Paris (eBook)
Deutsche Verlags-Anstalt
978-3-641-21430-2 (ISBN)
Der Frankreichkenner und Paris-Liebhaber Thankmar von Münchhausen führt durch über 200 Jahre Geschichte der Stadt an der Seine: von Napoleons Selbstkrönung in Notre-Dame bis heute. Paris stand aber nicht nur stets im Zentrum großer politischer Umwälzungen. Es galt als Inbegriff der Lebensfreude, als 'Hauptstadt des 19. Jahrhunderts', war Gastgeber für sechs Weltausstellungen und Arbeitsfeld des Präfekten Haussmann. Paris ist die Stadt Victor Hugos, Baudelaires und der Impressionisten. Hier entwarf Coco Chanel Haute Couture für Frauen in aller Welt, hier schuf Picasso den Kubismus, und hier formulierte Sartre den Existenzialismus: Paris wirkte in die ganze Welt.
Thankmar Freiherr von Münchhausen, geboren 1932, hat jahrzehntelang in Paris gelebt, wo er zwischen 1976 und 1998 als politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung tätig war. Er hat Bücher zur Geschichte Frankreichs veröffentlicht. Zuletzt erschien von ihm '72 Tage. Die Pariser Kommune 1871 - die erste 'Diktatur des Proletariats'' (2015).
ZWEITES BUCH
BOULEVARDS UND BARRIKADEN
Straßen, Plätze, Festungsmauern
Auf dem Pont-Neuf, über den sich am 3. Mai 1814 Ludwig XVIII. dem Tuilerien-Schloß näherte, grüßte das Reiterstandbild Heinrichs IV. den zurückgekehrten Monarchen. Ein Versprechen, nicht mehr. Denn das Monument, das ein geschickter Künstler in wenigen Wochen angefertigt hatte, war aus Gips. Doch dabei sollte es nicht bleiben. Der Bildhauer François Lemot, der im Kaiserreich Anerkennung gefunden hatte, erhielt den Auftrag, das Denkmal in Bronze auszuführen. Eine Subskription im ganzen Land erbrachte die Mittel. Als Rohmaterial mußten zwei Standbilder Napoleons herhalten. Am 25. August 1818, dem Festtag Ludwigs des Heiligen, wurde der »Vert Galant«, das älteste und volkstümlichste Denkmal in Paris, in Anwesenheit der Königsfamilie an der Stelle enthüllt, die es seit zweihundert Jahren innegehabt hatte. Eine schmerzliche Lücke, die die Revolution gerissen hatte, war geschlossen. Es bleibt anzumerken, daß der Gießer im Bauch des Pferdes mehrere Blechschatullen verborgen hatte, die als Zeugnis für die Nachwelt zeitgenössische Schmähschriften gegen die Bourbonen enthielten.
Auch andere Denkmäler nahmen im Zeichen der Restauration wieder ihren Platz ein: die Reiterstandbilder Ludwigs XIV. auf der Place des Victoires (1822) und Ludwigs XIII. auf der Place Royale, heute Place des Vosges (1829). Die gleiche Ehrung für Ludwig XV. und den unglücklichen Ludwig XVI. wurde durch die Juli-Revolution 1830 verhindert. Ein besonderer Akt der Wiedergutmachung war der Bau der »Sühnekapelle« in der Nähe des Boulevard Malesherbes (1826). Auf dem einstigen Friedhof der Kirchengemeinde Madeleine waren während der Schreckenszeit die auf dem »Revolutionsplatz« (Place de la Concorde) Hingerichteten und die beim Sturm auf die Tuilerien ermordeten Schweizer Gardisten, insgesamt eineinhalbtausend Männer und Frauen, in Massengräber geworfen worden. Etwas abgesondert lagen die Leichen Ludwigs XVI. und Marie Antoinettes. Die sterblichen Überreste des Königspaares wurden in die Abteikirche von Saint-Denis, die Grablege der französischen Könige, überführt. An der Stelle des Friedhofes erstand die Chapelle expiatoire. Die Legitimisten gedenken dort am 21. Januar ihres hingerichteten Königs, aber die Pariser lieben die Erinnerungsstätte nicht.
Doch die Entwicklung von Paris wurde nicht von symbolischen Gesten bestimmt, sondern von der lebhaften privaten Bautätigkeit, ein Ausdruck des politischen Vertrauens. Während der Revolution hatte ein Drittel der Immobilien in Paris wenigstens einmal den Besitzer gewechselt, darunter über tausend Häuser und Grundstücke aus dem Besitz der Kirche und der Emigranten. Bei solchem Angebot war der Anreiz für die eigene Bautätigkeit gering. Das sollte sich in der langen Friedenszeit, die nun begann, ändern. »Von allen Seiten erheben sich mit erstaunlicher Schnelligkeit Häuser, neue Straßen öffnen sich auf unbebauten Flächen, neue Viertel werden diese edle Stadt vergrößern«, hieß es im Haushaltsbericht der Stadtverwaltung von 1821.
Solcher Begeisterung standen die Klagen der Zeitungen, der Stadtverordneten und der Handelskammer gegenüber. Das Spekulationsfieber führe zu einem Überangebot, ohne die Wohnungsnot zu beheben, die Bauqualität lasse zu wünschen übrig, durch die Konzentration von Kapital und Arbeitskräften in der Hauptstadt werde die Provinz ausgesaugt. »Die abscheuliche, zügellose Spekulation, die Jahr für Jahr die Höhe der Stockwerke vermindert, aus dem Raum, den früher ein Salon ausfüllte, eine ganze Wohnung macht und einen mörderischen Kampf gegen die Gärten führt, wird unvermeidbar ihren Einfluß auf die Pariser Sitten ausüben. In kurzer Zeit wird man genötigt sein, mehr draußen als drinnen zu leben.« (Balzac: »Die Kleinbürger«, 1854)
Die Bautätigkeit vollzog sich vor allem in den Außenbezirken im Nordwesten, zwischen den Großen Boulevards und der Stadtgrenze. Bei diesen Erschließungsvorhaben ging es nicht um einzelne Gebäude, sondern um ganze Stadtteile. Investoren, hinter denen große Banken standen, arbeiteten Hand in Hand mit der Stadtverwaltung. Einige Bauspekulanten waren mit der politischen Führung der Juli-Monarchie eng verbunden. Alexis-André Dosne förderte die politische Laufbahn des Publizisten Adolphe Thiers und gab ihm seine Tochter zur Frau. Dosne war an der Entstehung der Viertel Nouvelle-Athènes und Saint-Georges (9. Arr.) beteiligt, die sich bei Künstlern, darunter Delacroix und Chopin, großer Beliebtheit erfreuten. Seine größte Unternehmung war seit 1826 das Quartier de l’Europe (8. Arr.) auf dem Gelände des einstigen Vergnügungsgartens Tivoli. Vom Zentrum, der Place de l’Europe, gehen acht Straßen mit den Namen europäischer Hauptstädte ab. Im Westen, angrenzend an die Champs-Élysées, entstanden das Quartier François Ier und das Quartier Beaujon. Neue Arbeitersiedlungen waren im Norden Les Batignolles, La Chapelle und La Villette (17.–19. Arr.), im Süden, außerhalb des Stadtgebietes, Grenelle (15. Arr.). Nach den Jahrzehnten der Religionsfeindlichkeit war es selbstverständlich, daß die neuen Stadtteile nicht ohne Kirchen blieben. Die Restauration bevorzugte einen Stil, der der frühchristlichen Basilika nachempfunden war, wie Notre-Dame-de-Lorette im Quartier Saint-Georges, die Juli-Monarchie die Neugotik, wie Saint-Vincent-de-Paul im Quartier Poissonnière.
Die neuen Stadtteile wirkten zunächst etwas abschreckend, und mehr als ein Investor geriet in Schwierigkeiten. »Die letzte Volkszählung stellt fest, daß es gegenwärtig vierzigtausend leerstehende Wohnungen gibt. In diesem Frühjahr 1843 könnte Paris, ohne einen einzigen seiner Einwohner auszuweisen, die ganze Stadt Lyon aufnehmen und unterbringen«, notierte Victor Hugo in seinem Tagebuch. Da traf es sich günstig, wenn Frauen, die von der Liebe lebten, bereitwilliger als ehrbare Familien in die neuen Wohnungen einzogen. »Ohne die Hetären des Viertels Notre-Dame-de-Lorette würden in Paris nicht so viele neue Häuser gebaut«, behauptete Balzac. »Sie kommen als Pioniere des frischen Verputzes, im Schlepptau der Grundstücksspekulation am Fuß von Montmartre und schlagen ihre Zelte in der Neubau-Einöde auf, an Straßen mit den Namen Amsterdam, Mailand, London, Moskau, in den Bausteppen, wo der Wind zahllose Schilder mit den Worten bewegt: Wohnungen zu vermieten.« (»Beatrix«, 1839) Die Bezeichnung »Loretten« haftete der gehobenen Klasse ausgehaltener Frauen an.
Die Erweiterung des bebauten Raumes löste während der Juli-Monarchie eine Diskussion über die »Verschiebung von Paris« aus, die in Fachzeitschriften wie der »Revue générale de l’Architecture et des Travaux publics« und Broschüren geführt wurde. Gemeint war die Verlagerung des sozialen und wirtschaftlichen Gewichtes der Stadt nach Nordwesten. Die ungleichmäßige Entwicklung des rechten und des linken Ufers ließ sich an den Grundstückpreisen und Mieten ablesen. Luxusgeschäfte zogen in die Nähe der Großen Boulevards und der Börse. Wohlhabende Bürger kehrten der Innenstadt den Rücken und ließen sich im Westen oder sogar außerhalb der Stadt nieder. Als Hauptgrund für diese Abwanderung wurde die Verstopfung der Innenstadt angesehen. War Paris, auch diese Frage wurde aufgeworfen, mit über einer Million Einwohnern (1846) und mehr als sechzigtausend Handwerks- und Industriebetrieben Ende der vierziger Jahre im Verhältnis zum übrigen Land zu groß?
Der Nationalökonom Adolphe Blanqui, der Bruder des Berufsrevolutionärs Auguste Blanqui, stellte 1842 in seiner Vorlesung die Frage: »Wer kauft in Frankreich und besonders in Paris Häuser, wer wird dadurch reich?« Und er gab die vorwurfsvoll klingende Antwort: »Das sind die Fleischer, die Krämer, die Eisenwarenhändler et cetera, nicht die Spinner, die Weber, die Arbeiter.« Handwerker und Händler machten etwa die Hälfte der 14 000 Hausbesitzer in Paris aus; dazu kamen zu je einem reichlichen Zehntel Kaufleute und freie Berufe. Wurden die Hausbesitzer reich? Mit Vermögen zwischen 20 000 und 500 000 Franc (nach dem Geldwert am Ende des 20. Jahrhunderts 400 000 bis 10 Millionen Franc), hatten die Hausbesitzer einen beträchtlichen Teil des Kapitals in Paris in Händen. Sie bildeten den eigentlichen Mittelstand. Von den 233 600 Haushalten, die in 26 000 Häusern zur Miete wohnten, zahlten mehr als die Hälfte zwischen 40 Franc und 200 Franc Jahresmiete und viele gar nichts; 32 000 Haushalte zahlten zwischen 200 und 300 Franc; die übrigen 55 000 Haushalte lagen über dieser Grenze. Eine gutbürgerliche Wohnung (logement bourgeois) kostete zwischen 2000 und 4000 Franc im Jahr, ein Stadtpalais (hôtel particulier) bis zu 30 000 Franc. Der Arbeiter mußte ein Fünftel oder gar ein Drittel seines Einkommens für die Miete aufwenden, der Bürger nur ein Zehntel.
In einer behäbigen Zeit voll sozialer Spannungen wurde der »Propriétaire« eine Zielscheibe für Karikaturisten und Komödiendichter. Daumier hat das Vorbeischleichen des Mieters an seinem Hausherren unübertrefflich fixiert. Aber wie oft verschwanden zahlungsunfähige Mieter unter Hinterlassung ihrer Schulden! Der heimliche Umzug »mit der hölzernen Glocke«, vereinfacht durch die geringe Habe, gehörte zur Pariser Folklore. Gegen solches Mißgeschick suchte sich der Eigentümer mit Hilfe eines Hausmeisters zu sichern. Mit der Zunahme von Mietshäusern wurde die Funktion des Hausmeisters (concierge), der über das Kommen und Gehen wachte und von denen manche in ihrer engen Loge einen sesshaften Beruf wie Schuster oder Schneider ausübten, bald allgemein üblich. Der Polizei stand der Hausmeister als Informant immer zu Diensten.
Die Bourbonen-Herrscher waren klug genug, den tüchtigen...
| Erscheint lt. Verlag | 6.3.2017 |
|---|---|
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sachbuch/Ratgeber ► Geschichte / Politik |
| Geisteswissenschaften ► Geschichte | |
| Schlagworte | 19. Jahrhundert • 20. Jahrhundert • Boulevard • eBooks • Flaneur • Frankreich • Geschichte • Hauptstadt • Haussmann • Paris • Stadtgeschichte |
| ISBN-10 | 3-641-21430-0 / 3641214300 |
| ISBN-13 | 978-3-641-21430-2 / 9783641214302 |
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