Was sitzt mir im Nacken? (eBook)
172 Seiten
Morawa Lesezirkel (Verlag)
978-3-99084-144-0 (ISBN)
Birgit Deutsch, Mag.(FH) für Sozialarbeit, geb. 1963, Nuad-Praktikerin, selbständige Masseurin für thailändische Massage, langjährige Erfahrung in der Sozialarbeit, wohnt und arbeitet in der Nähe von Wien. Widmet sich seit Jahrzehnten den Themen Entspannung, Selbsterfahrung, Medizin, Massage/Körperarbeit, Zusammenhang zwischen Körper und Psyche, zahlreiche Aus- und Fortbildungen.
Teil 2
WARUM
GANZHEITLICHKEIT?
Wir haben im ersten Teil unter Berücksichtigung unserer körperlichen Gegebenheiten und Bedingungen zahlreiche Aspekte der Entstehung der betreffenden Beschwerden gefunden. Meinem Verständnis nach endet die lohnende Betrachtung aber damit noch nicht.
ÜBERLEGUNGEN ZU GANZHEITLICHKEIT
Die Weltgesundheitsorganisation WHO definierte im Jahr 1948 Gesundheit als einen Zustand völligen psychischen, physischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur als Freisein von Krankheit und Gebrechen.89 Dieser Definition schließe ich mich mit der Einschränkung an, dass ich das „völlig“ in Frage stelle. (Der Zustand „völligen“ psychischen, physischen und sozialen Wohlbefindens stellt wohl eher ein zu erreichendes Ideal dar als eine Realität. Man kann die WHO-Definition auch so verstehen: Wir sind aufgerufen, Bedingungen zu schaffen, um uns in diese Richtung zu entwickeln.) Meine Ausbildungen und Erfahrungen im Gesundheitsbereich, aber auch im Zuge meiner früheren Tätigkeit in der Sozialarbeit und meine persönlichen Erfahrungen haben mir deutlich gezeigt, dass unser Körper mit unseren Gedanken, Gefühlen und unserer Lebenssituation untrennbar verbunden ist. Auch wenn sich Beschwerden und Schmerzen primär körperlich zeigen, so haben andere Bereiche unseres Lebens großen Einfluss auf unseren Körper und das Schmerzgeschehen. Ich selbst habe große körperliche Veränderungen wahrgenommen, seitdem ich mich mit Selbsterfahrung und Entspannung beschäftige. Diese Veränderungen treten nicht über Nacht auf, es geht hier um einen langfristigen Prozess, der über einen langen Zeitraum entwickelte Gedanken- und Verhaltensmuster positiv verändert. Diese Veränderungen erfolgen jedoch nachhaltig und verbessern die Lebensqualität deutlich. Daher möchte ich auch meine diesbezüglichen Erkenntnisse gerne teilen.
Auch eine neuere, bereits erwähnte Studie weist den Zusammenhang zwischen psychosozialen und soziodemografischen Faktoren und dem Auftreten von Schmerzen nach.90
Ganzheitlichkeit betrifft für mich drei Ebenen:
Zum einen bezieht sich dieses Konzept auf den ganzen Körper. Das klingt banal, in meiner Praxis kommt es jedoch häufig vor, dass Personen mit Nackenbeschwerden von mir erwarten, ausschließlich diese Körperstelle zu behandeln, da ja auch hier die Schmerzen zu finden sind. Wenn ich erkläre, dass mir die Einbeziehung des ganzen Körpers wichtig ist und ich aus gutem Grund mit der Arbeit an den Füßen beginne, stoße ich gelegentlich auf Widerstand. Dass der Körper eine Einheit darstellt, ist offenbar nicht ganz klar.
Zum zweiten meine ich mit Ganzheitlichkeit die Einbeziehung des Denkens, des Fühlens, der gesamten Situation, in der sich eine Person befindet. Dies kann etwa das Privatleben, die Arbeitssituation, familiäre Betreuungspflichten, Existenzsorgen etc. betreffen. Ich frage alle Personen zu Beginn der Massageeinheit, wie es ihnen geht. Es ist mir wichtig, zu wissen, in welcher Situation sich die Person befindet, die zu mir kommt. Ist sie gerade mit einem akuten Problem befasst? Gibt es eine vorherrschende Emotion? Was spürt sie gerade körperlich? Das ist mir auch deshalb wichtig, weil es eine Einladung darstellt, innezuhalten und in sich hinein zu spüren. Was ist gerade mit mir los? Wie fühlt sich das an?
Zum dritten beziehe ich die spirituelle Ebene mit ein. Wie wir noch genauer untersuchen werden, stellt für mich die Frage nach dem „großen Ganzen“, nach einer grundsätzlichen Zugehörigkeit und Verbundenheit ein fundamentales menschliches Bedürfnis dar. Dieses wird im medizinischen Kontext oft ausgespart.
WOHER KOMMT DIE TRENNUNG, DAS FEHLEN VON GANZHEITLICHKEIT?
Man weiß seit Jahrtausenden um die enge Verflechtung zwischen den Organfunktionen des Körpers und psychischen Prozessen. Aristoteles schreibt, dass mit Emotionen typische Körperveränderungen auftreten: „So scheinen auch alle seelischen Vorgänge wie Zorn, Sanftmut, Furcht, Mitleid, Mut, ferner Freude, sowie Liebe und Hass in Verbindung mit dem Körper zu stehen. Denn bei allen diesen ist der Körper irgendwie beteiligt.“91 Auch unsere Alltagserfahrungen bestätigen diesen engen Zusammenhang: wir alle kennen die körperlichen Begleiterscheinungen von Prüfungssituationen, dem Erhalt einer guten oder schlechten Nachricht, dem ersehnten Treffen mit einer geliebten Person und so fort. Einerseits wissen wir ganz selbstverständlich von der Einheit, die unser Körper mit unserem Geist und unserer Psyche bildet. Andererseits hat sich in unseren Köpfen in den letzten Jahrhunderten die Vorstellung einer Trennung ausgebreitet, die Gräben entstehen ließ und ungünstige Konsequenzen hat. Die westliche Kultur hat durch das Zeitalter der Aufklärung das Selbstverständnis von Ganzheitlichkeit eingebüßt, indem eine schrittweise Trennung von Körper und Geist erfolgte. Die Befreiung von der Allmacht der Kirche ermöglichte wissenschaftlichen Fortschritt. Durch den Fokus auf den Geist wurde jedoch ein Gegenüber geschaffen, die Materie. Dieser wurde die Natur und der menschliche Körper zugeordnet. Diese Ausrichtung prägt unsere gesamte Kultur, unseren Umgang mit unserem Lebensraum und unsere mechanistisch ausgerichtete Medizin. Die Vorstellung der Einheit von Körper, Geist und Psyche passt nicht ganz in dieses Bild.
„Außerdem leben wir in einer Kultur, die es uns schwer macht, uns im eigenen Körper wohl zu fühlen. Historisch gesehen hat uns die Aufklärung das letzte Gefühl an Ganzheitlichkeit genommen. Unser Dank gilt Menschen wie Gindler, Jakobi, Raich, Feldenkrais, Rolf, Pilates […] und der aktuellen Neurobiologie und Gehirnforschung […], die alle hier im westlichen Kulturraum darum bemüht waren und sind, uns Menschen wieder zu einem Gesamtsystem zusammenzufügen und diese unselige Trennung von Empfindung, Emotion, Körper und Geist-Denken wieder aufzuheben“, so die Rolferin und Entwicklerin einer wahrnehmungsorientierten Bewegungsarbeit namens „Inner Movement“ Jasmin Mirfakhrai.92
GANZHEITLICHKEIT UND MEDIZIN
Anders als in asiatischen Traditionen wie in der Traditionellen Chinesischen Medizin steht in der westlichen Medizin nicht der ganze Mensch im Fokus der Aufmerksamkeit, sondern einzelne Symptome. Das Verstehen einer Krankheit bedeutet hier die Aufdeckung eines bestimmten Zustandes, der unabhängig vom jeweiligen Patienten oder der jeweiligen Patientin existiert. Die westliche Medizin ist hauptsächlich mit isolierbaren Krankheitskategorien oder -ursachen beschäftigt, die sie herausgreift und zu ändern, zu kontrollieren oder auszuschalten versucht. „Der westliche Arzt fängt mit einem Symptom an und sucht dann nach dem zugrunde liegenden Mechanismus – einer präzisen Ursache für eine spezielle Krankheit. Die Krankheit mag verschiedene Teile des Körpers in Mitleidenschaft ziehen, stellt jedoch ein ziemlich klar definiertes, in sich geschlossenes Phänomen dar. Durch präzise Diagnose wird eine exakte, quantifizierbare Beschreibung eines möglichst abgegrenzten Bereiches gegeben. Die Logik des Arztes ist analytisch […], um zu einer einzigen Ursache vorzudringen“, so Ted Kaptchuk, ein US-amerikanischer Mediziner, der an der Universität von Harvard unterrichtet.93
Die westliche Medizin hat ihre Stärken und Grenzen. Die Fortschritte und Erkenntnisse der letzten Jahrhunderte haben großen Einfluss auf die Heilungschancen schwerer Krankheiten genommen, die westliche Medizin leistet Großartiges. Bei starken akuten Schmerzen kann es unabdingbar sein, sich mit Medikamenten Erleichterung zu verschaffen. Dies stellt oft die Voraussetzung dar, sich mit weiteren Aspekten und Möglichkeiten der Linderung zu befassen. Es gibt jedoch ein zunehmendes Bewusstsein, dass PatientInnen unter der mechanistischen Sichtweise zu leiden haben. Sie fühlen sich oft nicht gehört, nicht gesehen, nicht als Mensch wahrgenommen. Außerdem stellen chronische Erkrankungen eine besondere Herausforderung in der Behandlung, auch für die westliche Medizin, dar – zudem schwere chronische Erkrankungen generell die Frage nach dem Wesen von Behandlungserfolg aufwerfen. Wie wir bereits besprochen haben, ist Schmerzverarbeitung ein sehr individuelles Geschehen und damit eine medizinische Herausforderung.
Die mechanistische Sicht auf den menschlichen Körper hat zur Folge, dass wir den Körper als Apparat betrachten, der bei Fehlfunktion repariert werden muss. Sein reibungsloses Funktionieren wird als Selbstverständlichkeit betrachtet. Tauchen Beschwerden auf, wird der Körper häufig verbal abgewertet, wir fühlen uns von ihm „im Stich gelassen“. Wenn wir uns jedoch mit der Homöostase, der Selbstregulierung des Körpers, beschäftigen, geraten wir angesichts der unzähligen Regulationsvorgänge, die unserem Bewusstsein verborgen bleiben, ins Staunen. Der Körper befindet sich in einem ununterbrochenen Prozess des Ausgleichens, welchen wir mit...
| Erscheint lt. Verlag | 13.9.2018 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sachbuch/Ratgeber |
| ISBN-10 | 3-99084-144-0 / 3990841440 |
| ISBN-13 | 978-3-99084-144-0 / 9783990841440 |
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