Der Immobilienmakler ist tot! (eBook)
236 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7562-5911-3 (ISBN)
Michael Kroll, geboren 1965, ist Gutachter, freier Sachverständiger und in erster Linie Immobilienberater. Mit über 30-jähriger Erfahrung ist sein Beratungszentrum - Kroll Immobilien e.K. - in Mölln eines der führenden im Bereich des Verkaufs- und Vermietungsgeschäftes in Deutschland. Während seiner Ausbildung zum Versicherungskaufmann entdeckte er sein Talent für Ästhetik und Fotografie, welches ihn heute noch bei seiner täglichen Arbeit begleitet. Nebenbei jobbte er für einen ortsansässigen Immobilienmakler und stieg letzten Endes vollständig in dessen Firma ein. Im Laufe der Zeit wurde ihm jedoch bewusst, dass dies zwar sein Beruf war, aber nicht die Tätigkeit, welche er ausüben wollte - schließlich baute er sich selbst eine Marke und damit sein eigenes Unternehmen auf. Darauf folgten diverse Tätigkeiten im regionalen Gutachterausschuss für Grundstückswerte. Zudem entwickelte er durch Weiterbildungen seine Kompetenzen als Experte für Barrierefreies Bauen weiter und ist heute auch Fachbuchautor für den Atlas barrierefrei bauen.
3 Lebenseinstellung
Der Brückenbauer
Manchmal stelle ich mir vor, wie ich an einem reißenden Strom stehe. Vor mir die tosende Flut, die an den Rändern des Kanals kleine weiße Hauben aus Gischt bildet. Wassertropfen spritzen durch die Luft und benetzen meine Haut. Meine Aufgabe ist es, eine Brücke über dem Fluss zu errichten und beide Seiten miteinander zu verbinden. Ich gebe zu, manchmal ist die reißende Flut eher ein kleiner Bach, der leise vor sich hinplätschert; aber meine Aufgabe bleibt die gleiche.
Ich habe mich selbst immer als Brückenbauer gesehen. Ich versuche, die Wünsche meiner Kunden zu verbinden, sodass sich am Ende alle in der Mitte der Brücke treffen können, ohne ihre Überzeugungen aufzugeben.
„Bei einem Vermittlungsgeschäft, sitze ich immer zwischen den Stühlen.“
Um das Vermittlungsgeschäft auch erfolgreich abwickeln zu können, habe ich im Laufe der Jahre mehrere Strategien entwickelt, die ich teilweise täglich nutze. Dabei sollte man nicht nur das Ziel vor Augen haben, sondern auch immer die Gefahren im Hinterkopf – sonst fällt der gesamte Auftrag schneller ins Wasser als gedacht.
3..1 Der Vertretungsgedanke
Ich reiße die Augen auf. Meine Gedanken rasen und ich spüre meinen Herzschlag in jeder Zelle meines Körpers. Verwirrt schaue ich von meinem Vater zu meiner Mutter. Seine Hand ruht ruhig auf dem Küchentisch. Jeder seiner Atemzüge ist ruhig und gleichmäßig. Dass es ihm schlecht geht, sieht man erst auf den zweiten Blick. Was mich panisch werden lässt, ist aber nicht seine Krankheit, sondern das Gesicht meiner Mutter, das sich auf meiner Netzhaut einbrennt. „Ich kann das nicht, ich kann das nicht, ich habe davon keine Ahnung …“ Gestammelt kommen die Worte aus ihrem Mund. Panik, Verwirrung und Angst keimen langsam in ihr auf – und jetzt auch in mir. Mein Vater bat sie doch nur, auf die Bank zu gehen und Geld zu holen.
Eine Vertretung übernimmt Aufgaben, die man selbst nicht ausführen kann. Dabei geht es weniger um den Grund des Ausfalls als vielmehr darum, einen Stellvertreter zu haben. Dies gilt sowohl für das private als auch für das berufliche Umfeld. In einem Berufsfeld in Zusammenhang mit dem Immobilienmarkt langfristig zu planen, heißt auch, Verantwortung zu übernehmen, sowohl für die eigene Firma als auch für die einzelnen Mitarbeiter.
Dies könnte man allein nur gewährleisten, wenn man mit einer Kristallkugel in die Zukunft schauen kann. Da dies aber technisch unmöglich ist, müssen wir uns täglich auf Gefahren, Unfälle und Schicksalsschläge einstellen. Ich werde das Gesicht meiner Mutter niemals vergessen, aus dem einfachen Grund, da sie mir bewusst gemacht hat, wie wichtig eine Vertretung ist. Jemanden zu haben, der im Ernstfall alle oder wenigstens die wichtigsten Aufgaben übernehmen kann. Meine Mutter war in diesem Moment nicht bereit oder nicht gewillt, an die Stelle meines Vaters zu treten. Trotzdem, seit diesem Tag binde ich meine Mitarbeiter und auch meine Lebensgefährtin immer in zumindest einen Teil meiner täglichen Aufgaben ein.
Der Vertretungsgedanke muss dabei nicht immer in Bezug zu einem Unfall oder Schicksalsschlag stehen. Jeder macht auch mal Urlaub. Jeder braucht Erholung und Ferien, und auch in diesem Fall müssen das Büro und die Firma weiterlaufen. Wie also verknüpft man Aufgaben und Personen, sodass ein Sicherheitsnetz entsteht?
Pauschal lässt sich diese Frage natürlich nicht beantworten. Hierbei spielen individuelle Lebensumstände und das private und berufliche Umfeld eine Rolle. Dennoch kann man sich täglich mit Mitarbeitern absprechen, Pläne, Vorhaben und Ideen kommunizieren und so andere Menschen an seinen Gedanken teilhaben lassen. Der Vertretungsgedanke bezieht sich demnach vielmehr auf die Verteilung von täglichen Risiken als auf die Aufteilung von Arbeit.
3.2 Der Vertrauensgedanke
Ihre Augen weiten sich. Ein leichtes Lächeln schleicht sich über mein Gesicht. Damit hat sie nicht gerechnet. Ihre Mundwinkel verziehen sich zu einer engen Linie, ihre schmalen Lippen wirken noch dünner. Ihre Stirn liegt in Falten. Sie wirkt um Jahre älter, wenn sie mir diesen strengen Blick zuwirft.
Seine Augen tanzen vor Freude auf und ab. Die Hände zittern. Entweder vor Anspannung oder Aufregung, ich bin mir noch nicht sicher. Mein Blick streift wieder ihr Gesicht. Weiterhin unverändert. Langsam ziehe ich meinen Autoschlüssel aus der Tasche. Dramatisch verdreht sie die Augen und stemmt ihre kurzen Arme in die Hüften. Sie sollte wirklich lockerer werden, der Ausdruck in ihrem Gesicht lässt sie um Jahre altern.
Der Lack des Autos glänzt in der Sonne. Unerschrocken öffne ich die Beifahrertür, wende aber den Blick nicht von ihr ab. Der schwarze Lack klebt leicht an meinen Fingerspitzen, hinterlässt aber ein angenehmes, kühles Prickeln auf der Haut. Vorsichtig greift er nach dem Griff der Beifahrertür, behält aber wie ich, seine Mutter die ganze Zeit im Blick. Als seine Finger den Handgriff vollständig umschließen, schleicht ein verschmitztes Lächeln über sein Gesicht. Ihre Augen sind nur noch Schlitze. Unbeirrt zieht er die Fahrertür auf und lässt sich auf den Sitz fallen. Seine Mundwinkel verziehen sich zu einem breiten Grinsen. Unwillkürlich muss ich lächeln und lasse mich auf den Sitz neben ihm fallen. Seine dünnen Finger umschließen vorsichtig das Lenkrad. Er atmet tief durch und drückt mit seinem Zeigefinger den Startbutton. Auch ich atme den Duft des Neuwagens ein. Das glatte Leder, das sich an meinen Körper schmiegt, die Stereo-Anlage, die tausend Schalter im Armaturenbrett, und ich habe nicht mal bei der Hälfte von ihnen die leiseste Ahnung, welchen Zweck sie erfüllen. Alles schreit neu – und vor allem teuer.
Den Blick seiner Mutter habe ich noch heute vor Augen. Ihre weit aufgerissenen Rehaugen und die kleinen Falten auf der Stirn, die immer enger wurden, je näher wir dem Auto kamen. Ich habe selbst Kinder. Ich konnte sie irgendwie verstehen.
Das Beratungsgespräch lief unproblematisch ab. Nichts Besonderes, außer dass wir uns schon seit Schulzeiten kannten. Sie wirkte recht entspannt und stand meinen Vorschlägen auch prinzipiell offen gegenüber. Als sie mich schließlich vor die Tür begleitete, kam uns ihr Sohn entgegen. Sein Grinsen war so breit, dass ich jeden einzelnen seiner Zähne sehen konnte. Unter den Ärmeln seines T-Shirts zeichneten sich dunkle Schatten ab. Aufgeregt sprang er uns entgegen und hielt uns einen Zettel unter die Nase. Führerschein. Bestanden, stand in großen Buchstaben auf dem etwas in Mitleidenschaft gezogenen Papier. Daneben eine krakelige Unterschrift.
Seine Mutter schlang die Arme um ihn und zog ihn in eine enge Umarmung. Ihre Fingerspitzen streichelten seinen Hinterkopf. Ich überlegte kurz. Dann fragte ich, ob er nicht eine Probefahrt mit meinem Auto machen wolle. Dem Auto, das ich erst an diesem Vormittag aus dem Autohaus abgeholt hatte. Dem Auto, an dem von der Felge bis zur Motorhaube alles neu war. Dem Auto, das gerade in der Einfahrt des Hauses stand und für das ich mein halbes Jahresgehalt bezahlt hatte.
Spätestens jetzt halten Sie mich für verrückt – was ich grundsätzlich selbst nicht infrage stelle. Ich kann es Ihnen auch keineswegs verübeln, aber bitte nicht wegen der Situation mit dem Neuwagen, dazu gab es nie einen Grund.
Ich mag Autos. Ich liebte Autos schon immer, wie wahrscheinlich jeder kleine Junge. Besonders liebe ich schnelle und neue Autos. Keine Gebrauchtwagen, da weiß man nie, was schon kaputt war und als Nächstes kaputtgehen wird. Jeder, dem ich diese Geschichte erzähle, guckt mich ungläubig an.
Seine Augen aufgerissen, dann fängt er langsam an zu lachen und fährt sich mit seinen Fingern durch die Haare, Ich kenne diese Reaktion. Unsicherheit. Verlegenheit. Verrücktheit. Natürlich schreibt er das alles mir zu. Warum auch nicht? Liegt ja ziemlich nahe. Kein vernünftiger Mensch würde seinen teuren Neuwagen einem Fahranfänger für eine Spritztour anbieten – und sich auch noch danebensetzen.
Die Entscheidung, ihm mein Auto anzuvertrauen, fiel mir ehrlich gesagt ziemlich leicht. Wenn ich mir bei Entscheidungen unsicher bin, breite ich gerne alle Fakten vor mir aus. Ich fühle mich dann wie ein Forscher; ich untersuche jedes Objekt sorgfältig und komme schließlich zu einem Ergebnis. Zu keinem emotionalen oder logischen Ergebnis, sondern zu einem kalkulierten Ergebnis, nach der Lage der Fakten. Mit dem ich ein kalkuliertes Risiko eingehen kann. Die Faktenlage an diesem Vormittag war eindeutig für mich:
1. Er hat seinen Führerschein bestanden.
2. Ich kann jederzeit eingreifen oder wir können anhalten.
3. Das Auto inklusive meiner Person ist versichert.
Ehrlich gesagt, musste ich diese Fakten nicht wirklich lange untersuchen, denn mir war das Ergebnis relativ schnell klar. Das Risiko für einen tatsächlichen Unfall war überschaubar, und selbst wenn...
| Erscheint lt. Verlag | 29.3.2022 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sachbuch/Ratgeber ► Beruf / Finanzen / Recht / Wirtschaft ► Bewerbung / Karriere |
| Schlagworte | Experte • Immobilien • Immobilienmakler • Makler • Persönlichkeitsentwicklung |
| ISBN-10 | 3-7562-5911-0 / 3756259110 |
| ISBN-13 | 978-3-7562-5911-3 / 9783756259113 |
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