Pflegefamilien- und Heimplatzierungen (eBook)
320 Seiten
Verlag Rüegger
978-3-7253-0890-3 (ISBN)
Wenn ein Kind in einem Heim oder einer Pflegefamilie untergebracht wird, ist das ein folgenschwerer Schritt für die ganze Familie. Oft gehen einer Platzierung schwere innerfamiliäre Spannungen und erfolglose Versuche der Problembewältigung voraus. Den vordergründigen Anlass für eine Platzierung bilden jedoch meist schulische oder andere Probleme der Kinder, speziell bei so genannt freiwilligen Eintritten. Manchmal müssen Behörden eine Fremdplatzierung zum Schutze des Kindes aber auch gegen den Willen der Beteiligten vollziehen, was viel Leid und Konflikte auslösen kann.
Die Fachkräfte, welche eine Platzierung planen und durchführen, tragen grosse Verantwortung. Selbst ausgebildete Sozialarbeitende mit viel Erfahrung bezeichnen diese Aufgabe als äusserst anspruchsvoll: Sie handeln unter Zeitdruck, es stehen zu wenig geeignete Plätze in Heimen und Pflegefamilien bereit, die Beteiligten sind uneinig, es fehlen geeignete Hilfsmittel und Verfahren. Die vorliegenden Ergebnisse entstanden im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms NFP 52 «Kindheit, Jugend und Generationenbeziehungen im gesellschaftlichen Wandel». 43 Platzierungen von Knaben und Mädchen zwischen 2 und 18 Jahren wurden untersucht, mehr als 300 Gespräche mit Kindern, Eltern und Fachleuten ausgewertet. Die Resultate geben detailreiche, präzise Einblicke in das Platzierungsgeschehen, spezielles Augenmerk liegt auf den Partizipationsmöglichkeiten der Eltern und Kinder. Das letzte Kapitel enthält gezielte Forderungen, wie die Planung und Durchführung von Platzierungen verbessert werden sollten.
Inhaltsverzeichnis 6
Vorwort 10
1 Betreuung in Heimen und Pflegefamilien im Lichte der Forschung 12
1.1 Ausgewählte Befunde zur Heimerziehung und zum Pflegekinderwesen in verschiedenen Ländern 12
1.1.1 Grossbritannien 12
1.1.2 Vereinigte Staaten von Amerika 14
1.1.3 Bundesrepublik Deutschland 16
1.2 Zum Stand der Forschung zur Heimerziehung und zum Pflegekinderwesen in der Schweiz 19
2 Anlage der Untersuchung 24
2.1 Fragestellung und Zielsetzung 24
2.2 Theoretische Grundlagen der Untersuchung 28
2.2.1 Die Bedeutung der Partizipation im Platzierungsprozess 28
2.2.2 Wahl der geeigneten Betreuungsform 32
2.2.3 Situation nach der Platzierung 32
2.2.4 Auswirkungen von Fremdplatzierungen 34
2.3 Konzept der Untersuchung 36
2.3.1 Erhebungsmethode und Auswertung 36
2.3.2 Design 37
2.3.3 Grösse und Zusammensetzung der geplanten Stichprobe 38
2.3.4 Rekrutierung der Stichprobe 38
2.3.5 Thematische Schwerpunkte 42
2.3.6 Das Forschungsteam 44
2.4 Beschreibung der Stichprobe 44
3 Strukturen der Jugend- und Familienhilfe als Kontext der Untersuchung 52
3.1 Rechtliche Rahmenbedingungen der Jugend- und Familienhilfe in der Schweiz 52
3.2 Für die vorliegende Untersuchung bedeutsame kantonale Strukturen der Jugend- und Familienhilfe 53
4 Platzierung in einer Pflegefamilie oder in einem Heim: Einstellungen, Rollenverständnis und Probleme aus der Sicht der Sozialarbeitenden 60
4.1 Einstellung zur Platzierung von Kindern und Jugendlichen in Pflegefamilien und Heimen 60
4.2 Zentrale Aufgaben der Sozialarbeitenden im Rahmen von Platzierungen 62
4.3 Bedeutung der Partizipation von Eltern und Kindern im Platzierungsprozess aus Sicht der Sozialarbeitenden 64
4.4 Argumente zur Entscheidung zwischen Pflegefamilie und Heim 66
4.5 Qualitätsanforderungen an Pflegefamilien und Heime 68
4.6 Schwierigkeiten bei früheren Platzierungen und im Arbeitsalltag von Sozialarbeitenden 70
5 Vorgeschichte der Platzierung 76
5.1 Erste Auffälligkeiten 76
5.2 Professionelle Unterstützung und Massnahmen im Vorfeld der Platzierung 78
5.3 Lebenssituation der Kinder und Jugendlichen vor der Platzierung 79
5.3.1 Wohlergehen, Belastung und Gefährdung der Kinder 80
5.3.2 Beziehungen der Kinder zu wichtigen Bezugspersonen 83
5.3.3 Weitere familiäre Ressourcen und Probleme 85
5.4 Modalitäten der Platzierung 88
5.4.1 Anlass für die Platzierung 88
5.4.2 Initiantinnen und Initianten der Platzierung 91
5.4.3 Problembewusstsein der Kinder und Jugendlichen 92
5.4.4 Ursachen und Durchführung strafrechtlicher Platzierungen 93
6 Aushandlungsprozess und Entscheidungsfindung 96
6.1 Erste Fallmeldung und Abklärungen im Platzierungsprozess 96
6.1.1 Datum der Fallmeldung 96
6.1.2 Beizug externer Fachkräfte oder weiterer Personen aus dem Umfeld 97
6.1.3 Instrumente der Hilfe- bzw. Massnahmenplanung 98
6.2 Zustimmung der Beteiligten zur Platzierung 100
6.3 Massnahmenplanung und Partizipation aller Beteiligten 103
6.3.1 Partizipation im Prozess der Entscheidungsfindung 103
6.3.2 Information der Eltern 104
6.3.3 Information der Kinder 106
6.3.4 Beteiligung der Eltern am Entscheidungsprozess 108
6.3.5 Beteiligung der Kinder und Jugendlichen am Entscheidungsprozess 113
6.3.6 Beteiligung der Eltern und Kinder an der Ausgestaltung der Platzierungsmodalitäten 118
6.4 Wahl der Institution und Passung 121
6.4.1 Wichtige Aspekte bei der Wahl der Institution 121
6.4.2 Schwierigkeiten bei der Suche der geeigneten Institution 124
6.4.3 Schutzmassnahmen 128
6.5 Ziele der Platzierung 129
7 Tag der Platzierung 132
7.1 Information und Vorbereitung 132
7.2 Tag der Platzierung 135
7.2.1 Sicht der Fachleute 135
7.2.2 Sicht der Eltern 137
7.2.3 Sicht der Kinder 139
8 Interaktion von Eltern, Kindern und Hilfesystem nach erfolgter Platzierung 142
8.1 Wechsel der Fachpersonen des Hilfesystems 143
8.2 Interaktion von Kindern, Eltern und Platzierungsverantwortlichen 145
8.2.1 Strafrechts- und Kindesschutzmassnahmen als wichtige Rahmenbedingungen 145
8.2.2 Standortbestimmungen 147
8.2.3 Gespräche als Basis gegenseitiger Verständigung 154
8.2.4 Veränderungen von Vereinbarungen 158
8.3 Qualität der Interaktion von Kindern, Eltern und Platzierungsverantwortlichen 161
8.4 Die Bedeutung der Partizipation von Eltern und Kindern im Hilfeprozess 170
8.5 Kontakte von Eltern und Kindern zu weiteren Fachpersonen 172
8.5.1 Begleitung und Unterstützung der Eltern durch weitere Fachpersonen 172
8.5.2 Begleitung und Unterstützung von platzierten Kindern und Jugendlichen durch weitere Fachpersonen 175
8.6 Kontakte zwischen Eltern und Heim oder Pflegefamilie 176
8.7 Interaktionen innerhalb des Hilfesystems 180
9 Auswirkungen der Platzierung auf die Kinder und Familien 186
9.1 Platzierungsabbrüche 186
9.2 Auswirkungen der Platzierung auf die Herkunftsfamilien 188
9.3 Auswirkungen der Platzierung auf das Kind und die familiäre Interaktion 192
9.3.1 Wohlergehen des Kindes 192
9.3.2 Schulische Situation, Ausbildung 195
9.3.3 Freunde und Freizeit 197
9.3.4 Beziehungen der Kinder zur Herkunftsfamilie 199
9.3.5 Beziehungen der Kinder zu den Betreuungspersonen und anderen Kindern 202
9.3.6 Verhaltensveränderungen der Kinder und Jugendlichen im Laufe der Platzierung 203
9.3.7 Grösste Probleme der Kinder und Jugendlichen während der Platzierung 205
9.4 Bilanz der Platzierung 207
10 Diskussion der Ergebnisse und Empfehlungen 212
10.1 Anlage der Untersuchung 212
10.2 Zentrale Ergebnisse 212
10.2.1 Familiäre Situation und Gründe für die Platzierung 212
10.2.2 Planung und Durchführung der Platzierung 214
10.2.3 Auswirkungen der Platzierung 217
10.3 Empfehlungen und Kommentare 218
Literatur 222
Tabellenverzeichnis 228
Anhang A Fallvignetten 232
Anhang B 9
Anhang B 1. Grafische Übersicht über den Verlauf der Platzierungen in einer Pflegefamilie 313
Anhang B 2. Grafische Übersicht über den Verlauf der Platzierungen in einem Heim 315
Mehr eBooks bei www.ciando.com 0
2 Anlage der Untersuchung (S. 23) 2.1 Fragestellung und ZielsetzungAusserfamiliäre Platzierungen erfordern im Interesse des Kindeswohls eine sorgfältige Vorbereitung und Begleitung. Angesichts der einschneidenden Konsequenzen einer Platzierung wird in der UNO-Konvention über die Rechte des Kindes den Betroffenen in Art. 9 das Recht eingeräumt, «am Verfahren teilzunehmen und ihre Meinung zu äussern ». Die Partizipation an der Hilfeplanung zählt zu den zentralen Forderungen dieser Konvention, die 1997 auch von der Schweiz ratifiziert wurde. Die in der Konvention formulierten Rechte basieren auf vier Grundprinzipien:
• Recht auf Gleichbehandlung
• Prinzip der bestmöglichen Berücksichtigung des Kindeswohls
• Recht auf Leben und persönliche Entwicklung
• Achtung vor der Meinung und dem Willen des Kindes
Bei der praktischen Umsetzung bestehen in der Schweiz im Vergleich mit anderen europäischen Staaten erhebliche Defizite: In der Bundesrepublik Deutschland, in den Niederlanden, in Finnland, England und Wales, in Schweden und Teilen Belgiens (Region Flandern) ist die Partizipation der Betroffenen am Hilfeplanverfahren explizit und landesweit einheitlich geregelt (Spitzl, Kretschmer &, Schwarz 2003), während dies in der Schweiz, in Österreich, Griechenland und Italien nicht der Fall ist.
In der Schweiz fallen das Schul- und Sozialwesen sowie die Jugendhilfe traditionsgemäss vornehmlich in den Zuständigkeitsbereich der Kantone. In der neuen Bundesverfassung, welche seit dem 1. Januar 2000 in Kraft ist, wurde die föderalistische Struktur des schweizerischen Schul- und Sozialwesens erneut festgeschrieben. Der Bund garantiert im Rahmen eines erweiterten Kataloges von Grundrechten den Anspruch von Kindern und Jugendlichen auf besonderen Schutz ihrer Unversehrtheit und auf Förderung ihrer Entwicklung (Art. 11), das Recht auf Hilfe in Notlagen (Art. 12), den Anspruch auf ausreichenden und unentgeltlichen Grundschulunterricht (Art. 19). Die Bundesverfassung listet in Art. 41 auch Sozialziele auf, für die sich Bund und Kantone nach dem Subsidiaritätsprinzip, das heisst in Ergänzung zu persönlicher Verantwortung und privater Initiative, einsetzen sollen. Die Notwendigkeit solcher Sozialziele zählte in den Beratungen des Parlamentes und im Abstimmungskampf zu den umstrittensten Neuerungen der Verfassungsrevision.
Der grosse Gestaltungsfreiraum der Kantone hat zur Folge, dass die Zuständigkeiten für die Heimerziehung und das Pflegekinderwesen je nach Kanton unterschiedlich geregelt sind und auch die Zahl der Pflegefamilien- und Heimplätze von Kanton zu Kanton unterschiedlich erfasst wird. Mehrere Initiativen zur Etablierung einer gesamt- schweizerischen Heimstatistik sind am fehlenden Konsens oder am offenen Widerstand der Kantone gescheitert. In einer kritischen Analyse des schweizerischen Fürsorgewesens forderte Professor Heinrich Hanselmann schon 1918 die Errichtung eines «Archivs für die gesamte (private) Fürsorge und Gemeinnützigkeit» mit folgenden Hauptfunktionen: (1) Dokumentation und Statistik, (2) Entwicklung von Theorie und Methodologie der Fürsorge als Grundlage für Praxis und Ausbildung, (3) Planung und Beratung sowie (4) Vermittlung zwischen Praxis, Behörden und Wissenschaft (Hanselmann 1918, S. 49–54). Im Sinne dieser Empfehlung wurde 1920 der Schweizerische Verband für erziehungsschwierige Kinder und Jugendliche SVE2 gegründet.
Im Nachgang zur Heimkampagne der 68er-Bewegung und aufgrund von parlamentarischen Vorstössen im Nationalrat erarbeitete dieser Verband 1978 in Zusammenarbeit mit dem Inhaber des kurz zuvor geschaffenen Lehrstuhls für Sozialpädagogik an der Universität Zürich, Professor Heinrich Tuggener, ein Konzept für eine Fachstelle für Heimerziehung. Diese sollte in Zusammenarbeit mit dem Eidg. Justiz- und Polizeidepartement, dem Bundesamt für Sozialversicherung und dem Eidg. Statistischen Amt eine Sammlung einschlägiger Dokumente und eine Heimstatistik einrichten.
| Erscheint lt. Verlag | 15.1.2008 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Geisteswissenschaften ► Psychologie |
| Sozialwissenschaften ► Politik / Verwaltung | |
| Sozialwissenschaften ► Soziologie | |
| ISBN-10 | 3-7253-0890-X / 372530890X |
| ISBN-13 | 978-3-7253-0890-3 / 9783725308903 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
Größe: 1,4 MB
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: PDF (Portable Document Format)
Mit einem festen Seitenlayout eignet sich die PDF besonders für Fachbücher mit Spalten, Tabellen und Abbildungen. Eine PDF kann auf fast allen Geräten angezeigt werden, ist aber für kleine Displays (Smartphone, eReader) nur eingeschränkt geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür einen PDF-Viewer - z.B. den Adobe Reader oder Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür einen PDF-Viewer - z.B. die kostenlose Adobe Digital Editions-App.
Zusätzliches Feature: Online Lesen
Dieses eBook können Sie zusätzlich zum Download auch online im Webbrowser lesen.
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich