Kreativität verstehen (eBook)
206 Seiten
TWENTYSIX (Verlag)
978-3-7407-2234-0 (ISBN)
Hesamedin Ostad - Ahmad - Ghorabi - manchmal nur Dr.O. genannt - geboren und aufgewachsen in Wien, studierte Maschinenbau an der Technischen Universität Wien und promovierte im Fachbereich Produktentwicklung. Er hat viele Jahre im Be-reich nachhaltiger Produktentwicklung / Ecodesign unterschiedlichste technische Produkte für zahlreiche Unternehmen in Österreich mitentwickelt und die Umsetzung von Innovationen eingeleitet. 2011 wechselte er in die Automobilbranche nach Deutschland, wo er in der Produktentwicklung von Bauteilen wie auch in der Prozessentwicklung tätig war. Mit Aufnahme seiner vertrieblichen und beratenden Tätigkeiten in der Automobilbranche hat er seither viele Unternehmen in unterschiedlichen Führungspositionen beim Aufbau von Geschäftsmodellen und deren Etablierung im Markt begleitet. Hesamedin ist seit über einem Jahrzehnt Lektor an der Technischen Universität Wien und unterrichtet dort das Fach Creativity Engineering, das er gemeinsam mit einer Kollegin 2008 ins Leben gerufen hat. Mit der Entwicklung der Summer School on Creativity Engineering im Jahr 2011 wurde das Konzept seither auch inter-national in vielen Ländern in unterschiedlichen Formaten erfolgreich umgesetzt und hat vielen Teilnehmern aus der Wirtschaft und Hochschulen geholfen, Ideen zu entwickeln und diese erfolgreich umzusetzen.
Kapitel 2
Was Kreativität ist
Eine schnelle Suche auf Google nach dem Begriff Kreativität liefert mehr als 35 Millionen Ergebnisse; die Suche auf Englisch nach dem Wort creativity sogar mehr als 100 Millionen. Die Spanne der Ergebnisse reicht dabei von wissenschaftlichen Beiträgen hinzu Trainings zur Kreativitätssteigerung oder goldenen Regeln sowie oberflächlichen Tipps und Tricks für die individuelle Entfaltung der Kreativität. Allein Amzons Bookstore verzeichnet mehr als zweitausend Bücher in englischer und deutscher Sprache zu diesem Thema. Längst haben Unternehmen Kreativität als wichtiges Qualifikationsmerkmal für Ihre künftigen Mitarbeiter in ihren Stellenausschreibungen aufgenommen. Kreativität scheint die menschliche Eigenschaft zu sein, die die großen Probleme der Menschheit zu lösen vermag; Probleme, wie etwa die globale Erwärmung oder den weltweiten Hunger.
Bei der Suche nach der tieferen Bedeutung des Terminus Kreativität sind die Antworten nicht eindeutig und konsensual. Es scheint, als würde seit Menschen gedenken eine Art mystische Aura um diesen Begriff existieren; oft als eine übermenschliche, ja göttliche Eigenschaft gesehen, die allenfalls nur wenigen zu Eigen wird. Wen verwundert es, dass in vielen Religionen Gott die einzige Quelle der Kreativität zu sein scheint?
Was bedeutet und was ist Kreativität nun tatsächlich? Viele Menschen assoziieren das Konzept mit der besonders ausgeprägten Fähigkeit, neue Lösungen für Probleme zu finden. Oft wird es mit neuen Ideen, neuen Produkten auf dem Markt und unkonventionellen Vorgehensweisen verbunden oder auch nur auf eine verrückte Sichtweise zurückgeführt.
Ende des 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts wurde Kreativität zum Subjekt der Wissenschaft. Seit den Arbeiten von Joy Paul Guilford vor über 60 Jahren ist Kreativität zu einem eigenen Forschungsbereich aufgestiegen. In diesem Kapitel wollen wir auf die unterschiedlichen wissenschaftlichen Definitionen und Sichtweisen näher eingehen.
Kreativität – Eine Definition
Eines vorweg: eine eindeutige Definition gibt es nicht. Auch in der Wissenschaft wird das Konzept oft mehrdeutig und unbestimmt beansprucht. Die Mehrheit der Wissenschaftler hat aber einen Konsens im Hinblick auf einige Eigenschaften, die Kreativität ausmachen, gefunden: Kreativität geht mit der Entwicklung origineller und zweckdienlicher Ideen einher.
Dass Originalität eine wichtige Eigenschaft der Kreativität ist, erscheint einleuchtend. Schließlich werden Lösungen, die es schon gibt oder jene, die vielen Menschen einfallen würden, selten als kreativ angesehen. In der Wissenschaft finden sich einige Synonyme für den Terminus Originalität; manche sprechen von neuartigen Ideen, wertige Ideen oder nützliche Ideen.
Stellen Sie sich vor, als Aufgabe wird gestellt, einen kleinen Teich im Garten zu entleeren. Hierfür einen Eimer oder eine Pumpe zu verwenden, wären vielleicht die ersten Ideen, die einem in den Sinn kommen. Diese Ideen sind nicht wirklich originell, da sie, wenn man diese Aufgabe vielen unterschiedlichen Menschen stellt, auch vielen Menschen einfällt. Das eine Ende eines Schlauches in den Teich zu legen, das andere Ende anzusaugen, um einen Unterdruck zu erzeugen und dieses Ende dann unterhalb des Wasserspiegels des Teiches zu platzieren, damit das Wasser wie durch Wunderhand von selbst ausfließen kann, ist vielleicht etwas origineller, da diese Lösung weniger häufig vorgeschlagen wird. In der Tat fließt in der Entwicklung der letztgenannten Lösung Wissen aus anderen Bereichen mit ein, etwa Wissen über physikalische Grundkenntnisse des hydrostatischen Drucks oder der Funktionsweise eines Hebers oder Kenntnisse über die Vorgehensweisen bei der Hochwasserentlastung.
Die Originalität von Ideen kann aus unterschiedlichen Gesichtspunkten bewertet werden. Neue Ideen, die für ein bestimmtes Problem originell erscheinen, könnten in einem anderen Umfeld schon bereits existieren. Andere Ideen sind vielleicht aber so neuartig und noch nie gedacht worden, dass sie das Potential beherbergen, heute gültige Paradigmen zu ändern. Diesen Unterschied hat auch Margaret A. Boden in ihren wissenschaftlichen Arbeiten aufgegriffen und die Begriffe p-Kreativität (p steht für psychological) und h-Kreativität (h steht für historical) geprägt. p-Kreativität bezieht sich auf Ideen, die eine Person oder Gemeinschaft noch nie hatte oder eine Lösung, die noch nie vorher auf ein bestimmtes Problem übertragen wurde, um es zu lösen. In einer Gruppe sind die nicht trivialen Ideen der Gruppenmitglieder zu einer Problemlösung als p-kreative Ideen anzusehen. Prinzipiell existieren p-kreative Ideen bereits in einem anderen Umfeld oder Kontext, sind aber eben noch nicht auf dieses spezielle Problem angewandt.
Ein kleiner Versuch kann das Konzept der p-Kreativität etwas besser darstellen: Nehmen Sie sich ein Stück Papier und einen Stift und skizzieren Sie ein Haus. Geben Sie sich hierfür eine Minute Zeit. Wenn Sie fertig sind, zeichnen Sie ein weiteres Haus, das anders aussieht, und dann ein weiteres. Wiederholen Sie die Aufgabe für zehn bis fünfzehn Minuten. Welche der Skizzen bewerten Sie als origineller gegenüber den anderen? Viele Menschen finden die letzteren Skizzen meist origineller, schließlich haben sich die naheliegenden, trivialen und klischeehaften Ideen in dem Prozess immer mehr herausdividiert. Fragen Sie nun einen Freund, dieselbe Aufgabe durchzuführen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird Ihr Freund einige Ihrer originelleren Ideen oder wesentliche Fragmente daraus, auch auf Papier bringen. P-kreative Ideen existieren im Grunde bereits, werden aber in einem unterschiedlichen Kontext wiederverwertet und angepasst. Letztendlich führt das dazu, dass Ideen ähnlich sind. Man möchte meinen, dass p-kreative Ideen früher oder später in Erscheinung treten, deren Konzeptionierung ist eine Frage der Rahmenbedingungen; bei Produkten beispielweise eine Frage der Marktgegebenheiten oder der technologischen Möglichkeiten.
Im Gegensatz zur p-Kreativität bezieht sich die h-Kreativität auf die Fähigkeit eines Individuums, grundlegend neue Ideen, die vorher noch nie gedacht wurden, schöpferisch zu kreieren oder abzuleiten. Bei der Entwicklung von h-kreativen Ideen werden grundlegend neue Sichtweisen eingeführt und neue Wege eingeschlagen.
Treffend lassen sich die Konzepte p-Kreativität und h-Kreativität wie folgt zusammenfassen: Bei p-Kreativität denkt man weiter, bei h-Kreativität denkt man grundlegend neu. h-Kreativität legt den Grundstein für die p-Kreativität, die wiederum ihren Weg in Innovationen findet. Dass die Erde nicht der Mittelpunkt unseres Systems ist, war in der Denkweise ein Paradigmenwechsel und h-kreativ, so auch die Postulierung der Relativitätstheorie. Die Auftragung von Haifischhautstrukturen auf Flugzeugtragflächen zwecks Widerstandsreduzierung oder die industrielle Herstellung des Klettverbandes auf Basis des Prinzips der Klettfrucht sind als p-kreative Ideen zu sehen.
Eine ausschließlich originelle Idee ist noch lange nicht als eine kreative Idee anzusehen. Eine kreative Idee muss auch zweckdienlich sein. Weitere Synonyme für zweckdienliche Ideen sind nützliche, machbare, angemessene oder qualitative Ideen. Greifen wir nochmals das Beispiel des Teiches auf, welches zu entleeren war. Man könnte, um die Aufgabe zu erledigen, Sand in den Teich kippen, um das Wasser zu entfernen, oder das Wasser mit einem Laubbläser verblasen. Auch wenn man bei der ersteren Idee an das archimedische Prinzip denken mag, sind beide Ideen zwar originell, aber nicht zweckdienlich, da man sich weitere gravierende Probleme damit einkauft.
Ideen können daher mehr oder weniger originell, mehr oder weniger zweckdienlich und daher kreativ sein. Eine Pumpe für obige Aufgabenstellung einzusetzen ist zweckdienlich, aber nicht wirklich originell. Viel Gelatine mit Erdbeergeschmack hineinzuschütten, um dann alles aufzuessen, ist originell, aber nicht zweckdienlich (und ungesund obendrein).
Um von einer kreativen Idee zu sprechen, müssen Originalität und Zweckdienlichkeit gleichermaßen erfüllt sein. Rein originelle Ideen laufen Gefahr, in verrückte Ideen zu enden, rein zweckdienliche Ideen in eine Wiederwendung von bestehenden Ideen. Einige Autoren sprechen in Ergänzung zu Originalität und Zweckdienlichkeit vom Grad der Überraschung (des Wow-Effektes), um kreative Ideen bewerten zu können. Dahinter verbirgt sich der Gedanke, wie motivierend und erregend eine Idee ist. Dieser zusätzliche Bewertungsfaktor leitet sich aus der Beobachtung ab, dass viele Menschen, die mit einer erfrischenden und neuen Idee konfrontiert werden, überrascht, interessiert und erregt wirken. Eventuell ist dieser emotionale Zustand die Quelle der Mythen rund um das Thema Kreativität. Abraham Maslow spricht in diesem Zusammenhang von einer Charakteristik des selbstaktualisierten Selbst. Dieser...
| Erscheint lt. Verlag | 10.2.2021 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| ISBN-10 | 3-7407-2234-7 / 3740722347 |
| ISBN-13 | 978-3-7407-2234-0 / 9783740722340 |
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