Die Psychologie des IS (eBook)
424 Seiten
Europa Verlag GmbH & Co. KG
978-3-95890-115-5 (ISBN)
Prof. Dr. Dr. Jan Ilhan Kizilhan, Orientalist und Psychologe, stammt aus Kurdistan und gilt als international anerkannter Experte der Transkulturellen Psychiatrie und Traumatologie. Er leitet den Studiengang Psychiatrische Erkrankungen und Sucht an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und kümmert sich seit Jahren um Opfer der Terrormiliz Islamischer Staat. Alexandra Cavelius ist freie Autorin und Journalistin. Unter anderen erschienen von ihr die Bestseller Die Himmelsstürmerin und Leila - Ein bosnisches Mädchen. Zu ihren letzten, sehr erfolgreichen Werken zählen die Autobiografie mit der mehrfach für den Friedensnobelpreis nominierten Swetlana Gannuschkina 'Auch wir sind Russland' sowie mit Unterstützung des international anerkannten Traumatologen Jan Kizilhan die Geschichte der Jesidin Shirin: Ich bleibe eine Tochter des Lichts.
Prof. Dr. Dr. Jan Ilhan Kizilhan, Orientalist und Psychologe, stammt aus Kurdistan und gilt als international anerkannter Experte der Transkulturellen Psychiatrie und Traumatologie. Er leitet den Studiengang Psychiatrische Erkrankungen und Sucht an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und kümmert sich seit Jahren um Opfer der Terrormiliz Islamischer Staat. Alexandra Cavelius ist freie Autorin und Journalistin. Unter anderen erschienen von ihr die Bestseller Die Himmelsstürmerin und Leila – Ein bosnisches Mädchen. Zu ihren letzten, sehr erfolgreichen Werken zählen die Autobiografie mit der mehrfach für den Friedensnobelpreis nominierten Swetlana Gannuschkina "Auch wir sind Russland" sowie mit Unterstützung des international anerkannten Traumatologen Jan Kizilhan die Geschichte der Jesidin Shirin: Ich bleibe eine Tochter des Lichts.
IM HERZEN DER FINSTERNIS: DAS MÄDCHEN, DAS IN AL-BAGHDADIS HÄNDEN WAR
»Wer flieht, dem droht der Tod!« Das war uns Mädchen klar, doch wir ahnten nicht, dass uns noch viel Schlimmeres bevorstand, nachdem die IS-Wachen uns zu viert im Garten geschnappt hatten. Unser Besitzer hat uns aber nicht, wie erwartet, mit eigenen Händen erschlagen. Nein, er hat uns zur Strafe in einem anderen Haus mit seinen Emiren eingesperrt. Wenn man sich mit 14 Jahren so alt fühlt, dass es einem vorkommt, als könnte man den nächsten Morgen nicht mehr überstehen, fürchtet man den Tod nicht mehr. Wir sind ein zweites Mal davongelaufen. Und diesmal sind wir unseren Folterknechten entkommen! Mir war klar, dass wir Glück gehabt haben. Wie groß unser Glück war, ist mir jedoch erst viel später bewusst geworden.
Im November 2014 nahm mich mein Onkel im kurdischen Teil des Irak in seiner Familie auf. Gemeinsam verfolgten wir nach dem Abendessen die Nachrichten im Fernsehen. Als hätte ich einen Stromschlag erhalten, zuckte ich zurück und stammelte, mit dem Finger auf den Bildschirm deutend: »Bei … bei … bei diesem Mann war ich auch!« Damals war er anders gekleidet gewesen, trug nicht dieses schwarze lange Gewand und den schwarzen Turban. Unverkennbar jedoch waren das breite Gesicht wie das eines Bauern und der schwarze Vollbart mit weißen Strähnen. Mein Onkel wurde kreidebleich.
Plötzlich haben sich die Ereignisse nur so überschlagen. Der US-Geheimdienst wollte mit mir sprechen. Und schon kurze Zeit später hat man mich außer Landes nach Deutschland geschafft. Bis dahin hatte ich keine Ahnung gehabt, dass es Abu Bakr al-Baghdadi persönlich gewesen war, der mich als sein Eigentum betrachtet hatte. Zweieinhalb Monate lang war ich in Händen des selbst ernannten Kalifen, des Anführers der Terrormiliz Islamischer Staat, des meistgesuchten Terroristen der Welt. Ich wusste nicht, dass die USA auf ihn ein Kopfgeld von 10 Millionen Dollar ausgesetzt hatte. Bis dahin war mir auch nicht klar gewesen, dass die Führer des IS die schönsten Mädchen für sich selbst wählen.
Seitdem ich in ihrer Gefangenschaft war, fühle ich mich hässlich. Ich bin Jesidin. Mein Haar ist lang und schwarz gelockt. Ich bin dünn. Meine Augen sind groß und schwarz wie Kohle. Die Schatten darunter sind tief. Meine Haut ist weiß wie mein T-Shirt. Ich bin in einer aufgeschlossenen und modernen Familie aufgewachsen. Wie hätte ich mir da ausmalen sollen, dass im Irak von einem Tag auf den anderen wieder das Mittelalter herrscht? Mit Sklaverei und Menschen, die wie Fliegen auf der Straße sterben. Bis heute konnte mir niemand sagen, ob meine Eltern und Geschwister noch leben. Als ich in der Pubertät war, ist mein altes Leben zu Ende gewesen.
Das alles passierte so überraschend, dass ich es immer noch nicht ganz verstanden habe. Deshalb erzähle ich im Gespräch oft in der Gegenwart und sage: »Sindjar ist eine Stadt, in der etwa 30 000 Menschen leben.« Dabei gibt es die Stadt und die Einwohner nicht mehr. In Sindjar sind nur Ruinen, unterirdische Tunnel und überall Minen, sogar in Kopfkissen und unter Waschbecken, übrig geblieben. So viele Menschen sind tot. Wo sind meine vier älteren Brüder? Sie sind 16, 17, 20 und 21 Jahre alt. Wo ist meine zwölfjährige Schwester Leyla*? Ich habe so schreckliche Angst um sie. Schließlich habe ich am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, Dienerin von IS-Terroristen sein zu müssen. Ich habe meine kleine Schwester so geliebt und vermisse sie so sehr.
Bis zum 3. August 2014, dem Tag des Überfalls, lebte unsere Familie gut. Mein Vater ist Lehrer und meine Mutter Hausfrau. Ich besuchte die 10. Klasse, hatte einigermaßen gute Noten und viele Freunde. In der Schule unterrichteten uns sowohl arabische, kurdische als auch jesidische Lehrer, die eigentlich alle nett waren. Ich beherrsche Arabisch, Kurdisch sowie ein bisschen Englisch. Richtige Hobbys hatte ich nicht, aber ich habe gerne gelesen und oft kurdische Musik gehört.
In den Schulferien ist unsere Familie immer aufs Land zu unseren Verwandten gefahren. Diese Ausflüge haben mir großen Spaß gemacht. Besonders schön fand ich die Abende im Sommer, wenn es langsam dunkel und kühler wurde. Dann saßen alle bis in die frühen Morgenstunden zusammen. Die Alten erzählten ihre Geschichten, wir Mädchen hörten gespannt zu oder haben uns zurückgezogen, gequatscht und gespielt.
Meine Mutter hat uns Kindern das Gefühl gegeben, dass wir das größte Geschenk auf der Welt seien. Vater, der als Lehrer arbeitet, hat dagegen öfter mal den Zeigefinger mahnend erhoben: »Ihr müsst viel lernen, damit ihr später einen guten Beruf erlernt und von niemandem abhängig werdet.« Meine beiden älteren Brüder wollten aber kein Abitur machen, sie haben lieber gleich ihr eigenes Geld verdient. Vater war enttäuscht über sie, denn es war sein großer Wunsch gewesen, dass alle seine Kinder eines Tages studieren würden. Deswegen hatte ich mir fest vorgenommen, nach dem Abitur gleich an die Universität zu gehen. Vielleicht, um selbst einmal Lehrerin zu werden? Aber das war noch so weit weg. Viel mehr interessierte ich mich für Kleider, Schmuck, aber auch Schminke. Leyla* und ich haben sehr häufig, unter viel Gelächter, alles Mögliche an uns ausprobiert.
Frauen und Mädchen verhüllen sich bei uns nicht mit schwarzen Kopftüchern oder langen Kleidungsstücken, wie es die Muslime machen, nur weil es ihnen ein anderer so vorgeschrieben hat. Wir sind kurdische Jesiden, wir brauchen solche Regeln nicht. Unsere Familie ist sehr offen gewesen, mein Vater war nicht mal besonders religiös. Womöglich lag das daran, dass er als Lehrer eine sehr aufgeklärte Weltsicht hatte. Er hat uns viel Freiraum gelassen, wir Mädchen durften uns so anziehen, wie es uns gefiel. In der Schule habe ich meistens T-Shirt und dazu eine Jeans getragen und meine langen Haare offen gelassen. Nur vor Freundschaften mit Jungen haben mich meine Eltern gewarnt, da die Leute sonst schlecht über uns redeten.
Es gab einige Mitschüler, die mir von ihrer Art her gefielen; wir haben auch auf dem Pausenhof miteinander gescherzt. Speziell interessiert hat mich aber keiner. Innerlich habe ich jedes Mal die Augen verdreht, wenn im Dorf getratscht wurde. Sobald man 13 Jahre alt wird, fangen die älteren Leute an, die Mädchen zu ärgern: »Na, wen willst du mal heiraten?« Meistens unterbreiteten sie gleich darauf selbst ihre Vorschläge. »Ich habe einen hübschen Sohn. Den solltest du unbedingt nehmen.« Da habe ich immer nur gelacht. »Ich bin doch noch viel zu jung dazu.« Viele der älteren Frauen haben schmunzelnd entgegengehalten. »Ach, ich habe selber schon mit 14 Jahren geheiratet.« Wenn kein Argument mehr weiterhalf, habe ich meine lange Mähne geschüttelt. »Nein, nein, mein Vater möchte das noch nicht.« So reden eben die Menschen im Dorf, da dreht es sich häufig um Hochzeiten und andere Feierlichkeiten. Zu Hause war das kein Thema. Am liebsten habe ich mit Leyla* gespielt. Sie war mehr als eine Schwester, sie war meine beste Freundin.
Wir lebten in einem großen Haus mit einem großen Vorgarten. Selbst, wenn drum herum alles von der Sonne verdorrt war, leuchtete unser Rasen grün, weil Vater ihn mit großer Hingabe gepflegt hat. Wir hatten auch einen Obstbaum und verschiedene Gemüsesorten angepflanzt. Abends im Sommer haben wir auf der Wiese einen Teppich ausgebreitet, und Mutter hat wunderbare Speisen zubereitet, wie Reis, Bulgur, viel Fleisch und Gemüse. Ich habe ihr dabei geholfen, was mir manchmal Spaß gemacht hat, manchmal aber auch überhaupt nicht. Endlich erschienen unsere Gäste!
Frauen und Mädchen haben wir umarmt, den älteren Männern haben wir die Hand geküsst, den Jungen in unserem Alter haben wir die Hand gegeben zur Begrüßung. Kaum hatten die Besucher Platz genommen, sind wir in die Küche gerannt und haben eine Leckerei nach der anderen serviert, angefangen mit Tee oder Kaffee, manchmal sogar beides, dann folgten mehrere Teller mit Obst. Und kurz danach trugen wir Vorspeise, Hauptgang, Nachspeise und natürlich sehr viele Süßigkeiten und Gebäck herbei. All das Essen ließen wir auf dem Tisch stehen, damit die Leute bis zum Schluss etwas davon nehmen konnten. Oft kamen die Gäste gegen 20 Uhr und gingen erst um 2 Uhr nachts wieder nach Hause. Zum Glück begann der Schulunterricht morgens erst um 9 Uhr. Zwischen 13 und 16 Uhr war Pause, weil um diese Uhrzeit die Hitze in Sindjar unglaublich drückend ist. Nicht selten zeigt das Thermometer in der Sonne Temperaturen um 60 °C an. Da kann man sich weder in der Schule noch sonst irgendwo konzentrieren. Gleich nach dem Mittagessen haben wir uns aufs Ohr gelegt.
Vater hat uns Kinder häufig zu politischen Veranstaltungen in der Schule mitgenommen. Die Mehrheit in Sindjar hat die »Demokratische Partei Kurdistans« (DPK) von Präsident Masud Barzani unterstützt. Vater jedoch war der Ansicht, dass die »Patriotische Union Kurdistans« (PUK) viel moderner und den Jesiden gegenüber offener sei und sie zudem stärker unterstütze. Wenn seine Freunde zu Besuch waren, haben sie viel über die Rechte der Jesiden diskutiert, aber auch über die Beziehung unseres Volkes zum Irak, zu den Arabern und zu den Kurden. Die Mehrheit der Kurden gehört den sunnitischen Muslimen an. Wir sind sozusagen eine Minderheit in der Minderheit.
»Als Kurde geboren zu sein bedeutet, verfolgt zu sein«, haben die Alten oft gesagt. Es bedeutete auch, zum größten Volk ohne eigenen Staat zu gehören. Meine Eltern haben mir viel über die Aufteilung Kurdistans im Irak, in der Türkei, in Syrien und im Iran berichtet. Und auch, dass meine Vorfahren ursprünglich aus der Türkei stammten, vor 80 Jahren jedoch...
| Erscheint lt. Verlag | 10.10.2016 |
|---|---|
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sachbuch/Ratgeber ► Geschichte / Politik ► Zeitgeschichte ab 1945 |
| Schlagworte | Gotteskrieger • IS • Islamischer Staat • IS-Terror • Syrien |
| ISBN-10 | 3-95890-115-8 / 3958901158 |
| ISBN-13 | 978-3-95890-115-5 / 9783958901155 |
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