Praxishandbuch: Psychosoziale Beratung (eBook)
336 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-8192-1819-4 (ISBN)
Thomas Kalkus-Promitzer wurde 1971 in Wien geboren. Inzwischen lebt und arbeitet er hauptsächlich in Graz. Er berät, begleitet, unterrichtet, schreibt und wirkt als psychosozialer Berater, Systemischer Coach, Erwachsenenbildner, Traumapädagoge, Traumazentrierter Fachberater und Supervisor. Für seine Arbeit wurde er mehrmals ausgezeichnet. In seiner Freizeit arbeitet er ehrenamtlich als psychosozialer Akutbetreuer des Kriseninterventionsteams des Landes Steiermark.
Herausfordernde Klient:innen in der Beratung
Ein differenzierter Blick
So wie wir als Berater:innen unterschiedliche Haltungen und Rollen einnehmen können, tun das auch unsere Klient:innen. In der psychosozialen Beratung kann es hilfreich sein, bestimmte Verhaltensweisen einzuordnen und die dahinterliegenden Dynamiken besser zu verstehen. Dabei geht es nicht darum, Menschen in Schubladen zu stecken oder sie vorschnell zu bewerten. Im Gegenteil: Jede Person ist einzigartig und verdient unsere ungeteilte Aufmerksamkeit. Die folgenden Beschreibungen sollen dir nicht als Etikett, sondern als Reflexionshilfe dienen - als Einladung, dein Gegenüber differenziert wahrzunehmen und professionell zu begleiten.
Wenn ich in diesem Kapitel von „herausfordernden Klient:innen“ spreche, dann meine ich damit nicht Menschen, die „schwierig“ sind, sondern Situationen, in denen sich die Beratungsdynamik als besonders komplex, blockiert oder herausfordernd für dich als Berater:in gestaltet. Jede Herausforderung ist auch ein Kommunikationsangebot. Es liegt an uns, dieses Angebot anzunehmen - mit Klarheit, Respekt und professioneller Haltung.
Die folgenden Typisierungen sollen dir dabei helfen, dich in der Beratung besser zu orientieren. Sie ersetzen nicht das individuelle Verstehen, sondern schaffen ein erweitertes Verständnis für typische Dynamiken, die dir im Beratungsalltag begegnen können. Du wirst feststellen, dass sich einzelne Verhaltensweisen überschneiden oder mischen können. Das ist normal. Der Mensch passt nicht in Kategorien, aber Kategorien können helfen, das menschliche Verhalten differenziert zu betrachten.
Klagende:r
Klagende Klient:innen kommen häufig mit einem hohen Leidensdruck in die Beratung. Sie berichten ausführlich über Ungerechtigkeiten, Verletzungen, Überforderungen und empfundene Missverständnisse. Oft gelingt es ihnen nicht, aus der Opferperspektive auszusteigen. Der Fokus liegt auf dem, was nicht geht, was nicht möglich ist, was ihnen angetan wurde. Das Jammern wird zur vertrauten Sprache.
Dahinter kann ein Gefühl tiefer Hilflosigkeit oder Ohnmacht stehen. Manche Klagende haben gelernt, dass sie nur durch Leiden Aufmerksamkeit bekommen. Andere haben internalisiert, dass sie für ihr eigenes Unglück verantwortlich sind und tragen schwer daran. Es kann auch eine Schutzfunktion haben, sich nicht mit den eigenen Ressourcen oder mit unangenehmen Veränderungen zu beschäftigen. Die Perspektive ist eng, der Blick auf Lösungen oft verstellt.
Im Umgang mit klagenden Klient:innen braucht es Geduld, Empathie und einen klaren, strukturierten Rahmen. Es hilft, sich nicht in langen Leidensgeschichten zu verlieren, sondern gezielt nach Ausnahmen, Stärken und kleinen Handlungsspielräumen zu fragen. Die Arbeit an hinderlichen Glaubenssätzen kann eine zentrale Rolle spielen. Wichtig ist, sich nicht in die Retterrolle ziehen zu lassen, sondern den Klient:innen zuzutrauen, eigene Wege zu finden. Die Haltung: „Ich sehe Ihren Schmerz, und ich glaube an Ihre Kraft“ kann ein tragender Leitgedanke sein.
Hypochonder:in
Hypochondrische Klient:innen berichten von Problemen, Symptomen oder Belastungen, die sie als sehr bedrohlich empfinden. Nicht immer lassen sich diese Belastungen objektiv nachweisen. Für die Klient:innen sind sie dennoch real. Oft steht nicht das konkrete Problem im Zentrum, sondern die darunter liegende Angst, etwas könnte nicht stimmen. Die Suche nach Beruhigung wird zum ständigen Begleiter.
Dieses Verhalten ist nicht manipulativ oder bewusst gesteuert, sondern meist Ausdruck eines tiefen Bedürfnisses nach Sicherheit oder Zuwendung. Die Beratung kann hier zur Entlastung beitragen, indem eine differenzierte Problemwahrnehmung angeregt wird. Hilfreich sind Fragen wie:
- Was würde geschehen, wenn dieses Problem nicht mehr vorhanden wäre?
- Wer wären Sie ohne dieses Symptom?
- Was würden Sie dann brauchen?
Wichtig ist, die Sorgen ernst zu nehmen, ohne sie zu bestätigen. Ziel ist nicht, die Symptome zu „entlarven“, sondern gemeinsam zu erforschen, welche Funktion sie erfüllen. Hypochondrische Klient:innen profitieren von Struktur, Anerkennung ihrer Gefühle und einem klaren Rahmen, in dem Unsicherheiten ausgehalten werden dürfen.
Besucher:in
Besucher:innen kommen nicht immer aus eigenem Antrieb in die Beratung. Manche wurden geschickt, andere sind aus Neugier da, wieder andere wollen eigentlich nur testen, ob Beratung etwas für sie sein könnte. Ihre Mitarbeit ist oft begrenzt, ihr Anliegen bleibt vage oder oberflächlich. Sie senden unterschwellig die Botschaft: „Ich bin nur hier, weil ich soll - nicht weil ich will.“
In solchen Situationen ist es wichtig, den Kontakt nicht zu erzwingen. Stattdessen kannst du explorieren, was die Klient:innen sich von der Beratung erhoffen - wenn überhaupt etwas. Auch ein vordergründiges Ziel („Ich wollte mal sehen, wie das abläuft“) kann wertvoll sein. Wenn du es schaffst, die Eigenverantwortung anzusprechen und echte Neugier zu wecken, öffnet sich vielleicht ein Fenster. Falls nicht, ist das ebenfalls in Ordnung. Beratung beginnt da, wo ein wirklicher Wunsch nach Entwicklung entsteht.
Co-Berater:in
Co-Berater:innen kommen mit einem hohen Maß an Reflexionsfähigkeit. Sie haben sich oft schon intensiv mit ihrem Anliegen auseinandergesetzt und präsentieren dir erste Ideen oder fertige Lösungsvorschläge. Manchmal suchen sie keine Begleitung, sondern eine Bestätigung. In der Beratung begegnet dir also nicht jemand mit einer Frage, sondern jemand mit einer These.
Diese Rolle birgt die Gefahr, dass du dich entweder unterfordert fühlst oder in Konkurrenz gerätst. Die Kunst besteht darin, die Expertise der Klient:innen zu würdigen und gleichzeitig die Tür zu öffnen für neue Perspektiven. Du kannst auf der Metaebene arbeiten: „Was hat Sie zu dieser Lösung geführt?“ oder „Was möchten Sie durch die Rückmeldung gewinnen?“. So ermöglichst du einen echten Reflexionsprozess, ohne in die Rolle der:des Besserwisser:in zu rutschen.
Resignierte:r
Resignierte Klient:innen haben häufig den Glauben an Veränderung verloren. Sie haben schon vieles versucht, oft ohne Erfolg. Enttäuschungen, Misserfolge oder traumatische Erfahrungen haben dazu geführt, dass sie sich machtlos fühlen. Ihre Sätze klingen dann oft wie: „Das bringt doch alles nichts.“ oder „Ich bin einfach so.“
Wenn du mit Resignation konfrontiert bist, kann schon die Tatsache, dass die Person zur Beratung gekommen ist, ein erster Hoffnungsschimmer sein. Nimm diesen zarten Impuls ernst. Arbeite mit kleinen Schritten, stärke die Selbstwirksamkeit und hilf, neue Erfahrungen zu machen. Wichtig ist auch hier: Setze keine Erwartungen, sondern bleib geduldig und zugewandt. Resignation braucht einen geschützten Raum, um sich in Hoffnung zu verwandeln.
Fordernde:r
Fordernde Klient:innen erwarten schnelle Ergebnisse. Sie betrachten Beratung als Dienstleistung mit konkretem Output. Ihr Auftreten ist oft bestimmt, manchmal fordernd, gelegentlich auch herablassend. Sie wollen klare Antworten, Handlungsvorgaben und Lösungen, am besten sofort.
Die Herausforderung besteht darin, der Versuchung zu widerstehen, in eine Leistungserbringung zu rutschen. Du bist keine Dienstleister:in, die Probleme auf Bestellung löst. Stattdessen braucht es ein transparentes Setting: Beratung ist ein gemeinsamer Prozess, kein Konsumprodukt. Klare Absprachen zu Beginn können helfen: „In der Beratung unterstütze ich Sie dabei, eigene Antworten zu finden. Ich begleite Sie auf dem Weg, aber ich gehe ihn nicht für Sie.“
Grenzen zu setzen, ohne den Kontakt abzubrechen, ist entscheidend. Fordernde Klient:innen können lernen, Verantwortung zu übernehmen - wenn sie ernst genommen und gleichzeitig liebevoll konfrontiert werden.
Suchende:r
Suchende Klient:innen wirken zunächst sehr motiviert. Sie wollen sich entwickeln, Veränderung erleben, neue Wege gehen. Dabei setzen sie sich häufig hohe Ziele, manchmal sogar unrealistische. Ihr Anspruch an sich selbst ist enorm, und nicht selten geraten sie unter Druck, allem gleichzeitig gerecht werden zu wollen.
Die Aufgabe in der Beratung besteht darin, gemeinsam zu klären, was wirklich wichtig ist. Welche Ziele sind kurzfristig erreichbar? Welche Schritte sind realistisch? Suchende profitieren von Struktur, Priorisierung und einem klaren Rahmen. Es kann hilfreich sein, die Energie zu bündeln und kleine Erfolge sichtbar zu machen, um dem Gefühl der Überforderung entgegenzuwirken.
Manchmal erweist sich auch ein Blick auf die Herkunft dieser hohen Ansprüche als lohnend. Welche inneren Stimmen treiben die Person an? Wessen Erwartungen sollen erfüllt werden? Die Beratung kann dabei unterstützen, unrealistische Ideale loszulassen und durch tragfähige, authentische Ziele zu ersetzen.
Ein sinnvoller Abschluss gelingt oft dann, wenn gemeinsam eine stimmige, erreichbare Entwicklungsrichtung formuliert wird, die weder überfordert noch unterfordert - sondern motiviert, stärkt und im besten Fall zu mehr Selbstakzeptanz...
| Erscheint lt. Verlag | 23.4.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sachbuch/Ratgeber ► Gesundheit / Leben / Psychologie |
| ISBN-10 | 3-8192-1819-X / 381921819X |
| ISBN-13 | 978-3-8192-1819-4 / 9783819218194 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
Größe: 540 KB
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich