Hitlers Bombe
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Nach jahrelanger Recherche entschlüsselte der Berliner Historiker Rainer Karlsch eines der größten Rätsel des Dritten Reiches. Neben Belegen für die Kernwaffenversuche fand er auch einen Entwurf für ein Plutoniumbombenpatent aus dem Jahr 1941 und entdeckte im Umland Berlins den ersten funktionierenden deutschen Atomreaktor.
Rainer Karlsch, geb. 1957, Dr. oec., Promotion 1986 an der Humboldt-Universität Berlin, danach Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Humboldt-Universität, der Historischen Kommission Berlin und der Freien Universität Berlin. Z
Vorwort Gab es eine deutsche Atombombe? Bislang war die internationale Forschung davon ausgegangen, dass die deutschen Kernphysiker im Wettlauf um die Bombe weit hinter den Amerikanern zurück lagen. Neue Archivfunde und physikalische Analysen, die in diesem Buch erstmals der Öffentlichkeit vorgelegt werden, machen eine Neubewertung erforderlich. Hitlers Bombe, eine taktische Kernwaffe, deren Zerstörungspotential weit unterhalb des Potentials der beiden amerikanischen Atombomben lag, wurde kurz vor Kriegsende mehrfach erfolgreich getestet. Ihr Einsatz hätte dem Zweiten Weltkrieg beinahe noch ein weiteres furchtbares Kapitel hinzugefügt. Unser Denken wird von Bildern geprägt. Zu den gewaltigsten Bildern, mit denen die Geschichte des 20. Jahrhunderts für immer verbunden sein wird, gehören die Foto- und Filmaufnahmen von Atompilzen. Der zerstörerische Feuerball, die riesige Staubwolke, die wüste Leere im Zentrum der Explosion, die kilometerweit sichtbaren schweren Schäden - all das hat sich tief in das historische Gedächtnis der Völker eingeprägt. Keiner, der die Aufnahmen der zerschmolzenen, in Nichts aufgelösten menschlichen Überreste gesehen hat, wird das von ihnen ausgehende Grauen je vergessen. Hiroshima wurde zu einer der zentralen Metaphern für das vergangene Jahrhundert. Seit den amerikanischen Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945 wird eine Atomexplosion mit der größten anzunehmenden Zerstörungskraft gleichgesetzt. So groß die Abscheu der Menschen vor Atombomben seitdem ist, so wenig wissen wir konkret über die Funktionsweise dieser Waffen und die von ihnen ausgehenden Gefahren. Dafür sorgen nicht zuletzt die Regierungen jener Staaten, die im Besitz von Kernwaffen sind. Neben den fünf ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrates, USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich, gehören dazu heute Israel, Indien, Pakistan und Nordkorea. Allerdings verfügen zahlrei- 12 Vorwort che weitere Staaten über das theoretische Wissen zur Herstellung von Kernwaffen, was die Geheimniskrämerei noch erhöht. So herrschen zum Beispiel völlig falsche Auffassungen über die Dauer und Intensität der Strahlenwirkungen nach einer Atomexplosion vor. Viele glauben, ein Explosionsgebiet sei auf Jahrzehnte verseucht und könne ohne Gefahr für Leib und Leben nicht mehr betreten werden. Tatsächlich sinkt die radioaktive Belastung im Explosionsgebiet bereits Stunden nach dem Ereignis drastisch ab.1 Amerikanischen Wissenschaftlern gelang es einige Wochen nach dem Atombombenabwurf in Hiroshima nur mit Mühe, eine erhöhte Radioaktivität nachzuweisen. Stünden keine Denkmäler in den Städten, würde ein unwissender Besucher heute nicht einmal ahnen, welche Tragödien sich dort im August 1945 ereignet hatten. Das oft gebrauchte Bild von der »nuklearen Wüste« ist emotional hochwirksam, trifft aber nicht die Wirklichkeit. Weil auch ich mich zunächst an den Bildern von Hiroshima orientierte, tat ich die ersten Hinweise auf einen deutschen Atombombentest im Frühjahr 1945 als Unsinn ab. Dann aber erwachte doch die Neugier des Forschers. Sie stand am Anfang dieses Buches. In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre hatte ich mich eingehend mit dem Uranerzbergbau in der ehemaligen DDR beschäftigt und darüber publiziert.2 In der einschlägigen Literatur wurde daraufhin mein Name häufig genannt, und regelmäßig erreichten mich Anfragen zu diesem oder jenem Detail. Im Mai 2001 erhielt ich einen kurzen Brief des Fernsehjournalisten Heiko Petermann. Er gehe der Frage nach, ob im Deutschen Reich kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges Atombomben getestet wurden, und wolle von mir wissen, wie viele Tonnen Uran den Deutschen damals zur Verfügung gestanden hätten. Ich fühlte mich düpiert, und meine Antwort fiel entsprechend knapp und abweisend aus. Heiko Petermann legte mir daraufhin Berichte von Zeitzeugen vor, die allesamt darauf hinausliefen, dass Anfang März 1945 in Thüringen eine kleine Atombombe erprobt worden war. Die Zeugen zitierten aus Gesprächen mit einigen der für das Experiment verantwortlichen Wissenschaftler, schilderten einen erfolgreich durchgeführten Test und berichteten vom Tod mehrerer hundert zu diesem Experi- Vorwort 13 ment abgestellter Kriegsgefangener und Häftlinge infolge einer gewaltigen Explosion. Ein Zeuge hatte angeblich noch die letzten Worte eines sterbenden Kriegsgefangenen im Ohr: »Feuer, viele sofort tot, von der Erde weg, einfach nicht mehr da, viele mit großen Brandwunden, viele blind.«3 All dies klang sehr abenteuerlich und wenig beweiskräftig. Über eine mysteriöse Wunderwaffe hatte die Führungselite des Dritten Reichs wiederholt in dunklen Andeutungen gesprochen. Gegenüber dem rumänischen Staatschef Antonescu verwies Hitler im August 1944 auf eine Bombe, die eine so gewaltige Wirkung habe, dass sie »in einem Umkreis von drei bis vier Kilometern von der Einschlagstelle alles menschliche Leben vernichten würde.«4 Sein Rüstungsminister, Albert Speer, ging im Januar 1945 bei einem VierAugen-Gespräch noch weiter und erklärte: »wir müssen nur noch ein Jahr durchstehen, dann haben wir den Krieg gewonnen.« Es gebe da einen neuen Sprengstoff, sagte Speer und deutete auf eine auf dem Tisch liegende Streichholzschachtel: »Ein Atomexplosivstoff, so groß wie diese Schachtel, ist imstande, ganz New York zu zerstören.«5 Noch Anfang März 1945, als amerikanische Truppen bereits den Rhein überschritten hatten und die Rote Armee nur noch 60 Kilometer von Berlin entfernt an der Oder stand, setzte der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, in einem Gespräch mit seinem Leibarzt seine Hoffnungen auf eine Atombombe: »Wir haben unsere letzte Wunderwaffe noch nicht zum Einsatz gebracht. Die V1 und V2 sind zwar effektive Waffen, aber unsere entscheidende Wunderwaffe wird Wirkungen zeitigen, wie sie sich niemand vorstellen kann. Ein oder zwei Schüsse und Städte wie New York oder London werden vom Erdboden verschwinden.»6 Es gibt eine Reihe ähnlicher Äußerungen aus dem engsten Kreis um Hitler. Sofern die zeitgeschichtliche Forschung überhaupt darauf einging, deutete sie diese als Propaganda oder Wunschdenken, fern jeder Realität. Der Stand der historischen Forschung erschien mir eindeutig zu sein. Das Scheitern des deutschen Atomprojekts kann man in jedem besseren Geschichtsbuch nachlesen:7 Seit Mitte 1939 gab es demnach den nicht sonderlich effektiv arbeitenden Uranverein, einen Forschungsverbund unter der Leitung des Heereswaffenamtes beziehungsweise des Reichsforschungsrates. Da es der deutsche Chemiker Otto Hahn 14 Vorwort war, der die Uranspaltung im Dezember 1938 entdeckt hatte, mussten die Alliierten jedoch davon ausgehen, dass die deutschen Wissenschaftler energisch daran arbeiteten, die Atomenergie für militärische Zwecke einzusetzen. Die Furcht vor einer deutschen Bombe war ein mächtiger Antrieb für ihr eigenes Projekt. Über den Stand der deutschen Atomforschung lagen in London, Washington und Moskau zunächst nur spärliche und ungenaue Informationen vor. Der militärische Leiter des amerikanischen Atomprojektes, General Leslie R. Groves, stellte daher 1943 eine Spezialgruppe unter dem Tarnnamen »Alsos« zusammen. Sie sollte herausfinden, wie weit die Deutschen mit ihren Anstrengungen gekommen waren.8 Zum wissenschaftlichen Leiter wurde der niederländische Physiker Samuel A. Goudsmit ernannt.9 Er brachte nicht nur die erforderlichen Voraussetzungen mit, sondern kannte aus seiner Studienzeit in Göttingen auch viele der wichtigsten deutschen Physiker persönlich. Ein wichtiger Fund gelang Goudsmits Männern im November 1944 in der Reichsuniversität Straßburg. Aus dort erbeuteten Forschungsunterlagen ging hervor, dass die Deutschen noch immer über die Konstruktion einer »Uranmaschine« debattierten. Sie hatten demnach noch nicht einmal einen funktionsfähigen Reaktor, mit dem sie Spaltstoffe für den Bau einer Bombe hätten gewinnen können. Später schrieb Goudsmit: »Es gab keinen Zweifel. Das vorliegende Material bewies eindeutig, dass die Deutschen eine Atombombe weder hatten, noch in irgendeiner praktikablen Form konstruieren konnten [...] Nach Straßburg war es nur noch ein Abenteuer.«10 Diese Einschätzung teilte Ende 1944 auch der britisch-amerikanische Ge-heimdienstausschuss.11 Nach dem Ende der Kämpfe in Europa stand für die Amerikaner die Aufklärung der deutschen Atomgeheimnisse nicht mehr im Vordergrund. Sie konzentrierten sich auf die Abschirmung des Manhattan Projektes, denn noch war der Krieg gegen Japan nicht beendet. Eine öffentliche Diskussion über die Uranforschung wollten sie schon deshalb vermeiden, weil sie die Sowjetunion vom Atomgeheimnis fernzuhalten suchten. Aus diesen Gründen wurden im Sommer 1945 zehn der wichtigsten deutschen Wissenschaftler nach Großbritannien gebracht und auf dem Landsitz Farm Hall interniert. Rund um die Uhr hörte man ihre Gespräche ab. Als diese Protokolle An- Vorwort 15 fang der neunziger Jahre endlich freigegeben wurden, schienen die letzten Zweifel beseitigt.12 Die deutschen Wissenschaftler waren mit ihrem Projekt gescheitert, den »Krieg der Physiker« hatten die Amerikaner gewonnen. Als einzige Atommacht sahen sich die Amerikaner unmittelbar nach dem Krieg in einer neuen dominierenden Rolle, was zu ihrer Geringschätzung der wissenschaftlichen Leistungen anderer Länder beitrug. Goudsmit zeichnete 1947, unter dem Eindruck der Verbrechen des NS-Regimes und voller Wut auf die deutschen Eliten, ein bisweilen grob verzerrendes Bild der deutschen Atomforschung. Als Gründe für das Scheitern der deutschen Physiker nannte er die Vernachlässigung der Grundlagenforschung und vor allem das Missmanagement des Uranprojekts. Er verglich Wissenschaft unter einem totalitären Regime mit Wissenschaft in einer Demokratie und zog die Schlussfolgerung, dass nur in einer Demokratie der geistige Freiraum bestehe, der die Wissenschaft zur vollen Entfaltung kommen lasse. Die These schien einleuchtend, vermochte aber nicht zu erklären, warum das Dritte Reich, wie im übrigen auch die Sowjetunion, auf ausgewählten Gebieten der Rüstungsforschung an der Spitze des technischen Fortschritts stand. Goudsmits Hauptschlag galt dem Nobelpreisträger Werner Heisenberg, den er als den wissenschaftlichen Kopf des deutschen Projekts sah. Heisenberg und seine Mitarbeiter hätten sehr wohl eine Atombombe bauen wollen, seien aber letztendlich an ihren wissenschaftlichen Fehlern und ihrer Selbstgefälligkeit gescheitert. Das wollten die in ihrer wissenschaftlichen Ehre angegriffenen deutschen Wissenschaftler nicht auf sich sitzen lassen. Einige reagierten mit Artikeln in Fachzeitschriften, in denen sie ihre Rolle in der Forschung des Dritten Reiches zurechtzurücken suchten.13 Andere beschränkten sich auf die Darlegung ihrer Forschungsleistungen, vermieden aber jeden Bezug zu den Zeitumständen.14 Unter dem Strich vermitteln diese Darstellungen den Eindruck, an den physikalischen Instituten im Deutschen Reich sei während des Krieges ausschließlich Grundlagenforschung betrieben worden. Dies war der deutsche Beitrag zur Legendenbildung. Das erste von einem Außenstehenden geschriebene Buch erschien 1956 und sorgte für Furore: »Heller als tausend Sonnen«.15 Der Autor Robert Jungk stützte sich hauptsächlich auf seine Interviews 16 Vorwort mit führenden Wissenschaftlern des Uranvereins. Er vertrat die These, dass ein Kreis von überzeugten Regimegegnern unter den deutschen Physikern das Uranprojekt in unverfängliche Bahnen gelenkt und damit verhindert habe, dass Hitler in den Besitz einer Atombombe gelangte. Zehn Jahre später griff der britische Autor David Irving das Thema auf und zeichnete das Bild eines dramatischen Wettlaufs zwischen Deutschen und Alliierten um die Entwicklung der ersten Atombombe.16 Anfangs hätten die Deutschen wichtige Trümpfe in der Hand gehabt, aber Ende 1942 seien sie von den Amerikanern überholt worden. Während das deutsche Projekt nur noch im Schneckentempo vorangekommen sei, hätten sich die Amerikaner mit dem »Manhattan Project« einen gewaltigen Atomkomplex geschaffen. Neue Maßstäbe setze Anfang der neunziger Jahre der amerikanische Wissenschaftshistoriker Mark Walker mit seinen Büchern und Artikeln.17 Sie basierten vor allem auf der Auswertung der »German Reports«, mehr als 390 Forschungsberichten, die zwischen 1939 und 1945 von den Mitgliedern des Uranvereins verfasst worden waren.18 Walker räumte mit dem von Robert Jungk in die Welt gesetzten »Mythos der deutschen Atombombe« auf. Die Deutschen hätten keineswegs beschlossen, so Walker, die schreckliche Waffe nicht zu bauen. Seiner Meinung nach waren die Forscher um Heisenberg gar nicht weit genug gekommen, um überhaupt eine Entscheidung für oder wider den Bombenbau fällen zu müssen. Im Vorwort zur deutschen Ausgabe von Walkers Buch »Die Uranmaschine« zog Robert Jungk seine These vom passiven Widerstand der führenden deutschen Physiker zurück.19 Mit dem Buch »Heisenbergs Krieg« entfachte der amerikanische Wissenschaftsjournalist Thomas Powers die Diskussion um den passiven Widerstand der deutschen Physiker wenige Jahre später aufs Neue.20 Seiner Ansicht nach hatte Heisenberg das deutsche Projekt ganz bewusst in eine »Abstellkammer« manövriert. Diese Sichtweise löste heftigen Widerspruch aus.21 Die Kontroverse hielt an und wurde durch den Fernsehfilm »Ende der Unschuld« von Wolfgang Menge sowie das Bühnenstück »Kopenhagen« von Michael Frayn noch be-fördert.22 Im Vordergrund der Debatte stand stets die Frage nach der moralischen Verantwortung des Wissenschaftlers. An kaum einem anderen historischen Beispiel lassen sich Pro und Contra der »wertfreien Wissenschaft« so gut illustrieren. Vorwort 17 In diesen über ein halbes Jahrhundert geführten Debatten interessierte sich kaum jemand dafür, dass es neben Heisenberg und dem Uranverein noch andere Forschungsgruppen gab. Es blieb Außenseitern wie dem britischen Physiker Philip Henshall vorbehalten, darauf hinzuweisen, dass die Deutschen vermutlich doch weiter gekommen seien, als angekommen wurde.23 Henshalls These von einer geheimen nuklearen Kooperation des Deutschen Reiches mit dem Kaiserreich Japan blieb zwar unbewiesen, warf aber spannende neue Fragen auf. Die Spekulationen schossen ins Kraut, und am Ende wollten ein paar Unverbesserliche wissen, dass es sich bei den gegen Hiroshima und Nagasaki eingesetzten Bomben nicht um amerikanische, sondern um deutsche Bomben gehandelt habe.24 In Verschwörungstheorien dieser Art zieht eine Behauptung die andere nach sich, keine lässt sich wirklich erhärten.25 Dem Wissenschaftler stehen zum Glück zahlreiche Möglichkeiten der Überprüfung zur Verfügung. Er sollte in der Lage sein, die Spreu vom Weizen zu trennen. »Was nicht in den Akten steht, das hat auch nicht stattgefunden.« Mit diesem dezenten Hinweis pflegen Vorgesetzte ihren Wunsch zu umschreiben, bei einer bevorstehenden Aktion möglichst wenig schriftlich zu fixieren. Gerade in Kriegszeiten werden viele der brisantesten Unterlagen vernichtet. Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst. Es herrschen Geheimhaltung und Zensur. In einem ganz besonderen Maße traf dies auf die Atomprojekte zu. In Washington und Moskau ist ein Teil der wichtigsten Dokumente bis heute für die historische Forschung gesperrt. Historiker arbeiten systematisch mit den vorhandenen Quellen. Deshalb neigen sie dazu, schlecht dokumentierte Ereignisse lieber auszublenden, was zu einer Verengung des Blickwinkels führen kann. Genau dies war bei der Erforschung der Geschichte der deutschen Atomforschung der Fall. Sie wurde auf den Uranverein verengt, weil der Uranverein die meisten Schriftstücke hinterließ. Dabei geriet außer Betracht, dass nicht nur das Heer beziehungsweise der Reichsforschungsrat Atomphysik betrieben, sondern auch Marine und Luftwaffe, die Reichspost und mehrere große Unternehmen. Deren Aktivitäten wurden, wenn überhaupt, nur am Rande berücksichtigt. Erschwerend kam hinzu, dass infolge der von den Alliierten beschlossenen Auftei- 18 Vorwort lung des Deutschen Reiches die Unterlagen vieler wissenschaftlicher Einrichtungen und Behörden in alle Winde verstreut wurden. So erbeuteten sowjetische Truppen in Berlin das Schriftgut des KaiserWilhelm-Instituts (KWI) für Physik, zahlreiche Akten des Heereswaffenamtes und anderer militärischer Dienststellen, komplette Firmenarchive und vieles andere mehr. Bis zum Ende der Sowjetunion 1991 gab es keine Chance, in diese Akten Einblick zu nehmen. Die Suche nach diesen Unterlagen hatte für das vorliegende Buch einen zentralen Stellenwert. Dank der Hilfe russischer Freunde, der Leiterin des Forschungsprogramms »Geschichte der Kaiser-WilhelmGesellschaft im Nationalsozialismus«, Carola Sachse, und der Unterstützung durch die Präsidentenkommission der Max-Planck-Gesellschaft konnten der in Russland lagernde Bestand des KWI für Physik und weitere Unterlagen in den Jahren 2002 bis 2004 erstmals für die historische Forschung erschlossen werden. Was den hohen Grad der Geheimhaltung durch die Deutschen selbst angeht, so war dazu bereits im Januar 1940 ein grundsätzlicher Befehl Hitlers erlassen worden.26 Je mehr sich die Kriegslage verschlechterte, desto misstrauischer wurde er.27 Sein Pilot Hans Baur berichtete, dass Hitler den Verdacht hegte, in seinem engeren Umfeld befinde sich ein Spion. »Ende 1944 herrschte im Führerhauptquartier eine Atmosphäre der gegenseitigen Verdächtigung.«28 Besonders brisante Gespräche pflegte Hitler unter vier Augen zu führen. Dies galt auch für die Atomforschung. Wir werden daher nie erfahren, wie genau seine Kenntnisse von den Fortschritten des Uranprojekts waren. In größerer Runde wurde nur sehr allgemein über die »Wunderwaffen« gesprochen. Nahm das Gespräch doch einmal eine konkrete Wendung, durfte es nicht mehr protokolliert werden.29 Auch die für die kernphysikalische Forschung Verantwortlichen haben entscheidende Gespräche nur unter vier Augen geführt und sensible Termine nicht in ihren Dienstkalendern festgehalten. Dies sei am Beispiel Walther Gerlachs, des letzten Leiters des Uranvereins, kurz erläutert. Seine Sekretärin, Giesela Guderian, führte einen akkuraten Terminkalender und tippte seine gesamte Korrespondenz. Sobald ein Gast zu Gerlach kam, der über die neusten Forschungsergebnisse Bericht erstattete, wurde sie jedoch aus dem Raum ge-schickt.30 Besonders wichtige Treffen durften nicht im Terminkalen- Vorwort 19 der eingetragen werden. Das betraf zum Beispiel den 22. März 1945. Gerlachs Kalender enthält für diesen Tag lediglich Vermerke über eine überraschende Reise von Thüringen nach Berlin.31 Der entscheidende Termin beim Reichsleiter der NSDSP, Martin Bormann, fehlt jedoch in seinem Kalender. Dass Gerlach von Bormann zur Berichterstattung einbestellt worden war kam nur heraus, weil die Amerikaner vier Wochen später Unterlagen von Gerlach erbeuteten, denen eine handschriftliche Notiz über das Treffen beilag.
| Sprache | deutsch |
|---|---|
| Maße | 145 x 215 mm |
| Gewicht | 732 g |
| Einbandart | gebunden |
| Themenwelt | Sachbuch/Ratgeber ► Geschichte / Politik ► 20. Jahrhundert bis 1945 |
| Schlagworte | Drittes Reich / 3. Reich; Militär-/Kriegs-Geschichte • Drittes Reich; Militär-/Kriegs-Geschichte • Geheimwaffen • Kernforschung • Kernwaffen • Kernwaffen / Atomwaffen / Nuklearwaffen |
| ISBN-10 | 3-421-05809-1 / 3421058091 |
| ISBN-13 | 978-3-421-05809-6 / 9783421058096 |
| Zustand | Neuware |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
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