Heimlich, still und leise (eBook)
304 Seiten
Herbig (Verlag)
978-3-7766-8250-2 (ISBN)
Prof. Dr. Gerald Kerth lehrt und forscht an der Universität Greifswald, wo er die Arbeitsgruppe 'Angewandte Zoologie und Naturschutz' leitet. Im Fokus seiner Forschung steht die Lebensweise von Fledermäusen. Seit seiner Jugend engagiert er sich für den Schutz dieser ungewöhnlichen Säugetiere. Seine wissenschaftliche Karriere führte ihn an mehrere Forschungseinrichtungen im In- und Ausland. Heute zählt Gerald Kerth zu den renommiertesten Fledermausforschern Europas.
Prof. Dr. Gerald Kerth lehrt und forscht an der Universität Greifswald, wo er die Arbeitsgruppe "Angewandte Zoologie und Naturschutz" leitet. Im Fokus seiner Forschung steht die Lebensweise von Fledermäusen. Seit seiner Jugend engagiert er sich für den Schutz dieser ungewöhnlichen Säugetiere. Seine wissenschaftliche Karriere führte ihn an mehrere Forschungseinrichtungen im In- und Ausland. Heute zählt Gerald Kerth zu den renommiertesten Fledermausforschern Europas.
Zweiter Teil:
Paarungs- und Sozialverhalten von Fledermäusen
Kapitel 5:
Paarungsverhalten:
Von samenspeichernden Weibchen und schwärmenden Männchen
Im letzten Kapitel hatten wir schon kurz davon gehört, dass bei einer Reihe von Fledermäusen die Männchen die Weibchen zur Paarung anlocken, indem sie ihnen geeignete Tagesquartiere zur Verfügung stellen. Das erinnert ein wenig an die Fürsten in Zeiten des Barocks, die ihren Favoritinnen auch gerne mal ein Lustschloss bauen ließen, um ihre Gunst zu gewinnen. Der Quartierbau ist jedoch die große Ausnahme bei Fledermäusen. Nur bei einigen Arten, wie bei der in Süd- und Mittelamerika vorkommenden Blattnasenfledermaus Lophostoma silvicolum, die in ausgehöhlten Termitennestern lebt, sowie bei einzelnen zeltbauenden Fledermäusen und Flughunden konnte beobachtet werden, dass Männchen für Weibchen Tagesquartiere bauen. Dagegen verteidigen die Männchen bei vielen Fledermausarten vorhandene Strukturen – beispielweise Baumhöhlen oder Felsspalten – gegen andere Männchen und versuchen gleichzeitig, möglichst viele Weibchen in diese Quartiere zu locken, um sich dort mit ihnen zu paaren. Bei tropischen Fledermäusen werden solche Männchen häufig als Haremsmännchen bezeichnet, da sie mehrere Jahre mit derselben Gruppe von Weibchen zusammenleben können und während dieser Zeit mit »ihren« Weibchen Nachkommen zeugen. Dass Männchen für die Weibchen wichtige Ressourcen, wie sichere Verstecke oder ergiebige Nahrungsgebiete, verteidigen, findet sich nicht nur bei Fledermäusen, sondern ist ein weitverbreitetes Verhalten im Tierreich. Die Zurverfügungstellung von Quartieren für Weibchen ist allerdings beileibe nicht der einzige Weg, wie Fledermausmännchen Paarungen erzielen können.
Die verschiedenen Fledermausarten unterscheiden sich zum Teil erheblich in ihrem Paarungsverhalten, wobei die größte Vielfalt an Paarungssystemen in den Tropen zu finden ist. Unter einem Paarungssystem versteht man in der Biologie die Art und Weise, wie Männchen und Weibchen zur Paarung zusammenfinden. Das Paarungssystem beschreibt zudem die Dauer und Art der Interaktionen zwischen Männchen und Weibchen sowie die Anzahl von Paarungspartnern pro Geschlecht. Dabei unterschiedet man zwischen Monogamie, Polygynie, Polyandrie und Promiskuität. Bei der Monogamie paart sich ein Männchen mit nur einem Weibchen. Je nach Tierart kann die Paarbindung dabei – wie bei manchen Vogelarten – das ganze Leben anhalten oder aber nur eine Jungenaufzuchtsaison überdauern. Bei der Polygynie paaren sich viele Weibchen mit nur einem Männchen, während es bei der Polyandrie genau umgekehrt ist, da sich hier ein Weibchen mit mehreren Männchen paart.
Auch bei diesen Paarungssystemen kann die Dauer der Interaktionen zwischen den Geschlechtern von nur einer Saison bis hin zu vielen Jahren dauern. In promisken Paarungssystemen schließlich paaren sich innerhalb einer Paarungssaison mehrere Männchen mit mehreren Weibchen. Typischerweise kommt es dabei zu keinen über die Paarung hinausgehenden Interaktionen zwischen den Geschlechtern. Es ist an dieser Stelle wichtig zu betonen, dass es innerhalb dieser vier grundlegenden Kategorien von Paarungssystemen vielfältige Variationen und Unterkategorien gibt und dass ein Paarungssystem keinesfalls artspezifisch sein muss. Es kommt durchaus vor, dass bei derselben Tierart mehrere Paarungssysteme auftreten, beispielsweise in Abhängigkeit von den in einem Gebiet herrschenden Umweltbedingungen oder von der relativen Anzahl von Männchen und Weibchen in einer bestimmten Population. Gleiches gilt ja auch für den Menschen, bei dem sich je nach Kultur und Region unterschiedliche Paarungssysteme finden lassen.
Bevor wir das Paarungsverhalten verschiedener Fledermausarten genauer betrachten, muss ich zunächst eine wichtige Einschränkung vornehmen: Aufgrund ihrer nächtlichen und in der Regel versteckten Lebensweise ist es meist ausgesprochen schwierig, bei freilebenden Fledermäusen das Verhalten bei der Partnerwahl sowie die daran anschließenden Paarungen zu beobachten. Daher kennen wir nur bei weniger als zehn Prozent der rund 1300 Fledermausarten das Paarungssystem. Bei den allermeisten Fledermäusen wissen wir so gut wie nichts darüber, wann und wie die Männchen und Weibchen sich zur Paarung finden, wie viele Paarungspartner sie jeweils haben und wie lange ihre Interaktionen andauern. Das trifft insbesondere auf tropische Fledermäuse zu, deren Paarungsverhalten nur bei wenigen Arten genauer untersucht worden ist.
Einige dieser gut untersuchten Arten werde ich dann im späteren Verlauf des Kapitels vorstellen. Insgesamt gilt, dass im Vergleich zu vielen Vogelarten, deren Balzverhalten sich meist gut beobachten lässt und bei denen Unterschiede in der Färbung von Männchen und Weibchen bereits etwas über ihr Paarungssystem verraten, nur wenig über das Paarungsverhalten der Fledermäuse bekannt ist.
Die verschiedenen Paarungssysteme der Fledermäuse
Trotz dieser großen Wissensdefizite wurden bei Fledermäusen mit Ausnahme der Polyandrie alle der genannten Paarungssysteme beobachtet, wenngleich unterschiedlich häufig. So ist Monogamie bei Fledermäusen die absolute Ausnahme. Darin unterscheiden sie sich nicht von den anderen Säugetierarten, denn im Gegensatz zu ihrer weiten Verbreitung bei Vögeln ist Monogamie bei Säugetieren generell sehr selten. Der Grund hierfür ist einfach: Da die Jungtiere bei Säugetieren meist sehr lange auf die Fütterung mit Milch angewiesen sind und da die Männchen ihre Jungen nicht säugen können, sind sie nur bei vergleichsweise wenigen Arten in der Lage, sich effektiv an der Jungenaufzucht zu beteiligen. Damit unterscheiden sich die meisten Säugetiere von den vielen Vogelarten, bei denen beide Elternteile den Nachwuchs von klein auf mit von ihnen gesammelter Nahrung füttern. Aus diesem Grund gibt es nur bei wenigen Säugetierarten monogame Paarbeziehungen wie etwa bei einigen Nagetier- oder Affenarten. Entsprechend werden auch nur bei einer Handvoll Fledermausarten, wie etwa bei der in den neuweltlichen Regenwäldern lebenden Großen Spießblattnase, Männchen und Weibchen während der Jungenaufzuchtphase regelmäßig als Paare angetroffen.
Dagegen kommt es bei vielen Fledermausarten zu promisken Paarungen. Bei diesen Arten paaren sich Männchen und Weibchen mit jeweils mehreren Partnern, ohne dass es dadurch zur Bildung von stabilen gemischtgeschlechtlichen Sozialverbänden kommt, wie wir das von einigen Primaten, zum Beispiel von Schimpansen (Pan troglodytes) und Bonobos (Pan paniscus), kennen. Das zweite bei Fledermäusen weitverbreitete Paarungssystem ist die Polygynie, bei der sich ein Männchen mit mehreren Weibchen paart. Bei Fledermäusen finden sich – wie bei vielen anderen Säugetieren auch – zwei Formen der Polygynie: Zum einen verteidigen die Männchen mancher Arten Ressourcen, wie beispielsweise Tagesquartiere, welche die Weibchen zur Jungenaufzucht nutzen. Bei anderen Arten verteidigen die Männchen Weibchen direkt gegen Nebenbuhler, unabhängig von einer bestimmten Ressource. Diese Form des Paarungssystems findet sich auch bei vielen Primaten und Huftieren sowie bei Löwen (Panthera leo), wo ein oder mehrere Männchen ein Löwinnenrudel gegen andere Männchen verteidigt.
Bei Fledermäuse existieren nur für sehr wenige Arten ausreichende detaillierte Verhaltensbeobachtungen, um diese beiden Formen der Polygynie eindeutig voneinander unterscheiden zu können. Für uns ist es zunächst jedoch wichtiger zu wissen, dass sich in beiden Fällen die Männchen mit den von ihnen direkt oder indirekt verteidigten Weibchen paaren. Insbesondere bei tropischen Arten, die in stabilen Lebensräumen ohne große saisonale Schwankungen leben, kann es dabei zu längerfristigen Interaktionen zwischen den Geschlechtern kommen, die über die eigentlichen Paarungen hinausgehen. So gelingt es bei einigen tropischen Fledermäusen den Haremsmännchen, »ihre« Gruppe von Weibchen über mehrere Jahre hinweg gegen andere Männchen zu verteidigen.
Trotz der – im Vergleich zu anderen Säugern – großen Vielfalt an Paarungssystemen bei Fledermäusen gibt es eine Gemeinsamkeit bei den verschiedenen Fledermausarten: Da bis auf ganz wenige Ausnahmen sich die Männchen nicht an der Jungenaufzucht beteiligen, können sie den Weibchen außer ihren Erbanlagen (Genen) sowie bei einigen Arten der Zurverfügungstellung geeigneter Tagesquartiere nichts bieten. In der Biologie spricht man in diesem Zusammenhang von »guten« Genen, wenn das entsprechende Individuum aufgrund dieser Gene besonders gut an die herrschenden Umweltbedingungen angepasst ist oder wenn es dadurch Merkmale aufweist, die es für potenzielle Paarungspartner besonders attraktiv machen. In beiden Fällen ist es für ein Weibchen vorteilhaft, sich mit solch einem Männchen zu paaren, da die aus dieser Paarung stammenden Nachkommen zusammen mit den »guten« Genen des Vaters auch deren vorteilhafte Eigenschaften erben würden.
Bei Fledermäusen sind es daher – ähnlich wie bei den meisten anderen Säugetieren – die Männchen, die um die Weibchen werben müssen. Oder aus dem Blickwinkel der Weibchen formuliert, sind sie es, welche die potenziellen Väter für ihren Nachwuchs auswählen, um so ihre biologische Fitness zu erhöhen.
Unter der biologischen Fitness versteht man in der Evolutionsbiologie den genetischen Beitrag eines Individuums zur nächsten Generation. Häufig wird die Anzahl überlebender Nachkommen, die ein Tier im Laufe seines Lebens produziert, als Maß für seine biologische...
| Erscheint lt. Verlag | 19.9.2016 |
|---|---|
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Gewicht | 537 g |
| Themenwelt | Sachbuch/Ratgeber ► Natur / Technik ► Naturwissenschaft |
| Technik | |
| Schlagworte | Arten • Echoortung • Ernährung • Fledermaus • Fledermäuse • Fledertiere • Flughunde • Gefährdung • Jungen • Lebensgewohnheiten • Natur • Paarungsverhalten • Quartiere • Sachbuch • Schlafgewohnheiten • Schutz • Soziale Kompetenz • Sozialverhalten • Tiere • Umweltschutz |
| ISBN-10 | 3-7766-8250-7 / 3776682507 |
| ISBN-13 | 978-3-7766-8250-2 / 9783776682502 |
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