Frieden mit meiner Haut (eBook)
176 Seiten
Mabuse-Verlag
978-3-86321-588-0 (ISBN)
Ingrid Bäumer hat 2010 in Köln die erste deutschsprachige Selbsthilfegruppe für Skin Picker gegründet. Sie hat wesentlich dazu beigetragen, im deutschsprachigen Raum ein Bewusstsein für Skin Picking zu schaffen. Ihre Arbeit wurde zum Vorbild für Selbsthilfegruppen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Berufl ich arbeitet Ingrid Bäumer mit Sprache, unter anderem als Autorin und Redakteurin. Dr. Christina Gallinat ist Psychologin und forscht seit mehreren Jahren am Universitätsklinikum Heidelberg zu Skin Picking und Trichotillomanie. Um Betroffene zu unterstützen und mehr Aufmerksamkeit für die Thematik zu schaffen, betreibt sie die Informationsseite www.skinpicking-trichotillomanie.de, den Instagram-Kanal @BFRB.care sowie den Podcast 'BFRB.care: Alles rund um Skin Picking, Trichotillomanie und Co.'.
Ingrid Bäumer hat 2010 in Köln die erste deutschsprachige Selbsthilfegruppe für Skin Picker gegründet. Sie hat wesentlich dazu beigetragen, im deutschsprachigen Raum ein Bewusstsein für Skin Picking zu schaffen. Ihre Arbeit wurde zum Vorbild für Selbsthilfegruppen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Berufl ich arbeitet Ingrid Bäumer mit Sprache, unter anderem als Autorin und Redakteurin. Dr. Christina Gallinat ist Psychologin und forscht seit mehreren Jahren am Universitätsklinikum Heidelberg zu Skin Picking und Trichotillomanie. Um Betroffene zu unterstützen und mehr Aufmerksamkeit für die Thematik zu schaffen, betreibt sie die Informationsseite www.skinpicking-trichotillomanie.de, den Instagram-Kanal @BFRB.care sowie den Podcast "BFRB.care: Alles rund um Skin Picking, Trichotillomanie und Co.".
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
Die wichtigsten Begriffe kurz erklärt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
Teil A: So haben wir Skin Picking hinter uns gelassen.
(Ehemals) Betroffene erzählen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
1. Ingrid (51): Lob der Umwege . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
2. Katharina* (28): Stolz darauf, was ich erreicht habe . . . . . . . . 39
3. Dorothea* (55): Ich habe gelernt, mir zu verzeihen . . . . . . . . . 47
4. Barbara Schubert (62): Die letzte große Episode . . . . . . . . . . . . 56
5. Marten (31): Geh auf die Suche! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
6. Lea (21): Symptom meiner Traumata . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76
7. Miriam* (32): Der Fortschritt kam unbemerkt . . . . . . . . . . . . . 82
8. Ela* (58): Ich verstelle mich nicht mehr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93
9. Kathrin (57): Ich bin ganz in Ordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102
10. Elke (44): Zurück ins Leben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107
11. Angela Hartlin (36), Kanada: Meine Dermatillomanie
umarmen (aus dem amerikanischen Englisch übertragen
von Daniel Hecktor) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115
Teil B: Therapieverfahren: Was wir bisher über ihre
Wirksamkeit wissen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129
1. Psychotherapie – wenn ja, welche? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129
2. Was folgt daraus für meine Therapiewahl? . . . . . . . . . . . . . . . 137
3. Psychopharmaka, ja oder nein? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140
4. Was gehört zu einer kognitiven Verhaltenstherapie? . . . . . . . 141
Teil C: Aktiv werden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145
1. Die Bedürfnisse der Haut achten: Pflege von Haut,
Wunden und Narben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145
2. Bessere Gespräche mit Hautärzt:innen? Ja, bitte! . . . . . . . . . . . 155
3. Selbsthilfe? Fragen und Antworten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161
Danksagung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171
Medienempfehlungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173
Quellenangaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175
7. Miriam* (32): Der Fortschritt kam unbemerkt
In den letzten Monaten hatte ich noch oft das Gefühl, in Bezug auf mein Skin Picking nicht geheilt zu sein. Zwar einen großen Schritt weiter, aber noch nicht geheilt. Letzte Woche Dienstag sind mir dann alte Fotos von mir in die Hände gefallen, die gut zwei Jahre alt sind. Auf den Fotos ist meine Haut im Gesicht voller dunkler Flecken, frischen Narben, alten Narben, entzündeten Hautstellen. Trotzdem war es für diese Zeit keine schlechte Haut; immerhin waren keine offenen Wunden zu sehen. Zum Vergleich habe ich mein Gesicht letzte Woche Dienstag fotografiert. Zwei Jahre später sind keine dunklen Narben mehr in meinem Gesicht, kein Pickel, keine Entzündung.
Immer noch ein kritischer Blick
Wie groß der Unterschied ist, war mir bis dahin nicht aufgefallen. Ich sehe meine Haut an vielen Tagen immer noch schlechter, als sie ist. Bisher habe ich nicht vollkommen aufgehört, meine Haut kritisch zu betrachten, kleine Hautunreinheiten zu fixieren oder an Erhebungen oder Pickeln herumzudrücken. Manchmal bin ich gestresst, manchmal langweile ich mich, manchmal fehlt mir am Schreibtisch Bewegung. Trotzdem würde ich sagen, dass ich fast geheilt bin.
Skin Picking als mein Radar
Noch vor zwei Jahren hätte ich es niemals für möglich gehalten, dass meine Haut so aussehen könnte, wie sie heute aussieht. Natürlich sind da einige Narben, aber sie verheilen mehr und mehr. Ich bin noch nicht frei von Skin Picking. Aber bis vor wenigen Monaten war Skin Picking immer präsent, fast zu jeder Tageszeit, fast in jeder Situation. Ein permanentes Grundrauschen in meinem Alltag. Im Moment ist es ab und an da, manchmal tagelang nicht. Es ist jetzt oft mein Radar, dass gerade etwas nicht stimmt, ich nicht gut versorgt bin, ich für mich einstehen muss. Bemerke ich mein Skin Picking und was dahinter liegt, dann hilft es mir, aufmerksamer für mich zu sorgen, mir selbst gegenüber achtsam zu sein und eben nicht alles „wegzudrücken“.
Quälende Langeweile
Skin Picking habe ich seit meiner Kindheit. Ich erinnere mich, wie ich im Alter von fünf, sechs Jahren immer meine Mückenstiche aufgekratzt habe, bis sie bluteten. Jeden Mückenstich, jede Kruste habe ich bearbeitet. Ich empfand es als beruhigend, wenn ich das Blut sehen konnte. Ich weiß noch, wie ich mich mit einer Grundschulfreundin darüber unterhielt, der es ähnlich ging und die es ebenfalls spannend und faszinierend fand, wenn das Blut aus der Haut trat. In den Situationen war ich oft allein – im Nachhinein würde ich sagen, dass ich in den Augenblicken einsam war. Ich musste mich als Kind oft mit mir und aus mir heraus beschäftigen. Oft ist mir das gelungen, aber nicht immer. Dann hat mir die Anregung gefehlt, dann war die Langeweile, die angeblich kreativ macht, zu groß. Die Situationen waren oft einsam und öde.
Sprüche, die mir Angst machten
Außerdem habe ich sehr schlimm an den Fingernägeln gekaut. Das war auch immer wieder Thema: Erwachsene, die mir gesagt haben, dass ich damit aufhören soll. Meine Oma meinte dann immer, ich würde breite und hässliche Fingernägel bekommen, und zeigte ihre sehr gepflegten und feinen Fingernägel. Ich habe immer wieder versucht, mit dem Nägelkauen aufzuhören, aber es nie ganz geschafft. Heute kaue ich so selten und so wenig, dass es mich gar nicht mehr stört. Meine Hände und Fingernägel sind gepflegt. Als Kind und Jugendliche war es aber eine schwierige Erfahrung, nicht aufhören zu können. Wobei ich es auch gar nicht wollte: Mich selbst hat das Nägelkauen nie gestört. Vielmehr war es das Bild, das andere – und vor allem Erwachsene – damit verbanden: dass ich willensschwach und undiszipliniert sei.
Mutter als negatives Vorbild
Klassisches Skin Picking kam bei mir mit den Hautunreinheiten in der Pubertät. Ich hatte da fast ein bisschen darauf gewartet. Als Kind hatte ich immer schon meine Mutter vor dem Spiegel gesehen, wie sie ihre Haut inspizierte und unsichtbare Hautunreinheiten ausdrückte. Wenn ich sie dabei beobachtete, reagierte meine Mutter, als hätte ich da etwas Verbotenes beobachtet, das mich als Kind nichts angeht. Irgendwie habe ich daraus geschlossen, dass man das als erwachsener Mensch macht und es etwas Besonderes ist, was Kinder nicht dürfen.
Bis es blutete
Das Skin Picking in meiner Pubertät wurde sehr schnell sehr schlimm. Pickel drückte ich aus, bis sie bluteten. Oft hatte ich Talgunterlagerungen unter den Pickeln und drückte so lange, bis jedes bisschen Talg raus war – auch mit Nadeln und Pinzetten. Manchmal war ich stundenlang im Bad, und ich hatte sehr oft Wunden im Gesicht. Viele in meinem Umfeld hielten das für eine Pubertätserscheinung. Fast alle meine Familienmitglieder drücken ihre Pickel (oder was sie dafür halten) aus. Ab und an wurde ich darauf hingewiesen, dass starkes Ausdrücken zur Narbenbildung führt. Mehr wurde nicht thematisiert, wahrscheinlich weil sie davon ausgingen, dass es schon besser wird, wenn es mit meiner Haut bergauf geht. Hautärztinnen und -ärzte waren zu der Zeit auch keine Hilfe, ich hörte – wenn überhaupt etwas – nur den Kommentar, dass ich nicht an meiner Haut herumdrücken soll.
Einsamkeit und Stress
Wenn ich zurückdenke, ähnelten sich die Situationen aus der Kindheit und der Pubertät. Auch in der Pubertät war ich in diesen Momenten einsam, wusste mich nicht gut mit mir zu beschäftigen. Hinzu kam die Funktion des Stressabbaus. Bei den stundenlangen Sessions im Badezimmer konnte ich nachdenken und grübeln, während ich meine Haut blutig drückte. Das beruhigte mich und gab den Grübeleien ein Ziel. Außerdem fing ich an, eingewachsene Haare auszudrücken. Es verschaffte mir ein besonderes Gefühl der Befriedigung, wenn ein schwarzes Haar mit herauskam. Außerdem drückte ich entstehende Rasierpickel aus.
Was ich damals schlimm fand, waren Pickel an den Oberarmen. Ich selbst hatte zwar keine, aber ich hatte das bei anderen Frauen gesehen, und ich wollte auf keinen Fall solche Oberarme haben. Als ich nach dem Abitur von zu Hause auszog, fing ich an, Talgdrüsen an den Oberarmen und verstärkt Haarwurzeln an den Beinen auszudrücken.
Abwertende Sprüche in der Familie
Als ich mit zunehmendem Alter und eigentlich besser werdender Haut mit dem Skin Picking nicht aufhören konnte, wurde das auch in der Familie zunehmend kommentiert, allerdings nie liebevoll oder achtsam. Ich war wieder zu undiszipliniert, damit aufzuhören, und wurde immer wieder stark dafür abgewertet. Meine Mutter, die mir ihr eigenes Skin Picking ja wohl vererbt hat, war da keine Ausnahme. Ich müsste das doch mal aufhören, warum ich denn immer noch an meiner Haut rumdrücken würde, das würde mir doch so schlimme Wunden machen, ich sähe doch so schlimm damit aus.
Ich bin nie gefragt worden, wie es mir geht, woher das kommt. Meine große Schwester hat mir mal erzählt, dass sie immer Skin-Picking-Anfälle hatte, wenn sie zu unseren Eltern fuhr und sie sich dann Pickel aufkratzte, die gar nicht da waren. Ihr hat dann wohl geholfen, sich die Augenbrauen sehr gründlich zu zupfen.
Viele erfolglose Versuche, es allein zu schaffen
Bei mir war es nicht so einfach. Mein Skin Picking war manchmal besser, manchmal schlechter. Aber aufhören konnte ich nie so richtig. Ich habe immer wieder Anläufe gemacht, über Jahre hinweg, und es trotzdem nicht geschafft. Stundenlang habe ich an meiner Haut herummanipuliert, an meinen Armen, meinen Beinen, meinem Dekolleté, dem Hals, dem Gesicht. Ich dachte lange Zeit, dass ich damit allein bin, dass andere Leute zwar auch Pickel ausdrücken, aber nicht so wie ich. Und auch in meiner Familie war ich ja die Schlimmste. Mit Anfang 20 saß ich dann in der Bahn das erste Mal einer jungen Frau gegenüber, die im Gesicht so Wunden hatte wie ich, und dachte mir: Die hat das auch!
Ich schob es vor mir her
Dass das Phänomen Skin Picking heißt, weiß ich vielleicht seit knapp zehn Jahren. Es war erleichternd zu wissen, dass das Ganze einen Namen hat, dass ich nicht allein damit bin. Gleichzeitig hieß das aber auch, dass ich etwas dagegen tun kann und irgendwann auch muss. Ich habe das lange vor mir hergeschoben, und vielen meiner Freundinnen und Freunde war nicht klar, dass ich unter dem Zustand meiner Haut leide. Ich habe mich nie geschminkt und hatte für mich akzeptiert, dass meine Haut so ist, wie sie ist. Mit den Jahren ist das Skin Picking immer schlimmer geworden. Ich dachte, es verbessere sich, wenn meine Haut besser wird – aber meine Haut wurde nicht besser. Ich habe Unmengen von Pflegeprodukten ausprobiert. Zur Kosmetikerin habe ich mich irgendwann nicht mehr getraut, ich konnte den Vorwurf nicht mehr hören. Besonders dieses Unverständnis bei Folgeterminen, dass ich nicht einfach aufgehört hatte, an meine Haut zu gehen. Trotzdem hatte ich immer den Wunsch nach einer gesunden, reinen Haut. Ich habe davon...
| Erscheint lt. Verlag | 27.7.2022 |
|---|---|
| Verlagsort | Frankfurt am Main |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sachbuch/Ratgeber ► Gesundheit / Leben / Psychologie |
| Schlagworte | Dermatillomanie • Erfolge • geheilt • Genesung • Heilung • Psychotherapie • Ratgeber • Selbsthilfe • Skin Picking • Therapie • Zwangshandlung |
| ISBN-10 | 3-86321-588-5 / 3863215885 |
| ISBN-13 | 978-3-86321-588-0 / 9783863215880 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich