Zum Hauptinhalt springen
Nicht aus der Schweiz? Besuchen Sie lehmanns.de
Die Evolution des Abendlandes -  Gerhard Markert

Die Evolution des Abendlandes (eBook)

Aspekte einer analytischen Geschichtsbetrachtung
eBook Download: EPUB
2020 | 1. Auflage
180 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7526-9627-1 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
9,49 inkl. MwSt
(CHF 9,25)
Der eBook-Verkauf erfolgt durch die Lehmanns Media GmbH (Berlin) zum Preis in Euro inkl. MwSt.
  • Download sofort lieferbar
  • Zahlungsarten anzeigen
"Der Krieg ist der Vater aller Dinge" nach Heraklit, aber Kriege sind nicht die Sternstunden der Menschheitsgeschichte. Sie schufen klärende Einschnitte, aber kreativ waren sie nicht. Das Schöpferische wirkte im Zusammenleben der Menschen. Seit mehr als hundert Jahrtausenden lebten die Menschen im Einklang und Wechselspiel mit ihrem natürlichen Lebensraum. Und zu allgemeinem Wohlstand kamen sie im friedlichen Zusammenleben. In diesem Sinne entstanden in fünf Jahrzehnten historisch orientierter Freizeitlektüre Notizen und Traktate, die sich thematisch bündeln ließen unter Archäometallurgie, Dreitausend Jahre Mittelmeer, Karls Reich und Erbe sowie zur Geschichte der Kirche.

Im Jahre 1931 in einem Forsthaus im Frankenwald geboren, in Bamberg als Protestant aufgewachsen, studierte der Autor Chemie mit Mineralogie und Geochemie im Nebenfach. Nach der Promotion in Erlangen ging er in die industrielle Forschung in Darmstadt drei Jahrzehnte für die Kunststoffe. Zeitlich leicht versetzt, verbrachte er dreißig Jahre als Kirchenvorsteher im Nebenamt der EKHN.

Ex Oriente Lux


Kulturdrift oder Eigenständigkeit


»Die Vorsehung leitete den Faden der Entwicklung weiter – von Euphrat, Oxus und Ganges herab, zum Nil und an die phönizischen Küsten – große Schritte! Ägypten war ohne Viehweide und Hirtenleben; der Patriarchengeist der ersten Hütte ging verloren. Aber aus Nilschlamm gebildet und von ihm befruchtet, gabs beinahe so leicht den vortrefflichen Ackerbau.«

Johann Gottfried Herder

Die Sonne geht im Osten auf – Europa empfing die Kultur vom Orient. So stellte man sich lange Zeit die »Kulturdrift« in der Alten Welt vor, trotz der Höhlenbilder und Megalithbauten im Westen. Auch der biblische Garten Eden lag im Orient. Und selbst die Humanisten blickten nach Osten, wenn auch nicht ganz so weit.

Heute erkennen wir allmählich die Strukturen eines ‘Zeitbildes’, das aus vielen Elementen aufgebaut ist. Einige davon stammen tatsächlich aus dem Orient. Als Gordon Childe sein Buch »Die Morgendämmerung der europäischen Zivilisation« veröffentlichte, entbrannte bald der Streit zwischen den Diffusionisten und Isolationisten. Letztere erhielten Aufwind, als die ‘Radiocarbon-Daten’ sich durchsetzen konnten, wonach Europas Urzeit viele Jahrhunderte früher begann. Es sollte also genügend Zeit gewesen sein, um die entscheidenden Neuerungen der Landwirtschaft und Metallurgie in Europa eigenständig zu erfinden. Das ist einerseits davon abhängig, wie naheliegend und notwendig eine Änderung ist, andererseits auch davon, wie schnell sie sich ausbreitet. Aber was diffundierte?

Wie in der Physik, wo man zwischen Materie- und Energiediffusion unterscheidet, sollte man auch im kulturellen Bereich die Diffusion differenzierter betrachten. Man kennt zwar Begriffe wie Migration und Invasion, aber ihr üblicher Gebrauch ist für eine analytische Betrachtung ungeeignet, weil die Aspekte ‘ friedlich’ und ‘ feindlich’ nebensächlich sind. Primär ist zu unterscheiden zwischen Menschen, Gegenständen und Informationen (Ideen). Was die Archäologen ergraben, ist in erster Linie die Verbreitung von Gegenständen.

Der Fall, dass eine Population eine andere radikal verdrängt, ist relativ selten. Völkerwanderungen laufen in der Regel so ab, dass Menschen in eine vorhandene Gesellschaftsmatrix eindringen und diese mehr oder weniger verändern. Die Eindringlinge kommen vereinzelt oder in größeren Gruppen; je nachdem gehen sie in der Matrix auf oder behalten zumindest Teile ihrer kulturellen Identität, oder sie verändern das System sogar tiefgreifend. Seit die DNA-Analyse als Routinemethode zur Verfügung steht, lassen sich im Genpool Überlagerungen nachvollziehen.

Physikalisch gesehen, können bei ‘Durchmischungsvorgängen’ homogene Lösungen oder zweiphasige Systeme entstehen. Entscheidend ist primär die Verträglichkeit, sekundär das Mengenverhältnis; dabei bildet die Minderheit die disperse Phase. Die sozio-kulturelle Eigenart kann in Wirtschaftsverbänden, Religionsgemeinschaften, Bünden oder Bruderschaften gepflegt werden. Eine der kritischen Größen ist die Grenzflächenenergie, d.h. das Spannungspotential zwischen den Phasen. Stabilisierend wirken Nischen, d.h. Lebensräume oder -weisen, die der dispersen Phase vorbehalten sind. In dieser Situation kann es sogar zu Synergieeffekten kommen, die beiden Phasen Nutzen bringen.

So sind vermutlich all jene »Völker, die aus dem Dunkel kamen« erst vor Ort entstanden. Um eine staatliche Einheit zu schaffen, wurde die Synthese in den Himmel der Mythen projiziert – bei den Ägyptern, Hethitern, Griechen und Germanen. Zu denken gibt, dass die angeblich urgermanische Ostara verwandt ist mit der orientalischen Wurzel Ischtar – Astarte – Artemis. Die paläo-meso-lithische Gottheit ist vermutlich Odin – der Große Manitou.

Für Transportvorgänge von Gegenständen sind andere Aspekte von Bedeutung. Für Tauschhandel, Fernhandel und Geschenke gelten sicher unterschiedliche Bedingungen, aber eigentlich müssten alle mit einer Abklingkurve der Häufigkeit vom Typ der logistischen Gleichung erfassbar sein.

Renfrew (1972) untersuchte die Verbreitung von u.a. Obsidian im Ostmittelmeeraum und schlug eine Grundgleichung vom Typ

y = kx / l vor,

wobei y der Anteil an den vergleichbaren Objekten (z.B. Steinklingen)

k (< 1) ein spezifischer Faktor

x die Entfernung (z.B. in km) und

l der Siedlungsabstand ist.

Nach seiner Meinung gilt diese Beziehung nach einer »Kontaktzone« von etwa 200 km, an deren Grenze die Häufigkeit bereits auf ca. 80% gefallen ist. Für den gewerblichen Tausch- und Seehandel, sowie Handelsniederlassungen (Emporeon, Karum) macht er Zusatzannahmen, ohne seine Diagramme zu quantifizieren.

Mein Vorschlag sieht ein bisschen anders aus:

H = Ax/r;

wobei H die Häufigkeit bezogen auf H0 = 1

A die Attraktivität (maximal = 1)

x die Entfernung vom Ursprungsort

r der Schweifradius ist.

Zu den einzelnen Größen dieser Gleichung:

Die Häufigkeit H bezieht sich auf den Ursprungsort (H0). Die Gleichung setzt ungestörten Handel und eine gewisse Homogenität der Matrix – topographisch und kulturell – voraus. Örtliche Vorkommen von konkurrierendem Material stören die Abklingkurve, weil A seinen Wert ändert. Ähnlich wirken sich Handelsniederlassungen und -häfen aus, für deren Erreichen ein anderer Schweifradius gilt als für die Versorgung des dortigen Umlandes.

Mit der Attraktivität A kann zwischen Gebrauchsgegenständen, Schmuck und Prestigeobjekten unterschieden werden. Die Bedingung A < 1 erübrigt das negative Vorzeichen im Exponenten und ermöglicht für wertvolle Gegenstände einen großen Wert (nahe 1) im Gegensatz zu Alltagsware (mit niedrigerem Zahlenwert). A = 0,5 heißt gleichwertig mit anderen Objekten bei einem Tausch.

Der Schweifradius r entspricht dem Lebensraum und kennzeichnet den Bereich des direkten Tausches. Mit dem Schweifradius können unterschiedliche Lebensformen einheitlich erfasst werden – nicht nur Dorfgemeinschaften und Marktsysteme sondern auch die Bedingungen bei Händlern, Hirten und Karawanen. Er enthält auch einen topographischen Faktor der (Un)wegsamkeit, der in Gebirgen und Moorlandschaften zu Buche schlägt.

In der Auftragung H gegen log x entstehen sigmoide Abklingkurven (der logistischen Gleichung entsprechend) mit geradem Mittelteil im 50%-Bereich. Offenbar liegt eine einzige Masterkurve zu Grunde.

Räumliche Abklingkurven der Häufigkeit H = Ax/r
A = 0,4 A = 0,6 A = 0,8

Anschaulicher ist die Auftragung gegen log x/r, so dass man jedem Quotienten x/r=1 eine Abszissenachse in km zuordnen kann. Auf Grund des sigmoiden Kurvenverlaufs ist die Definition einer Kontaktzone nicht erforderlich.

Die Vermittlerfunktion von Hirtennomaden mit r>40 km wird vor allem bei Prestigeobjekten mit hoher Attraktivität deutlich.

H = 0,2
A = 0,50 0,95
r = 10 km 20 km 300 km
r = 40 km 90 km 1200 km

Die dargestellten Gesetzmäßigkeiten sollen nur Trends darstellen, um zu erkennen, wie Sesshaftigkeit und Wertvorstellungen die Verbreitung von Gegenständen beeinflussen. So kann die Weitergabe von Prestigegeschenken unter Hirtenvölkern zwanzig- und mehrfach weiter reichen als der Werkzeugtausch unter sesshaften Bauern.

Es gibt aber auch deutliche Abweichungen von diesem Grundmuster: Der Jadeit vom Monviso, war ein Luxusgut von eindrucksvoller Schönheit. Die typische Befundsituation sind Depots von einigen, in den Boden gesteckten Klingen an »heiligen Orten«, die einem Kontext mit religiösen Ritualen entsprechen. Als Grabbeigaben werden die Klingen nur an zwei Stellen gefunden: am Golf von Morbihan (Carnac!) und bei Varna am Schwarzen Meer. An der bretonischen Küste waren sie offenbar Teil einer »Carnac-Mythologie«, die der Stabilisierung einer herrschenden Elite diente. Dort wurden sie sogar noch umgearbeitet und mit neuem Schliff weitergereicht. Zu den weitestentfernten Funden (•) gehören jene im iberischen Galicien, in Apulien und an der Elbmündung2. In der ‚Zeit des Metalls‘ verloren die Jadeklingen ihre magische Kraft.

Morbihan

Monviso

Varna

Die 7000 Jahre alten Steinbrüche und Schlagplätze in 2000 Meter Höhe sind heute noch aufzuspüren. Das äußerst zähe Felsgestein konnte nur mit der Kraft des Feuers dem Berg abgerungen werden, was sicher auch zu seinem Charisma beitrug. Die herausgesprengten Blöcke...

Erscheint lt. Verlag 2.11.2020
Sprache deutsch
ISBN-10 3-7526-9627-3 / 3752696273
ISBN-13 978-3-7526-9627-1 / 9783752696271
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
Haben Sie eine Frage zum Produkt?
EPUBEPUB (Wasserzeichen)
Größe: 2,9 MB

DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasser­zeichen und ist damit für Sie persona­lisiert. Bei einer missbräuch­lichen Weiter­gabe des eBooks an Dritte ist eine Rück­ver­folgung an die Quelle möglich.

Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belle­tristik und Sach­büchern. Der Fließ­text wird dynamisch an die Display- und Schrift­größe ange­passt. Auch für mobile Lese­geräte ist EPUB daher gut geeignet.

Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise

Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.