Killing Pablo (eBook)
400 Seiten
Berlin Verlag
978-3-8270-7890-2 (ISBN)
Mark Bowden ist einer der berühmtesten amerikanischen Journalisten. Er arbeitete zwanzig Jahre lang für den Philadelphia Inquirer und schreibt heute für Vanity Fair, the Atlantic und andere US-Zeitschriften. Sein vielfach ausgezeichneter Bestseller Black Hawk Down, die Geschichte der gescheiterten US-Militäraktion in Somalia, wurde von Regisseur Ridley Scott verfilmt. Mark Bowden lebt in Oxford, Pennsylvania.
Mark Bowden ist einer der berühmtesten amerikanischen Journalisten. Er arbeitete zwanzig Jahre lang für den Philadelphia Inquirer und schreibt heute für Vanity Fair, the Atlantic und andere US-Zeitschriften. Sein vielfach ausgezeichneter Bestseller Black Hawk Down, die Geschichte der gescheiterten US-Militäraktion in Somalia, wurde von Regisseur Ridley Scott verfilmt. Mark Bowden lebt in Oxford, Pennsylvania.
Im April 1948 war es nirgendwo in Südamerika so aufregend wie in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá. Es roch nach Veränderung, und eine knisternde Spannung lag in der Luft. Wie sie sich entladen würde, wusste keiner, man wusste nur, dass sie da war. Es war einer dieser Momente im Leben eines Landes, vielleicht sogar eines ganzen Kontinents, da alles Bisherige wie ein bloßes Vorspiel erscheint.
Bogotá war eine Stadt mit über einer Million Einwohnern, die sich über die Hänge steiler grüner Berge bis hinunter in eine weite Savanne ergoss, welche sich flach und noch unbebaut nach Süden und Westen hin erstreckte. Beim Anflug sah man stundenlang nichts als Berge, eine Kette smaragdgrüner Gipfel reihte sich an die nächste, und die höchsten waren mit Schnee bedeckt. Das Licht, das unter wechselnden Winkeln auf die Berghänge traf, ließ verschiedene Grüntöne entstehen, von Hellgrün über Salbeigrün bis zu Efeugrün, unterbrochen von Bachtälern, die sich bergabwärts nach und nach vereinten und verbreiterten zu Flusstälern, die so tief im Schatten lagen, dass sie fast blau wirkten. Und dann tauchte aus diesen unberührten Gebirgshöhen plötzlich eine ganz moderne Metropole auf, eine lieblose Anhäufung von Beton, die eine weite Ebene fast ganz ausfüllte. Bogotá bestand überwiegend aus zwei- oder dreistöckigen Bauten, die meisten davon aus Ziegelstein. Nördlich des Zentrums zogen sich breite, gepflegte Boulevards hin, gesäumt von Museen, Kirchen und eleganten alten Villen, die es mit den vornehmsten Stadtvierteln anderer Länder aufnehmen konnten, während nach Süden und Westen hin Barackensiedlungen wucherten, in denen die Menschen, die sich vor den Kämpfen in den Urwald- und Bergregionen hierher geflüchtet hatten, Obdach, Arbeit und Hoffnung suchten, aber nur lähmende Armut vorfanden.
Im Nordteil der City, weit von diesem Elend entfernt, sollte in Kürze eine große Tagung beginnen, die Neunte Interamerikanische Konferenz. Die Außenminister aller Länder der Hemisphäre waren zugegen, um die Charta der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) zu unterzeichnen, einer neuen, von den Vereinigten Staaten geförderten Koalition, die den Ländern Mittel- und Südamerikas verstärkt Ausdruck und Gewicht geben sollte. Aus diesem Anlass hatte man die City herausgeputzt, die Straßen gereinigt und den Müll beseitigt, öffentliche Gebäude frisch getüncht, neue Straßenschilder angebracht und die Boulevards mit Fahnen und Pflanzen geschmückt. Selbst die Schuhputzer an den Straßenecken trugen neue Uniformen. Die Verantwortlichen, die in dieser überraschend urbanen Hauptstadt an den Sitzungen und Empfängen teilnahmen, erhofften sich von der neuen Organisation, dass sie den mühsam kämpfenden Republiken der Region zu Ordnung und Ansehen verhelfen werde.
Das Ereignis hatte aber auch Kritiker angelockt, linke Agitatoren, unter ihnen ein junger kubanischer Studentenführer namens Fidel Castro. Sie sahen in der neu geschaffenen OAS eine Augenwischerei, einen Verrat, einen Bund mit den kapitalistischen Göttern des Nordens. Für sie war das Ringen zwischen Kapitalismus und Kommunismus um die Nachkriegswelt noch nicht entschieden, und junge Rebellen wie der 21-jährige Castro waren überzeugt, dass der Marxismus in den nächsten zehn Jahren einen glorreichen Siegeszug erleben werde. Sie würden die verkalkten Feudalregime Mittel- und Südamerikas stürzen und Frieden, soziale Gerechtigkeit und einen wirklich panamerikanischen kommunistischen Block schaffen. Sie waren jung, gescheit, zornig, idealistisch und intelligent, und sie waren mit der ganzen Gewissheit der Jugend davon überzeugt, dass die Zukunft ihnen gehöre. Sie kamen nach Bogotá, um die neue Organisation als Werkzeug der Imperialisten aus Washington anzuprangern, und sie hatten eine eigene Hemisphärenkonferenz vorbereitet, die Protestveranstaltungen in der ganzen Stadt koordinierte. Anleitung erhofften sie sich vor allem von einem Mann, einem ungeheuer beliebten 49-jährigen kolumbianischen Politiker namens Jorge Eliécer Gaitán.
»Ich bin nicht ein Mann, ich bin ein Volk!« Diese Parole, mit der Gaitán seine Ansprachen regelmäßig beendete, versetzte seine Bewunderer in Ekstase. Ein Halbblut, besaß er die Bildung und die Manieren der weißen Elite des Landes, zugleich aber den gedrungenen Körperbau, die dunkle Haut, die derben Gesichtszüge und das dichte schwarze Haar der indianischen Unterschicht Kolumbiens. Auf Grund seines Äußeren würde Gaitán niemals völlig der kleinen begüterten weißhäutigen Elite angehören, in deren Händen sich fast der gesamte Grundbesitz und die Bodenschätze Kolumbiens befanden und die seit Generationen die Regierung des Landes bestimmt hatte.
Diese Familien betrieben die Bergwerke, besaßen die Ölquellen und die Kaffee-, Frucht- und Gemüsepflanzungen, die den Großteil der kolumbianischen Ausfuhren bestritten. Unterstützt von der Technik, die mächtige US-amerikanische Investoren bereitstellten, waren sie dadurch wohlhabend geworden, dass sie den großen natürlichen Reichtum des Landes an Amerika und Europa verkauften, und mit dem so gewonnenen Geld holten sie einen Luxus nach Bogotá, der den großen Hauptstädten der Welt nicht nachstand.
Diese Elite rechnete Gaitán wegen seiner Hautfarbe zu den Ausgeschlossenen, den anderen, den Massen des kolumbianischen Volkes, die als minderwertig galten, die von den Reichtümern dieser Exportwirtschaft und ihren privilegierten Inseln städtischen Wohlstands ausgeschlossen waren. Doch diese Zuordnung hatte Gaitán Macht verschafft: Wie viel Bildung und Einfluss er auch gewinnen mochte, war er doch unwiderruflich an diese anderen gebunden, denen nichts anderes blieb, als zu einem Lohn, der sie gerade vor dem Verhungern bewahrte, in den Bergwerken und auf den Plantagen zu arbeiten, die keine Chance hatten, etwas zu lernen, und keine Aussicht auf ein besseres Leben. Sie bildeten eine riesige Wählermehrheit.
Die Zeiten waren schlecht. In den Städten bedeutete das Inflation und eine hohe Arbeitslosigkeit, in den Berg- und Urwalddörfern, die den größten Teil Kolumbiens ausmachten, bedeutete es Hunger und Elend. Die von marxistischen Agitatoren angeregten und geführten Proteste zorniger campesinos waren zunehmend gewalttätig geworden. Die konservative Führung des Landes und ihre Geldgeber, die reichen Großgrund- und Bergwerksbesitzer, reagierten darauf mit drakonischen Methoden. Es kam zu Massakern und summarischen Hinrichtungen. Nach Meinung vieler würde dieser Kreislauf von Protest und Unterdrückung nur wieder in einen blutigen Bürgerkrieg münden, nach Meinung der Marxisten in den unausweichlichen Aufstand. Die meisten Kolumbianer waren weder Marxisten noch Oligarchen, sondern wollten nichts als Frieden. Sie wollten Wandel, aber keinen Krieg. Das war es, was sie sich von Gaitán versprachen. Darauf beruhte seine Popularität.
Zwei Monate zuvor hatte Gaitán auf der Plaza de Bolívar in Bogotá vor einer hunderttausendköpfigen Menge die Regierung aufgefordert, die Ordnung wiederherzustellen, und seine Zuhörer aufgefordert, seine Rede nicht mit Jubel und Beifall zu quittieren, sondern ihre Empörung und ihre Selbstbeherrschung durch Schweigen zum Ausdruck zu bringen. Er richtete seine Worte direkt an Präsident Mariano Ospina.
»Wir fordern, dass die Behörden mit der Verfolgung Schluss machen«, sagte er. »Das fordert diese riesige Menge. Was wir fordern, ist wenig und doch wichtig: dass unsere politischen Auseinandersetzungen sich an der Verfassung orientieren … Señor Presidente, unterbinden Sie die Gewalt! Wir verlangen den Schutz des menschlichen Lebens, das ist das Mindeste, was ein Volk verlangen kann … Unsere Fahne ist in Trauer, diese schweigende Menge, dieser stumme Schrei aus unseren Herzen verlangt nur, dass Sie uns behandeln … wie Sie von uns behandelt werden möchten.«
Vor dem Hintergrund des brisanten Kräftemessens war das Schweigen dieser Menschenmenge weit ausdrucksvoller als alle Beifallsrufe. Viele beschränkten sich darauf, mit weißen Tüchern zu winken. Auf Massenversammlungen wie dieser konnte man den Eindruck gewinnen, als werde Gaitán Kolumbien in eine rechtsstaatliche, gerechte und friedliche Zukunft führen. Er brachte die tiefste Sehnsucht seiner Landsleute zum Ausdruck.
Gaitán, ein gewandter Jurist und Sozialist, war, wie es später in einem CIA-Bericht hieß, »ein unerbittlicher Gegner der oligarchischen Herrschaft und ein fesselnder Redner«. Gleichzeitig war er ein gewiefter Politiker, der seinen Anklang bei den Volksmassen in reale politische Macht umgemünzt hatte. Als die große OAS-Konferenz 1948 in Bogotá zusammentrat, war Gaitán nicht nur der Liebling des Volkes, sondern auch Chef der Liberalen Partei, einer der beiden maßgebenden politischen Kräfte des Landes. Dass er 1950 zum Präsidenten gewählt würde, galt als praktisch gesichert. Dennoch sah die von der Konservativen Partei gestellte Regierung unter Führung von Präsident Ospina davon ab, ihn in die Zweiparteien-Delegation aufzunehmen, die Kolumbien auf der Konferenz vertreten sollte.
Die Lage in der Stadt war äußerst angespannt. Der kolumbianische Historiker Germán Arciniegas schrieb später von »einem eisigen Wind des Terrors, der von den Provinzen hereinwehte«. Einen Tag vor Konferenzbeginn griff ein Pöbelhaufen einen Wagen an, in dem sich die ecuadorianische Delegation befand, und Gerüchte über terroristische Gewalttaten schienen sich zu bestätigen, als die Polizei am selben Tag einen Arbeiter festnahm, der im Parlamentsgebäude eine Bombe zu deponieren versuchte.
Inmitten all des Tumults ging Gaitán ruhig seiner Anwaltstätigkeit nach. Er wusste, dass seine Stunde erst in einigen...
| Erscheint lt. Verlag | 14.1.2016 |
|---|---|
| Übersetzer | Friedrich Griese |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Sozialwissenschaften ► Politik / Verwaltung | |
| Schlagworte | Boxen • CIA • Drogenbaron • Drogenkrieg • Jugendliebe • Kolumbien • Terror • Verbrecherjagd |
| ISBN-10 | 3-8270-7890-3 / 3827078903 |
| ISBN-13 | 978-3-8270-7890-2 / 9783827078902 |
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