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Bildung und Schule zwischen Anspruch und Realität: Die Schul- und Bildungsvorstellungen Hartmut von Hentigs auf dem Prüfstand - Sebastian Schmidt

Bildung und Schule zwischen Anspruch und Realität: Die Schul- und Bildungsvorstellungen Hartmut von Hentigs auf dem Prüfstand

Buch | Softcover
120 Seiten
2014
Diplomica Verlag
978-3-8428-7189-2 (ISBN)
CHF 62,95 inkl. MwSt
Im vorliegenden Buch setzt der Autor sich mit dem großen Thema Bildung und den Schul- und Bildungsvorstellungen des renommierten Pädagogen Hartmut von Hentig auseinander. Dabei geht er der Frage nach, wie sich diese Ideen und Konzepte in den schulischen Alltag integrieren lassen und in welcher Weise sie dort wirksam werden, aber auch welche Probleme es bei der Umsetzung dieser Idealvorstellungen gibt. Dazu untersucht er exemplarisch die Bielefelder Laborschule, die nach den Ideen von Hentigs gegründet wurde und bis heute als Reformschule die Bildungslandschaft zu Diskussionen über die richtigen Wege der Erziehung und Bildung von Heranwachsenden in der Schule anregt. Anhand eines Experteninterviews mit einer Lehrerin und Forscherin, die viele Jahre an der Laborschule arbeitete, Frau Dr. Annemarie von der Groeben, geht der Autor einer Reihe von Forschungsfragen zur Umsetzung der Schul- und Bildungsvorstellungen nach. Bei seinen Nachforschungen greift der Verfasser auf eine Reihe von wissenschaftlichen Studien zurück, die sich bereits mit der Evaluation spezifischer Aspekte der Laborschule befasst haben. Besonders überzeugend gelingt dem Autor dabei die Kombination von Theorie und Empirie, indem er die Bildungstheorie Hartmut von Hentigs historisch einordnet, daraufhin empirisch anhand der Laborschule und ihres pädagogischen Alltags untersucht und zum Schluss die Befunde kritisch reflektiert. Hierbei zeichnet er die zentralen wissenschaftlichen Diskussionen nach und bettet die eigene Studie in diesen Kontext ein.

Textprobe:
Kapitel 4, Von Hentigs Schule als Lebens- und Erfahrungsraum oder Die Schule als Polis :
Wie bereits verdeutlicht steht Hartmut von Hentig der Bildungsinstitution Schule kritisch gegenüber. Für ihn sind zwar Änderungen an und mit der Schule (von Hentig 2003, 6) durchgeführt worden, jedoch wurde die Schule nicht neu gedacht. Vielmehr ist die Grundfunktion der Schule nach wie vor darin zu sehen, Kinder und Jugendliche mit den Fähigkeiten und Kenntnissen zu versehen, welche die Gesellschaft am Laufen halten . Auch heute sind unsere Schulen nicht ein Lebens- und Erfahrungsraum, nicht a place for kids to grow up in, nicht die polis, an deren Idealen, Aufgaben und Problemen die jungen Menschen lernen und sich bewähren, sondern Bewahranstalt [ ] oder Sortieranstalt oder Startmaschine oder Nachwuchsproduzent oder Sozialstation oder alles auf einmal (von Hentig 2003, 9).
Hartmut von Hentig lehnt es ab, die Schule lediglich auf den Unterricht oder Belehrung zu reduzieren. Vielmehr fordert er eine Schule als Lebens- und Erfahrungsraum, in der Bildung und Erziehung zusammengebracht werden. Seine Vorstellungen von Schule beschreibt er in seinem Werk Die Schule neu denken im Anschluss an eine Aufzählung von fünf überlieferten Grundfiguren von Schule: Dabei wird deutlich, dass er die vorhandenen Regelschulen nicht grundsätzlich ablehnt. Vielmehr versucht er aufzuzeigen, dass keine dieser fünf Grundvorstellungen von Schule in reiner Form vorkommen und ihre Zielvorstellungen prinzipiell unvereinbar sind (vgl. von der Groeben 1991, 9). Er charakterisiert die heutigen Schulen als eine pragmatische Mischung (Hentig 2003, 88) dieser fünf Ansätze. Seine Vorstellung von Schule fasst von Hentig in einem sechsten Punkt zusammen, in dem er die Schule als Lebens- und Erfahrungsraum bzw. als polis beschreibt (vgl. von Hentig 2003, 189ff.). Diese Grundvorstellung verdeutlicht er mit sechs Merkmalen, bzw. Thesen der neu gedachten Schule .
Seine Thesen betreffen nicht nur den Lebensraum Schule, sondern beschreiben auch Erfahrungen, die dort gesammelt werden können, und bestimmen gleichzeitig das Zusammenwirken von Unterricht und Erziehung auf dem schulischen Sektor. Im Verlauf dieser Arbeit wird versucht herauszustellen, auf welche Weise von Hentigs Grundvorstellungen von Schule und seine damit verbundenen Vorstellungen von Bildung an der Bielefelder Laborschule praktisch umgesetzt werden und ob seine Denkfiguren überhaupt umsetzbar sind. Daher erachte ich es als sinnvoll, seine Thesen, die er unter der Bezeichnung minima paedagogica (von Hentig 2003, 214) veröffentlicht hat, näher zu betrachten.
4.1, Das Leben zulassen:
Von Hentigs erste These befasst sich mit der Schule als Lebensraum. Er fordert darin, dass der Aufenthaltsort Schule zum Lebensort werden soll, an dem lebensnotwendige Erfahrungen ermöglicht werden. Zu diesen grundlegenden Erfahrungen zählt er vor allem alltägliche Lebensvorgänge, wie z.B. zuhören, gemeinsam spielen und kochen, zärtlich miteinander sein, seiner Neugier nachgehen etc., welche jedoch der Wissensvermittlung nicht geopfert bzw. untergeordnet werden dürfen. Von Hentig verdeutlicht, dass es ihm nicht darum geht, die Kinder einfach machen zu lassen (laissez-aller) oder durch mehr Aktivität zu stärken (vgl. von Hentig 2003, 216f.). Seiner Auffassung nach gibt es genug Schulen, die die Kinder in der Nichtigkeit ihrer Selbstbeschäftigung verhungern lassen, [ ] die ihnen die Besinnung nehmen mit den pausenlos Spaß machenden [und] gemeinschaftsfördernden [ ] Projekten (von Hentig 2003, 217). Vielmehr sollen die Lebensvorgänge der Schülerinnen und Schüler lebendig in die Schule hineinreichen und nicht durch Unterrichtsordnung und Belehrungswut verhindert werden. Herumlaufende und schwätzende Kinder sollen beispielsweise nicht zwangsläufig als unterrichtsstörender Faktor angesehen werden, vielmehr sollten sich Bedingungen finden lassen, in denen Herumlaufen und Schwätzen erlaubt sind.

Erscheint lt. Verlag 4.9.2014
Sprache deutsch
Maße 155 x 220 mm
Gewicht 207 g
Themenwelt Sozialwissenschaften Pädagogik Bildungstheorie
Schlagworte Ganzheitliches Lernen • Hentig, Hartmut von
ISBN-10 3-8428-7189-9 / 3842871899
ISBN-13 978-3-8428-7189-2 / 9783842871892
Zustand Neuware
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
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