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Abschied vom falschen Leben (eBook)

Kritik der politischen Ökologie des Kapitalismus
eBook Download: EPUB
2021 | 1. Auflage
844 Seiten
tredition (Verlag)
978-3-347-47928-9 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Abschied vom falschen Leben -  Werner Kindsmüller
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Die ökologische Krise zeigt, dass unsere Wirtschafts- und Lebensweise nicht zukunftsfähig ist. Was sind die Gründe für diese Krise? Warum ändern wir nichts, obwohl die Grundlagen unserer Zivilisation gefährdet sind? Was hat das mit dem Kapitalismus zu tun? Und wie ist Freiheit künftig noch möglich?

Der Autor (Jg. 1954) war beruflich lange Zeit in Politik und Verwaltung tätig. Er lebt in der Nähe von Düsseldorf

Der Autor (Jg. 1954) war beruflich lange Zeit in Politik und Verwaltung tätig. Er lebt in der Nähe von Düsseldorf

Kapitel 1

Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos

In diesem Kapitel geht es mir darum, der Frage nachzugehen, wie eigentlich unser gesellschaftlicher Umgang mit den offensichtlichen Problemen ist, die mit dem Begriff der ökologischen Krise nur unzureichend bezeichnet werden. Wie verhalten wir uns als Gesellschaft und Einzelner dazu? Wie kommen wir zu Lösungsentwürfen? Worüber geht der Streit? Ich möchte zeigen, dass die Art und Weise, wie wir das Problem der ökologischen Krise beschreiben für wirkliche Lösungen unzureichend ist.

Für den Umgang mit der ökologischen Krise unserer modernen Naturbeziehungen gibt es kein Vorbild, an das wir uns halten könnten, um aus dem Schlamassel herauszukommen. Alle Routinen, die wir in der Vergangenheit im Umgang mit Krisen entwickelt haben, helfen nicht weiter, weil es diesmal um die Grundlagen unserer Wirtschafts- und Lebensweise selbst geht. Dennoch können wir ja angesichts der unübersehbaren Folgen der Klimakatastrophe, wie sie uns im Sommer 2021 noch einmal durch Dürren, Starkregenereignisse und verheerende Waldbrände vor Augen geführt worden sind, nicht untätig bleiben. Ob Politiker, Konsumenten, Verkehrsteilnehmer, Unternehmer – wir tun was, aber was ist der Plan? Wie definieren wir das Problem, das wir lösen wollen?

Klimakonzepte, Klimakonferenzen, Klimamanager, Klimaprogramme, Reduktionsziele, Klimastreik – das Thema treibt uns um, wir ahnen, dass „etwas“ geschehen muss und dennoch fühlt sich das geschäftige Treiben aller Beteiligten hilflos an. Wir agieren wie die Akteure in dem Film von Alexander Kluge (1968): umtriebige Projektemacher, auf dem Hochseil, ohne Plan, theorielos. Wir sind gefangen in einer Logik, in einem Narrativ, das keinen Sinn mehr macht.

Das Problem, das ist vorerst die noch näher zu bestimmende und zu verstehende Krise unserer gesellschaftlichen Naturbeziehungen, die zu einer existentiellen Gefährdung unserer Lebensgrundlagen auf der Erde geführt hat. Das Problem ist aber auch, dass diese Zivilisationskrise in den Routinen bearbeitet wird, die bei früheren, aber unvergleichbaren Krisen erfolgreich waren. Wir bleiben im Reparaturmodus, etwa so, als würde man die Bordwand der Titanic neu streichen, während diese Kurs auf einen Eisberg hält.

Diese Kritik gilt nicht nur den Regierungen, sondern uns allen und auch den engagierten Klimaschützern. Es gibt viele Gründe, warum Lernblockaden den Erkenntnisprozess über die Ursachen unserer Zivilisationskrise verhindern. Denkweisen, die „in normalen Zeiten“ als richtig erscheinen, können in Krisenzeiten fatale Folgen haben. Die Absicht meiner Kritik liegt darin, Erkenntnisprozesse in Gang zu setzen, damit die kleine verbleibende Chance genutzt werden kann, den Kurs der Titanic zu korrigieren.

Über die drohende Klimakatastrophe sind unzählige Bücher geschrieben worden. Studien von Klimaforschern füllen ganze Bibliotheken und Ratgeber, wie man sich nachhaltig und ökologisch verhält, liegen heute in jeder Buchhandlung aus. Zugleich kaufen die Deutschen immer leistungsstärkere Autos, verharrt der Fleischkonsum auf hohem Niveau und sehnen sich die Menschen nach nervenzehrenden Monaten der Konsumbeschränkungen und der Einschränkung ihrer Mobilität nach nichts mehr, als endlich wieder in ein Flugzeug zu steigen und in die Sonne zu fliegen. Haben sie denn die Bücher nicht gelesen, die Berichte von abschmelzenden Gletschern nicht wahrgenommen?

Ich will in diesem Kapitel ergründen, woran es liegt, dass die Nachhaltigkeitswende nicht stattfindet, die wir dringend bräuchten, um ein gutes Leben für demnächst zehn Milliarden Menschen auch für künftige Generationen zu ermöglichen. Wir werden sehen, dass es viele Gründe gibt, warum Menschen, Unternehmen und Politiker nicht tun, was nach Überzeugung der Wissenschaft notwendig wäre, um die drohende Klimakatastrophe, den Artenschwund und die Zerstörung lebenswichtiger Ökosysteme zu stoppen.

Die Erklärungen können helfen unsere Strategien und Narrative zu überprüfen, mit denen wir versuchen, den Klimawandel zu verlangsamen und Bedingungen zu schaffen, damit auf globaler Ebene demnächst zehn Milliarden Menschen ein gerechtes Leben im Einklang mit den planetarischen Grenzen führen können. Ich werde zeigen, warum eine solche Strategie weder von der Wirtschaft noch von Politik und Staat und auch nicht von den meisten Menschen gewollt wird.

I.

Warum geschieht nicht, was notwendig wäre?

Die Aktivisten der Klimabewegung und Klimaforscher sorgen sich, dass die 2015 in Paris von 197 Staaten vereinbarten Klimaziele nicht mehr erreichbar sind. Diese Sorge ist durchaus begründet, wenn man das Zwischenzeugnis betrachtet, das den Staaten im November 2020 vom UN – Umweltprogramm UNEP ausgestellt worden ist. In den Überschriften deutscher Medien spiegelt sich der Befund wider: „Mit Vollgas in die Erderwärmung“ (Deutschlandfunk), „Es reicht noch längst nicht“ (Merkur), „Nur ein Kraftakt kann Klimaziele retten!“ (ntv). Wenn der Kurs der Klimapolitik nicht grundlegend geändert wird, wird das Ziel von Paris, die Erderwärmung für das Jahr 2100 auf unter 1,5 Gard Celsius zu begrenzen, krachend verfehlt. Würden die Staaten den bisherigen Kurs fortsetzen, so der „Emission Gap Report“ der UN-Organisation, würde die Erderwärmung Ende des Jahrhunderts bei 3,2 Grad Celsius liegen. Die Folgen für Mensch und Natur wären katastrophal.

Die Situation, in der wir uns als Menschheit befinden ist paradox. Wir wissen, wie es um unsere lebenswichtigen Ökosysteme aussieht. Wir können wissen, was passiert, wenn es uns nicht gelingt, unser Wirtschaften und Leben in Einklang mit den planetarischen Grenzen zu bringen. Aber es gibt so starke Adhäsionskräfte, die verhindern, dass wir uns diesem Problem stellen.

Wir wissen auch, dass mit jedem Jahr, in dem wir zu wenig unternehmen, um die Erwärmung aufzuhalten, ein umso radikalerer Kurswechsel notwendig wird, damit die schlimmsten Prognosen noch verhindert werden können. Und dennoch halten wir zwanghaft an unserer Wirtschafts- und Lebensweise fest. Warum geschieht nicht, was notwendig wäre? Dies zu klären, war eines der Hauptmotive für dieses Buch. Ich wollte wissen, welche Hindernisse einem Kurswechsel im Wege stehen, um zumindest das eine Ziel zu erreichen, nämlich bis zur Jahrhundertwende die Erderwärmung möglichst unter 1,5 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit zu begrenzen. Sind es die Politiker, denen es an Einsicht und Willen fehlt, diese Menschheitsaufgabe entschlossen anzugehen? Sind es die Interessen der mächtigen Wirtschaft, die ihre fossilen Altindustrien möglichst lange profitabel weiterführen wollen? Oder ist es der „alte Adam“, die menschliche Natur, die uns im Wege steht, um die Klimaziele zu erreichen? Jede dieser Erklärungen kann für sich keine befriedigende Antwort geben.

Der Beschluss des Bundesverfassungsgerichts vom Frühjahr 2021 und die folgende Verschärfung der Klimaziele in Deutschland sowie das Engagement des neuen amerikanischen Präsidenten Joe Biden machen Hoffnung, dass zumindest das Tempo in der internationalen Klimapolitik erhöht wird. Aber der Schein trügt: Klimaziele sind keine Klimapolitik. Wollte Deutschland bis 2045 klimaneutral werden, wären gravierende Einschnitte in das Wirtschaftsgeschehen und unsere Lebensformen notwendig. Einen Eindruck davon, welche Maßnahmen notwendig wären, um die Klimaziele von Paris in Deutschland zu erreichen, hat das Umweltbundesamt (UBA) in einer Studie im Oktober 2021 vermittelt: Abschalten aller Kohlekraftwerke bis 2030, ab 2040 darf die Industrie keine Kohle mehr verbrennen, Verbrennungsmotoren dürfen ab 2035 nicht mehr zugelassen werden, der Deutsche soll seinen jährlichen Fleischverbrauch von 60 auf 16 Kilogramm senken und in Häusern darf ab 2026 keine Gasheizungen mehr eingebaut werden.10

Diese Maßnahmen gehen weiter als das Wahlprogramm der Grünen zur Bundestagswahl 2021. Und man muss kein Prophet sein, dass die wissenschaftlichen Vorschläge des UBA nicht Eingang in Regierungshandeln finden werden. Gerne wird „die Politik“ für ihr zögerliches Vorgehen in der Klimapolitik kritisiert. Aber diese Kritik trifft das Problem nur zu einem geringen Teil. Die Gründe, warum nicht geschieht, was geschehen müsste sind vielfältiger und sie hängen mit unserer Wirtschafts- und Lebensweise zusammen.

Während der Beschäftigung mit den Themen dieses Buches hat sich mir immer wieder die Frage aufgedrängt, warum sollten Menschen in Nordeuropa ihr Leben grundlegend ändern wollen, und eine Transformation unterstützen, die zu einer nachhaltigen Welt führt, ihnen aber zugleich zumutet, dass sie auf einen Großteil ihrer Gewohnheiten und Annehmlichkeiten verzichten müssen? Warum sollten Menschen ihre Komfortzone wegen einer geringfügigen Erhöhung der Temperaturen im Sommer verlassen wollen? Erst ein tieferes Verständnis der...

Erscheint lt. Verlag 12.12.2021
Verlagsort Ahrensburg
Sprache deutsch
Themenwelt Naturwissenschaften Geowissenschaften
Technik
Wirtschaft
Schlagworte Klimawandel • Ökologie • Ökonomie • Rettung der Welt • Umweltzerstörung • Wirtschaftsform • Wirtschaftsmodell • Zerstörung des Planeten
ISBN-10 3-347-47928-9 / 3347479289
ISBN-13 978-3-347-47928-9 / 9783347479289
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