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Das Stammeln der Wahrsagerin (eBook)

Unglaubliche Geschichten hinter Kleinanzeigen. Recherchiert und erzählt von Sarah Khan

(Autor)

eBook Download: EPUB
2017 | 1. Auflage
160 Seiten
Suhrkamp (Verlag)
978-3-518-75126-8 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Das Stammeln der Wahrsagerin -  Sarah Khan
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Wohnungsauflösungen und Tabula rasa, Not- und Spontanverkäufe. Was treibt Menschen dazu, sich über Kleinanzeigen für kleines Geld von ihren Dingen zu trennen? Ernsthaft, in Kaufabsicht, hat Sarah Khan viele Inserierende getroffen und genau hingehört, als sie anfingen, ihre Lebensgeschichten zu erzählen - und aus Oral History Literatur gemacht. Entstanden sind Geschichten von Abschied und Neuanfang, Glück und Unglück, von hochfahrenden oder bereits geplatzten Träumen.
Seit Sarah Khan mit ihrer Familie ein altes Schulhaus in Brandenburg renoviert und als Wochenendhaus einrichtet, studiert sie ständig eBay-Kleinanzeigen. Sie findet dort nicht nur Haushaltsgegenstände, sondern auch ungetragene Hochzeitskleider, Pferdebücher, Kosmetikartikel, Fotoalben. Und sie stellt fest: Hinter diesen Anzeigen verbergen sich Menschen. Die traurige Yvonne mit ihrem Hochzeitskleid; eine junge Frau, die ernsthaft glaubt, mit ihrer Pferdebuchsammlung könne sie ihre Altersversorgung sichern; eine Wahrsagerin, die ihre Dienste anbietet und dabei ins Stammeln gerät; ein Tierpfleger, genannt der »Affen-Walter«, der einst Michael Jackson durch den Berliner Zoo geführt hat, Bilder im Album zeugen davon. Was ist diesen Menschen passiert, die sich von Teilen ihres Lebens trennen wollen? Sie haben es Sarah Khan erzählt, und Sarah Khan hat ihre Geschichten aufgeschrieben.



<p>Sarah Khan, Autorin und Journalistin, geboren 1971 in Hamburg, lebt in Berlin. Sie studierte Volkskunde und Germanistik. Sie hat drei Romane publiziert. Zuletzt erschien <em>Die Gespenster von Berlin. Wahre Geschichten</em> (st 4474). 2012 erhielt sie den Michael-Althen-Preis.</p>

Sarah Khan, Autorin und Journalistin, geboren 1971 in Hamburg, lebt in Berlin. Sie studierte Volkskunde und Germanistik. Sie hat drei Romane publiziert. Zuletzt erschien Die Gespenster von Berlin. Wahre Geschichten (st 4474). 2012 erhielt sie den Michael-Althen-Preis.

Der Name des Sofas


Zu verschenken & tauschen

Großes, schweres Sofa mit dicken Daunenkissen. Das Sofa war sehr teuer, ist aber jetzt stark abgesessen. Die Kissen und das Polster sind prima, der Segeltuchbezug ist aber am Ende. Er ist aber austauschbar und möglicherweise kann man einen neuen Bezug kaufen. Das Sofa ist zu verschenken und in Berlin-Tiergarten abzuholen.

Ich rufe den Anbieter an. Das Sofa ist nicht mehr da, sagt der Mann, aber er ist gerne bereit, mir von seiner Verschenk-Erfahrung zu berichten, ich soll gleich vorbeikommen. Schnell radle ich zu seinem Büro im Hansaviertel. Herr Stein ist Ende dreißig, kreativer Freiberufler, Hundehalter und ein überzeugter Bewohner des Hansaviertels, ein in den 1950er Jahren auf den Weltkriegsruinen gebautes, explizit modernistisches Viertel, das von internationalen, namhaften Architekten entworfen wurde.

»Ich bin das Sofa mit Krampf nur losgeworden«, sagt er. »Es gab in all den Wochen kaum Reaktionen auf die Anzeige: Heute Sie, dann drei oder vier Möbeltransportdienste, die ihre Dienstleistungen anboten, und ein Zahnarzt. Ich wäre es leichter losgeworden, wenn ich es für hundert Euro reingestellt hätte. Was nichts kostet, taugt auch nichts, so denken die Leute doch.« Er erzählt, was alles geschehen musste, bis er das Sofa endlich los war, wobei er mehrmals betont, dass er das Sofa auch gerne mit einer Axt zerkleinert oder aus dem Fenster geschmissen hätte – »ich bin da nicht so emotional«, sagt er wiederholt –, was im Gegenteil einen bestürzend emotionalen Eindruck macht. Ich spüre in ihm einen Groll, als sei mit dem Sofa eine schwierige soziale Verantwortung verbunden gewesen, die er eigentlich ablehnte und der er doch nachkommen musste. Er wusste nur, dass das Sofa in den 1990er Jahren hergestellt wurde und damals sehr teuer war, aber den Hersteller kannte er nicht, und es interessierte ihn auch nicht, diesen zu erfahren. Jede Frage nach Marke, Hersteller oder Designer wehrte er entschieden ab. »Ich hätte auch keine Probleme gehabt, es aus dem Fenster zu schmeißen.«

Der Schenkversuch bei eBay Kleinanzeigen verlangte ihm viel Geduld ab. Dreimal kam der interessierte Zahnarzt vorbei, bevor er sich endgültig entschied. Einmal kam er sogar mit seiner Mutter. Wieso? Das erfahren Sie in folgender Geschichte.

Wenige Stunden bevor die Anzeige erschien, an einem Arbeitstag kurz nach eins, als der Beagle Rudi an der Bürotür kratzte, worauf Ronan Stein den Computer auf Ruhemodus stellte, sich erhob und nach der Hundeleine griff, begegnet er nach wenigen Schritten im nahe gelegenen Tiergarten seinem Freund und Kollegen Mats. Nachdem sie sich über Neuigkeiten aus ihrer Branche ausgetauscht hatten, kam Ronan auf ein Thema zu sprechen, das ihn gerade beschäftigte. »Ich will mein Sofa loswerden, nicht das billige Ikea-Ding im Büro, ich meine das grüne Sofa in meiner Wohnung, das früher einmal sehr teuer war.«

»Ich brauche kein Sofa, aber danke.«

»Am liebsten würde ich es aus dem Fenster schmeißen.«

»eBay Kleinanzeigen.«

»Daran dachte ich auch schon, aber ich bin kein Verkäufer.« Das zuzugeben gab ihm einen Stich, denn Mats war im Gegensatz zu ihm ein geborener Verkäufer, der sich selbst prima vermarkten konnte und durch seine bei eBay geschalteten Kleinanzeigen ständig etwas dazuverdiente. Stets fand Mats in Kellern, auf Baustellen oder am Straßenrand skurrile Lampen, runzelige Tische oder Objekte, die er säuberte, fotografierte und dann in ein erkleckliches Taschengeld verwandelte. Aber so ein Mensch war Ronan nicht. »Ich schmeiße lieber weg. Sachen einpacken und versenden und bei der Post lange Schlange stehen, das ist mir, ehrlich gesagt, zu viel Stress. Erst recht bei einem Sofa.«

»Dann schreib in die Anzeige: kein Versand, nur Abholung«, riet ihm Mats. »So beschränkst du es auf Berlin.« Ronan löste die Leine, damit Rudi auf die Wiese rennen konnte. Sie blieben stehen und sahen ihm schweigend nach, dann liefen sie an den Kastanien entlang um die große Wiese herum in Richtung Schloss Bellevue.

»So könnte ich es machen«, sagte Ronan. »Wenn ich es verschenke, kann ich auch verlangen, dass die Leute es selbst runtertragen.«

»Du wirst sehen, das funktioniert. Irgendjemand sucht immer genau das, was du gerade anbietest. Ich bin da noch nie etwas nicht losgeworden. Man braucht nur Geduld.«

»Wenigstens bin ich nicht so der emotionale Typ«, sagte Ronan ohne jeden Zusammenhang, was zu bemerken ihm wieder einen Stich gab, aber den hielt er jetzt besser aus. Am frühen Abend setzte er die Anzeige rein. Er ging davon aus, dass schon bald jemand zur Besichtigung erscheinen würde. Er wollte es dem Sofa vorher sagen, damit es nicht aus allen Wolken fiel. Er war nervös und wusste nicht recht, wie er es am geschicktesten anstellen sollte. Zunächst schaffte er benutztes Geschirr aus dem Wohnzimmer, machte aus den verstreuten Büchern und Zeitschriften ordentliche Stapel und staubsaugte über den grauen, geschliffenen Betonboden. Dann setzte er sich aufs Sofa und strich sinnierend über den abgewetzten und ausgeblichenen Segeltuchbezug. Er spürte, wie unduldsam ihn allein die Farbe machte, dieses tiefe, verträumte Grün, in dem sich Meerjungfrauen verstecken mochten oder ein Haufen sorgloser Eliteschüler, die den ganzen Sommer auf mit Picknickkörben beladenen Tretbooten verbrachten.

»Was ist heute bloß los mit dir, Ronan«, sagte es da. »Das heute journal hat übrigens längst angefangen.«

»Wir werden einen Schnitt machen, du und ich. Schau mal, dies ist eine Egon-Eiermann-Wohnung, und du bist ein 90er-Jahre-Sofa, das wäre nicht mehr lange gut gegangen mit uns beiden. Du kommst hier auch gar nicht richtig zur Geltung. Deshalb habe ich mich entschlossen, mich von dir zu trennen.«

»Aber ich bin das Geschenk von Chandra. Sie schenkte mich dir, als ihr Schluss gemacht habt und Freunde bleiben wolltet.«

»Das ist jetzt fünfzehn Jahre her. Und Chandra hat mich kürzlich ausgelacht, als ich ihr sagte, dass ich immer noch mit dir lebe. Als wäre ich noch der Student von damals, der mit geschenkten Möbeln in seine erste Bude zieht. Nein. Jetzt muss etwas Repräsentatives her.«

»Du hättest mich längst aufarbeiten lassen können. Es ist eine Schande, wie du mit mir umgehst. Die Bezüge hast du nur einmal reinigen lassen. Für neue Bezüge warst du zu knauserig.«

»Das hätte mich über tausend Euro gekostet.«

»Seit Monaten jammerst du, dass die Auftragslage schlecht ist und du zu miesen Jobs gezwungen bist. Und jetzt soll plötzlich etwas Repräsentatives her? Das passt nicht zusammen.«

»Ich habe einen Kumpel, Torsten, der ganz groß mit Mid-Century-Möbeln handelt. Er gibt mir ein Sofa im Wert von fünftausend Euro. Fast geschenkt. Ich weiß noch nicht, ob es ein Le Corbusier oder doch lieber ein Eileen Gray wird, aber diese Gelegenheit wirst du mir nicht versauen. Du bist halt … dein Stil ist … viel zu … gemütlich für mich.« Ronan Stein war zufrieden, denn nun war es still. Er stand auf und wollte zu der Fernbedienung greifen, die auf dem dänischen Teakholztisch hinter einem gelben Zierkürbis lag, da zischte es: »Dieser Torsten schenkt dir doch nicht einfach so ein Sofa. Was ist das für ein Deal?« Ronan seufzte und setzte sich wieder. »Ich texte den neuen Web-Auftritt für seine Firma und wir entwickeln ein Social-Media-Konzept.«

»Wochenlange Arbeit ohne Lohn? Nur für eine Eileen-Gray-Schlampe? Womöglich ein Lederflittchen in Schwarz? Und ich soll ein gemütliches Auslaufmodell sein? Entschuldige, aber da muss ich doch sehr lachen.«

Ronan versetzte dem Sitzkissen einen Handkantenschlag. »Ich schmeiße dich doch nicht auf den Müll. Du kommst zu anderen Leuten.«

»Schämst du dich nicht, mich den Blicken wildfremder Menschen auszusetzen? Schau dir die Verschleißrisse an, die ausgeblichenen Stellen, und dann der Fleck, auf dem du gerade deinen Hintern platzierst – von wem ist der wohl? Sieht jeder, was das ist.«

»Das war Soße, und ich hab den Fleck gut rausbekommen, den sieht man gar nicht mehr.« – »Für mich sieht der Fleck wie Sperma aus.« – »Deshalb bist du auch zu verschenken.« – »Du mieser Sack!« – »Am liebsten würde ich dich aus dem Fenster schmeißen.« – »Ich passe aber nicht durch diese kleinen Egon-Eiermann-Fenster!«

»Du passt überhaupt nicht hierher!«

»Hier wohnen nur Loser! Mach deine Retro-Scheiße doch alleine mit deinem neuen Mid-Century-Flittchen. Das zeugt nicht gerade von dem emanzipierten Geschmack eines Erwachsenen! Du Mid-läufer!« ...

Erscheint lt. Verlag 10.4.2017
Verlagsort Berlin
Sprache deutsch
Themenwelt Sachbuch/Ratgeber Geschichte / Politik Politik / Gesellschaft
Sozialwissenschaften Politik / Verwaltung
Schlagworte Biographische Porträts • Die Gespenster von Berlin • ebay • Kleinanzeigen • Lebensgeschichten • Literarische Reportage • Michael-Althen-Preis für Kritik 2012 • skurrile Geschichten • ST 4731 • ST4731 • suhrkamp taschenbuch 4731
ISBN-10 3-518-75126-3 / 3518751263
ISBN-13 978-3-518-75126-8 / 9783518751268
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