Die Pläne einer Wiedergewinnung Elsass-Lothringens 1814 und 1815 (eBook)
260 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7578-3591-0 (ISBN)
Robert Brendel, geb. 1889, studierte Deutsch, Geschichte und Philosophie in Straßburg. Nach seiner Promotion 1913 wurde er zum Kriegsdienst eingezogen, der ihn zu einem überzeugten Pazifisten machte. Nach dem 1. Weltkrieg im Schuldienst und als Schriftsteller tätig. Während des Dritten Reiches war Brendel, der eine Scheidung von seiner jüdischen Frau ablehnte, verschiedenen Repressalien ausgesetzt, bis zu Berufsverbot und Zwangsarbeit. Nach dem Krieg war er erneut als Lehrer tätig und starb 1947 in Hamburg an einem Herzleiden.
Die Vorverhandlungen in Frankfurt, Langres, Troyes und Chatillon
Als nach der Katastrophe von 1812 die europäischen Staaten, vor allem Preußen und Rußland, sich erhoben hatten, um Napoleons Herrschaft abzuschütteln, da war durch das ganze deutsche Volk ein begeistertes Gefühl der Opferwilligkeit geströmt, das die an sich nicht starken Kräfte zu Taten von ungeahnter Wucht befähigte. Durch die Anstrengungen der im Jahre 1813 sich verbündenden Mächte – Österreich, Preußen und Rußland – zwang man Napoleon zum Rückzug aus Deutschland.
In der Schlacht bei Leipzig hatte sich sein Geschick erfüllt. Durch sie büßte er nicht nur seinen Feldherrnruhm ein, den er hätte wiedergewinnen können und im Feldzug von 1814 auch wiedergewann, er verlor vor allem seine Verbündeten in Deutschland. Während des Kampfes waren Sachsen und Württemberger zu den Alliierten übergegangen und nach der Schlacht auch die Bayern,15 so daß im November, nachdem Baden dem Beispiel der anderen Süddeutschen gefolgt war, alle Glieder des Rheinbunds sich auch vertragsmäßig an die dem zurückziehenden Kaiser nachfolgenden Verbündeten angeschlossen hatten.
Schon gleich nach dem Sieg bei Leipzig waren unter den Mächten Gedanken über einen eventuell zu schließenden Frieden aufgetaucht. Besonders der österreichische Staatskanzler Metternich hatte sich schon am 20. Oktober in Meiningen mit dem russischen Zaren und dem englischen Bevollmächtigten Lord Aberdeen über die Grundlagen, die man den künftigen Friedensverhandlungen unterlegen wolle, ausgesprochen, und hatte dabei von den ›natürlichen‹ Grenzen Frankreichs d. h. dem Rhein, den Alpen und den Pyrenäen geredet.16 Im November hatten sich dann Diplomaten und Generale der Verbündeten in Frankfurt versammelt, um sowohl über die weitere Fortführung des Krieges, wie über die etwaige Einleitung von Friedensverhandlungen zu beraten. Als Zwischenträger für diese hatte man den französischen Gesandten in Weimar, Baron St. Aignan gewählt. Anfang November (8.) wurde in einer Konferenz eine Antwort auf die von Napoleon angebotene Eröffnung von Friedensunterhandlungen dahin formuliert, daß man als Basis des künftigen Friedens die ›natürlichen Grenzen‹ festsetzte, sowie den Verzicht Napoleons auf alle Art von Herrschaft in Italien, Spanien und Deutschland forderte, wobei England die Zusicherung der freien Handelsschiffahrt machte.
Bei diesen Verhandlungen war vor allem Metternich‚ die treibende Kraft. Man darf aber seine Stellungnahme nicht etwa so verstehen, wie das meistens geschieht, daß er unter allen Umständen schon jetzt den Frieden habe durchsetzen wollen, und daß er dafür sogar die Fortsetzung der kriegerischen Operationen aufgehalten habe. Er war vielmehr vollkommen von der Notwendigkeit ihrer Fortführung durchdrungen, und vertrat nur eine Politik der Mäßigung, wie er sie schon seit Napoleons Feldzug gegen Rußland führte.17
Die Vorlage der Friedensbasis bei Napoleon fand nicht den von den Mächten gewünschten Anklang. Napoleon ließ durch Maret ausweichende, unbestimmte Antwort geben. So wurde dann das schon früher18 in Aussicht genommene Frankfurter Manifest19 am 4. Dezember veröffentlicht, das »kraftlos ohne Geist und Leben«,20 wenn auch nicht ausdrücklich die natürlichen Grenzen wieder nannte, immerhin Frankreich »eine Ausdehnung seines Gebietes« verhieß, »wie es niemals unter seinen Königen gehabt habe«. Zu ungefähr derselben Zeit hatte Napoleon seinen Minister Caulaincourt beauftragt,21 die Vorschläge der Verbündeten doch nicht ganz von der Hand zu weisen, sondern ihnen entgegenkommend zu schreiben.
Für Metternich war dies naturgemäß sehr willkommen. Er sah die Antwort Napoleons schon als endgültige Annahme der Friedensvorschläge an.22 Aber Napoleon hatte eine Bedingung gestellt, welche den Gang der Verhandlungen außerordentlich erschweren mußte: er verlangte, daß England zu gleichen Opfern bereit sein müsse, wie er. Englands Sorge drehte sich damals um Holland, das es von Napoleon losreißen wollte, um sich in diesem Staate eine Stütze für seine Festlandspolitik zu schaffen.23 Dementsprechend war England gesonnen, nur auf Grund genügender Zugeständnisse nach dieser Richtung hin mit Frankreich Frieden zu schließen. Seinem Einfluß war es zu danken, daß im Frankfurter Manifest die »natürlichen Grenzen« nicht mehr genannt wurden.24
Bei dieser Sachlage konnte man jetzt auf Napoleons Anerbieten nicht eingehen, ohne die Zustimmung der leitenden englischen Männer zu besitzen. Zu diesem Zwecke wurde der russische Diplomat Pozzo di Borgo nach London gesandt, um zugleich auch einen mit größeren Vollmachten versehenen Vertreter von der englischen Regierung zu erbitten. Napoleon aber wurde fürs erste auf die Rückkunft Pozzo di Borgos vertröstet.25
Während all dieser Verhandlungen hatte Preußen eine verhältnismäßig passive Rolle gespielt. Sein leitender Minister, der Graf Hardenberg war in seinem Benehmen hierbei durchaus nicht eindeutig. In seinem Innern nannte er die von Metternich gemachten Vorschläge »tolles Zeug«,26 aber ihm fehlte die Energie, dieses tolle Zeug bei Seite zu schieben. Er führte vielmehr eine Politik des ›Laissez-faire, laissez-aller‹.27 So hatte er in der Konferenz am 8. November gefehlt und Nesselrode, den russischen Diplomaten für sich sprechen lassen.28 In dieser Vertrauensseligkeit und Zaghaftigkeit wurde er durch den König bestärkt, der den Rheinübergang verabscheute und »lieber mit gekreuzten Armen am Rhein stehen geblieben wäre«.29 So dachte auch der General Knesebeck, der als militärischer Berater des Königs einigen Einfluß auf ihn hatte, aber durch die Patrioten der schlesischen Armee, vor allem von ihrem Generalstabschef Gneisenau bekämpft wurde.30 Dieser drang unterstützt von dem Österreicher Radetzky31 auf den Einmarsch in Frankreich.
Ehe wir den weiteren Fortgang der militärischen und diplomatischen Verhandlungen verfolgen, müssen wir auf unsere spezielle Frage eingehen. Es handelt sich dabei vorläufig nur um einige kurze Bemerkungen. In den Grundzügen waren die Gebietsforderungen der Verbündeten an die Franzosen deutlich genug fixiert. Von offiziellen Anträgen auf Abtretung des Elsaß war hier nicht die Rede. Es fragt sich nur, wurden schon in Frankfurt Stimmen laut, welche die Vogesen-Grenze forderten? Nach dem vorliegenden Material kann man nicht mit Sicherheit darauf antworten. Daß die Diplomaten sich nicht dafür verwandt haben, steht wohl fest, wenigstens fehlt jeder Beleg dafür.
Daß aber Männer wie Gneisenau schon damals in Frankfurt versucht haben, ihren Wünschen, die sie später scharf und klar ausgesprochen haben, Geltung zu verschaffen, scheint mir nicht unwahrscheinlich. Besonders, wenn man bedenkt, daß schon früher Stein auf die Vogesen-Grenze hingewiesen und im selben Jahre Ernst Moritz Arndt, der Gneisenau nahe stand, seine Schrift über den Rhein32 veröffentlicht hatte, und daß sich sonst auch schon Stimmen in der Öffentlichkeit hören ließen, die das Elsaß forderten.33 Wenn sich aber Fernerstehende schon Gedanken über die Zugehörigkeit des Elsaß zu Deutschland und über die »natürlichen Grenzen« machten, so ist es wohl nicht zu kühn anzunehmen, daß Gneisenau schon damals für eine weitere Grenze eingetreten ist, wenn auch nur im Gespräch mit den Diplomaten seines Staates.
Wir wissen zudem ja gut, wie Gneisenau über die natürlichen Grenzen dachte: »Einen vorteilhaften Frieden meinen sie (die Diplomaten), werde man ihm ablisten, die Pyrenäen, Alpen und den Rhein zur Grenze, das nennen sie einen vorteilhaften Frieden.«34 Vielleicht dürfen wir bei den andern Führern der schlesischen Armee ähnliche Gedanken voraussetzen, aber bisher fehlt uns jeder Beleg dafür.
Auf eine Frage noch müssen wir hier gleich eingehen. Roloff leitet die russische Politik dieser Tage von dem Bestreben ab, sich in Galizien auszubreiten, also auch den österreichischen Besitz dort zu gewinnen und Österreich dafür das Elsaß zu geben.35 Das habe Metternich veranlaßt, Frankreich möglichst zu schonen, da er auf keinen Fall eine Machtvergrößerung Rußlands besonders im Osten ertragen wollte. Roloff hat darin Recht, daß er den Gegensatz Österreichs und Rußlands darauf zurückführt, daß Rußland in Polen sich zu vergrößern trachtete. Aber es fehlt jeder Beweis dafür, daß schon in Frankfurt Kaiser Alexander das Elsaß als Entschädigung für Österreich in Aussicht genommen habe, hatten doch Alexander...
| Erscheint lt. Verlag | 16.4.2023 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| ISBN-10 | 3-7578-3591-3 / 3757835913 |
| ISBN-13 | 978-3-7578-3591-0 / 9783757835910 |
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