Gebrauchsanweisung für den Harz (eBook)
224 Seiten
Piper Verlag
978-3-492-96629-0 (ISBN)
Jana Thiele, 1970 geboren, stammt aus Leipzig und studierte in Berlin. Nach langjährigen Stationen im Berliner Kultur- und Literaturbetrieb wandte sie sich selbst dem Schreiben zu. 2013 erschien ihr erstes Buch Wander-Woman. (»Jana Thiele wandert mit Sprachwitz und einer gehörigen Portion Selbstironie. Dieses humorvolle Buch ist Anstoß für alle Couch-Potatoes, es endlich zu tun: Loslaufen.« ALPIN) Ihrer Leidenschaft für das Wandern frönt Jana Thiele am liebsten im Harz, wo sie mit zwei Freunden eine Hütte nahe Quedlinburg besitzt.
Jana Thiele, 1970 geb., stammt aus Leipzig und studierte in Berlin Literaturwissenschaft, Linguistik und Geschichte. Nach langjährigen Stationen im Berliner Kultur- und Literaturbetrieb (u.a. bei "Lettre International", dem Internationalen Literaturfestival Berlin und der Literaturagentur Graf & Graf) wandte sie sich selbst dem Schreiben zu. Im März 2013 erschien ihr erstes Buch "Wander-Woman. Eine Couch-Potato hat Rücken und lernt laufen". Ihrer Leidenschaft fürs Wandern frönt Jana Thiele am liebsten im Harz.
Auf den Bergen: Der Brocken
Ruft man die Seite des Deutschen Wetterdienstes (www.dwd.de) auf, liegt ziemlich genau in der Mitte Deutschlands der Brocken, der höchste Berg des nördlichsten Mittelgebirges. Häufig ist der Brocken mit einem kleinen Warndreieck gekennzeichnet und nicht selten ist dieses rot. Über anderen Regionen Deutschlands sind kleine Wolken oder eine kleine Sonne zu sehen. Hier oben aber bläst fast immer ein Wind, und ob der in Böen kommt oder eher orkanartig auftritt, geben die Warnfarben (gelb, orange, rot) an. Selbstredend steht neben diesem Zeichen oft die niedrigste Temperatur in ganz Deutschland, abgesehen vom Alpengebiet. Die mittlere Jahrestemperatur beträgt 2,9 Grad Celsius, als Spitzengeschwindigkeit wurden 263 km/h gemessen. Im statistischen Mittel liegt der Brocken an 306 Tagen im Jahr im Nebel, an 176 Tagen weist er eine Schneedecke auf. Seit 1895 befindet sich auf dem Brocken eine meteorologische Messstation, die all diese Daten zuverlässig aufzeichnet. Genauer genommen ist es vor allem Herr Nitschke, der das tut, und dies seit 33 Jahren. Sein Charme soll so rau sein wie das Wetter extrem, was eine Journalistin sinnigerweise dazu veranlasste, ihn als »harten Brocken« zu bezeichnen. Da kann ich ihm als tröstende Worte eigentlich nur mitgeben, dass er wenigstens nicht »Urgestein« genannt wurde. Auch wenn er das ist, denn schon seine Eltern waren als Brockenwetterwarte tätig und nahmen ihn als Kleinkind mit zu ihrer windigen Arbeitsstelle, was offensichtlich prägend wirkte.
Die exponierte Lage als erste bemerkenswerte Erhebung im Norden Deutschlands hat außerdem zur Folge, dass die gerade mal 1142 Meter über dem Meer sich wie die Alpen auf 2000 Metern anfühlen. Die Bäume haben aufgehört zu wachsen und machen den Brocken kahlköpfig. Manche Wetterkundler meinen, dass die Bedingungen hier mit denen auf Island vergleichbar sind. So richtig gemütlich ist es also nicht. Trotzdem hat der Brocken eine große Anziehungskraft auf Besucher. Viele nähern sich dem Gipfel über den Goetheweg, der von Westen her von Torfhaus auf den Gipfel verläuft. Am Beginn dieses Weges informiert ein Nationalpark-Besucherzentrum den heutigen Gast über Flora, Fauna und Geologie der Region. Der Weg ist nach seinem berühmten Bewanderer benannt, der sich mit einem Förster im Dezember 1777 zum ersten Mal aufmachte, einen Schauplatz seines »Faust« zu inspizieren. Der Dichter musste seinen Guide erst von dem Vorhaben überzeugen, denn es gab noch keinen Weg, und eine Besteigung im Winter versprach eigentlich nur Beschwerliches, wenn nicht gar Gefährliches. Jedes Jahr in der Nacht zum 1. Mai, der Walpurgisnacht, sollen sich der Sage nach auf dem »Blocksberg« die Hexen zu einer riesigen Party einfinden. Was die Hexen dort treiben, beschrieb Goethe in so deutlichen Worten, dass es seinen Zeitgenossen auf der Bühne nicht zuzumuten war. Wenn man nicht gerade Love-Parade-gestählt ist, sollte man diese Nacht übrigens auch heute noch meiden, um auf den Brocken oder in die umgebenden Ortschaften zu fahren. Der Mitteldeutsche Rundfunk hat sämtliche zur Verfügung stehenden Ü-Wagen in Position gebracht und veranstaltet mit Riesenbohei eine Teufelsparty, der Tausende vom »Kleinen Feigling« berauschte Kostümierte die passende Feierkulisse geben. Auf den Bühnen spielen »Die Lords« und ähnlich avantgardistische Bands, die die Stimmung immer mehr anheizen. Der Moderator und viele der Besucher tragen leuchtende Teufelshörnchen, und wer das nicht tut, hat sich einen breitkrempigen Spitzhut aufgesetzt und reitet auf einem Besen, sodass man bald nicht mehr weiß, ob man nicht doch auf einem Harry-Potter-Happening gelandet ist.
Ein zweiter, häufig benutzter, etwas anstrengenderer Wanderweg führt, gekennzeichnet als Heinrich-Heine-Weg, mit Ausgangspunkt Ilsenburg von Nordosten herauf. Der namensgebende Dichter hielt 1826 seine Erfahrungen in der »Harzreise« fest: »Und ich glaube, auch Mephisto muß mit Mühe Atem holen, wenn er seinen Lieblingsberg ersteigt; es ist ein äußerst erschöpfender Weg, und ich war froh, als ich endlich das langersehnte Brockenhaus zu Gesicht bekam.« (Heinrich Heine: Werke, Band 2 (Reisebilder). Insel Verlag. Frankfurt/M. 1968, S. 125) Und Heine hat recht. Zwar geht es zunächst ganz geruhsam durch das Tal der lieblich murmelnden Ilse, die später in schönen Kaskaden als »Ilsefälle« etwas lebhafter wird. Aber nach einem nicht enden wollenden Anstieg, der mit Betonplatten für die militärischen Fahrzeuge des Warschauer Pakts präpariert wurde, ist der Wanderer doch froh, wenn er endlich oben ankommt und in die Arme des Brockenwirts fallen kann. Auf dem Gipfel gibt es neben einem Restaurant auch ein Hotel, in dem man allerdings vorher reservieren sollte, denn gerade an Feiertagen und langen Wochenenden machen sich viele Ausflügler hierher auf. Jeder ist erst mal froh, wenn er den langen Weg nach oben geschafft hat, so auch ich an einem Sommerwochenende, und als ich wieder Luft bekam, stellte sich unwiderstehlich der Drang nach einer Zigarette ein. Ein kleiner Pfadfinder setzte sich neben mich und las den Spruch von meiner Schachtel vor: »Rauchen kann tödlich sein.« Ich antwortete: »Leben ist tödlich. Hört deshalb jemand damit auf?« Der vorlaute Bengel trollte sich wieder zu seiner Gruppe. An dem Tag hatte ich Glück, ich erwischte einen der durchschnittlich 59 Tage, an denen es nicht neblig ist und man eine spektakuläre Fernsicht hat. Angeblich konnte man in 130 Kilometern Entfernung das Leipziger Völkerschlachtdenkmal sehen und sogar den Kahlen Asten im Sauerland, immerhin 169 Kilometer entfernt. Ich erkannte in allen Richtungen lediglich mal kleinere, mal größere Ansammlungen von Häusern. Deshalb meine Empfehlung: Nehmen Sie ein Fernglas mit! Vielleicht haben Sie ja auch Glück und erwischen einen nebelfreien Tag.
Südöstlich vom Berg befindet sich der Ort Schierke, auch von hier brechen viele Brockenwanderer auf. Das ist der Weg, den Brocken-Benno am häufigsten geht. Der mittlerweile 81-Jährige ist der ausdauerndste Brockenbesteiger. Seit dem 3.12.1989, dem Tag, an dem auch auf dem Brocken die Mauer aufging, bestieg er den Berg beinahe jeden Tag. Mittlerweile sind mehr als 7000 von Brocken-Benno akribisch dokumentierte Gipfelstürme daraus geworden, und der rüstige Rentner, der nebenbei noch ehrenamtlich für den Harzklub Wanderwege ausbessert, peilt schon die Schnapszahl 7777 seines selbstverständlich auch guinessbuchnotierten Hobbys an. Da sein Tagesablauf also einigermaßen festgelegt ist, kann man ihn an fünf Tagen in der Woche gegen zwölf Uhr auf dem Brocken antreffen.
Wer überhaupt nicht gut zu Fuß ist, setzt sich in die Brockenbahn und lässt sich auf schmaler Spurbreite in historischen Waggons von einer kleinen Dampflok heraufziehen. Die Brockenbahn fährt mehrmals täglich. Die Fahrt ist ein altertümliches Vergnügen, bei dem man die Landschaft ganz anstrengungslos genießen kann. Allerdings ist es nicht ganz billig. Der Fahrpreis ist derselbe, ob man nun an der letzten Station, in Schierke, zusteigt oder die ganze Strecke, eine zweistündige Fahrt von Wernigerode herauf, macht. Im Winter, wenn der Brocken tief verschneit ist, ist die Fahrt durch das Winterwunderland besonders schön, aber gerade dann kann es durchaus vorkommen, dass wegen der Schneeverwehungen nichts mehr fährt. Ich schreibe das als Warnung, weil ich schon Familien mit weinenden Kindern im Schierker Bahnhof gesehen habe.
Der Brocken hat zwar einen Gipfel, aber dieser ist nicht etwa steil oder spitz, sondern sieht aus wie ein riesiger Platz. Ein Spazierweg führt am Rande herum, er ist 1,6 Kilometer lang. Möchte man diesen Weg nicht nehmen, kann man einfach querfeldein über das Plateau schlendern, sollte einen nicht eine der gefürchteten »orkanartigen Böen« davon abhalten. Schon längst hat man die Sendeanlage erspäht, die wie eine Rakete vor dem Abschuss aussieht, sowie einen großen Kubus mit einer Kugel darauf. Im Volksmund wird das Gebäude, wegen der früheren Nutzung als Abhörzentrum, immer noch Stasi-Moschee genannt. Heutzutage ist hier ein Museum eingerichtet, das umfassend über alle Aspekte des Brockens informiert. Wenn dann noch die kleine Brockenbahn dampfend in weitem Bogen um das Plateau herum Anlauf auf den Bahnhof nimmt, komplettiert sie den Eindruck, einen Blick in das Spielzimmer eines jungen Riesen zu werfen, dessen Lieblingsserie Star Trek ist, der aber durchaus bereit ist, nostalgische Elemente zuzulassen.
Neben den Gebäuden auf dem Brockenplateau liegt ein großer Granitblock, in den Tafeln eingelassen sind. Eine davon erinnert daran, dass hier ein wichtiger Vermessungspunkt war. Der 10-Mark-Schein und Daniel Kehlmann haben es ja unfassbarer Weise geschafft, den Namen eines Mathematikers, nämlich Carl Friedrich Gauß, zu popularisieren. Die »Vermessung der Welt« wurde zumindest zu Teilen vom Brocken aus vorgenommen. Es begab sich also zu der Zeit, dass der König von Hannover wissen wollte, wie groß eigentlich sein Königreich sei, und er beauftragte Gauß mit der Leitung dieses Unternehmens. Der Brocken bildete dabei zusammen mit dem Hohen Hagen und dem Großen Inselsberg die Eckpunkte eines riesigen Dreiecks mit Seitenlängen bis zu 106 Kilometern. Dieses wurde als Grundlage für die Verknüpfung der zahlreichen regional gesammelten Vermessungsdaten genommen. Ohne GPS war man aber auf Sicht zwischen den Vermessungspunkten angewiesen, und so konstruierte das Multitalent Gauß auch gleich das Heliotrop, ein Vermessungsinstrument, das über Spiegel die Sonnenstrahlen nutzt, um weite Entfernungen zu überwinden. Gauß leitete die Vermessung von 1818 bis 1826, das Gesamtvorhaben war aber erst im Jahre 1844 abgeschlossen. Vielleicht hat das ja so lange gedauert, weil der Brocken fast immer in einer Nebelsuppe...
| Erscheint lt. Verlag | 10.3.2014 |
|---|---|
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sachbuch/Ratgeber |
| Reisen ► Reiseberichte ► Deutschland | |
| Reisen ► Reiseführer ► Europa | |
| Sozialwissenschaften ► Politik / Verwaltung | |
| Schlagworte | Brocken • Grüne Band • Harz • Mittelgebirge • Nationalpark • Natur • Niedersachsen • Sachsen-Anhalt • Thüringen • Wald • Wandern |
| ISBN-10 | 3-492-96629-2 / 3492966292 |
| ISBN-13 | 978-3-492-96629-0 / 9783492966290 |
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