Ich war nicht fertig mit dem Leben (eBook)
216 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-6951-8006-6 (ISBN)
Stefan Rupp, geboren 1962, arbeitet seit vielen Jahren als Aus- und Weiterbildungspädagoge und ist unter anderem als Mediator, Lernprozessbegleiter und Qualitätscoach qualifiziert. Beruflich wie privat engagierte er sich über Jahrzehnte hinweg für zwischenmenschliche Entwicklung, Kommunikation und die Begleitung von Veränderungsprozessen, unter anderem als langjähriger Betriebsrat und ehrenamtlicher Einrichtungsleiter einer Freizeit- und Bildungsstätte. Als er selbst durch eine schwere gesundheitliche Krise herausgefordert wurde, erlebte er, wie fragil Selbstverständliches werden kann und wie entscheidend Zuhören, Empathie und systemübergreifendes Denken im medizinischen Alltag sind. Seine persönlichen Erfahrungen als Patient, Vater, Pädagoge und Mensch bildeten die Grundlage für sein Buch Ich war nicht fertig mit dem Leben. Stefan Rupp ist verheiratet, Vater von drei Kindern und Großvater von sechs Enkelkindern. Er lebt mit seiner Familie in Südhessen.
Kapitel 1
Der Ruf aus der Dunkelheit
Es beginnt nicht mit einem lauten Knall, sondern mit einem inneren Zittern. Dieses Kapitel beschreibt den Moment, in dem alles ins Wanken gerät, der Punkt, an dem Krankheit nicht mehr nur eine Theorie ist, sondern Realität wird.
WENN DER KÖRPER RUFT DAS ERSTE SIGNAL
Ein Körper fällt und reißt das ganze Leben mit
Es war ein Abend wie tausende zuvor. Ein gewöhnlicher Wochentag eingefasst von Routinen, kleinen Gesprächen und Alltagsklängen. Die Geräusche der Küche und das leise Summen meiner Gedanken. Meine Frau saß schon im Wohnzimmer und unsere Fernsehsendung lief.
Ich ging noch einmal in mein Arbeitszimmer. Nicht, weil etwas Dringendes anstand, eher aus Gewohnheit. Vielleicht wollte ich nur noch einen Moment für mich oder noch einen Blick auf den Bildschirm werfen, eine Notiz abschließen oder irgendetwas, das den Tag abrundete.
Ich erinnere mich daran, wie ich an der Tür stand. Wie der Raum mich empfing wie immer vertraut, strukturiert und sicher. Und dann? Dann war nichts mehr. Kein Ziehen oder Kippen, kein Warnzeichen oder Schmerz. Nur Leere. Ein schwarzer Raum, in dem alle Gewissheiten verstummten. Ich war nicht mehr da, ich war einfach fort.
Der Moment des Verschwindens
Wenn ich heute zurückblicke, war es, als hätte mein Körper mir endgültig das Vertrauen entzogen. So, als hätte er gesagt: „Du hast nicht mir zugehört, jetzt nehme ich mir das Wort.“
Dieser Sturz war kein Sturz im klassischen Sinn. Es war ein Verlust und ein Versinken. Plötzlich war ich aus meinem eigenen Leben entfernt und herausgelöst. Als hätte jemand mit einem einzigen Schnitt die Verbindung zwischen mir und der Welt getrennt. Ich weiß nicht, wie lange ich dort lag. Ob es Minuten waren oder nur Sekunden. Ich weiß nur, ich war nicht mehr erreichbar. Nicht für andere und auch nicht für mich selbst.
„Kommst du? Die Worte, die zur Rettung wurden
„Kommst du? Die Sendung läuft!“ Die Stimme meiner Frau hallte durch den Flur. Noch klang sie normal wie eine liebevolle Erinnerung an unser gemeinsames Ritual. Doch sie bekam keine Antwort.
Sie wartete noch ein Moment und dann stand sie auf, mit einem kleinen Zögern, vielleicht einem Stirnrunzeln. Es wird schon einen Grund haben, warum ich keine Antwort gab. Bestimmt ist nichts Dramatisches passiert. Noch nicht.
Sie fand mich am Boden, reglos und leicht verdreht. Mein Blick starr und mein Atem war flach. Es gab kein Sturzgeräusch oder einen Aufschrei. Absolut keinen Hinweis darauf, was passiert war. Sie fand nur mich als Bild des Kontrollverlustes.
Meine Frau rief unseren Sohn und gemeinsam hoben sie mich hoch mit einer Mischung aus Angst und Fürsorge, die man nur empfindet, wenn ein geliebter Mensch plötzlich zerbrechlich wirkt. Ich begann zu reagieren, aber ich war weit weg. Ich sprach, aber es waren nur Fragmente, Halbsätze und bedeutungslose Silben, ohne Verbindung zur Realität. Mein Blick schweifte ins Nichts, mein Puls raste und mein Geist irrte ziellos herum. Und inmitten all dessen, dass Entsetzen meiner Familie. Nicht laut. Eher still und beunruhigend.
Ich begriff ihre Blicke nicht sofort, ich spürte sie
Ihre Unruhe und ihre angespannte Fürsorge, dieses fieberhafte Bemühen, zu verstehen, was mit mir geschah. Ich sah ihre Augen die voller Fragen waren, auf mich gerichtet, aber ohne Antwort.
Und plötzlich wurde mir klar, dass nicht nur ich aus dem Tritt geraten war. Auch für sie war dieser Moment der Anfang von etwas Unbekanntem. Etwas, das wir nicht benennen konnten aber das uns bereits umschlossen hielt.
Der Notarzt! Zwischen Beruhigung und innerem Aufschrei
Der Notarzt kam schnell. Er war freundlich, souverän und ruhig, dennoch wurde mir bei jedem seiner Handgriffe etwas klar, niemand versteht, was gerade wirklich passiert ist.
Er prüfte mich sorgfältig, den Puls, den Blutdruck, die Pupillen und die Reflexe. Er konnte nichts Auffälliges feststellen, er erkannte keine eindeutige Ursache und hatte keine „klassische“ Diagnose parat. „Unklare Kreislaufschwäche“, sagte er schließlich. Ich hörte den Satz und er löste etwas Unerwartetes in mir aus, Wut.
Nicht auf den Notarzt. Sondern auf diese Hilflosigkeit und Ohnmacht, die ich spürte. Ein Gefühl, dass mir bis zu diesem Zeitpunkt nahezu unbekannt war. Ich verspürte Wut und Verärgerung auf die medizinische Sprache, die mich zu einer diffusen Möglichkeit machte. Ich war plötzlich nicht mehr Stefan, nicht mehr der Vater, der Ehemann oder der Opa. Ich war auch nicht mehr die reflektierte und eigenständige Persönlichkeit, welche großen Wert in der Rolle als pädagogischer Studienbegleiter auf innere Überzeugungen legt. Ich war ein Symptom, das in keine Schublade passte.
Der Notarzt bot mir an, mich ins Krankenhaus mitzunehmen. Doch ich lehnte es ab. Noch war da etwas in mir, das die Kontrolle behalten wollte. Ein Rest von Würde oder ein Reflex, der mir leise zuflüsterte: „Vielleicht ist es nichts. Vielleicht wird es morgen besser.“ Doch tief in mir wusste ich, etwas war passiert und es war nicht harmlos.
EINE NEUE LEBENSSITUATION UND DER UMGANG DAMIT WAR SCHWER
Die Tage danach und das Gefühl, aus der Welt zu fallen
Nach dem Zusammenbruch war nichts mehr wie zuvor. Und doch ging das Leben weiter, zumindest äußerlich. Termine, Kontakte und alltägliche Abläufe, alles lief irgendwie weiter. Aber in mir hatte sich etwas verschoben. Es war nicht sichtbar und nicht greifbar, aber unaufhaltsam.
Ich war wachgerüttelt worden. Der Boden unter meinen Füßen war nicht mehr stabil. Ich versuchte, mich zu orientieren und suchte Halt in meiner Familie, in meinen Hobbys und in meinem Beruf, also bei den Systemen, die eigentlich dafür gemacht sind, eine Sicherheit zu geben. Doch je mehr ich suchte, desto mehr verlor ich mich.
Mit jeder Woche wurde es schwieriger, mich im Alltag zu halten. Ich wurde reizbar und unkonzentriert. Gespräche mit anderen Menschen wurden anstrengend. Ich vergaß, was man mir eben noch gesagt hatte, und verlor den Faden, nicht nur im Gespräch, sondern auch im Denken. Ich, der Vermittler, der strukturierte Denker, der ruhige Zuhörer wurde sprunghaft und ungeduldig, in manchen Situationen fast aggressiv, und immer öfter leer.
Ich zog mich zurück. Nicht, weil ich wollte, sondern weil ich es musste. Weil die Nähe zu anderen Menschen anstrengte und weil die Sprache zu viel wurde. Weil jedes „Wie geht’s dir?“ wie ein Schlag wirkte und ich hatte keine Antwort, die stimmte. Ich sah Menschen, die ich liebte, mir gegenüber in die Distanz gehen. Meine Kinder wurden stiller und meine Frau besorgter. Freunde fragten seltener nach und ich stand da, hilflos in meiner eigenen Veränderung.
Der Körper lügt nicht, aber man muss ihm zuhören wollen
Ich begann zu begreifen das mein Körper längst versucht hatte, mit mir zu sprechen. Nicht in Sätzen, sondern in Zeichen und kleinen Verschiebungen, die man leicht als Zufall abtut. Ein Kribbeln hier, eine Müdigkeit dort, ein plötzlicher Schwindel, ein Wort, das mir entglitt oder ein Gedanke, der im Nebel blieb. Mein Körper hatte es leise versucht. Aber ich war zu beschäftigt gewesen mit Funktionieren und Aushalten, mit dem Bemühen, „normal“ zu bleiben.
Und als er nicht gehört wurde, wurde er deutlicher. Zog mir den Boden unter den Füßen weg und schaltete mich kurzerhand ohne Vorwarnung aus. Nicht aus Bosheit, sondern aus Verzweiflung. Unser Körper ist nicht unser Feind, sondern unser letztes Frühwarnsystem. Er ist ein Wächter, der alles registriert, auch das, was der Kopf nicht wahrhaben will. Aber wir haben es verlernt ihm zu vertrauen und wollen Beweise und Werte, Bilder oder Normtabellen. Wir glauben lieber den Maschinen als den Empfindungen, die wir spüren.
Doch mein Körper hatte recht. Er hatte von Anfang an recht. Und das Schlimmste war nicht, dass er krank war. Sondern dass so viele nicht bereit waren, ihm zuzuhören. Ich lernte in dieser Phase etwas Fundamentales. Nicht jeder Schmerz ist messbar. Nicht jede Störung ist sofort sichtbar. Aber keine Veränderung ist grundlos. Wer wartet, bis der Computer Alarm schlägt, hat den Moment längst verpasst, in dem Heilung noch leise begonnen hätte.
Ich begann also, auf das zu achten, was sich nicht messen ließ. Mein Zittern am Morgen, meine Unsicherheit beim Gehen und die Reizbarkeit aus dem Nichts.
Das alles führte zu einem Gefühl der Erschöpfung, die keine Ruhe kannte. Das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, auch wenn alle anderen sagten es ist nichts.
Der Körper hatte gerufen und ich hatte endlich begonnen, zuzuhören. Denn tief in mir war da eine Stimme, die mir sagte, dass ich nicht verrückt und schwach bin, sondern dass ich mich in Gefahr befinde.
Die emotionale Isolation ist der einsamste Ort der Welt
Es ist schwer zu erklären, was es bedeutet,...
| Erscheint lt. Verlag | 9.9.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Medizin / Pharmazie ► Medizinische Fachgebiete ► Allgemeinmedizin |
| ISBN-10 | 3-6951-8006-4 / 3695180064 |
| ISBN-13 | 978-3-6951-8006-6 / 9783695180066 |
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