Acht Jahre in Dänemark (eBook)
164 Seiten
BoD - Books on Demand (Verlag)
978-3-8192-3882-6 (ISBN)
Kindheit und Jugend
Herkunft und erste Jahre
Mein Vater18 war Gerichtsschreiber in Ulm. Ich kannte ihn nicht. Der durch das ganze folgende Leben meiner Mutter19 nicht endende Schmerz um seinen Tod und das allgemeine ruhmvolle Zeugnis aller, die ihn kannten, geben mir die Versicherung, dass er ein braver, brauchbarer, tugendhafter und fleißiger Mann war. Als solcher starb er seiner Frau und seinen Kindern zu früh im 36. Jahr. – Segen über seine Asche!
Meine Mutter, die jüngste von vier Schwestern, genoss das Glück einer guten und friedlichen Ehe leider nur kurze Zeit und dieser erquickende Genuss wurde ihr niemals wieder zu Teil; es eröffnete sich vielmehr mit dem Tode ihres wackeren Mannes für sie ein Meer von Sorgen, Kummer und Leiden. Sie duldete stets als eine gute Christin, sorgte mit der größten Aufopferung und Sorgfalt für die Erziehung ihrer Kinder und handelte stets als eine um ihres Verstandes und ihrer Kenntnisse willen allgemein geschätzte Hausfrau, als redliche und tätige Mutter sowohl an ihren eigenen als auch an denen durch die zweite Ehe ihr anvertrauten Kindern.
Von vier Kindern, die sie gebar, war ich, Theodor Ulrich, der jüngste Sohn, geboren am 23. August 1766.
Am 28. Oktober 1767, als ich 14 Monate alt war, starb mein Vater. Vermögen konnte der gute Mann seiner Familie nicht hinterlassen, da er zu kurze Zeit in öffentlicher und befriedigender Besoldung stand. – Meiner Mutter ging es daher eine geraume Zeit sehr hart, da das ihr von der Obrigkeit zugeteilte Witwengehalt nicht einmal zu ihrer eigenen Erhaltung hinreichend war.
Fünf Jahre lang ernährte sie mich mit der mütterlichsten Aufopferung und wusste oft kaum, die nötige Speise für mich zu beschaffen.
Herr Professor Huzelsieder20 nahm meinen älteren Bruder, Johann Joseph21, zu sich, bis er zu einem zweiten Onkel nach Augsburg kam. – Dieser Herr Professor, mein Onkel, wurde Diakon an der hiesigen Dreifaltigkeitskirche und nahm auch mich als einen Knaben von sechs Jahren zu sich, als mein Bruder abgereist war. Er war ein guter und braver, aber sehr heftiger Mann und gab meiner Mutter einige Mal Veranlassung zu schmerzenden Tränen, indem er uns Knaben für unser damaliges Alter zu streng behandelte. Doch war dieses für sie sowohl als für uns Brüder nur der Vorbote einer darauf erfolgten noch strengeren Kinderzucht.
Nur ein halbes Jahr war ich bei ihm, als er starb. Die Frau Witwe, meine Tante, behielt mich noch ein halbes Jahr bei sich, tat viel Gutes an mir, hielt mir einen Hauslehrer, den deutschen Schullehrer W., und gab mich sogar eine Zeitlang zu ebendemselben in Kost und Logis, so lange sie das Bad in Überkingen besuchte. – Auch dieser Mann, dem ich hier anvertraut wurde, hatte nicht die beste Erziehungsmethode, indem er mich z.B. für einen begangenen Fehler in einen dunkelen Keller sperren wollte, von dem er mir zuvor verkündigte, dass ein hässlicher Kobold da unten hause, der sich die bösen Knaben in einen Sack sperrte etc. etc. Die Folge war, dass ich gegen das Einsperren wie ein Rasender kämpfte, meinem Lehrer entwischte und bis in die späte Nacht in der Stadt herumirrte. Nachdem man mich wieder aufgefangen hatte, bekam ich derb die Rute, fürchtete aber den Keller und das ganze Haus nach wie vor, besonders bei Nacht; auch entstand durch diese törichte Strafmanier in mir eine solche Angst und kindische Furcht, dass mich. das geringste Poltern in oder außer dem Hause bis zum Zittern ängstigte; z.B. das entfernte Rasseln eines Wagens bei Nacht auf der Straße, das Niederfallen einer Dochtschere, der unerwartete Eintritt einer bekannten oder unbekannten Person in das Zimmer etc. etc. Bis ins 15. Jahr hatte ich gegen diese kindische Furcht zu kämpfen.
In dieser Zeit wurde meine Mutter von ihrer Schwester, der Frau Oberrichter Kindervatter22, aus Mitleid in das Haus genommen.
Gymnasium in Ulm und Augsburg
Zu Anfang des Jahres 1773 sollte ich das Gymnasium in Ulm besuchen; meine Freude darüber und meine Begierde gingen so weit, dass ich in der Abwesenheit meiner Tante, den bereits fertigen blauen Mantel aussuchte und in der Dämmerung heimlich mit demselben ein paar Straßen der Stadt durchzog. Ich erinnere mich, dass ich mir in diesem gelehrten Aufzug sehr wohl gefiel und dass ich mich einer Professorenstelle sehr nahe dachte. Meine Begierde zu lernen war damals sehr groß.
Nur dieses einzige Mal bedeckte mich aber der blaue Mantel, denn es kam ein Schreiben von Augsburg, dass der Onkel Hindennach23, bei dem mein Bruder schon ein paar Jahre war, auch mich zu sich nehmen wolle.
Abb. 1: Ansicht von Augsburg, 1800, [10]
So verließ ich in meinem siebten Jahr das erste Mal meine Vaterstadt und traf voll neugieriger Erwartungen in Augsburg ein. Man nahm mich freundlich auf, schickte mich bald nach meiner Ankunft in das dortige Gymnasium, das unter der Leitung des Rektor Mertens bereits als eines der besseren in Schwaben bekannt war. Es wurde mir außerdem noch ein Hauslehrer gehalten, der mir und meinem Bruder das Christentum und die Vokabeln einprägte. Onkel Hindennach war in der gesellschaftlichen Welt als ein galanter Mann bekannt, in der Erziehung aber war er ein Barbar, der uns beide Knaben für das geringste Vergehen bis aufs Blut züchtigte. Unsere Betttücher waren öfters eben so blutig als die Hemden, die wir am Leib trugen, indem der getroffene Teil des Körpers nach jeder Züchtigung ein paar Wochen zur Heilung brauchte, wenn die letztere nicht durch neuerdings dazwischen gekommene Exekution noch weiter hinausgeschoben wurde. Dieser Mann hätte die Stelle eines Zuchtmeisters bei dem barbarischen Erziehungsorden der Trappisten24 verdient, wenigstens hätte er jeden Auftrag dieser Art mit Vergnügen verrichtet. – Ich kann nicht ohne Abscheu an diese Leidenszeit zurückdenken.
Da ich die Absicht habe, diesen Erzählungen aus meinem Leben immer auch das Fortschreiten meines Wissens, die Folgen, die eine Behandlung oder Begebenheit auf meine Seele und ihre Handlungen hatten, beizufügen; so sehe ich mich veranlasst auch diejenigen Wirkungen zu schildern, die diese harte Erziehung in meinem Innern hervorbrachte.
1) Ich wurde ängstlicher noch, als ich vorher war; bei jeder auch der unbescholtensten Handlung zitterte ich, wenn sich mir ein Mensch nahte, weil ich immer befürchten musste, es möchte an derselben etwas Unerlaubtes sein, das ich nicht kenne, und für das ich gestraft würde. Wenn mir jemand mit ernstem Blick ins Gesicht sah, so erschrak ich, als ob ich etwas Böses getan hätte.
2) Meine Furcht vor den häufigen Schlägen machte mich im eigentlichen Sinne des Wortes heimtückisch, indem ich mir angewöhnte, alles was ich tat und spielte, versteckt zu tun und jeden Menschen für einen Beobachter ja wohl gar für einen Ankläger meiner Handlungen anzusehen; aus dem letzten Grund dachte ich auch öfters über boshafte Neckereien nach, die ich erwachsenen Personen zuzufügen suchte, um meinen Argwohn zu rächen.
3) Fand ich ein besonderes Vergnügen am Zuschlagen auf fremde Kinder, auf Tiere und auch wohl gar auf leblose Dinge; es konnte mich eine halbe Stunde lang auf das angenehmste unterhalten mit einem Stecken auf ein Stück Leder oder auf einen Polster mit militärischem Ungestüm und mit Wut hinzuschlagen. Dieses Betragen muss nicht nur Nachahmungssucht, sondern ein wirklicher Keim von Rachgier über die erlittenen Misshandlungen gewesen sein.
Drei Jahre lang zitterte ich unter der Rute dieses Mannes, als unvermutet die Nachricht eintraf, dass sich meine Mutter zum zweiten Mal und zwar mit Herrn Johann Adam Holl25 in Ulm, verheiraten werde, und dass ich, als der jüngste Sohn, in das elterliche Haus zurückberufen sei. Meine Freude war unbeschreiblich groß und ich konnte kaum den Tag der Abreise erwarten. Der Abschied von meinem Bruder war mir schwer, weil es mir sehr weh tat, ihn unter den Händen dieses Unmenschen allein zurücklassen zu müssen.
Abb. 2: Ulm von Norden, 1790, [11]
1776. Der 20. Februar war der Hochzeitstag meiner Mutter und wenige Tage nachher traf ich in Ulm ein. Bei der Ankunft hob mich mein zweiter Vater aus der Augsburger Kutsche; eine unwillkürliche Empfindung erinnert mich daran, dass ich recht sehr erschrocken bin, als ich diesen Mann als meinen Vater erkennen musste; desto größer war die Freude als ich meine gute Mutter wieder sah.
An Ostern dieses Jahres wurde ich in die vierte Klasse des Ulmi-schen Gymnasiums eingeschult und war ein sehr guter und ehrgeiziger Schüler. Mein Hang zum Studium der lateinischen und griechischen Sprache war vorzüglich und zum theologischen Studium war außerordentlich groß. Während meines Aufenthaltes in Augsburg, als ein Knabe von acht Jahren, entwarf ich eine Predigt, die vor den Bewohnern des Hauses abgehalten werden sollte, es überfiel mich aber an eben diesem Tage eine Krankheit, die den vor Begierde brennenden Redner aufs Lager warf.
Während der vier Jahre, in denen ich das Ulmische Gymnasium besuchte und bis in die 6. Klasse vorrückte, verfasste ich mehrere kleine Reden, die ich auswendig lernte...
| Erscheint lt. Verlag | 1.7.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sachbuch/Ratgeber ► Geschichte / Politik ► Politik / Gesellschaft |
| Sozialwissenschaften ► Politik / Verwaltung | |
| Schlagworte | 18. Jahrhundert • Dänemark • Nübling • Soldat • Ulm |
| ISBN-10 | 3-8192-3882-4 / 3819238824 |
| ISBN-13 | 978-3-8192-3882-6 / 9783819238826 |
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