Alkoholabhängigkeit anders behandeln? (eBook)
532 Seiten
tredition (Verlag)
978-3-347-38382-1 (ISBN)
Dr. Ulmer hat mit einem KollegInnenteam aus einer Stuttgarter Hausarztpraxis eine international bekannte Schwerpunktpraxis für HIV-PatientInnen und Suchtkranke entwickelt. Daraus haben sich Kongressbeiträge und Vorträge in allen Erdteilen, weltweite Vernetzung mit führenden Experten und zahlreiche Publikationen in wissenschaftlichen Journals und Büchern ergeben. Solche Arbeit geht mit einer ständigen Weiterentwicklung des Wissens und der Behandlungsmöglichkeiten einher. Insbesondere für die Behandlung von Alkoholabhängigen haben sich grundlegend neue Möglichkeiten erschlossen. Sie sind teilweise so neu, dass wiederum die Fachwelt noch zögert. Aber weil die Not so groß und die Verbesserungen in einer Reihe von Fällen so frappierend sind, muss eine weitere Diskussion und Entwicklung angeregt werden.
Dr. Ulmer hat mit einem KollegInnenteam aus einer Stuttgarter Hausarztpraxis eine international bekannte Schwerpunktpraxis für HIV-PatientInnen und Suchtkranke entwickelt. Daraus haben sich Kongressbeiträge und Vorträge in allen Erdteilen, weltweite Vernetzung mit führenden Experten und zahlreiche Publikationen in wissenschaftlichen Journals und Büchern ergeben. Solche Arbeit geht mit einer ständigen Weiterentwicklung des Wissens und der Behandlungsmöglichkeiten einher. Insbesondere für die Behandlung von Alkoholabhängigen haben sich grundlegend neue Möglichkeiten erschlossen. Sie sind teilweise so neu, dass wiederum die Fachwelt noch zögert. Aber weil die Not so groß und die Verbesserungen in einer Reihe von Fällen so frappierend sind, muss eine weitere Diskussion und Entwicklung angeregt werden.
1 Zusammenfassung des ganzen Buches
Das Buch ist umfangreich, aber Sie wollen sich schnell orientieren. Dafür fasse ich hier alles Wesentliche zusammen. Sollten Sie dann denken: Das scheint interessant, so möchte ich Sie einladen, es nicht allein bei dieser Zusammenfassung zu belassen. Sie wissen dann zwar das Wesentliche, aber der eigentliche Text ist natürlich ungleich eingehender und facettenreicher. Er verweist auch auf die Quellen für die Aussagen und ist eine Fundgrube für zahllose Anregungen aus jahrzehntelanger Praxis. Es geht nicht nur um ein Anders Behandeln, sondern auch um eine neue Sicht auf die Krankheit. Lassen Sie sich also mit diesen ersten Seiten zum Weiterlesen anregen.
Falls Sie dann das ein oder andere Kapitel nur orientierend lesen wollen, finden Sie in jedem Kapitel ein paar Kern- oder Merksätze. So können Sie, wenn Sie wollen, manches schneller lesen oder auch Stellen leichter wiederfinden.
1.1 Verrücktes?
Manches in diesem Buch werden Sie vielleicht erstmal verrückt finden. Aber bleiben Sie trotzdem dran. Dann werden Sie bald zum Schluss kommen, dass es – gerade umgekehrt – verrückt ist, das als verrückt abzutun.
1.2 Die Bedeutung der Alkoholabhängigkeit
Alkoholabhängigkeit ist eine der verbreitetsten und bedeutendsten Krankheiten weltweit, mit mehr als drei Millionen Toten jedes Jahr eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen der Welt. Viele Betroffene und ihre Angehörigen können ein Lied davon singen, wie furchtbar diese Krankheit zuschlagen und wie viel Leben sie zerstören kann. Dieses Buch stellt etliche Einzelschicksale mit bedrückend schlimmem Verlauf vor.
1.3 Alkoholabhängigkeit als chronische Krankheit
In ihrer Schwere und ihrem Verlauf ist die Alkoholabhängigkeit mit anderen großen chronischen Krankheiten wie z.B. Diabetes und hohem Blutdruck vergleichbar. Sie hat meist einen schleichenden Beginn, eine unscharfe Grenze zwischen „noch normal“ oder „schon krankhaft“, der Verlauf weist phasenweise Verschlimmerungen auf, und in vielen Fällen gibt es akute, krisenhafte Zuspitzungen. Auch darin, dass man die Krankheit eher selten wieder loswird, und in der schweren Beeinträchtigung der Lebenserwartung kann man Parallelen zu den anderen chronischen Krankheiten sehen.
1.4 Ganz andere Behandlung als bei anderen chronischen Krankheiten
Es gibt aber einen fundamentalen Unterschied: Die Art der Behandlung. Das Gros der Menschen mit Diabetes und Hypertonie wird kontinuierlich medizinisch betreut. Solange es noch keiner Medikamente bedarf, beschränkt man sich auf Modifikationen von Ess- und Lebensgewohnheiten, und kontrolliert die Entwicklung regelmäßig. Die meisten brauchen aber über kurz oder lang eine medikamentöse Einstellung. Dann sind sie kontinuierlich bei ihrer Hausärztin / ihrem Hausarzt in Betreuung, oft im Verbund mit einem Facharzt (w/m). Der Erfolg ist beeindruckend. Es gelingt weitgehend, Lebensqualität und Lebenserwartung der von Nicht-Erkrankten anzugleichen. Den meisten Erkrankten merkt man ihre Erkrankung nicht an. Sie können „wie normal“ leben und arbeiten, und genauso alt werden wie andere.
Für die Krankheit von Alkoholabhängigen dagegen gibt es praktisch keine medikamentöse Einstellung und damit auch keine kontinuierliche medizinische Betreuung. Sie bleiben die allermeiste Krankheitszeit ohne therapeutische Hilfe. Bei unseren PatientInnen waren das, bevor sie zu uns kamen, etwa 97% der Verlaufszeit. Normalerweise muss die Behandlungsintensität ja zunehmen, wenn die Krankheit sich verschlimmert. Aber je mehr jemand schon ein zwei drei „Therapien“ hinter sich hat und vielleicht schon wiederholt zum Alkoholentzug in der Klinik war, desto mehr wird sie/er zum „aufgegebenen Fall“. Das Gros der Entlassungen nach einem stationären Entzug erfolgt de facto in die Nichtbehandlung. Keine medikamentöse Einstellung, keine weitere Betreuung, die der / dem Abhängigen zu einer effektiven Linderung oder Überwindung hilft wie bei den anderen chronischen Krankheiten. Kein Wunder, dass sich furchtbar schwere Verläufe häufen und die Lebenserwartung immer noch um 20 Jahre verkürzt ist, unabhängig davon, ob eine „Therapie“ mitgemacht wurde oder nicht.
1.5 FASD – Schlimme Folgen von Alkohol während der Schwangerschaft
Ganz schlimm sind die Folgen von Alkohol während der Schwangerschaft. Die dadurch bewirkte, lebenslange, schwere Behinderung mit der Abkürzung FASD ist weltweit die häufigste Entwicklungsstörung.
1.6 Unterschiedliche Wahrnehmung in Praxis und Forschung?
Das alles sind skandalöse Fakten und Schicksale. Es darf nicht so bleiben. Dass sich dringend etwas ändern muss, sieht man möglicherweise mehr in einer spezialisierten Praxis, wo man aus der konkreten Not heraus mit neuen Behandlungsansätzen experimentiert, als an spezialisierten, forschenden Zentren, die sich an hochrangig publizierten Studien orientieren. In der Leitlinie zur Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen, die das wissenschaftliche Wissen der Zeit zusammenfasst, zeichnet sich keine power für entsprechende, durchgreifende Verbesserungen ab.
Wenn man sich in der Praxis auf die Behandlung von Alkoholabhängigen spezialisiert wie andere ÄrztInnen z.B. für Menschen mit Diabetes oder Herzkrankheiten, dann wird man geradezu davon erdrückt, wie schlecht diese Krankheit zu behandeln ist. Es gibt wenige zugelassene Medikamente zur medikamentösen Behandlung der Alkoholabhängigkeit. Sie sind alle wenig effektiv und spielen in der Praxis so gut wie keine Rolle. Kaum einer unserer 539 PatientInnen war in über 18 Jahren Vorgeschichte je damit behandelt worden!
1.7 Fehlende medikamentöse Einstellung
Halten wir also fest: DiabetikerInnen und Menschen mit hohem Blutdruck können dank einer kontinierlichen medikamentösen Einstellung weithin wie Gesunde leben. Alkoholabhängige aber, bei denen keine medikamentöse Einstellung erfolgt, leiden vielfach unter gravierenden Abweichungen. Offensichtlich bedingt gerade das Fehlen einer medikamentösen Einstellung diesen Unterschied. Die Ergebnisse unserer Behandlungsansätze, die ich in diesem Buch vorstelle, bestätigen genau das. Das heißt umgekehrt: Mit einer effektiven medikamentösen Einstellung können wir die Lebensqualität und die Lebenserwartung vieler sonst verzweifelter Alkoholabhängiger der von Gesunden ähnlich annähern wie bei anderen chronischen Krankheiten. Wir können also die Effektivität der Behandlung erheblich steigern.
Wie das gehen kann, wollen wir hier aufzeigen.
1.8 Genau hinschauen, Erfahrungen und Publiziertes nutzen
Prinzipiell kommt man schon entscheidend weiter, wenn man sehr genau hinschaut, was Suchtkranke äußern, was sie bewegt, quält und was sie brauchen. Allein daraus lässt sich viel lernen. Bringt man das zusammen mit eigener Erfahrung und der von Suchtspezialisten (w/m) in aller Welt sowie mit einer Menge an bereits Publiziertem, so ergeben sich ganz neue Ansätze. Mit denen kann man, wenn man sie behutsam und systematisch verfolgt, das Tor zu einer ungleich effektiveren Behandlung aufstoßen.
Das will näher erläutert sein. Unsere Praxis hat auf diese Weise eine Reihe von ersten Ansätzen für eine Behandlung von Alkoholabhängigen entwickeln können, die sich bei vielen als ungleich effektiver erwiesen hat als der etablierte Behandlungsstandard.
1.9 Stimmt es? Ist es wissenschaftlich? Das muss es werden
Ein berechtiger, ständiger Einwand dagegen lautet: Da war keinerlei wissenschaftliche Studie – fehlt noch jede Evidenz. Nur so aus einer Praxis heraus zusammendokumentiert – man könnte sogar sagen: behauptet, fehlt noch jede Sicherheit.
Deshalb muss auch betont werden: Was hier zusammengetragen wird, wird vorgestellt, damit es solide weiterentwickelt wird, vor allem wissenschaftlich. Es ist noch nicht dazu geeignet, als Anregung oder Vorlage benutzt zu werden, um es in eigener Praxis ausprobierend nachzumachen. Dafür ist es zu gefährlich!
1.10 Auf die Art des Einsatzes kommt es an
Mehrere wichtige Substanzen, die sich in unserer Behandlung als sehr erfolgreich erwiesen haben, können bei falscher Handhabung mit eigener, schlimmer Suchtentwicklung einhergehen oder haben sogar schon Menschen umgebracht. Werden Anregungen, wie sie in diesem Buch stehen, weniger strukturiert umgesetzt, kann das schnell solche Folgen haben. Dadurch haben die Substanzen schon unnötig und völlig falsch einen schlechten Ruf und sind teils verboten. Substanzen sind aber nicht schlecht oder gut – die Art des Einsatzes ist entscheidend.
Unsere Erfahrungen zeigen mit faszinierender Sicherheit: Substanzen, die als viel zu gefährlich und „süchtig machend“ gelten, sind doch ausgesprochen segensreich einsetzbar. Sie...
| Erscheint lt. Verlag | 30.8.2021 |
|---|---|
| Verlagsort | Ahrensburg |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sachbuch/Ratgeber ► Natur / Technik ► Naturwissenschaft |
| Technik | |
| Schlagworte | Alkohol • Alkoholabhängigkeit • Baclofen • Buprenorphin • Cannabis • Clomethiazol • Dihydrocodein • FASD • Forschung • Leitlinie • Medikamente • Sucht • Wissenschaft |
| ISBN-10 | 3-347-38382-6 / 3347383826 |
| ISBN-13 | 978-3-347-38382-1 / 9783347383821 |
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