Viertausend Kilometer Einsamkeit (eBook)
132 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7322-6165-9 (ISBN)
Was bedeutet Einsamkeit?
Einsamkeit hat viele Facetten. Man kann Einsamkeit beschreiben, als Objectivum, aber erlebbar, nachfühlbar und verstehbar ist sie wohl nur subjektiv, ebenso wie Traurigkeit oder, um nicht im allzu Negativen zu verweilen, auch Glück und Freude.
Der Mensch kann allein unendlich einsam sein, aber ebenso inmitten anderer Menschen oder gar in einer Menschenmenge. Das Miteinander, der Gedankenaustausch, die Kommunikation ist wohl etwas elementar Wichtiges. Einfach nur jemanden zu haben, der zuhört und für den Notfall da ist. Besonders alte Leute sind davon betroffen, die kinderlos oder nach dem Verlust des Partners einsam durch die verbleibenden Tage oder Jahre des Lebens ziehen.
Zum anderen gibt es Menschen, denen Einsamkeit ein Anliegen ist, für eine bestimmte Zeit nur oder grundsätzlich. Man denke an Menschen, die sich meditativ zurückgezogen haben oder an Einsiedler, ich denke dabei an den Heiligen Berg Athos, an Mönche, an Fakire oder indische Gurus. Sie alle haben sich dieses Prinzip temporär oder permanent gesucht, um in der Stille der Zurückgezogenheit ihren Weg zu finden oder zu gehen.
Sie empfinden die für viele Menschen bedrohlich oder angsteinflössend anmutende Situation nicht oder wollen sie bewusst meistern.
Man kann auch in einer Art unbewusster Einsamkeit leben. Nach allen gängigen Vorstellungen wäre man es eigentlich immer, wie gleich zu sehen sein wird, aber man spürt es nicht wirklich.
Wer in einer klaren Winternacht einmal den Mut hat, der Kälte zu trotzen und in den Himmel schauen, müsste es eigentlich – theoretisch gesehen – spüren, jenes Gefühl einer nachgerade unfassbaren Einsamkeit. Dort oben die Sterne, die so unerreichbar fern sind, dass der Mensch sie wohl physisch, allen trivialen Science-Fiction-Romanen und –Filmen zum Trotz, nie erreichen kann und wird. Sie alle sind Teil eines grossen Rades, das der Mensch in Anlehnung an einen griechischen Mythos „Milchstrasse“ nennt, das sich in Jahrmillionen dreht und bei dem irgendwo am Rande sich eine kleine Sonne, unsere Sonne, befindet, um die sich wiederum unsere kleine Erde dreht, unsere Heimat im All, ein Staubkorn in den unendlichen Weiten von Sternen und Milchstrassen. Müsste in Anbetracht dieser Erkenntnis oder dieser unfassbaren Dimensionen den Menschen nicht ein fast grandios zu nennendes Gefühl regelrecht überfallen, das man als Einsamkeit bezeichnen kann. Ein Schauder von Verlorenheit und Winzigkeit müsste jeden empfindsamen Menschen durchpulsen. Ist es aber so?
Nein, es geschieht nur für einen kurzen Moment, dann dringt der Alltag oder die menschliche Vernunft wieder ein und zieht den Betrachter wieder auf ein Gleis der Normalität.
Man kann es nicht ändern, man muss damit leben, ja überleben, denn eine ständige Reflexion dieser unglaublichen Dimensionen von Verlassenheit könnte den Menschen in den Wahnsinn treiben. Vielleicht sogar in die Psychiatrie.
So verdrängt der Betrachter diese Eindrücke und kehrt – wie er es nennt – wieder auf den Boden der Begreifbaren oder „Tatsachen“ zurück.
In unserem Hotel auf der Osterinsel sitzen wir abends noch auf der Terrasse vor unserem Zimmer, lauschen dem Gezirpe der Zikaden und schauen nach oben.
Der Orion zeigt sich abends querliegend in der klarschwarzen Nacht.
Links unten der hell strahlende Riegel und oben rechts oben die rötlich schimmernde Beteigeuze.
Gedanken kommen hoch auf der einsamsten Insel der Welt.
Wie unendlich weit diese Sterne sind. Und wie viele hier am südlichen Himmel zu sehen sind. Und ausgerechnet auf diesem unscheinbaren Planeten, unserer Erde, findet so etwas statt wie Leben. Und Bewusstsein, unter anderem auch, um über dieses Phänomen überhaupt zu reflektieren.
Und über so etwas wie Einsamkeit nachzudenken.
Einsame Insel, einsamer Planet – mir kommt ein ausserordentlich unprosaischer, etwas mathematisch anmutender Einfall: Einsamkeit hoch zwei.
Aber um die Stimmung des Abends nicht zu stören, verwerfe ich ihn gleich wieder.
Dichter und Schriftsteller haben über die Einsamkeit geschrieben.
Maler haben versucht, die Empfindungen in Bilder zu kleiden.
Meistens haben ihre Werke einen Hauch von Traurigkeit.
Aber Einsamkeit kann durchaus ein erwünschter, ersehnter Zustand sein.
Goethe schrieb in sein Tagebuch der italienischen Reise: „Die Einsamkeit, nach der ich so oft sehnsuchtsvoll geseufzt habe, kann ich recht geniessen, wenn ein Genuss darin ist, denn nirgends kann man sich einsamer fühlen als in einem Gewimmel, wo man ganz unbekannt ist“.
Dieser Satz ist leicht nachvollziehbar, denn in Weimar war es ihm kaum möglich, ungegrüsst und unerkannt durch die Strassen zu wandeln.
Aber nicht immer betrachtete er dieses Thema aus dieser Sicht. So schrieb er einmal an Schiller: „Denn in einer so absoluten Einsamkeit, wo man durch gar nichts zerstreut wird und auf sich selbst gestellt ist, fühlt man erst recht und lernt begreifen, wie lang ein Tag sei.“
Ein unbekannter Autor hat einmal gesagt: „Einsamkeit ist die Zufluchtsstätte der Geistreichen und die Folterkammer der Geistes-Armen“.
Marcel Proust hat sich einmal zum gleichen Thema wie folgt geäussert: „Einsamkeit hat den grossen Vorteil, dass man die Flucht vor sich selbst einstellt“.
Andere grosse Geister wie Schopenhauer oder Hermann Hesse, um nur zwei zu erwähnen, haben sich ebenfalls dazu geäussert.
So weit, so gut.
Wie bereits erwähnt, die Osterinsel ist die einsamste Insel der Welt.
Es erhebt sich die Frage, entwickelt sich in der Abgeschiedenheit von der Welt eine spezielle Kultur oder kommt es zu einer entwicklungsmässigen Stase, in der Altes immer wieder aufgewärmt und keine Fortentwicklung zu verzeichnen ist.
Braucht Fortschritt den Austausch mit anderen Kulturen, den Stimulus von anderen Völkern oder ist eine isolierte, von allem anderen abgetrennte Entwicklung im Sinn eines Aufwärtstrends möglich.
Wenn man die uns gut bekannten Kulturen im Alten Ägypten oder im Zweistromland betrachtet, so ergab sich beispielsweise in Ägypten die Notwendigkeit, nach der alljährlich stattfindenden Nilschwemme die nach dem Abfliessen des Wassers wieder hervortretenden Grundstücke neu einzuteilen, auf dass jeder seine alte Flur wieder erhielt und nicht benachteiligt wurde. Daraus entstand so etwas wie eine Vermessungstechnik, die wiederum irgendwie festgehalten und fixiert werden musste, sei es auf Fell, Papyrus, Ton oder Stein. Dies führte – natürlich nicht in ein bis zwei Jahren – zur Entwicklung einer rudimentären Schrift, einer Bilderschrift, aus der die Hieroglyphen und später die anderen Schriftformen des Altägyptischen entstanden.
In der Keilschrift der Sumerer, Akkader und Babylonier könnte sich die ursprüngliche archaische Zählung von Viehbeständen widerspiegeln, die sich im Lauf der Zeit immer weiter verfeinerte und ausprägte, ja sogar zur Lingua franca der nahöstlichen Diplomatie wurde.
Die Schrift – oder nennen wir es gleich die Schreibkunst – scheint also irgendwie neben der Gestaltungskunst in Ton und Stein am Anfang einer kulturellen Entwicklung zu stehen.
Bei den Hochkulturen des Vorderen Orients und sicher auch bei den Kulturen in Mittel- und Südamerika war immer die Möglichkeit eines interkulturellen Austausches oder einer gegenseitigen Befruchtung gegeben. Das machte schon die geografische Lage möglich.
Eine völlig andere Entwicklung nahmen die Ureinwohner Australiens. Sie schienen seit Tausenden von Jahren einen anderen Weg der Bewusstseins-Evolution gegangen zu sein.
Ihre Welt war und ist zum Teil noch heute ein ewiges Verknüpftsein der Vergangenheit mit der Gegenwart. Die Ahnen mit ihrem gesamten Wissen leben in den Aborigines und in ihrer Welt fort und nehmen am aktuellen Leben teil.
Man spricht von den Traumpfaden oder auf englisch von den „Songlines“, unsichtbare labyrinthische Wege, die den Kontinent durchqueren.
Ihre Vorstellung von der Schöpfung der Welt unterscheidet sich grundlegend von unserer biblischen Schöpfungsgeschichte. Die Aborigines glauben, dass das Land erst dann existiert, wenn es wahrgenommen wird. Es muss im Kopf als Vorstellung vorhanden sein, dann erst kann es real werden. Die Ahnen haben die Welt ins Dasein gesungen, eine höchst poetische Tätigkeit. Denn Poesie hat etwas mit schöpfen und verdichten zu tun.
Die strikte Trennung zwischen Gestern und Heute, wie sie Bestandteil der westlichen, intellektuell ausgerichteten Denkweise ist, war ihnen völlig fremd. Daraus entstanden auch die Missverständnisse zwischen den Aborigines und den ersten Siedlern, die bekanntlich durch ihre Herkunft und ihre kriminelle Vergangenheit ohnehin wenig psychologisches Einfühlungsvermögen mit auf diesen neuen Kontinent brachten. Lange wurden daher die Ureinwohner Australiens missverstanden, als unintelligent eingestuft und dementsprechend behandelt.
Erst in den letzten Jahren kommt es zu einem Wechsel der Ansichten und zu einem Verständnis ihrer so völlig anders verlaufenen, isolierten Entwicklung.
Aber was ist Australien für ein riesiger Kontinent? Fast so gross wie ganz Europa.
Zumindest gab es dort mit...
| Erscheint lt. Verlag | 11.10.2013 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sachbuch/Ratgeber |
| Reisen | |
| Naturwissenschaften ► Geowissenschaften ► Geografie / Kartografie | |
| ISBN-10 | 3-7322-6165-4 / 3732261654 |
| ISBN-13 | 978-3-7322-6165-9 / 9783732261659 |
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