Leben in Kooperation
Beiträge zur ethnografischen Arbeitskulturenforschung
Herausgegeben von Irene Götz, Gertraud Koch, Klaus Schönberger und Manfred Seifert
Nach 1919 ziehen 150 Familien aus der schweizerischen Genossenschaftsbewegung an den Stadtrand von Basel. In einer großzügig angelegten Siedlung arbeiten sie gemeinsam an einem dörflich-kooperativen Siedlungsexperiment jenseits von kapitalistischer Konkurrenzwirtschaft. Obwohl die Selbstorganisation des Freidorfs in Kriegszeit und Wirtschaftsaufschwung ohne äußere Eingriffe blieb, stand sie bald vor neuen, grundlegenden Herausforderungen.
Matthias Möller ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Studiengang Europäische Ethnologie an der Universität Freiburg.
Inhalt
Einleitung: Eine "cooperative Rarität Europas" ...11
1 Zugänge, Perspektiven und Problemstellungen ...17
1.1 Gemeingüter, Gemeinwirtschaft, Genossenschaften ...17
1.2 Arbeiterbewegungs- und Arbeiteralltagskultur im Wandel ...21
1.2.1 Kultureller und ökonomischer Dualismus ...21
1.2.2 Genossenschaften und Arbeiterbewegung ...23
1.2.3 Vorfeld oder Säule? ...25
1.2.4 Kulturanthropologische Arbeiterforschung ...28
1.2.5 Arbeit, Freizeit, Reproduktion ...34
1.3 Die Konstruktion von Gemeinschaften ...39
1.4 Das Freidorf - eine Reformsiedlung im Wandel ...41
1.4.1 Forschungsstand ...41
1.4.2 Fragestellung und methodisches Vorgehen ...42
1.4.3 Quellen ...45
2 Genossenschaftliche Bewegung im Wohnbereich im 19. und frühen 20. Jahrhundert...49
2.1 Von der Wohnungsfrage zur Eigentumsfrage ...49
2.2 Städtische Spar- und Bauvereine ...51
2.3 Ländliche Siedlungsgenossenschaften ...53
2.4 Weiterentwicklungen: Wohnen als Reformprogramm ...54
2.5 Aufschwung und Ausdifferenzierung der Wohngenossenschaften ...56
3 Ein neues Dorf für freie Menschen ...61
3.1 Konsumgenossenschaftsbewegung in der Schweiz ...61
3.2 Sozialreformer vor neuen Aufgaben ...63
3.3 Krise und soziale Polarisierung um 1918 ...66
3.4 Der VSK stiftet eine "Heimstätte der Nächstenliebe, des Friedens und der Freiheit" ...68
3.5 Das Architekturkonzept: ein Dreieck aus konzentrischen Kreisen ...69
3.6 Regeln für die neue Gemeinschaft ...78
3.7 Das genossenschaftliche Programm: die Organisation der Wohnstube als dritter Weg ...81
4 Die ersten 25 Jahre der Siedelungsgenossenschaft Freidorf ...87
4.1 Genossenschaftliche Selbstverwaltung in der Praxis ...89
4.1.1 Geselliges und Grundsätzliches: die Generalversammlung ...89
4.1.2 Koordination und Geschäftsführung: der Verwaltungsrat ...90
4.1.3 Bereichsbezogene Basisgruppen: die Kommissionen ...92
4.2 Siedlungsbezogene Arbeiten und Aktivitäten ...96
4.2.1 Konsum und Versorgung ...97
4.2.2 Absicherung und Vorsorge ...100
4.2.3 (Aus-)Bildung und Erziehung ...103
4.2.4 Bewirtung und Geselligkeit ...108
4.2.5 Engagement von und in Vereinen ...109
4.2.6 Feste und Feiern ...113
4.3 Alltagskultur in der Gemeinwirtschaft ...117
4.3.1 Hausarbeit und Familienorganisation in der Frühphase des Freidorfs ...118
4.3.2 Kooperation und ihre Grenzen ...121
4.3.3 Wohnen zwischen privaten und kollektiven Ansprüchen ...126
4.4 Das Freidorf Mitte der 1940er-Jahre ...130
4.4.1 Die weltanschauliche Verortung ...132
4.4.2 Leben und Arbeiten in der Siedlung ...134
4.4.3 Genossenschaftliche Ökonomie ...136
4.5 Jubiläumsfeier 1944 und Zukunftsprognose ...140
5 Ökonomischer, sozialer und alltagskultureller Wandel nach 1945 ...143
5.1 Fordismus in der Schweiz ...144
5.2 Muttenz und Basel auf dem Weg zur Agglomeration ...148
5.3 Der VSK im Wirtschaftsaufschwung ...150
5.4 Haushaltsführung im Hochfordismus ...153
6 Das Freidorf zwischen 1945 und 1969 ...159
6.1 Ergänzende Zugänge ...159
6.1.1 Interviews ...159
6.1.2 Historische Demografie ...161
6.2 Die Siedlerschaft der SGF ...162
6.2.1 Demografische Entwicklung ...162
6.2.2 Polarisierende Konflikte ...164
6.3 Reproduktion im Wandel ...170
6.4 Einrichtungen und Betriebe vor neuen Herausforderungen ...179
6.4.1 Abgewanderte Kundschaft: Seminarbetrieb und Restaurant ...179
6.4.2 Neue NutzerInnen: Bibliothek und Schule ...180
6.4.3 Sparen und Versichern als stabiles Mitgliedergeschäft ...183
6.4.4 Von der Warenabgabestelle zum Supermarkt ...184
6.5 Selbstverwaltung, Arbeit, Engagement ...190
6.5.1 Kommissionen ohne neue Mitglieder und Tätigkeiten ...190
6.5.2 Geschäftsführung unter Professionalisierungsdruck ...197
6.5.3 Unumstri
Einleitung: Eine "cooperative Rarität Europas
"Seit 1920 bietet im Osten von Basel die Siedelung Freidorf dem Flieger wie dem Volksfreund ein gleicherweise rosig schimmerndes Peilziel. Dem Erdkundigen ein neuer Ort auf der Siegfriedkarte, dem Bourgeois rotes Nest, dem Sovjetstern nicht rot genug, dem Aestheten Kaserne, dem Gläubigen Stätte der Religionslosigkeit, dem Eigenbrödler Zwangserziehungsanstalt, dem Privathändler Todschlagsversuch an seiner Wirtschaftsform, und dem Genossenschafter die erste schweizerische Vollgenossenschaft und eine cooperative Rarität Europas: Das ist die Siedelungsgenossenschaft Freidorf."
Die Siedelungsgenossenschaft Freidorf (SGF) wurde 1919 vom Verband schweizerischer Konsumvereine (VSK), dem Vorläufer der heutigen Coop-Gruppe, gegründet. In Zeiten wirtschaftlicher Not und sozialer Polarisierung errichtete sie zwischen Basel und Muttenz 150 Häuser für Familien der Konsumgenossenschaftsbewegung. Als weitläufige Gartenstadt mit Einfamilienhäusern setzte sich das Freidorf von den ärmlichen Wohnverhältnissen in städtischen Arbeiterquartieren ab und schuf für geringe Einkommen neue, damals unerreichbare Wohnverhältnisse. Das 8,5 Hektar große Ensemble gilt als bedeutendster Siedlungsbau der Zwischenkriegszeit in der Schweiz. Es genießt auch als Frühwerk des späteren Dessauer Bauhausdirektors Hannes Meyer (1889-1954) größere Aufmerksamkeit. Doch neben seiner baulichen Gestalt ist vor allem das mit ihm verbundene soziale Experiment von Interesse: Der VSK verfolgte mit dem Freidorf die modellhafte Implementierung eines dörflich-genossenschaftlichen Sozialismus. Das Siedlungsleben wurde auf kooperativer Grundlage organisiert, was nach den konsumgenossenschaftlichen Vorstellungen der Gründer von den Haushalten und deren Bedarfsdeckung ausging, darüber hinaus jedoch weitere Bereiche des Dorflebens einschloss. Im Freidorf sollten neue, genossenschaftliche Menschen herangezogen werden, um ein kooperatives Gemeinwesen vorzuleben und damit beispielhaft die Überlegenheit genossenschaftlicher Zusammenschlüsse über die kapitalistische Konkurrenzwirtschaft zu demonstrieren. Dafür stellte der VSK die beachtliche Summe von 7,5 Millionen Franken zur Verfügung, mit denen eine im Hinblick auf Ausstattung und Konzept herausragende Genossenschaftssiedlung entstand, die damals ihresgleichen suchte. So war das Freidorf bereits in den 1920er Jahren ein exponiertes Beispiel für genossenschaftliche Wohnreform und ein international beachteter Modellversuch. Auch später wurde es als "Idealtyp einer Baugenossenschaft" beziehungsweise als eines "der interessantesten Genossenschaftsexperimente der Welt" bezeichnet.
War die Freidorfsiedlung bereits in der Zwischenkriegszeit eine Besonderheit, so dürfte sie nach dem Krieg auf dem europäischen Festland nahezu einzigartig gewesen sein. Dafür trägt der Bruch durch den Nazifaschismus entscheidende Verantwortung, der gewerkschaftliche Wohnungsunternehmen und Genossenschaften beschlagnahmte, gleichschaltete und zentralisierte. So sollte der Zusammenhalt in den roten Siedlungen, ihre kooperative Wirtschaftsweise und politische Kultur grundlegend zerstört werden. Nach 1945 wirkten die Eingriffe weiter, so dass in der BRD keine vergleichbare Genossenschaftskultur mehr entstand. Bilanzierend stellt der Historiker Rüdiger Hachtmann fest, dass
"dezentrale, gewerkschaftsnahe Genossenschaften - die deren Protagonisten vor 1933 auch als zentrale Elemente einer friedlichen 'Sozialisierung von unten' verstanden hatten [...] dauerhaft nicht wieder erstanden. Fu?hrende Mitglieder des DGB und die leitenden Manager der den Gewerkschaften ru?ckerstatteten Unternehmen und Genossenschaften erlagen der Faszination großer o?konomischer Einheiten. Dass sie damit weiter einen Weg beschritten, den die Deutsche Arbeitsfront 1933 eingeschlagen hatte, war ihnen scheinbar das kleinere U?bel, als aufwendig eine Vielzahl von basisnahen, lokalen Einheiten wieder zu gru?nden."
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| Erscheint lt. Verlag | 8.10.2015 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Arbeit und Alltag ; 11 |
| Zusatzinfo | 20 Abbildungen in s/w |
| Verlagsort | Weinheim |
| Sprache | deutsch |
| Maße | 142 x 213 mm |
| Gewicht | 359 g |
| Themenwelt | Sozialwissenschaften ► Ethnologie |
| Schlagworte | Genossenschaft • Kapitalismus • Lebensreform • Modellsiedlung • Schweiz • Schweiz, Geschichte; Sozial-/Wirtschafts-Geschichte • Siedlungsreform • Sozialismus • Wohngenossenschaft |
| ISBN-10 | 3-593-50486-3 / 3593504863 |
| ISBN-13 | 978-3-593-50486-5 / 9783593504865 |
| Zustand | Neuware |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
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