Die verlorene Generation (eBook)
344 Seiten
Europa Verlag GmbH & Co. KG
978-3-95890-383-8 (ISBN)
Dr. phil. Christian Hardinghaus, geboren 1978 in Osnabrück, promovierte nach seinem Magisterstudium der Geschichte, Literatur- und Medienwissenschaft (Film und TV) an der Universität Osnabrück im Bereich Propaganda- und Antisemitismusforschung und schloss danach ein Studium des gymnasialen Lehramtes mit dem Master of Education in der Fachkombination Geschichte/Deutsch ab. Seine historischen Schwerpunkte liegen in der Erforschung des NS Systems und des Zweiten Weltkriegs. Er ist außerdem schulisch ausgebildeter Fachjournalist und arbeitet als Lektor, Autor und beratender Historiker. Seine Artikel erscheinen in zahlreichen regionalen und überregionalen Zeitungen und Magazinen. Er veröffentlicht sowohl Sachbücher als auch Romane.
Dr. phil. Christian Hardinghaus, geboren 1978 in Osnabrück, promovierte nach seinem Magisterstudium der Geschichte, Literatur- und Medienwissenschaft (Film und TV) an der Universität Osnabrück im Bereich Propaganda- und Antisemitismusforschung und schloss danach ein Studium des gymnasialen Lehramtes mit dem Master of Education in der Fachkombination Geschichte/Deutsch ab. Seine historischen Schwerpunkte liegen in der Erforschung des NS Systems und des Zweiten Weltkriegs. Er ist außerdem schulisch ausgebildeter Fachjournalist und arbeitet als Lektor, Autor und beratender Historiker. Seine Artikel erscheinen in zahlreichen regionalen und überregionalen Zeitungen und Magazinen. Er veröffentlicht sowohl Sachbücher als auch Romane.
»GELOBT SEI, WAS HART MACHT!« –
Annäherung an die verlorene Generation
Die Möglichkeiten, Zeitzeugen über das Dritte Reich und den Zweiten Weltkrieg zu befragen, neigen sich 2021 dem Ende zu. Sie sind nahezu ausgeschöpft, und in wenigen Jahren gehören sie selbst der Geschichte an. Heute können wir diesen Zeitraum nach neueren Definitionen nicht einmal mehr der Zeitgeschichte zurechnen, unter der entsprechende Bücher noch um die Jahrtausendwende in Bibliotheken einsortiert wurden. Denn die dynamische Einordnung dieser Epoche setzt voraus, dass ein bedeutender Teil der Angehörigen einer Gesellschaft die im Untersuchungsfokus einer Publikation stehende Zeit aktiv miterlebt hat. Das können wir für das Dritte Reich und den Zweiten Weltkrieg nicht mehr annehmen. Ein Soldat, der 1939 in Polen gekämpft hat, muss heute mindestens 100 Jahre alt sein. Allein Menschen zu befragen, die während der Zeit des Nationalsozialismus erwachsen wurden, ist nicht mehr leicht. 94 Jahre sind Voraussetzung dafür.
Was uns heute bleibt, sind Zeitzeugen, die den Zweiten Weltkrieg als Kind erlebt haben und die Auskunft geben können über ihre kindlichen Erfahrungen mit Luftangriffen, zerbombten Städten, Konzentrationslagern, Flucht und Vertreibung, Mitgliedschaft in der Hitlerjugend (HJ) oder Schule in der NS-Zeit. Schon bedeutend schwieriger ist es, Zeitzeugen zu finden, die noch als Soldaten aktiv im Krieg gekämpft haben, die also über das Soldatenleben, das Töten und Sterben an der Front, die Teilnahme an bestimmten Schlachten, die Auseinandersetzungen mit dem Feind oder von der Verwendung spezifischer Waffen oder militärischer Fahrzeuge aus erster Hand berichten können. Um dazu noch aussagekräftige Informationen zu erhalten, müssen sich Historiker auf die Generation der damals minderjährigen Soldaten konzentrieren. Das ist ein Nachteil für zum Beispiel Militärhistoriker, da sie sich dabei auf Schlachten beschränken müssen, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs stattgefunden haben, also maßgeblich jenen auf deutschem beziehungsweise ehemaligem deutschem Boden. Eine bedeutende Chance und Herausforderung dagegen bietet sich Wissenschaftlern, die eine Gruppe in den Untersuchungsfokus rücken, die bisher in der Geschichtswissenschaft viel zu wenig Beachtung gefunden hat, die aber gerade aufgrund ihres charakteristischen Alters über ganz außergewöhnliche und einzigartige menschliche Erfahrungen im Krieg berichten kann. Die minderjährigen Soldaten des Zweiten Weltkriegs können uns heute Lebenden noch Antworten auf viele drängende Fragen geben, um diese Epoche vollständig zu erschließen. Auch wenn die Kindersoldaten zu jung waren, um auf der militärischen Leiter emporzuklettern, wenn sie keine Ritterkreuze und andere hohen Auszeichnungen trugen, wenn sie in der Regel nicht dem Widerstand angehörten, weil sie für all dies zu jung waren, so kämpften sie aber mit Gewehr, Handgranate oder Panzerfaust auf dem Schlachtfeld. Dabei waren sie noch nicht erwachsen, doch auch nicht mehr Kind, oder sind vielleicht erst durch ihre Teilnahme am Krieg überhaupt zur Mündigkeit gereift. Die heranwachsenden Soldaten des Zweiten Weltkriegs haben vieles von dem erlebt und durchgemacht, was auch die erwachsenen durchlebten. Sie haben getötet, sie wurden verwundet, sie haben furchtbaren Gemetzeln beigewohnt, in denen viele ihrer Kameraden ihr Leben lassen mussten. Sie wurden selbst verletzt, kennen die militärischen Kommandos, die Taktiken des Feindes, die Aufregung vor einem Angriff, die Wut und die Trauer nach dem Tod eines Kameraden und die Not und den Hunger in der Gefangenschaft.
Doch diese Zeitzeugen verfügen darüber hinaus über spezielle eigene Sichtweisen: Auf der einen Seite haben sie den Krieg mit den teilweise naiven Augen eines Pubertierenden durchlebt, der sich selbst für unverwundbar hält und sich leicht überschätzt. Auf der anderen Seite hat man sie aus genau diesem Grund zu Soldaten gemacht. Hitlers minderjährige Kämpfer waren einer auf Zerstörung getrimmten Kriegspropaganda ausgesetzt wie sonst kein anderer. Im Ergebnis sahen sich am Ende des Zweiten Weltkriegs sowjetische oder amerikanische Soldaten wild entschlossenen und dabei teilweise hervorragend ausgebildeten Halbwüchsigen gegenüber, die ihnen in ihrer Bereitschaft, sich selbst zu opfern, noch schmerzliche Verluste zufügten. Als sich nach der Kapitulation die letzten deutschen Soldaten ergaben, standen vor den Alliierten Jungen mit Milchgesichtern und viel zu großen Stahlhelmen. Nun sollten die Siegermächte entscheiden, was mit den Halbwüchsigen, die in Fantasieuniformen steckten und nicht mal im Stimmbruch waren, geschehen sollte. Im Gegensatz zu den Kriegskindern, jener Generation der zwischen 1930 und 1945 Geborenen, die sich als vom Sieger befreit fühlen sollten, schlug den Kindersoldaten des Zweiten Weltkriegs kein Mitleid entgegen. In der Regel gerieten alle, ob regulär in die Wehrmacht eingegliedert oder noch ohne Soldbuch in der Tasche, in Kriegsgefangenschaft.
Für den Begriff Kindersoldat existiert keine einheitliche Erklärung. Verschiedene Institutionen legen zur Beschreibung unterschiedliche Kriterien für Alter und nachgegangene Tätigkeit sowie Prinzipien von Freiwilligkeit oder Zwang zugrunde. Dieses Buch orientiert sich an der Definition von UNICEF, Terre des Hommes und Amnesty International, nach der alle bewaffneten Kämpfer in kriegerischen Konflikten unter 18 Jahren als Kindersoldaten bezeichnet werden. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um aktuelle oder historische Krisen handelt. So können die minderjährigen deutschen Soldaten des Zweiten Weltkriegs, die zwischen 1943 und 1945 als bewaffnete Kämpfer eingesetzt wurden, als Kindersoldaten beschrieben werden. Für die Jahrgänge, die dies betrifft, gibt es in der Forschung ebenfalls unterschiedliche Ansichten. Einig ist man sich, dass die Luftwaffenhelfer6 die unterste Altersgrenze bildeten. Zu den ältesten Kindersoldaten gehört demnach der Jahrgang 1926, der als Erster vor den 1927 und 1928 Geborenen zum Luftwaffenhelferdienst herangezogen wurde. In den letzten Kriegsmonaten griffen die Nationalsozialisten dann auf die Kampfkraft der jüngeren Hitlerjungen zurück. Das waren die Jahrgänge 1929 bis 1931. In den letzten Kriegswochen wurden selbst Pimpfe von gerade mal 13 oder 12 Jahren mit in bewaffnete Kriegshandlungen gezogen, weil sie zum Beispiel mit ihrem Alter schummelten und sich so einen Platz in einem HJ-Kampfverband sicherten. Und auch wenn jüngere Kinder die Möglichkeit hatten, sich eigenmächtig mit einer der vielen herrenlosen herumliegenden Waffen den Feinden entgegenzustellen, sich für Botengänge zwischen Wehrmachtseinheiten anboten oder sich Waffen-SS-Truppen als Pfadfinder oder Späher zur Verfügung stellten, soll in diesem Buch die Obergrenze Jahrgang 1931 für den Begriff Kindersoldat reichen. Damit ist eine offizielle Zugehörigkeit mindestens zur Hitlerjugend ausschlaggebend, in die man mit 14 Jahren aufgenommen wurde.
Spezifische wissenschaftliche Betrachtungen von Kindersoldaten, die im Zweiten Weltkrieg kämpften, ohne je ein anderes System als die NS-Diktatur gekannt zu haben, liegen kaum bis gar nicht vor. Literatur findet sich für diese Altersgruppe vor allem im Rahmen der Erforschung von NS-Herrschafts- und Strukturgeschichte, in der das Erziehungs- und Schulwesen des Nationalsozialismus sowie auch die Organisation der Hitlerjugend und ihrer Unterorganisationen im Vordergrund stehen. Die wenigen Publikationen, die Kinder in Kampfeinsätzen beschreiben, beschränken sich meist auf die Gruppen der Luftwaffenhelfer und des Volkssturms. Als Standardwerk im Bereich Luftwaffenhelfer sollte das leider nur im Selbstverlag erschienene und seit Jahren vergriffene, fast 670 Seiten starke Werk von Hans-Dietrich Nicolaisen gelten: Der Einsatz der Luftwaffen- und Marinehelfer im 2. Weltkrieg. Darstellung und Dokumentation7. Immerhin ist von Nicolaisen mit Die Flakhelfer8 eine abgespeckte Version im Ullstein Verlag erschienen, die allerdings den Fokus auf die Darstellungen von Erlebnisberichten legt.
Wer sich umfassend über den Volkssturm informieren will, kommt an Franz W. Seidlers Deutscher Volkssturm. Das letzte Aufgebot 1944/459 und an Der Volkssturm. Das letzte Aufgebot 1944/45 von Klaus Mammach10 nicht vorbei. Zu den ab März 1945 auftretenden eigenständig operierenden HJ-Kampfeinheiten wie zum Beispiel den von Reichsjugendführer Artur Axmann befohlenen Panzervernichtungsbrigaden fehlt nahezu vollständig die Forschung. Einige wenige Bücher gehen aber auf Existenz und Einsatz dieser spezifischen Gruppen ein. Die umfangreichste Übersicht dazu sowie auch für den Kampfeinsatz der Hitlerjugend allgemein bietet Totale Erziehung für den totalen Krieg. Hitlerjugend und nationalsozialistische Jugendpolitik von Michael Buddrus.11 Auch Sven Keller listet in Volksgemeinschaft am Ende. Gesellschaft und Gewalt 1944/4512 die bekannten Verbände und Hintergründe der HJ-Kampfeinheiten auf.
Die erste Auseinandersetzung mit minderjährigen Kämpfern des Zweiten Weltkriegs überhaupt gelang Gregor Dorfmeister unter...
| Erscheint lt. Verlag | 4.10.2021 |
|---|---|
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sachbuch/Ratgeber ► Geschichte / Politik ► 20. Jahrhundert bis 1945 |
| Schlagworte | Alliierte • endsieg • Feldjäger • Flakhelfer • Führer • Gefangenschaft • Häuserkampf • Hitler • Hitlerjugend • HJ • Holocaust • Kindersoldaten • Konzentrationslager • Kriegsgefangener • Kriegsmarine • Kriegstraumata • Luftwaffe • Luftwaffenhelfer • Nationalsozialismus • NS-Führung • NS-Ideologie • NS-Propaganda • Panzerfaust • Reichssegelflugschule • Rote Armee • Schutzstaffel • Verfolgung • Verheizt für den Führer • verlorene Bataillon • Volkssturm • Waffen-SS • Wehrmacht • Zweiter Weltkrieg |
| ISBN-10 | 3-95890-383-5 / 3958903835 |
| ISBN-13 | 978-3-95890-383-8 / 9783958903838 |
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