Vom Tellerwäscher zum China Rapper (eBook)
288 Seiten
Grau (Verlag)
978-3-8189-0014-4 (ISBN)
Tim Oelrich aka Scor ?? hat das Unmögliche geschafft: Als einziger Deutscher erobert er die chinesische Rap-Szene - in ihrer eigenen Sprache! Seine Geschichte ist Inspiration pur: Vom gemobbten Schüler zum gefeierten TV-Star in China bei »Rap for Youth«. Mit Mut und unermüdlichem Einsatz verwirklicht er seinen Traum gegen alle Widerstände. Erlebe, wie Scor kulturelle Grenzen sprengt, sich Respekt in einer fremden Welt erkämpft und faszinierende Einblicke in Chinas Kultur und Rap-Szene gewährt.
<p>Tim Oelrich aka Scor??hat eine der außergewöhnlichsten Karrieren Deutschlands. Der gebürtige Bremerhavener lebt in China und ist dort als Rapper erfolgreich. Das Besondere: Er rappt auf Chinesisch. Über 1 Millionen Abonnent*innen auf YouTube, TikTok und Co. erhalten durch ihn außergewöhnliche Einblicke in die chinesische Kultur, Lebensrealitäten und die harte Musikszene Chinas.</p>
Rückblick
Kindheit
Schon als kleines Kind wollte ich unbedingt etwas von der Welt sehen – am liebsten alles. Ich fand die Vorstellung faszinierend, ein Entdecker zu sein, auf Schatzsuche zu gehen und Abenteuer zu erleben. Survival Guides aus dem Micky-Maus-Heft gehörten dabei ebenso zu meiner selbst auferlegten Grundausbildung wie das genaue Studieren sämtlicher Indiana-Jones-Filme. Während meiner Schulzeit wurde der Wunsch, irgendwann aus Deutschland wegzugehen, dann immer drängender. Doch meine eigentliche Realität war damals vom Abenteuer noch weit entfernt.
Geboren wurde ich am ersten November 1989 in Bremerhaven. Für alle Nichtnorddeutschen: Bremerhaven liegt südlich der Elbe, wo die Weser in die Nordsee mündet. Es gibt ein Schifffahrtsmuseum, das Auswanderer- und das Klimahaus und eine Handvoll Leuchttürme. Einer von ihnen neigt sich immer weiter und ist kurz vorm Schreiben dieses Buches dramatisch abgesackt. Hoffentlich ist sein Wiederaufbau bei Erscheinen von Vom Tellerwäscher zum China Rapper bereits gelungen. Die Stadt hat knapp 118.000 Einwohner sowie eine der höchsten Arbeitslosenquoten in Deutschland. Überhaupt: Im Ranking der ärmsten Städte des Landes steht Bremerhaven beachtlich weit oben. Ich komme aus einem Mittelklasse-Arbeiterhaushalt. Meine Mutter war Erzieherin im Kindergarten und mein Vater Techniker bei der Telekom. Meine Halbschwestern Sophia und Bianca sind beide mehr als zwanzig Jahre älter als ich. In meiner Kindheit habe ich sie deswegen eher als coole Tanten wahrgenommen, nicht als Geschwister. Als ich geboren wurde, war Sophia sogar selbst schon Mutter: Mein Neffe Robin ist anderthalb Jahre älter als ich. Ich habe außerdem noch einen Halbbruder namens Raphael, der etwas älter ist. Er lebte jedoch immer bei seiner Mutter in Bayern und ich habe erst von ihm erfahren, als ich zehn Jahre alt war. Aufgewachsen bin ich also eher wie ein Einzelkind. Ich habe mir allerdings immer Geschwister gewünscht, solche, die auch im selben Haus aufwachsen. Immerhin: In meiner frühen Kindheit wohnten mein Großcousin Hanno und seine Familie in der Wohnung über uns. Hanno war nur wenig älter und lange Zeit mein bester Freund und wie ein Bruder für mich. Heute fühlt sich die Beziehung zu meinen Schwestern viel geschwisterlicher an, weil wir uns mittlerweile auf Augenhöhe begegnen können.
Insgesamt würde ich sagen, dass wir eine ziemlich normale deutsche Familie waren. Das Geld hat gereicht, aber viel gönnen konnten wir uns auch nicht. Ich erinnere mich daran, dass ich schon als Kind viel darüber nachgedacht habe. Ich hatte immer die Hoffnung oder Vorstellung, dass das mit dem Geld bei mir einmal anders sein würde. Dass ich irgendwie mehr erreichen könnte im Leben. Ich habe keine Ahnung, woher dieser Gedanke kam. Man denkt ja selber immer, man sei der „main character“. Vielleicht ist das bei meinem Vater genauso gewesen. Der war nämlich auf einem Bauernhof aufgewachsen – und seine Geschwister sind auch alle Bauern geworden. Mein Vater war der Erste in seiner Familie, der einen technischen Beruf gelernt hat und vom Dorf in die Stadt gezogen ist. Er war also auch schon jemand, der etwas anderes gemacht hat als der Rest seiner Familie und der seinen eigenen Weg gegangen ist. Als Kind war mir das nicht klar, aber jetzt im Nachhinein sehe ich diese Parallele ganz deutlich.
Meine Mutter war wesentlich strenger als mein Vater, der mir jede Menge durchgehen ließ. Wahrscheinlich hat sie sich diese Strenge durch die Arbeit als Erzieherin im Laufe der Jahre angeeignet, wie einen Schutzanzug, den sie zu Hause nicht mehr ausziehen konnte. Mein Vater war selten streng, dafür wurde er ab und zu zornig. Das kam nicht oft vor, trotzdem scheine ich mir das damals von ihm abgeschaut zu haben. Denn später entwickelte ich mich in eine ganz ähnliche Richtung.
Sonderlich religiös war mein Elternhaus nicht. Abgesehen davon, dass wir Weihnachten feierten und meine Mutter manchmal, wenn die Wolken am Abend rosa leuchteten, freudig verkündete, die Engel hätten gebacken. Als Baby wurde ich getauft – gegen meinen Willen sozusagen. Mit vierzehn habe ich mich ganz nebenbei, wie viele meiner Freunde, konfirmieren lassen. Allerdings war die Motivation dahinter eher finanzieller Art, wie bei den meisten anderen Kindern in meiner Klasse. Das An-Gott-Glauben hatte ich bereits mit dem Glauben an den Weihnachtsmann abgelegt. Den Bibelkram, den wir im Konfirmandenunterricht vorgebetet bekamen, nahm eigentlich keiner von uns ernst. Zum Glück war der Konfirmationslehrer entspannt und ließ uns alles durchgehen. Was mich mehr nervte als der Unterricht, waren die Pflichtbesuche von Gottesdiensten, die wir auf einer Stempelkarte nachweisen mussten. Aber auch da wussten wir uns zu helfen: Wir gingen in den Gottesdienst, holten uns einen Stempel ab und behaupteten im Konfirmandenunterricht ein paar Tage später, dass wir gar keinen Stempel bekommen hätten. Und so bekamen wir noch einen. Auf diese Weise hatte ich meine Stempelkarte nach kurzer Zeit voll, ohne viele Male im Gottesdienst gewesen zu sein. Man muss sich zu helfen wissen. Aus heutiger Sicht war es falsch, diese ganze Konfirmation einfach mitzumachen, obwohl ich an nichts von alledem geglaubt hatte. Aber von dem Geld, das ich zur Konfirmation geschenkt bekam, konnte ich mir damals einen Computer kaufen. Und auf dem dann später meine Musik machen. Es hatte also alles seinen Sinn.
Meine Großeltern mütterlicherseits hatten ein Bordell. Jeder Bremerhavener kannte die Lessingstraße, in der es stand. Um zu erzählen, wie es dazu kam, muss ich kurz ausholen. Mein Opa war Gastronom und arbeitete während des Kriegs als Koch für die Soldaten. Leider bekam er einen Granatsplitter ab, wodurch sein Arm gelähmt wurde. Und so machten er und meine Oma sich nach Kriegsende mit einer Kneipe selbstständig. Im Laufe der Zeit waren sie jedoch gezwungen, auf die sich verändernden Wünsche ihrer Gäste zu reagieren. In der Kneipe gab es dann einige Nebenzimmer, die sich Sexarbeiterinnen für eine Nacht mieten konnten. So wurde aus der ehemaligen Kneipe über die Jahre langsam, aber stetig auch eine Art Bordell. In diesem Umfeld ist meine Mutter aufgewachsen. Ich selbst habe das Bordell nicht mehr kennengelernt, weil meine Großeltern zum Zeitpunkt meiner Geburt schon in Rente waren. Ich kenne diesen Ort also nur aus Erzählungen. Ich glaube, meine Mutter hat nie realisiert, wie ungewöhnlich ihre Kindheit dadurch war. Wenn sie davon sprach, romantisierte sie alles total. Wie sie als Kind an der Bar rumhing, sich mit den Leuten unterhielt und älteren Herren für einen Eierlikör auch mal etwas vorsang. Als ich jünger war, fand ich ihre Geschichten aus dieser Zeit normal, doch mit zunehmendem Alter wurde ich immer skeptischer. Wie konnten die Erwachsenen damals einem Kind Alkohol zu trinken geben? Was waren das für Leute, die mit meiner Mutter an der Bar herumalberten? Und haben meine Großeltern all das mitbekommen, oder geschah es im Verborgenen? Einfach gruselig. Ich bin heilfroh, dass meiner Mutter in dieser Zeit anscheinend nie etwas Schlimmeres passiert ist.
Zu meiner Oma Anne-Marie, der Mutter meiner Mutter, hatte ich ein sehr enges Verhältnis. Weil ich meine Großeltern väterlicherseits nicht mehr kennenlernte, war sie meine einzige Oma. Sie war nicht nur herzensgut, sondern auch für jeden Spaß zu haben. Trotz ihres Alters ließ sie es sich nie nehmen, mit mir herumzualbern. Ich fand, sie war die coolste Oma der Welt.
Meine Kindheit verbrachte ich in einem dörflichen Vorort von Bremerhaven. Mein Kindergarten wiederum lag in einer der schlimmsten Ecken der Stadt – Grünhöfe. Es war derselbe Kindergarten, in dem auch meine Mutter arbeitete. Ich war eines der wenigen blonden Kinder dort. Meine Kindergartenfreunde kamen aus allen möglichen Ländern, die meisten von ihnen aber aus der Türkei. In der Dorfgrundschule, in die ich nach dem Kindergarten eingeschult wurde, waren dann die meisten blond wie ich. Dort habe ich schlecht reingepasst. Vielleicht hatte ich durch die Kindergartenzeit im kulturell gemischten Stadtteil eine andere Mentalität? Oder vielleicht lag es daran, dass meine Grundschulklassenkameraden sich alle schon vom Dorf kannten. Ich war einfach der Neue, den sie ausgrenzten. In der Grundschule trat deswegen das Thema Mobbing das erste Mal in mein Leben. Allerdings haben wir das damals noch „ärgern“ genannt. Vor allem auf dem Nachhauseweg, auf dem ich lieber meine Ruhe haben wollte, störten mich die anderen Kinder, weil sie mich nicht so akzeptierten, wie ich war. Irgendwann bin ich mit Wut gegen sie angegangen, weil ich mir nicht mehr anders zu helfen wusste. Das hat die anderen aber natürlich nur noch mehr gereizt. Ein Teufelskreis, in den ich immer tiefer hineingeriet. Die Situation führte dazu, dass ich Tag für Tag noch wütender wurde und immer weniger gerne zur Schule ging. Meinen Eltern von meinen Problemen zu erzählen, traute ich mich allerdings schlichtweg nicht. Ich wusste nicht, wie ich meine Gefühle beschreiben sollte. Außerdem dachte ich, dass es mich bei meinen Klassenkameraden nicht gerade beliebter machen würde, wenn ich zu Mami und Papi rannte. Dass ich meinen Eltern gegenüber nicht offen sein konnte, frustrierte mich so sehr, dass ich auch zu Hause Wutanfälle bekam. In der Schule wurde die Situation immer schlimmer: Ich prügelte mich mit Mitschülern und es kam einige Male vor, dass meine Eltern unangenehme Anrufe von Lehrern bekamen, weil ich Scheiße gebaut hatte. Einmal ging ich sogar mit einem Stuhl auf einen Lehrer los. Genau kann ich nicht mehr sagen, was der Auslöser dafür gewesen ist, denn eigentlich mochte ich den Mann. Doch an diesem Tag war er im...
| Erscheint lt. Verlag | 29.9.2025 |
|---|---|
| Co-Autor | Maya-Katharina Schulz |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Biografien / Erfahrungsberichte |
| Reisen | |
| Sozialwissenschaften ► Politik / Verwaltung | |
| Schlagworte | Aktion Kulturpass • Aufstieg • Auswandern • Autobiografie • Castingshow • China • Karriere • kulturpass • Mando Rap • Musik • Rap • Rap for Youth • Rapper • Shenzhen • Träume verwirklichen |
| ISBN-10 | 3-8189-0014-0 / 3818900140 |
| ISBN-13 | 978-3-8189-0014-4 / 9783818900144 |
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