Tipping Point (eBook)
384 Seiten
Plassen Verlag
978-3-68932-013-3 (ISBN)
Malcolm Gladwell wurde 1963 in London geboren. 2005 führte ihn Time auf ihrer Liste der '100 Most Influential People'. Gladwell ist Autor unter anderem der Bestseller 'Tipping Point: Wie kleine Dinge Großes bewirken können' (2000), 'Blink! Die Macht des Moments' (2005) und 'Überflieger: Warum manche Menschen erfolgreich sind - und andere nicht' (2009).
EINFÜHRUNG
Für Hush Puppies – die klassischen amerikanischen Schuhe aus gebürstetem Wildleder mit der leichten Kreppsohle – kam der Kipppunkt irgendwann zwischen Ende 1994 und Anfang 1995. Die Marke war bis zu diesem Zeitpunkt so gut wie tot gewesen. Die Verkaufszahlen waren auf 30.000 Paar pro Jahr gesunken, die hauptsächlich an provinzielle Outlets und kleinstädtische Familienbetriebe verkauft wurden. Wolverine, die Firma, die Hush Puppies herstellt, dachte daran, die Schuhe, die sie berühmt gemacht hatten, auslaufen zu lassen. Doch dann geschah etwas Seltsames. Bei einem Modeshooting trafen zwei Führungskräfte von Hush Puppies – Owen Baxter und Geoffrey Lewis – auf einen New Yorker Stylisten, der ihnen erzählte, dass die klassischen Hush Puppies plötzlich in den Klubs und Bars von Downtown Manhattan angesagt seien. „Man erzählte uns“, erinnert sich Baxter, „dass es im Village, in Soho, Wiederverkaufsläden gäbe, in denen die Schuhe verkauft würden. Die Leute gingen in die Tante-Emma-Läden, die kleinen Läden, die sie noch führten, und kauften sie auf.“ Baxter und Lewis waren zunächst verblüfft. Es ergab für sie keinen Sinn, dass Schuhe, die so offensichtlich aus der Mode gekommen waren, ein Comeback feiern konnten. „Uns wurde gesagt, dass Isaac Mizrahi die Schuhe selbst trug“, sagt Lewis. „Ich denke, man kann mit Fug und Recht behaupten, dass wir zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung hatten, wer Isaac Mizrahi war.“
Im Herbst 1995 begannen sich die Dinge zu überstürzen. Zuerst rief der Designer John Bartlett an. Er wollte Hush Puppies in seiner Frühjahrskollektion verwenden. Dann rief eine andere Designerin aus Manhattan, Anna Sui, an, die ebenfalls Schuhe für ihre Show haben wollte. In Los Angeles stellte der Designer Joel Fitzgerald einen acht Meter großen aufblasbaren Basset Hound – das Symbol der Marke Hush Puppies – auf das Dach seines Geschäfts in Hollywood und entkernte eine angrenzende Kunstgalerie, um sie in eine Hush-Puppies-Boutique zu verwandeln. Während er noch mit den Malerarbeiten und dem Aufstellen der Regale beschäftigt war, kam der Schauspieler Pee-wee Herman herein und fragte nach ein paar Schuhen. „Das war reine Mundpropaganda“, erinnert sich Fitzgerald.
Im Jahr 1995 verkaufte das Unternehmen 430.000 Paar der klassischen Hush Puppies, im darauffolgenden Jahr waren es 4-mal so viele und im Jahr darauf noch mehr, bis Hush Puppies wieder ein fester Bestandteil der Garderobe des jungen amerikanischen Mannes waren. 1996 gewann Hush Puppies den Preis für das beste Accessoire bei der Preisverleihung des Council of Fashion Designers im Lincoln Center und der Präsident des Unternehmens stand zusammen mit Calvin Klein und Donna Karan auf der Bühne und nahm den Preis für eine Leistung entgegen, mit der sein Unternehmen – wie er als Erster zugeben würde – fast nichts zu tun hatte. Hush Puppies war plötzlich explodiert und alles begann mit einer Handvoll Kids im East Village und in Soho.
Wie konnte das passieren? Diese ersten paar Kids, wer auch immer sie waren, haben nicht absichtlich versucht, für Hush Puppies zu werben. Sie trugen sie, weil niemand sonst sie tragen wollte. Dann griff die Mode auf zwei Modedesigner über, die die Schuhe nutzten, um für etwas anderes zu werben – Haute Couture. Die Schuhe waren nur ein Nebeneffekt. Niemand versuchte, Hush Puppies zu einem Trend zu machen. Doch irgendwie ist genau das passiert. Die Schuhe erreichten einen gewissen Beliebtheitsgrad und somit den Kipppunkt. Wie kommt es, dass ein 30 Dollar teures Paar Schuhe innerhalb von zwei Jahren den Sprung von einer Handvoll Hipster und Designer in Downtown Manhattan in jedes Einkaufszentrum Amerikas geschafft hat?
1.
Vor nicht allzu langer Zeit verwandelten sich die Straßen in den hoffnungslos verarmten New Yorker Stadtteilen Brownsville und East New York bei Einbruch der Dunkelheit in Geisterstädte. Gewöhnliche Arbeiter gingen nicht auf den Bürgersteigen. Kinder fuhren nicht mit ihren Fahrrädern auf den Straßen. Alte Leute saßen nicht auf den Treppenstufen und Parkbänken. Der Drogenhandel war so weit verbreitet und Bandenkriege waren in diesem Teil Brooklyns so allgegenwärtig, dass sich die meisten Menschen bei Einbruch der Dunkelheit in ihre Wohnungen zurückzogen. Polizeibeamte, die in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren in Brownsville Dienst taten, berichten, dass in jenen Jahren, sobald die Sonne unterging, die per Funkgerät geführten Gespräche zwischen den Revierpolizisten und ihrer Leitstelle über jede erdenkliche Art von gewalttätigen und gefährlichen Straftaten einfach kein Ende nahmen. Im Jahr 1992 gab es in New York City 2.154 Morde und 626.182 schwere Verbrechen, wobei diese Verbrechen in Orten wie Brownsville und East New York am stärksten ins Gewicht fielen. Doch dann geschah etwas Seltsames. An einem mysteriösen und kritischen Punkt begann sich die Kriminalitätsrate umzukehren. Sie kippte. Innerhalb von fünf Jahren sank die Zahl der Morde um 64,3 Prozent auf 770 und die Gesamtzahl der Verbrechen um fast die Hälfte auf 355.893. In Brownsville und East New York füllten sich die Bürgersteige wieder, die Fahrräder kehrten zurück und die alten Leute saßen wieder auf den Treppenstufen. „Es gab eine Zeit, in der es nicht ungewöhnlich war, Schnellfeuer zu hören, wie irgendwo im Dschungel in Vietnam“, sagt Inspektor Edward Messadri, der das Polizeirevier in Brownsville leitet. „Ich höre die Schüsse nicht mehr.“
Die Polizei von New York City wird Ihnen sagen, dass sich die Polizeistrategien in New York dramatisch verbessert haben. Kriminologen verweisen auf den Rückgang des Crackhandels und die Überalterung der Bevölkerung. Wirtschaftswissenschaftler wiederum sagen, dass der allmähliche wirtschaftliche Aufschwung der Stadt im Laufe der 1990er-Jahre dazu geführt hat, dass diejenigen, die andernfalls vielleicht kriminell geworden wären, Arbeit gefunden haben. Dies sind die üblichen Erklärungen für das Auftauchen und den Niedergang sozialer Probleme, aber letztlich ist keine davon befriedigender als die Behauptung, dass die Kids im East Village das Revival der Hush Puppies verursacht haben. Die Veränderungen im Drogenhandel, in der Bevölkerung und in der Wirtschaft sind allesamt langfristige Trends, die sich im ganzen Land vollziehen. Sie erklären nicht, warum die Kriminalität in New York City so viel stärker zurückgegangen ist als in anderen Städten des Landes, und sie erklären auch nicht, warum dies alles in einer so außergewöhnlich kurzen Zeit geschah. Die von der Polizei vorgenommenen Verbesserungen sind ebenfalls wichtig. Aber es besteht eine rätselhafte Diskrepanz zwischen dem Ausmaß der Veränderungen in der Polizeiarbeit und dem Ausmaß der Auswirkungen auf Orte wie Brownsville und East New York. Schließlich ist die Kriminalität in New York nicht nur langsam zurückgegangen, als sich die Bedingungen allmählich verbesserten. Sie ist regelrecht eingebrochen. Wie kann eine Veränderung einer Handvoll wirtschaftlicher und sozialer Kennziffern dazu führen, dass die Mordrate innerhalb von fünf Jahren um zwei Drittel sinkt?
2.
„Tipping Point“ ist die Biografie einer Idee und die Idee ist sehr einfach. Das Aufkommen von Modetrends, die Ebbe und Flut von Verbrechenswellen, die Verwandlung unbekannter Bücher in Bestseller, die Zunahme des Rauchens bei Jugendlichen, das Phänomen der Mundpropaganda oder andere rätselhafte Veränderungen, die den Alltag prägen, lassen sich am besten verstehen, wenn man sie sich als Epidemien vorstellt. Ideen, Produkte, Botschaften und Verhaltensweisen verbreiten sich wie Viren.
Der Aufstieg von Hush Puppies und der Rückgang der Kriminalitätsrate in New York sind Paradebeispiele für Epidemien in Aktion. Auch wenn es so klingt, als hätten sie nicht viel gemeinsam, so gibt es doch ein wesentliches Muster, das ihnen zugrunde liegt. Zunächst einmal sind sie eindeutige Beispiele für ansteckendes Verhalten. Niemand hat eine Anzeige geschaltet und den Leuten gesagt, dass die traditionellen Hush Puppies cool sind und sie sie tragen sollten. Diese Kids trugen die Schuhe einfach, wenn sie in Klubs oder Cafés gingen oder durch die Straßen der New Yorker Innenstadt schlenderten, und setzten so andere Menschen ihrem Modebewusstsein aus. Sie steckten sie mit dem Hush-Puppies- „Virus“ an.
Der Rückgang der Kriminalität in New York ist sicherlich auf die gleiche Weise erfolgt. Es lag nicht daran, dass ein großer Prozentsatz der potenziellen Mörder 1993 plötzlich aufstand und beschloss, keine Verbrechen mehr zu begehen. Es war auch nicht so, dass es der Polizei auf magische Weise gelungen wäre, in einem hohen Prozentsatz von Situationen einzugreifen, die sonst tödlich ausgegangen wären. Was geschah, war, dass die wenigen Menschen in den wenigen Situationen, in denen die Polizei oder die neuen sozialen Kräfte einen gewissen Einfluss hatten, anfingen, sich ganz anders zu verhalten, und dieses Verhalten irgendwie auf andere potenzielle Kriminelle in ähnlichen Situationen übertrugen. Irgendwie wurde eine große Zahl von Menschen in New York in kurzer Zeit mit einem Anti-Verbrechens-Virus „infiziert“.
Das zweite charakteristische Merkmal dieser beiden Beispiele ist, dass in beiden Fällen kleine Veränderungen große Auswirkungen hatten. Alle möglichen Gründe, warum die Kriminalitätsrate in New York gesunken ist, sind Veränderungen, die am Rande stattfanden; es waren schrittweise Veränderungen. Der Crackhandel flachte ab. Die Bevölkerung wurde ein wenig älter. Die Polizeikräfte wurden etwas besser. Dennoch war der Effekt dramatisch. Das gilt auch für Hush Puppies. Von...
| Erscheint lt. Verlag | 29.5.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sachbuch/Ratgeber ► Geschichte / Politik ► Politik / Gesellschaft |
| Sozialwissenschaften ► Politik / Verwaltung | |
| Schlagworte | Auslöser für Veränderungen • Das Geheimnis der Wendepunkte • Dynamiken des Wandels • Einflussfaktoren im Alltag • Einfluss und Erfolg • Erfolgsfaktoren erkennen • Erfolgsmuster entschlüsseln • gesellschaftliche Veränderungen • Gesellschaftliche Wendepunkte • Gladwell über Veränderung • große Erfolge • große wirkung • Kleine Schritte • Kleine Ursachen • Malcolm Gladwell • Malcolm Gladwell Bestseller • Malcolm Gladwell Psychologie • Psychologie der Massen • Schlüsselereignisse im Leben • Schlüssel zum Erfolg • soziale Dynamiken • Tipping Point • Tipping Point Phänomene • Tipping Point und Erfolg • Trends und Tipping Points • Ursache und Wirkung im Alltag • Veränderungen in der Gesellschaft • Veränderungen verstehen • Verhaltensmuster analysieren • Wann Veränderungen geschehen • Wendepunkte im Leben • Wie Trends entstehen • Wie Veränderungen beginnen |
| ISBN-10 | 3-68932-013-5 / 3689320135 |
| ISBN-13 | 978-3-68932-013-3 / 9783689320133 |
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