Begegnungen (eBook)
217 Seiten
Jüdischer Verlag
978-3-633-73908-0 (ISBN)
Gisela Dachs ist Publizistin, promovierte Sozialwissenschaftlerin und Professorin am Europäischen Forum der Hebräischen Universität Jerusalem. 2016 erschien der von ihr herausgegebene <em>Länderbericht Israel</em> im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung. Seit 2001 ist sie die Herausgeberin des Jüdischen Almanachs. Sie lebt in Tel Aviv.
HANNO LOEWY
HOHENEMSER BEGEGNUNGEN
EINE DIASPORA-GESCHICHTE
Ankünfte
»Die Reise nach Hohenems war unbequem. Sie führte über Stuttgart und Ulm an den Bodensee und dauerte damals fast einen Tag oder eine volle Nacht: Es gab auf dieser Strecke keine Schlafwagen. Von Friedrichshafen ging es nach Bregenz, wo wir den österreichischen Zoll passierten. In Österreich standen damals die Zölle auf Zucker, Kaffee und ähnliche Dinge sehr hoch. Es war gang und gäbe, ein bisschen Zucker, Kaffee oder Stickereien aus der Schweiz zu schmuggeln. Bei den vielen Unterröcken, die die Damenwelt trug, war es immer möglich, eine Extragarnitur einzuschalten, ohne dadurch aufzufallen. Ich bin in einer zollfeindlichen Luft aufgewachsen und mir nie ganz klar darüber geworden, ob meine Einstellung zum Freihandel von dorther rührte oder aus den Lehrbüchern der klassischen Nationalökonomie. Die Bahnfahrt von Bregenz nach Hohenems dauerte noch eine Stunde. Am Bahnhof begrüßte uns Herr Weil, der Gepäckträger, mit langwallendem, weißen Bart. Er hatte ein so gütiges Lächeln, dass einer meiner kleinen Vettern einmal stracks auf ihn zuging und fragte: ›Bist du der liebe Gott?‹ Dann wurden wir in einen geräumigen, von zwei schwerfälligen Schimmeln gezogenen Landauer gepackt, und vier Wochen Seligkeit lagen vor uns.«1
Die jährliche Sommerfrische des jungen Moritz Julius Bonn liegt mehr als 130 Jahre zurück. Der Ort seiner mütterlichen Familie muss ihm, aus dem Frankfurter Westend kommend, wie ein etwas unwirkliches Idyll vorgekommen sein. Großvater Brunner – ein international zwischen St. Gallen, Wien und Triest erfolgreicher Bankier – züchtete hinter dem Haus Hühner. Großmutter Henriette aus Bozen vergnügte sich mit Seidenraupenzucht. Ein verschlafenes Städtchen, mehr ein großes Dorf mit urbanen, ja eigensinnig kosmopolitischen Einsprengseln, das schon damals, kurz vor der Wende ins 20. Jahrhundert, bessere Zeiten gesehen hatte. Für Bonn und seinen Cousin Bernhard Trier, der ebenfalls aus Frankfurt anreiste, um den Sommer hier bei den Großeltern zu verbringen, war es ein Paradies. Vor allem aber war es ein Ort, an dem alles ein wenig anders war, als man es erwartet. Vielleicht ist er das heute noch.
Bernhard Trier trat Anfang des Jahrhunderts dem Hohenemser Alpenverein bei, der lange Zeit mehr jüdische als nichtjüdische Mitglieder hatte, kletterte alle damals schon oder erst später legendären Nord- und Südwände der Dolomiten hinauf und hinunter und ließ sich schließlich in St. Anton am Arlberg nieder. Wo er mit einem »heimischen« Hotelier und einem Wiener Ingenieur aus jüdischer Familie, Rudolf Gomperz, vor allem aber mit dem besten Skifahrer weit und breit, Hannes Schneider, den modernen Skitourismus und die damals bedeutendste Skischule gründete.
Noch 70 Jahre später schwärmte Moritz Julius Bonn in London von den Sommerfrischen in Hohenems, nach einer Karriere als liberaler Nationalökonom und vielen Jahren der Emigration. Hohenems, das lag auf seiner imaginären Landkarte in einem unschuldigen Irgendwo, auf der Grenze zwischen einem untergegangen Habsburg-Österreich und der Schweizer Eidgenossenschaft. In der zollfeindlichen Luft der Heimat von Schmugglern und einem mehr oder minder legalen Grenzverkehr, der Vorarlberg ökonomisch, sprachlich, familiär mit dem Kanton St. Gallen verband – und dies zuweilen wirkungsvoller als die politische Zugehörigkeit zu Wien.
Der Toravorhang, den Bonns Großmutter 1905 dem Jüdischen Museum Wien schenkte, erzählt von all diesen Netzwerken und wird gerade in Hohenems ausgestellt. Witwe Brunner hatte den Parochet wohl von ihrer Bozener Familie geerbt, 1799 ließen sich Scheindle Levi aus Hohenems und ihr Mann Elchanan Henle den kostbaren Parochet in Bozen aus einem Frauenkleid, vermutlich Scheindles Hochzeitskleid, anfertigen. Scheindles Vater war Gemeindevorsteher in Hohenems, ihre Mutter kam aus Frankfurt.
Wo liegt Hohenems?
Die Koordinaten sind veränderlich. Die Grenze am Rhein zwischen Österreich und der Schweiz ist perforiert und doch spürbar. Gehört Vorarlberg zu Österreich? Natürlich, aber der Separatismus ist nicht aus den Köpfen, auch wenn er augenzwinkernd daherkommt und nicht fahnenschwingend, wie in Katalonien, wo ich gerade diese Zeilen schreibe. 1918 haben die Vorarlberger abgestimmt und 80% wollten Schweizer werden. Aber man hat sie nicht gelassen. Gehört Hohenems zu Vorarlberg? Natürlich, aber »Ems isch üsr« (Ems gehört uns). Und 1617, als Reichsgraf Kaspar von Hohenems zwölf jüdischen Familien den ersten Schutzbrief anbot, war Hohenems ein eigener kleiner Staat zwischen dem Habsburger Reich, der Eidgenossenschaft und dem Schwäbischen Reichskreis und reichte als Flickerlteppich vom Bodensee bis ans Südende des späteren Fürstentums Liechtenstein.
Wo liegt Hohenems wirklich? In der Phantasie eines jüdischen Lummerland oder im harten Alltag eines wachsenden europäischen Rechtspopulismus, der in Österreich seine besonders unappetitlichen Blüten treibt? Ich sollte, in Hohenems, noch nähere Bekanntschaft mit ihm machen. Als »Exil-Jude aus Amerika«, in den mich ein FPÖ-Spitzenkandidat im Wahlkampf verwandelte. Doch da sind wir noch lange nicht.
Eines ist sicher, Hohenems liegt mitten in der Diaspora. Doch hat die Diaspora eine Mitte? Für die Nachkommen der Hohenemser Juden offenbar, denn sie selbst sprechen von der Hohenemser Diaspora, gleich ob sie heute in Kalifornien leben oder in der Steiermark, in Italien oder in Israel, in New Jersey, Melbourne oder Brüssel, in London oder in Frankfurt am Main. Für sie ist dieser eigenartige Ort, an dem sich 300 lange (für jüdische Familien sehr lange) Jahre ihrer Familiengeschichte abgespielt haben, bis heute ein gedachter Mittelpunkt ihrer in alle Winde zerstreuten Welt.
Ankünfte 2
Von alldem hatte ich keine Ahnung, als ich das erste Mal von Frankfurt nach Hohenems fuhr. Keine Sommerfrische, sondern eine Ausstellungseröffnung im Winter. Mein Freund Reinhard Matz hatte zehn Jahre lang Konzentrationslager und ihre Museen fotografiert. Und Hohenems war das erste Museum im Ausland, das diese spröde und verstörende Analyse unseres Gedächtnis des Schreckens zeigen wollte. In Hohenems wurde gerade der Winter ausgetrieben, die Winterhexen verbrannt, riesige Feuertürme im Schnee. Ich spürte, dass ich jetzt eigentlich an Autodafés denken sollte. Aber das heitere heidnische Treiben gefiel merkwürdigerweise. Aber das war erst am Tag danach. Nach einer Ausstellungseröffnung in einer etwas traurigen, unendlich schönen Villa, in einem etwas traurigen, unendlich schönen Garten, in einem etwas traurigen, unendlich schönen, sehr heruntergekommenen Viertel. Von dem ich zunächst erfuhr, dass es einst das jüdische war. Und dann, dass es einst das Zentrum der Stadt war.
Ortsbesichtigung
Wenn mich heute Menschen fragen, warum es in diesem Ort ein jüdisches Museum gibt, dann zeige ich hinüber zur heutigen Marktstraße. Diese Gasse dort, sie hieß einmal »Christengasse«. Es dauert manchmal länger, bis der Groschen fällt, aber irgendwann fällt er. Und dann kommen die Fragen von alleine. Eine »Christengasse« gab es in Europa genau einmal. Hier.
Der Kern des Örtchens, gewachsen seit jenen Jahren, als die Reichsgrafen erst christliche, dann jüdische Migranten einluden, sich unter vergleichsweise guten Bedingungen eine neue Existenz aufzubauen (und die wirtschaftliche Dynamik und das politische Gewicht ihres Zwergstaats zu befördern), der kleine Kern der heutigen Stadt bestand aus Schlossplatz, Christengasse und Israelitengasse. Alles darum herum war Dorf und ist es zum Teil bis heute. Nur wenige Meter weiter kommen die ersten Kuhställe, freilich auch die Fabriken, nicht zuletzt Collini, die mit ihrer neuesten Werkhalle nun bis zum Bahndamm emporgewachsen sind. Als italienische, gut katholische Messerschleifer aus dem Trentino haben sie 1900 im jüdischen Viertel angefangen, für die Textilindustrie gearbeitet, nicht zuletzt für die Firma Rosenthal, deren Eigentümer vor genau 150 Jahren jene verwunschene Villa erbauten, in der heute das Museum residiert.
Damals schimpfte das antisemitische Vorarlberger Volksblatt, das Organ der Christlichsozialen und die größte Tageszeitung im Lande, über diese »jüdische Aktiengesellschaft«, die »unsere Schulen« mit italienischen Kindern vollstopfen würde, die kein Deutsch könnten. Inzwischen sind die Collinis die größten Arbeitgeber im Ort und an 15 anderen Standorten in Europa mit Metallveredlung beschäftigt, als europäischer Marktführer. In dem Haus, in dem sie in Hohenems angefangen haben, wohnen heute »türkische« Arbeiter. 16% der Hohenemser Bevölkerung hat heute ihre Wurzeln in der Türkei. Und in der Christengasse leben Muslime.
Und manche von ihnen kommen ins Jüdische Museum, um sich darüber zu informieren, wie schwer sich Mehrheiten mit Minderheiten tun. Und wie kulturelle Differenz soziale Erfahrung wird – und vielleicht noch häufiger: umgekehrt.
Ankünfte 3
Vor zehn Jahren kam ich wieder nach Hohenems. Diesmal, um zu bleiben. Das Museum suchte einen neuen Direktor. Und auch ich war auf der Suche. Das traf sich gut. Ich hatte Hohenems, ich hatte das Museum als einen Ort in Erinnerung, an dem spannende Begegnungen möglich waren, überraschende Begegnungen. Solche, mit denen man nicht rechnen kann und die deswegen wirklich etwas Neues schaffen....
| Erscheint lt. Verlag | 17.9.2014 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Jüdischer Almanach |
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Schulbuch / Wörterbuch ► Lexikon / Chroniken |
| Technik | |
| Schlagworte | Almanach • Begegnung • Juden |
| ISBN-10 | 3-633-73908-4 / 3633739084 |
| ISBN-13 | 978-3-633-73908-0 / 9783633739080 |
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