Freiheit zwischen Fjord und Fjell - mein Jahr in Norwegen (eBook)
148 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-8192-1599-5 (ISBN)
Thomas Ranft, geb. 1979 in Leipzig, Studium Deutsch als Fremdsprache in Potsdam, Reisen und langjährige Aufenthalte in Norwegen und den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, wohnt jetzt mit seiner Familie in Königstein/Sachsen.
1 Hogganvik
In meiner Jugend befand ich mich am liebsten zuhause. Ich las, musizierte, hörte Musik, fantasierte vor mich hin und konnte mir keinen schöneren Ort als mein Zimmer vorstellen. Während des Zivildienst-Jahres im Leipziger Universitätsklinikum fiel mir auf, dass die große und abenteuerliche Außenwelt, in der sich die Helden meiner Bücher bewegen, eine tatsächlich existierende Sache zu sein scheint. Eine unbestimmte Sehnsucht zog mich nach Norden, und so machte ich mich im Alter von neunzehn Jahren auf, um ein halbes Jahr als Freiwilliger in einem norwegischen Dorf zu arbeiten.
Meine frühesten beiden Begegnungen mit Norwegen und dem europäischen Norden überhaupt sind im Nebel der Kindheit verschwunden. Ich kann mich an fast nichts mehr erinnern. Die erste Reise im Alter von vierzehn Jahren war eine organisierte Busfahrt ans Nordkap mit meinem Vater, die mir meine Eltern anlässlich der Konfirmation geschenkt hatten. Es waren ausschließlich Rentner mit uns unterwegs, nach deren Musikgeschmack der Busfahrer sich gerne zu richten bereit war. Während die Landschaften Schwedens, Norwegens und Finnlands an uns vorbeizogen, bat ihn mein Vater hin und wieder, die Lautsprecher leise zu stellen oder auszumachen. Das Nordkap selbst erwies sich als ein sehr touristischer Ort, der nicht einmal die wirklich nördlichste Stelle des europäischen Festlandes ist. Diese befindet sich auf einer Geröllnase ein paar hundert Meter weiter westlich. Das Sitzen im Bus, ein paar ganz ferne Eindrücke von einer Stadtführung in Göteborg und von einer Holzhütte in Finnland, mehr Bilder kann ich nicht heraufholen. Ebenso von der Vergangenheit verschluckt ist unsere Familienreise an den norwegischen Sognefjord ein Jahr später, eine Fahrt zu viert in einem lilafarbenen Opel Vectra. Mein sechs Jahre jüngerer Bruder, der an diese Tour seltsamerweise deutlich mehr Erinnerungen als ich hat, meint, ich sei die ganze Zeit sehr müde gewesen von einer vorausgegangenen Fahrt mit dem Jugendsinfonieorchester, die meine ganze Kraft absorbiert hätte.
Offensichtlich haben mich beide Reisen damals jedoch sehr beeindruckt. Ein sehnsuchtsbeladener Geschmack von Weite und Freiheit haftete der Vorstellung an, länger dort zu verweilen, und mich reizte die ungewisse Spannung, wie es mir wohl gelingen würde, außerhalb des Elternhauses zu überleben.
Von Bekannten hatte ich von der Möglichkeit erfahren, als Freiwilliger in einem Camphill-Dorf tätig zu sein. Camphill-Dörfer sind Gemeinschaften, in denen behinderte und nicht-behinderte Menschen zusammen leben und arbeiten. Die Bewegung ist Anfang des zwanzigsten Jahrhunders in Schottland entstanden und hat sich von dort über ganz Europa ausgebreitet. In Norwegen gab es fünf Camphills, zu denen ich postalischen Kontakt aufnahm. Einige nahmen keine Freiwilligen für den von mir angefragten Zeitraum von nur einem halben Jahr. Eine Zusage bekam ich von Hogganvik Landsby1 an der Westküste, dort, wo die Linie auf der Karte so abenteuerlich zerfurcht und zerbuchtet ist mit hunderten Inseln und schmalen Fjorden, die weit ins Innere ragen. An der Leipziger Volkshochschule absolvierte ich einen Norwegisch-Kurs und im September dann ging es los, ein Abschied vom behüteten Zuhause und hinein ins Ungewisse.
Ein Moment beim Besteigen des Busses hat sich mir eingeprägt, als nämlich der norwegische Fahrer ein Informationsblatt in deutscher Sprache austeilte und ich es zurückwies mit der Bitte, mir eines auf Norwegisch zu geben. „Jeg skal laere norsk2“, sagte ich. Das waren meine ersten Worte außerhalb des Sprachkurses, und das Schlüsselerlebnis bestand darin, dass der Busfahrer sie tatsächlich verstand und mir ein anderes Informationsblatt gab. Ein ganz entscheidender, mutmachender Anfangserfolg.
Nach einer Nachtfahrt erreichte ich Westnorwegen, stieg in eine Hurtigbåt genannte Express-Fähre und sah nach dem Aussteigen an der Anlegestelle einen jungen Mann und eine ältere Frau auf mich zukommen. Der junge Mann hatte unverkennbar die Gesichtszüge eines Menschen mit Down-Syndrom, gab mir die Hand und strahlte mich an, so dass es nicht schwerfiel, mir zu getrauen, eine erste Frage zu stellen.
„Hva heter du?3“
„Mats! Og hva heter du?4“
Mats sollte im nächsten halben Jahr mein Nachbar und Betreuter werden. Ich würde ihn wecken, ihn zum Anziehen und Zähneputzen motivieren, mit ihm zum Arbeitsplatz gehen, mich mit ihm streiten und wieder vertragen. Annarös, eine gebürtige Schweizerin, mit der ich schon vor der Reise geschrieben und telefoniert hatte, sollte meine Hausmutter sein. Ich erinnere mich noch an ihr Lob dafür, dass ich gleich mit einer Frage auf Mats zugegangen sei. Ich wolle ja gerne schnell Norwegisch lernen, sagte ich als Begründung zu ihr.
„Du laerer det sikkert fort5“, meinte sie.
In der ersten Zeit sprach ich mit Annarös und ihrem Mann Arild meistens Deutsch. Die beiden waren Hauseltern im Christopher Bruuns Hus, einem von fünf Wohnhäusern der Dorfgemeinschaft. Dort wohnten außer ihnen und mir als freiwilligem Mitarbeiter noch einige Menschen mit Behinderungen, wobei das Wort behindert vermieden und allgemein nur von Bewohnern gesprochen wurde. In einer Camphill-Dorfgemeinschaft sind Hauseltern verantwortlich für eine meist große Familie, bestehend aus Bewohnern, Mitarbeitern und oft noch ihren eigenen leiblichen Kindern. Dreimal am Tag wird zusammen gegessen. Vormittags und nachmittags begleiten die Mitarbeiter die Bewohner zu den Arbeitsplätzen, auch im Haus leisten sie Hilfestellung, wenn nötig. Privatleben und Arbeit fließen eng ineinander.
Ich bekam ein Zimmer in der ersten Etage zugewiesen mit Aussicht auf die bewaldeten Hügel, den Fjord dahinter und einen Berg am gegenüberliegenden Ufer. Es schien mir einfach traumhaft und genau das zu sein, was ich wollte und gesucht hatte. Wunderschön, so ganz anders als zuhause, in einer neuen Gemeinschaft von Menschen und ganz auf mich allein gestellt. Die Rituale am Esstisch gaben Halt und eine Gelegenheit zum Ausprobieren meiner ersten norwegischen Phrasen. Zu Beginn der Mahlzeit gaben sich alle die Hand und sagten „Signet maten!6“ Auf dem Tisch standen gesalzene Butter und der leckere, typisch norwegische Braunkäse, der seinen Geschmack und seine Farbe dadurch bekommt, dass er aus Molke hergestellt wird. Molke entsteht bei der Butterherstellung und bekommt durch den Prozess der Verkäsung den ganz charakteristischen Karamell-Geschmack.
„Kan jeg få smøret7“, sagte ich, oder „Kan jeg få osten?8“
Am Ende dann noch einmal ein Kreis der Hände und das obligatorische „Takk for maten!9“, dann wird aufgestanden und es geht wieder jeder seiner Aufgabe nach.
Mein Hausvater Arild kam mir mit seinem wettergegerbten Gesicht und seiner zunächst strengen, eher wortkargen Art vor wie ein echtes norwegisches Urgestein. Er zeigte mir meinen ersten morgendlichen Arbeitsplatz, den Kuhstall, wo ich melken lernen sollte. Noch heute liegt mir der Geruch des Waschraumes in der Nase, wo die Milcheimer gründlich ausgewaschen und abgespült wurden. Gemolken wurde mit der Hand. Nach ein paar Tagen, als ich mühsam erlernt hatte, ein paar Liter aus einer Kuh herauszubekommen, stieß diese mit dem Hinterbein gegen den Eimer, so dass er umkippte und die Milch hinauslief. Der Stall blieb nicht lange mein Arbeitsplatz.
Arild taute nach einer Weile auf, weil ich ihm zu vielen Dingen viele Fragen stellte und offensichtlich auch höchsten Eifer beim Erlernen der Landessprache an den Tag legte. Er hatte sein Zimmer dem meinen gegenüber. Gelegentlich lieh er mir Bücher aus und ich brachte ihn am Esstisch mit meinen sorgfältig konstruierten Sätzen zum Lächeln. Mir ist der Klang seiner Stimme in Erinnerung geblieben, einzelne Dialogsituationen haben sich tief eingeprägt. Schon damals hatte ich die Angewohnheit, Butter nicht dünn aufs Brot zu schmieren, sondern in dicken Scheiben abzuschneiden und daraufzulegen, was mir den einen oder anderen kritischen Kommentar einbrachte.
„Ingen er forpliktet å iaktta hvordan jeg spiser smør“10, sagte ich und erfreute mich am Schmunzeln in Arilds Gesicht.
Mein vormittäglicher Arbeitsplatz war über längere Zeit die snekkerverksted, die Tischlerwerkstatt, wo ich mit drei oder vier Bewohnern Brettchen für die Küche oder Schalen schnitzen sollte. Der aus Armenien stammende Hausvater Vahan leitete mich dabei an, ein energischer, kräftiger, kaukasisch-braunhäutiger Mann, mit dessen chaotischer Arbeitsweise ich manchmal unzufrieden war und verstört auch darüber, dass er mich mit den Bewohnern allein ließ, anstatt mich zu unterstützen und mir etwas zu zeigen. Vier handgeschnitzte Holzbrettchen aus Hogganvik gehören jetzt noch in unserem Haushalt zur Küchenausstattung. Stundenlanges Herumhobeln und Feilen waren jedoch eigentlich nicht meine Sache. Außerdem entsendete man mich noch zu Erntearbeiten in die Gärtnerei und in den etwas oberhalb vom Dorf gelegene vedskuret, den Holzschuppen, wo es darum ging, mit Bewohnern Brennholz zu sägen und zu...
| Erscheint lt. Verlag | 7.4.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| ISBN-10 | 3-8192-1599-9 / 3819215999 |
| ISBN-13 | 978-3-8192-1599-5 / 9783819215995 |
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