutter, Vater und zwei Brüdern nach Jersey City emigriert. Mit sechsundzwanzig, als Stanley Anna zum ersten Mal traf, war er ein gutaussehender Mann, der ein wenig Rudolph Valentino ähnelte. Er trug einen Mittelscheitel und kämmte seine Haare mit Gel nach hinten, wie es zu der Zeit modern war. Stanley war von Anna bezaubert und umwarb sie hartnäckig. Ungefähr drei Monate, nachdem sie sich zum ersten Mal getroffen hatten, ging Anna auf Stanleys Werben ein. Sie heirateten im Juli 1925. Die Hochzeitsbilder zeigen ein sehr attraktives Paar, das gut zusammenzupassen schien. Anna hatte sich zu einer wirklich schönen Frau ausgewachsen. Sie ähnelte Olivia de Havilland in Vom Winde verweht.
Stanley hatte einen relativ guten Job als Bremser für die Lackawanna Railroad Company. Es war nicht wirklich harte Arbeit, auch wenn er immer im Freien war und sowohl unter der Sommerhitze als auch unter der eisigen Kälte des Winters zu leiden hatte. Zu Anfang schien die hastig geschlossene Ehe zwischen Stanley und Anna eine gute zu sein. Sie mieteten sich in einem zweistöckigen Backsteinhaus an der Third Street eine Wohnung ohne Heizung, gerade einen Block von der Kirche St. Mary’s entfernt. Aber Stanley trank gern, und wenn er trank, wurde er reizbar und bösartig. Bald war Anna klar, dass sie einen eifersüchtigen, besitzergreifenden Tyrannen geheiratet hatte, der sie bei der leisesten Provokation schlug, als sei sie ein Mann. Weil Anna in der Hochzeitsnacht keine Jungfrau mehr war – sie brachte es niemals über sich, ihrem Ehemann zu erzählen, dass sie wieder und wieder von einem Priester vergewaltigt worden war –, beschuldigte Stanley sie, ein Flittchen zu sein, eine Hure. Sie hasste diese verbalen Misshandlungen, ertrug sie aber stoisch. Doch Stanley wurde sehr oft auch gewalttätig. Er war kein großer Mann, aber stark wie ein Bulle. Anna war in Versuchung, ihrem Bruder Micky von den Misshandlungen zu erzählen, aber sie wollte eine schlimme Situation nicht noch schlimmer machen, und zu dieser Zeit war Scheidung nicht einmal eine Möglichkeit. Anna war immer noch hochreligiös, und gute irisch-katholische Frauen ließen sich nicht scheiden. Punkt.
Im Frühling 1929 gebar Anna einen Jungen, eines von vier Kindern, die sie mit Stanley bekommen würde, bis die Ehe schließlich schiefging und endete. Sie nannten ihn nach Stanleys Vater Florian. Anna hatte kaum Erinnerungen an ihre eigenen Eltern; die einzigen Erinnerungen, die sie an ihre Kindheit hatte, waren schlechte – an Schläge und Misshandlungen.
Anna hoffte, dass Stanley mit einem Kind im Haus sanfter würde, aber genau das Gegenteil trat ein. Wann immer er trank, beschuldigte er Anna der Untreue, behauptete sogar, dass Florian nicht sein Sohn sei, dass sie mit einem anderen Mann geschlafen habe, während er bei der Arbeit war.
Manchmal war Stanley nett zu dem kleinen Florian, aber größtenteils schien ihm das Kind egal zu sein, und es dauerte nicht lange, bis Stanley auch Florian schlug. Wenn Florian schrie, wurde er geschlagen, wenn Florian ins Bett machte, wurde er geschlagen, und Anna konnte nichts dagegen unternehmen. Ihre Reaktion war, dass sie in die Kirche ging, Kerzen anzündete und betete. Anna konnte nirgendwo anders hin, und sie fing an, Stanley zu hassen. Oft dachte sie darüber nach, ihn zu verlassen, ja sogar ihn zu töten, aber nichts davon setzte sie je in die Tat um.
Immer noch hatte Stanley regelmäßig Sex mit Anna, ob sie wollte oder nicht. Er hielt sich selbst für einen echten Weiberheld und rollte sich oft ohne Warnung oder Vorspiel auf Anna: Zack, bumm, vorbei.
Anna wurde zum zweiten Mal schwanger und gebar am 11. April 1935 einen zweiten Jungen, den sie Richard nannten. Er wog knappe fünf Pfund und hatte dichtes Haar, das so blond war, dass es fast weiß erschien.
Mit steigenden Rechnungen und einem weiteren Kind, das essen wollte, wurde Stanley immer bösartiger und unnahbarer. Wenn er am Freitag nach Hause kam, war er immer betrunken, und oft roch er nach anderen Frauen und hatte Lippenstift am Kragen. Aber Anna konnte kaum etwas tun, denn Stanley prügelte sie, ohne zu zögern. Er betrachtete sie als sein persönliches Eigentum und missbrauchte sie auf jede Art, die ihm einfiel. Noch schlimmer, er gewöhnte sich an, sowohl Florian als auch Richard für echte und eingebildete Vergehen zu schlagen. Beide Jungs lernten, ihren Vater zu fürchten und zu hassen, und sie entwickelten sich zu zurückhaltenden, fast krankhaft scheuen Kindern. Stanley trug einen breiten Ledergürtel, und wann immer es ihm einfiel, zog er ihn aus der Hose und peitschte damit gnadenlos seine Söhne. Wenn Anna versuchte, dazwischenzutreten, wurde auch sie geschlagen. Gewalt schien Stanleys sexuellen Appetit anzuregen – oft wollte er Sex, nachdem er seine Frau und seine kleinen Söhne geschlagen hatte, und bevor Anna wusste, wie ihr geschah, zwang er sich ihr schon auf.
Richard erinnerte sich an keine Zeit, zu der sein Vater ihn nicht geschlagen hätte. Er erzählte: Wenn mein Vater – Vater, das ist ein Witz – nach Hause kam und ich »Hallo« sagte, begrüßte er mich mit einem Schlag ins Gesicht....
| Erscheint lt. Verlag | 13.3.2017 |
|---|---|
| Übersetzer | Vanessa Lamatsch |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Biografien / Erfahrungsberichte |
| Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller | |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Sozialwissenschaften ► Politik / Verwaltung | |
| Schlagworte | Auftragskiller • Autobiografischer Roman • Bücher • Buch zum Film • Folter • Killer • Mafia • Michael Shannon • Richard Kuklinski • spannend • Spannung • True Crime Bücher • Wahre GEschichte • Wynona Ryder |
| ISBN-10 | 3-492-98338-3 / 3492983383 |
| ISBN-13 | 978-3-492-98338-9 / 9783492983389 |
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