Die Hexen und das Licht der Vernunft (eBook)
134 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7562-7503-8 (ISBN)
Martin Haeusler hat mit einer Arbeit zu den mittelalterlichen Vorstellungen vom Weltende promoviert. Daneben zahlreiche Veröffentlichung u. a. zur Geschichte Schlesiens und familiengeschichtlichen Themen.
1.
Vorbemerkungen
Im Mittelalter sind von der katholischen Inquisition Millionen Frauen als Hexen verbrannt worden. Diese und ähnliche Behauptungen kann man immer wieder hören, obwohl an dem Satz so gut wie alles schief, wenn nicht falsch ist. Dazu einleitend vier Bemerkungen:
Erstens halten die teils abenteuerlichen Opferzahlen – manche sprechen gar von neun Millionen – einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand.1 Tatsächlich dürfte die richtige Zahl eher bei 60.000 als bei 100.000 Opfern liegen, wobei bemerkenswerterweise etwa die Hälfte davon auf Deutschland und die Schweiz entfallen.2
Zweitens sind nicht nur Frauen angeklagt und hingerichtet worden. Neuere sorgfältige Auswertungen der erhalten Akten haben gezeigt, dass jeder vierte Angeklagte männlichen Geschlechts gewesen ist, örtlich sogar ein Drittel.3 Erstaunlicherweise sind in protestantischen Gegenden prozentual mehr Frauen hingerichtet worden und weniger Männer. Dass Protestanten offenbar mehr auf das weibliche Hexenstereotyp fixiert waren, dazu mag die Übersetzung einer Bibelstelle beigetragen haben, nämlich Ex 22.18.4
Damit wären wir beim dritten Punkt. Irrig nämlich ist auch die immer wieder zu findende Auffassung, die katholische Kirche und vor allem die Inquisition habe eine führende Rolle bei der Hexenverfolgung gespielt. Dem ist entgegenzuhalten, dass aus Spanien, dem Kernland der katholischen Inquisition, nur etwa 30 Tötungen von Hexen zu beklagen sind, im katholischen Irland waren es zwei, in Portugal sieben – auch das katholische Italien liegt bei der Zahl der Opfer etwa gleichauf mit dem protestantischen Dänemark, obwohl die Bevölkerungszahl Dänemarks damals nur etwa 7% der Italiens betragen hat.5
Man darf eben nicht übersehen, dass sich auch Luther (und Calvin) nicht nur für die Verfolgung von Hexen eingesetzt haben, sondern auch für die Anwendung der Todesstrafe.6 Wichtig in dem Zusammenhang ist gerade für die stark bibelorientierten Protestanten die eben erwähnte Stelle aus dem Alten Testament: „DJE Zeuberinnen soltu nicht leben lassen“ – so heißt es in Luthers eigener Übersetzung von Ex 22.18.7 Dass Luther „Zauberinnen“ übersetzt, ist erstaunlich, denn im lateinischen Text steht „maleficos“.
Das Wort bezeichnet im antiken Latein ebenso wie im Latein der Kirchenväter keineswegs Zauberinnen, also Frauen, sondern entweder allgemein Übeltäter oder speziell einen Giftmischer oder Zauberer – auf jeden Fall aber handelt es sich um eine männliche Form. Für den griechischen Text gilt das gleiche: Mit φαρμάκους sind Giftmischer oder Zauberer gemeint, und zwar wiederum Männer. Hat Luther also (bewusst?) falsch übersetzt? So einfach ist die Sache nicht: Sollte Luther auf den hebräischen Text zurückgegriffen haben, so hat er zu Recht „Zauberinnen“ übersetzt, allerdings steht im hebräischen Text der Singular, nämlich mĕkaššēpâ, die Zauberin. Was mit dem hebräischen Begriff tatsächlich gemeint ist, ist in der Forschung umstritten.8
Viertens: Die Verfolgung und Hinrichtung von Menschen als Hexen war keineswegs ein mittelalterliches Phänomen. Wolfgang Behringer fasst den Stand der Forschung folgendermaßen zusammen:
Der Verfolgungszeitraum lag in seinem Schwerpunkt nicht im „finsteren Mittelalter“, sondern in der Neuzeit. Der Höhepunkt der Hexenverfolgungen ereignete sich in den Jahrzehnten zwischen 1560 und 1630, mit absoluten Verfolgungsspitzen in den 80er Jahren des 16. Jahrhunderts und in dem Jahrfünft 1626 – 1630. Während des restlichen 17. Jahrhunderts kam es immer wieder zu Verfolgungswellen. Noch die ganze erste Hälfte des 18. Jahrhunderts blieb die Gefahr von Hexenprozessen in Mittel- und Osteuropa virulent, während sich die ökonomisch und wissenschaftlich fortschrittlichen Länder Westeuropas zwar meist nicht de jure, aber de facto davon verabschiedet hatten.9
Dass die Sache mit dem Ende des Mittelalters und dem Siegeszug rationaler Wissenschaft auch in intellektuellen Kreisen keineswegs vorbei war, mag das Beispiel des Johannes Kepler illustrieren. Der wegen seiner bahnbrechenden astronomischen Entdeckungen berühmt gewordene Johannes Kepler (1571 – 1630) hat zwar 1615 – 1621 seine Mutter gegen den Vorwurf der Hexerei vor Gericht verteidigt und letztlich einen Freispruch erwirkt.10 Daraus darf man aber nicht schließen, der berühmte Astronom habe die Verfolgung von Hexen generell in Frage gestellt. Im Gegenteil: Vielleicht wäre die Verteidigung seiner Mutter missglückt, wäre damals schon sein Somnium sive astronomia lunaris der Öffentlichkeit zugänglich gewesen. In diesem eher der fantastischen Literatur zuzurechnenden Werk – geschrieben 1608/9, veröffentlicht posthum 163411 – geht er offenbar von der Realität des Hexenfluges aus, wenn schreibt, um auf den Mond zu gelangen, seien besonders „ausgemergelte alte Weiber“ geeignet, „die sich von jeher darauf verstanden, nächtlicherweile auf Böcken, Gabeln und schäbigen Mänteln reitend, unendliche Räume auf der Erde zu durcheilen“12.
Eine weitere Stelle im „Traum vom Mond“ kann man dahingehend interpretieren, Kepler selbst habe seine Mutter als Kräuter sammelnde Zauberin, die vorgab, mit Mondgeistern in Kontakt zu stehen, bezeichnet. Man muss zwar beachten, dass in dem dort wiedergegebenen Traum nicht von Keplers Mutter die Rede ist, sondern von der Mutter eines fiktiven Isländers. Andererseits liegt die Ähnlichkeit zu Keplers tatsächlicher Mutter nahe, da sie eine Kräuter sammelnde Zauberin war.13
So eindeutig, wie man gerne tut, war die Rollenverteilung zwischen den Mächten des Lichtes (die das dunkle Mittelalter besiegten) und den Mächten der Finsternis (den Anhängern einer magisch-irrationalen Weltsicht) nicht.14
Im Folgenden soll versucht werden, genauer darzustellen, wie sich die Diskussion über das Hexenwesen in der Zeit zwischen 1450 und 1600 entwickelt hat, und zwar am Beispiel von bekannten frühen Kritikern der Hexenverfolgung, aber auch am Beispiel von Autoren, die bislang kaum beachtet worden sind.
Selbstverständlich ließen sich weitere Autoren anführen. Doch es wird sich zeigen, dass der Rahmen, in welcher sich die Diskussion abgespielt hat, sich nur wenig verändert hat. Da werden immer wieder die gleichen Stellen aus der Bibel zitiert und die bekannten Lehrmeinungen der großen theologischen Autoritäten wie Augustinus. Daneben stehen Belegstellen aus der nichtchristlichen antiken Literatur und, sehr wichtig, Aussagen aus Hexenprozessen, wobei sich jeder die Aussagen auswählt, die zu seiner Argumentation passen.
Der Schwerpunkt wird also darauf liegen zu zeigen, wie sich die Diskussion in kleinen Schritten langsam weiterbewegt hat, nicht in einem gradlinigen Prozess, sondern eher in Vorwärts-, Rückwärts- und Seitwärts-Schrittchen.
Nicht eingegangen werden kann in diesem Zusammenhang auf die Frage, wie der Hexenprozess durchgeführt werden sollte und welche Regeln dabei zu beachten waren. Auch die vertrackte Diskussion um die Strafbarkeit und das Kompetenzgerangel zwischen kirchlichen und weltlichen Stellen darf man in ihrer Wichtigkeit nicht unterschätzen, dies würde aber den Rahmen dieses Textes sprengen.15
1 Wolfgang Behringer hat in seinem Aufsatz Neun Millionen Hexen. Entstehung, Tradition und Kritik eines populären Mythos, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 49 (1998), S. 664 – 685 genau aufgezeigt, wie die Zahl neun Millionen in die Welt gesetzt und dann wiederholt worden ist.
2 Nach Wolfgang Behringer, Hexen. Glaube, Verfolgung, Vermarktung, München: Beck (4. Auflage) 2005, S. 65f. Tab. 3.
3 Rolf Schulte, Hexenmeister. Die Verfolgung von Männern im Rahmen der Hexenverfolgung von 1530 – 1730 im Alten Reich (= Kieler Werkstücke. Reihe G: Beiträge zur Frühen Neuzeit; Bd. 1), 2. erg. Auflage, Frankfurt a. M. (u. a.): Peter Lang 2001, dort S. 50 – 86 die Auswertung von zahlreichen Regionalstudien.
4 Ebd. S. 166 u. S. 172.
5 Nach Wolfgang Behringer, Hexen, S. 65f. Tab. 3.
6 Luthers Predigt am 6. Mai 1526, in: WA 16, S. 551f. Zu Luther vgl. Peter Dinzelbacher, Mystische Phänomene zwischen theologischer und medizinischer Deutung, in: Peter Dinzelbacher (Hg.), Mystik und Natur. Zur Geschichte ihres Verhältnisses vom Altertum bis zur Gegenwart, Berlin: de Gruyter 2009, S. 78 und Volker Leppin, Art. Martin Luther, in: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net (https://www.historicum.net/purl/45zs3/ – abgerufen am 08. 12. 2020).
7 Lutherbibel 1545.
8...
| Erscheint lt. Verlag | 2.8.2022 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| ISBN-10 | 3-7562-7503-5 / 3756275035 |
| ISBN-13 | 978-3-7562-7503-8 / 9783756275038 |
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