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Spannungsfelder der Krisenintervention (eBook)

Ein Handbuch für die psychosoziale Praxis
eBook Download: EPUB
2020 | 2. Auflage
347 Seiten
Kohlhammer Verlag
978-3-17-034164-7 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Spannungsfelder der Krisenintervention -  Claudius Stein
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Jeder Mensch kann durch äußere Belastungen wie Todesfälle, Trennungen, Unfälle, Gewalthandlungen oder veränderte Lebensumstände in Krisen geraten. In diesem praxisorientierten Handbuch mit zahlreichen Fallbeispielen werden zunächst die gängigsten Krisentheorien erklärt. In weiteren Kapiteln wird auf die Gefahrenpotenziale von Krisen eingegangen und eine systematische Darstellung der Methodik und Anwendungsmöglichkeiten von Krisenintervention vorgenommen. Die 2. Auflage wurde um die Kapitel E-Mail-Beratung in Krisen sowie Krisenintervention für Menschen mit Migrationshintergrund erweitert.

Dr. med. Claudius Stein ist Arzt für Allgemeinmedizin und Psychotherapeut (KIP) in eigener Praxis. Er ist seit 20 Jahren Ärztlicher Leiter des Kriseninterventionszentrums Wien, weiters Lehrtherapeut für Katathym Imaginative Psychotherapie (ÖGATAP), Dozent der Deutschen Gesellschaft für Katathymes Bilderleben (AGKB) und Traumatherapeut. Er ist stv. Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Suizidprävention, Mitglied des Expertengremiums der Kontaktstelle Suizidprävention Austria (SUPRA) im Auftrag des BM für Gesundheit und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Lindauer Psychotherapiewochen. Sein wissenschaftlicher Schwerpunkt umfasst die Themen Krisenintervention, Trauer und Verlust, Suizidprävention, Psychotraumatologie und psychotherapeutische Arbeit mit Imaginationen. Zu diesen Themen leitet er auch regelmäßig Fort, Weiter- und Ausbildungsveranstaltungen.

Dr. med. Claudius Stein ist Arzt für Allgemeinmedizin und Psychotherapeut (KIP) in eigener Praxis. Er ist seit 20 Jahren Ärztlicher Leiter des Kriseninterventionszentrums Wien, weiters Lehrtherapeut für Katathym Imaginative Psychotherapie (ÖGATAP), Dozent der Deutschen Gesellschaft für Katathymes Bilderleben (AGKB) und Traumatherapeut. Er ist stv. Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Suizidprävention, Mitglied des Expertengremiums der Kontaktstelle Suizidprävention Austria (SUPRA) im Auftrag des BM für Gesundheit und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Lindauer Psychotherapiewochen. Sein wissenschaftlicher Schwerpunkt umfasst die Themen Krisenintervention, Trauer und Verlust, Suizidprävention, Psychotraumatologie und psychotherapeutische Arbeit mit Imaginationen. Zu diesen Themen leitet er auch regelmäßig Fort, Weiter- und Ausbildungsveranstaltungen.

3          Krisenmodelle


Wie wir im vorhergehenden Kapitel gesehen haben, sind Krisen äußerst vielschichtig. Mit monokausalen Erklärungen ist das Geschehen in seiner ganzen Komplexität daher selten zu erfassen. Im Folgenden wird ein Überblick über die gängigsten Krisenmodelle und die angrenzenden Fachgebiete gegeben. Es ist ein Versuch, ein wenig Ordnung in die theoretische Vielfalt zu bringen und diese Modelle einer kritischen Sichtung zu unterziehen. Auf der Basis der im vorhergehenden Kapitel beschriebenen Krisentheorien haben die Pioniere der Krisenintervention und ihre Nachfolger (Lindemann 1944, Caplan 1964, Cullberg 1978, Sonneck 2012) Modelle und Phasenkonzepte entwickelt. In letzter Zeit haben einige Autoren (Dross 2001, Müller 2004) diese Klassifizierungsversuche kritisiert. Dross (2001) meint sogar: »Die Forderung, eine theoretisch und empirisch begründete Kriseneinteilung zu entwickeln, aus der sich an angemessener Bewältigung orientierte Indikationen für das Vorgehen bei bestimmten Krisentypen ableiten ließen, ist gegenwärtig (und wahrscheinlich auch prinzipiell) unerfüllbar« (S. 19). Diese Kritik hat zweifellos ihre Berechtigung. Aber viele Überlegungen, die man in den klassischen Konzepten findet, haben durchaus auch heute noch praktische Relevanz. Verfolgt man das Ziel, Behandlungsmöglichkeiten in der Krisenintervention zu verfeinern, erscheint der Versuch einer Weiterentwicklung zu integrativen und differenzierteren Modellen durchaus sinnvoll, sofern man keinen unrealistischen Absolutheitsanspruch stellt. Wesentlich ist, dass Krisen prozesshaft (und nicht linear) verlaufen und immer einen sehr individuellen und subjektiven Charakter haben.

Ausgehend von meinen klinischen Erfahrungen und angelehnt an die klassischen Modelle, aber auch an die weiterführenden Überlegungen von Dross (2001), bleibe ich zunächst bei der grundsätzlichen Einteilung von psychosozialen Krisen. Jene, die durch irreversible Verluste ( Kap. 3.1) ausgelöst werden, bezeichne ich in der Folge als Verlustkrisen. Ein Verlust führt nicht notwendigerweise zu einer Krise, sondern erfordert zunächst einen Trauerprozess ( Kap. 3.1.1). Dieser kann sich aber jederzeit krisenhaft zuspitzen. Den Begriff der traumatischen Krise ( Kap. 3.1.2) halte ich, wie bereits ausgeführt, insbesondere in Hinblick auf die Abgrenzung zu posttraumatischen Reaktionen für missverständlich und überholt. Einige der von Cullberg angestellten Überlegungen sind aber nach wie vor für das Verständnis der inneren und äußeren Prozesse, die Betroffene nach Verlusten durchleben, und der Frage, welche Aufgabenstellungen dabei zu bewältigen sind, sehr hilfreich. Jene Krisen, bei denen es eher um eine Form der tatsächlichen oder antizipierten Bedrohung oder Überforderung geht (Dross 2001), ordne ich im weitesten Sinn den Lebensveränderungskrisen zu ( Kap. 3.2). Von diesen beiden Krisenmodellen abzugrenzen sind vor allen Dingen die Probleme, die im Gefolge akuter Traumatisierungen auftreten ( Kap. 3.3.2). Posttraumatische Belastungsreaktionen und -störungen sind mittlerweile viel differenzierter konzeptualisiert worden und daher aus den bereits erläuterten Gründen ( Kap. 2.2.1) keinesfalls mehr den traumatischen Krisen zuzuordnen. Bei den Entwicklungskrisen ( Kap. 3.3.1) stehen entwicklungspsychologische Aspekte im Vordergrund. Erikson (1973) beschreibt mit diesem Begriff Lebensabschnitte, in denen die Gefahr, dass sich als Folge von Verlusten und Lebensveränderungen akute psychosoziale Krisen entwickeln, deutlich größer ist. Burnout ( Kap. 3.3.3) tritt im Gefolge länger andauernder chronischer Belastung auf. Die damit verbundenen Entwicklungen spitzen sich aber oft so dramatisch zu, dass wir dann Ähnlichkeiten mit den psychosozialen Krisen finden. Bei all diesen Problemen kann Krisenintervention indiziert sein. Grundsätzlich anders gelagert ist die Dynamik narzisstischer Krisen ( Kap. 3.3.4). Sie finden sich meist bei Menschen, die aufgrund schwerwiegender Fehlentwicklungen in der Kindheit und Jugend an Persönlichkeitsstörungen leiden. Diesen Menschen kann mit Krisenintervention meist nur sehr kurzfristig im Sinne einer Stabilisierung geholfen werden, sie benötigen fast immer längerfristige Behandlung. Psychiatrische Notfälle ( Kap. 3.3.5) schließlich sind durch eine unmittelbare vitale Bedrohung charakterisiert und machen notfallpsychiatrische Interventionen notwendig, die sich ganz grundsätzlich von psychosozialer Krisenintervention unterscheiden.

Bei den geläufigsten Phasenkonzepten handelt es sich um idealtypische Konzepte. Die beschriebenen linearen Verläufe kommen in dieser Eindeutigkeit kaum vor. Krisen entstehen unter den unterschiedlichsten Bedingungen und haben die vielfältigsten Erscheinungs- und Verlaufsformen. Kognitive, emotionale und handelnde Elemente wechseln sich ständig sowohl auf der Reaktions- als auch der Verarbeitungsebene ab. Phasen werden immer wieder spiralförmig und in Schleifen durchlaufen (Ulich 1987, Dross 2001). Die beschriebenen allgemeinen Merkmale von Krisen dürfen nicht den Blick darauf verstellen, dass sie bei jedem Betroffenen in einzigartiger Weise ausgeprägt sind und intraindividuell auch sehr unterschiedlich erlebt werden. Selbst die Frage, wie eine erfolgreich bewältigte Krise zu definieren ist, muss in letzter Konsequenz offenbleiben. Die unterschiedlichsten Ausgänge sind möglich und letztendlich kann nur der Betroffene selbst entscheiden, ob der eingeschlagene Weg für ihn konstruktiv und zufriedenstellend ist.

Folglich schließen einander die unterschiedlichen Konzepte von Krisen nicht aus. Oft hat man es in der Realität vielmehr mit komplexen Mischformen zu tun und ist mit zahlreichen Überschneidungen und fließenden Grenzen konfrontiert. Grundlegend ist aber die Frage, bei welchen Problemstellungen eine Indikation für professionelle psychosoziale Krisenintervention ( Tab. 3.1) überhaupt gegeben ist und wo andere Behandlungsformen vorzuziehen sind. Diesbezüglich plädiere ich daher auch für eine Schärfung des diagnostischen Blicks, um beiden wichtigen Grundsätzen von Krisenintervention gerecht werden zu können: Flexibilität und Prozessorientierung einerseits und exakter Indikationsstellung andererseits ( Kap. 5).

Tab. 3.1: Indikation für psychosoziale Krisenintervention und Abgrenzung zu Nachbargebieten (in Klammer jeweils ein Hinweis auf die Kapitel dieses Buches, in denen das Thema behandelt wird)

3.1       Verlust


Viele Krisen werden durch unterschiedliche Formen von Verlust ausgelöst. Verlusterlebnisse sind Teil des Lebens, denn beinahe jeder Mensch wird früher oder später mit solchen Ereignissen konfrontiert und sie gehören zu den schmerzlichsten Erfahrungen, die Menschen machen müssen. Ein Verlust trifft uns oft plötzlich und unvorhergesehen. Eine krisenhafte Entwicklung in Folge eines erlittenen Verlusts ist für die Umwelt der Betroffenen meist gut nachvollzieh- und verstehbar. Daher kann die Person, sofern es ein tragfähiges soziales Netz gibt, zunächst meist mit viel Unterstützung rechnen. Verlustkrisen können durch den Tod nahestehender Personen, durch Trennungen, aber auch durch den Verlust körperlicher Unversehrtheit (nach Unfällen), der körperlichen Gesundheit (Diagnose einer schweren Krankheit) oder durch symbolische Verluste von Lebenszielen bzw. zentralen Werten ausgelöst werden. In der Regel sind dies Ereignisse, deren Bewältigung einen Trauerprozess erforderlich macht. Sie müssen aber nicht notwendigerweise Krisen auslösen, d. h. eine Gleichsetzung von Trauerprozess und Verlustkrise wäre unzulässig. Dies betrifft auch die zeitliche Dimension. Trauerprozesse brauchen viel Zeit, manchmal sogar Jahre. Demgegenüber ist eine Krise, wie bereits festgestellt, zeitlich begrenzt.

Zu einer krisenhaften Zuspitzung kommt es erst dann, wenn im Laufe eines Trauerprozesses die persönlichen Problembewältigungsstrategien und Verarbeitungsmodi massiv überfordert werden. Dies kann der Fall sein, wenn Art und Umstände des Verlustes besonders dramatisch sind oder die Art der Beziehung zum verlorenen Menschen schwierig und ambivalent war, ebenso wenn die trauernde Person isoliert ist und keine Unterstützung erfährt, sekundäre Verluste nicht bewältigt werden können, man durch einen frühen Verlust im Leben besonders vulnerabel ist oder andere zusätzliche Belastungen den Trauerprozess erschweren ( Kasten 3.1). Eine derartige Zuspitzung ist in jeder Phase möglich. Nach Abklingen der akuten Krise ist es meist notwendig, den »normalen« Trauerprozess fortzusetzen.

In der Folge soll nun zunächst ein Überblick zum Thema Trauer gegeben werden und anschließend das...

Erscheint lt. Verlag 8.7.2020
Zusatzinfo 7 Abb., 17 Tab.
Verlagsort Stuttgart
Sprache deutsch
Themenwelt Medizin / Pharmazie Medizinische Fachgebiete Psychiatrie / Psychotherapie
Medizin / Pharmazie Studium
Schlagworte Gewalt • Krisenarbeit • Krisenintervention • Krisenmanagement • Suizidalität
ISBN-10 3-17-034164-2 / 3170341642
ISBN-13 978-3-17-034164-7 / 9783170341647
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