Polizeiliche Berufsethik (eBook)
312 Seiten
Verlag Deutsche Polizeiliteratur
978-3-8011-0946-2 (ISBN)
Dr. Ulrike Wagener, Professorin für Berufsethik an der Hochschule für Polizei Baden-Württemberg in Villingen-Schwenningen.
Dr. Ulrike Wagener, Professorin für Berufsethik an der Hochschule für Polizei Baden-Württemberg in Villingen-Schwenningen.
Vorwort zur dritten Auflage
Einführung
Aufbau des Studienbuchs
Kapitel 1
Kein Beruf wie jeder andere!
Ein erster Zugang zu ethischen Herausforderungen der polizeilichen Arbeit
Kapitel 2
Unantastbar? Von wegen!
Achtung und Schutz der Menschenwürde als Fundament und ständige Herausforderung polizeilicher Arbeit
Kapitel 3
Wir tragen Waffen und wenn es sein muss, benutzen wir sie auch.
Polizist:innen als Vertreter:innen des staatlichen Gewaltmonopols
Kapitel 4
Die Gesellschaft wird immer vielfältiger – wie stellen wir uns darauf ein?
Polizeiarbeit in einer pluralistischen Gesellschaft
Kapitel 5
Wir helfen den Opfern – aber manche sind selbst schuld!
Mitgefühl und Professionalität bei Einsätzen häuslicher Gewalt
Kapitel 6
Wenn einem die Worte fehlen …
Polizeilicher Umgang mit Sterben, Tod und Trauer
Kapitel 7
Den Dingen auf den Grund gehen.
Zum Theoriehintergrund des Faches Polizeiliche Berufsethik
Abbildungsverzeichnis
Tabellenverzeichnis
Personenverzeichnis
Kapitel 1
Kein Beruf wie jeder andere!
Ein erster Zugang zu ethischen Herausforderungen der polizeilichen Arbeit
| TARIK | Im Dienstrecht heute ging es um die „volle Hingabe“. Müssen wir wirklich alles geben? Das hat doch Grenzen!? Ich hab erst mal eins von diesen „What my buddies think I do“– Postern rumgeschickt – echt witzig! Kennt ihr die? War der Lacher! |
| ALEX | Weißt du, Tarik, worauf es als Allererstes ankommt? Dass du nach der Schicht heil nach Hause kommst. Und warum sollten wir eigentlich bessere Menschen als der Rest sein? Die Polizei ist doch einfach nur ein Querschnitt der Gesellschaft. |
| BIANCA | Wir haben in Berufsethik einen Satz diskutiert, „polizeilicher Imperativ“ hieß der: „Verhalte dich so, als ob von dir ganz allein und ganz persönlich das Ansehen und die Wirksamkeit der Polizei abhinge.“ Da ist was dran: Ein einziger Kollege, der Mist baut – und sofort ist das Vertrauen in die gesamte Polizei beschädigt. |
Bearbeiten Sie die folgenden Aufgaben und verwenden Sie dabei die Materialien 1.1–1.7 sowie die weiterführende Literatur.
1.Analysieren Sie das Leitbild Ihrer eigenen Polizei (oder das Leitbild der Polizei Baden-Württembergs, Abb 6, s. S. 29) mithilfe des Wertevierecks von Wieland (Abb. 3, s. S. 25): Aus welchem Bereichen stammen die im jeweiligen Leitbild vertretenen Werte?
2.Vergleichen Sie das Leitbild Ihrer eigenen Polizei (oder das Leitbild der Polizei Baden-Württembergs, Abb 6, s. S. 29) mit den Handlungsmustern der Polizistenkultur nach Rafael Behr (Tab. 3, s. S. 31).
3.Sofern Sie in Ihrer bisherigen Ausbildung schon Praxiserfahrung gesammelt haben: Welche der Handlungsmuster nach Rafael Behr haben Sie in der polizeilichen Praxis wiedergefunden? Werden diese von den Kolleginnen und Kollegen in „Reinform“ oder mit Modifikationen vertreten?
4.Was sind Ihrer Ansicht nach die wichtigsten Eigenschaften eines guten Polizisten oder einer guten Polizistin? Vergleichen Sie Ihre Liste mit der Ihrer Mitstudierenden sowie mit der Liste positiver Eigenschaften in Tab. 4 (s. S. 32).
5.Mit welchem der in Kap. 1.6 dargestellten Berufsbilder können Sie sich am ehesten identifizieren, mit welchem am wenigsten?
6.Darf man einen Eid brechen? Diskutieren Sie in Ihrer Studiengruppe Pro und Contra.
7.Die polizeiliche Berufsausübung kann einzelne Beamtinnen oder Beamte manchmal in einen Gewissenskonflikt führen. Überlegen Sie, in welchen (Einsatz-)Situationen das der Fall sein kann. Was tut die Organisation Polizei dafür, um Gewissenskonflikte bei den Einzelnen möglichst zu vermeiden?
8.Steht im Fall eines Gewissenskonfliktes das Gewissen über oder unter dem Gesetz? Begründen Sie Ihre Meinung.
1.1Die Bedeutung von Vertrauen und das Potenzial für Misstrauen im Polizeiberuf
Die Polizei genießt in der Bundesrepublik Deutschland ein hohes gesellschaftliches Vertrauen. Dies zeigt sich in den regelmäßig durchgeführten Umfragen zum Vertrauen der Bevölkerung in Institutionen. In der letzten Forsa-Befragung vom Jahreswechsel 2022/23 gaben 79 % von 4003 Befragten an, großes Vertrauen in die Polizei zu haben (s. Abb. 1).
Im Vergleich mit anderen Institutionen belegt die Polizei in den Vertrauensumfragen seit Jahrzehnten einen der vorderen Ränge (oder sogar den Spitzenplatz wie etwa 2018 und 2019).
Wem vertrauen die Deutschen?
Abb. 1: Vertrauen in Institutionen in Deutschland 2022/23
Dieses hohe Vertrauen lässt sich weiter regional differenzieren. Eine auf die Bundesländer bezogene Umfrage aus dem Jahr 2022 ergab folgendes Bild:
Abb. 2: Basis: Befragte aus den jeweiligen Bundesländern n=200 pro Bundesland, Saarland und Bremen nur jeweils n=100 (Einfachnennung; hier dargestellt: „sehr hoch“, „eher hoch“; nicht dargestellt: „eher gering“, „nicht vorhanden“). Quelle: PwC 2022, S.14
Bremer Einsatzerfahrungen
„Ich war erschrocken über die Gewalt, die aus der Menschenmenge hervorging“, berichtete am Dienstag ein Polizist, der am Wochenende dabei war. „Nicht linkes Klientel hat den Ärger verursacht, der normale Bürger hat uns attackiert“, sagte der Beamte, seit 32 Jahren im Polizeidienst. „Wir wurden von Menschen bespuckt und beschimpft, die eigentlich mein Papa oder mein Opa hätten sein können“, zeigte sich eine junge Polizistin noch zwei Tage nach dem Einsatz betroffen. „Es war erschreckend zu sehen, dass uns normale Bürger von 17 bis 60 Jahren gezielt attackiert haben“, sagte ein Kollege.
Gewalt gegen Polizei in Bremen, Hamburger Abendblatt 6.9.2011
Dieses der Polizei vonseiten der Gesellschaft entgegengebrachte hohe Vertrauen ist für die meisten Polizistinnen und Polizisten ein überraschender Befund. Denn das persönliche Erleben scheint eher für einen Autoritätsverlust der Polizei und für ein immenses gesellschaftliches Misstrauen zu sprechen.
Doch auch innerhalb der polizeilichen Arbeit findet sich eine vergleichbare Spannung, nämlich die zwischen einem „professionellen“ Misstrauen im Hinblick auf das „polizeiliche Gegenüber“ und dem grundsätzlich sehr hohen Vertrauen in das „polizeiliche Miteinander“, d.h. in die Kolleg:innen. Eine weitere Vertrauensebene ist schließlich das Selbstvertrauen, das für die persönliche Berufsausübung und Lebensführung wichtig ist.
Grundsätzlich scheint es ohne Vertrauen unter Menschen nicht zu gehen: „Menschliches Leben ist, wenn es nicht von Vertrauen getragen ist, schwer zu ertragen und kaum zu meistern.“ (Köhl 2001, S. 115)
1.1.1Bedeutung von Vertrauen für die Polizeiarbeit
Vertrauen ist eine Möglichkeit, mit der Unkontrollierbarkeit anderer Menschen, den Bedingungen um uns herum oder einem Zustand in uns selbst umzugehen. Derartige Unsicherheitsfaktoren können z.B. unsichere und/oder unvollständige Informationen sein, Unklarheiten über die Rahmenbedingungen des eigenen Handelns, aber auch Unsicherheiten in Bezug auf das eigene Können. Positiv kann man sagen: „Vertrauen kann ganz allgemein als ein Mittel zum Umgang mit der Freiheit anderer definiert werden.“ (Gambetta 2001, S. 213) Die Entwicklungspsychologie sieht in der grundlegenden menschlichen Hilfsbedürftigkeit in den ersten Jahren unseres Lebens die Ausgangsbasis unserer Fähigkeit zu vertrauen (vgl. Erikson 1973, S. 62–75; Krampen, Greve 2008, S. 679f.). Die Fähigkeit, anderen und sich selbst zu vertrauen, scheint so tief mit unserem Selbstverständnis verbunden zu sein, dass eine grundlegende Erschütterung dieses Vertrauens traumatisierend sein kann (Janoff-Bulman 1992, S. 18).
Was bedeutet Vertrauen?
„Einer Person zu vertrauen bedeutet zu glauben, dass sie sich nicht in einer uns schädlichen Art und Weise verhalten wird, wenn sich ihr die Gelegenheit dazu bietet.“
Gambetta 2001, S. 214
Vertrauen und Misstrauen haben ihren Platz vorrangig in Interaktionen bzw. in Kooperationsbeziehungen. Die jeweils benötigte Unterstützung kann sich beziehen auf
1.Leistungen, d.h., mein Gegenüber besitzt ein Wissen und/oder Können, das ich brauche, aber selber nicht besitze (der eingeforderte Wert ist in diesem Fall Unterstützung);
2.Entgegenkommen, bei konkurrierenden Interessen oder im Falle eines Konflikts (eingeforderter Wert: Wohlwollen);
3.Abstimmung zur gemeinsamen Handlungskoordination bei der Verfolgung gemeinsamer Ziele (eingeforderter Wert: Rücksichtnahme).
Diese drei Aspekte bestimmen auf vielfache Weise die Polizeiarbeit.
Leistungserwartung
Die Gesellschaft erwartet Leistungen von der Polizei in den Bereichen Strafverfolgung, Gefahrenabwehr und Prävention, weil weder der oder die Einzelne noch die Gesellschaft als ganze solche Leistungen erbringen können. Nur Angehörige einer Organisation mit entsprechenden Befugnissen, ausreichender...
| Erscheint lt. Verlag | 11.6.2024 |
|---|---|
| Verlagsort | Hilden |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Schulbuch / Wörterbuch ► Schulbuch / Allgemeinbildende Schulen |
| Sozialwissenschaften ► Pädagogik | |
| Schlagworte | Diskriminierung • Einwanderungsland • Empathie • Ethik • Fünf A • Häusliche Gewalt • Interkulturelle Kompetenz • Kohlberg-Gilligan-Kontroverse • Migrant:innen • Polizeiliche Berufsethik • Polizeiseelsorge • Profiling • Psychoterror • Sprachbarriere • Stereotypisierung • Stresssituation • Todesbenachrichtigung • Trauerbegleitung • Traumatherapie • Tugendethik |
| ISBN-10 | 3-8011-0946-1 / 3801109461 |
| ISBN-13 | 978-3-8011-0946-2 / 9783801109462 |
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