Das sind die Hormone (eBook)
Hormone dirigieren den Menschen, seinen Kopf und seinen Körper, ein Leben lang und insbesondere in Umbruchphasen: vom Kind zum Erwachsenen, von der Frau zur Mutter, von der Fruchtbarkeit in die Wechseljahre. Hormone steuern aber auch unsere Stimmungen. Und besonders zu schaffen machen sie uns, wenn sie zusammen mit anderen Faktoren Krankheiten wie Diabetes, Schilddrüsenstörungen oder gar Depressionen erzeugen.
Die Journalistin Nataly Bleuel hat den Hormonen nachgespürt. Sie hat Frauen (aber auch Männer) aller Altersgruppen nach ihren Erfahrungen befragt und Ärzte und Fachbücher zu den Fakten: Welche Botenstoffe gibt es, wie funktionieren sie, wie wirken sie auf uns – und vor allem: Wie machen wir uns frei von dem, was ihnen kulturell und gesellschaftlich zugeschrieben wird? Denn, so die These, die Bleuel aufstellt und mit neuesten Forschungsergebnissen unterfüttert: Hormone sind auch ein soziales Konstrukt. Entstanden ist eine unterhaltsame wie anregende Anleitung zum kritischen Beobachten und Lesen dessen, was in unseren Körpern und Köpfen passiert, und wie wir damit umgehen.
Nataly Bleuel, geboren 1967 bei München, studierte Soziologie, Literatur, Lateinamerikanistik und Geschichte und war an der Hamburger Henri-Nannen-Schule für Journalismus. Sie war Kulturredakteurin, Reporterin und Kolumnistin bei Spiegel Online in Hamburg. Heute lebt sie in Berlin und schreibt u.a. für “Zeit-Magazin”, “Brigitte”, “Merian”, “Beef”, “Nido”, sueddeutsche.de. Vor allem aber reist Nataly Bleuel jetzt als Journalistin immer wieder dahin, wo die Verhältnisse und Bräuche andere sind, wo sie begreift, dass die Welt so viel mehr ist als ihr Viertel, ihr Lebensentwurf.
Vorwort
Kürzlich, wir stehen in der Küche, mein jugendlicher Sohn und ich, und vermutlich war mein Ton mal wieder etwas verrutscht. Ins leicht Schrille. Gepresst, unter Druck – gereizt. Unschön jedenfalls, das wurde mir, wie immer, erst im Nachhinein bewusst. Ich muss etwas mir vollkommen Selbstverständliches, »Stell den Teller in die Spülmaschine« oder »Hast du an die Hausaufgaben gedacht«, auf eine Weise kommuniziert haben, die ihm missfiel.
Er dreht sein Gesicht von mir weg. Als müsse er diesen Ton abwehren wie heransausende Fliegen und sagt: »Hast wohl deine Tage?!«
Ein paar Monate zuvor oder gar Jahre, und ich wäre umgehend ausgeflippt wie eine angestachelte Wespe. Gemeckert hätte ich, was ihm einfällt, Unverschämtheit, »Wie kommst’n darauf?« und »Stimmt ja gar nicht«, oder doch, und was das mit seinen Hausaufgaben zu tun habe?
Ich hätte mich torpediert gefühlt. Ja, auch erkannt. Vor allem aber: nicht ernst genommen. Lächerlich!
Mittlerweile bin ich etwas schlauer. Ich erkenne diese Szene wieder, denn ich kenne diese Stimmung. Ich habe sie so oft erlebt und so lange zu verdrängen versucht, bis sie mich derart fuchsig und schließlich wissbegierig machte, dass ich beschloss: sie durchschauen zu wollen. Es musste eine Erklärung dafür geben! Denn es ist, das weiß ich jetzt, eine im Leben vermutlich aller Menschen auftretende und wiederkehrende (Ver-)Stimmung. Und sie hat eine in sich meist ähnliche (Ab-)Folge. Ein bisschen wie ein verhaltensbiologisches Reiz-Reaktions-Schema, das sich nicht nur innerhalb einer Person abspielt, sondern soziale Interaktion zwischen den Menschen miteinbezieht. Ihren Alltag, ihre Beziehungen, ihr Selbstverständnis und somit auch ihre Kultur und ihr Weltbild.
In dieser Stimmung – in dieser hormonellen Verstimmung – ist man im Kopf wie vernebelt. Der Körper nicht voll unter Kontrolle, als würde er sich verselbständigen. Die Stimme, das Hirn, die Haut, der Blick, die Spannung, der Atem – sie gehorchen einem nicht mehr ganz. Man fühlt sich wie ferngesteuert. Aufgeweicht. Und dann schießen einem, zu allem Überfluss, wo man sich doch am liebsten vor der Welt verkriechen will, heftige Wallungen ein. Traurigkeit, so tief und umfassend und fließend, dass man vor sich hin weinen möchte, irgendeinen Grund findet man immer. Gereiztheit, so flirrend und wild, dass man aus der Haut fahren möchte und schreien. Erschöpfung, totale Erschöpfung, man fühlt sich selbst glasig und durchlässig, windig und erschütterbar. Und unter Umständen verspürt man auch eine irre Euphorie – himmelhoch jauchzend, völlig verstrahlt.
Über die Pubertierenden an seiner Schule hatte ein Direktor am Tag der Offenen Tür mal gesagt, wir Eltern sollten uns ein Schild vor ihren Hirnen vorstellen, auf dem steht: Achtung Baustelle, wegen Umbauarbeiten vorübergehend geschlossen! Und tatsächlich war auch mein 16-jähriger Sohn jetzt öfter mal voll daneben, verpeilt, verklärt, verknallt, verstrahlt und hie und da verpickelt. Wir sind beide in Wechseljahren.
Und ich wusste ja, aufgrund meiner Beobachtungen und Recherchen zum Thema und der frechen Herausforderung zum Trotz, dass nicht nur Frauen Hormone haben – und an ihnen leiden. Sondern auch Männer. Mäuse. Und Minderjährige. Und zwar nicht nur Sexualhormone, von denen es an die 30 gibt. Sondern an die 1000 weitere Hormone; von denen die Mediziner erst ein paar Dutzend als Auslöser für schwere Krankheiten erkannt haben. Es ist also ein ganzes Hormonsystem, das die Wissenschaft neben anderen Systemen im Körper kennt, dem der Nerven beispielsweise oder dem Immunsystem, und das sie als extrem wichtig und komplex erachtet. Auch wenn wir es noch längst nicht komplett verstehen.
In jeder Sekunde geschehen in einem lebendigen Körper 10 hoch 14 Stoffwechselvorgänge, also 100 Billionen. Der Stoffwechsel, Metabolismus, im Körper ist die Gesamtheit aller biochemischen Prozesse in den Zellen. Gesteuert werden sie auch von Hormonen. Sie dirigieren den Menschen, seinen Kopf und Körper im Hier und Jetzt; das ganze Leben lang, von der Geburt bis zum Tod. Insbesondere in Umbruchphasen, in denen der Mensch Verwandlungen durchmacht: vom Embryo zum Baby, vom Kind zum Erwachsenen, von der Frau zur Mutter und vom Mann zum Vater oder sogar zur Frau und umgekehrt, bis ins Alter. Und besonders auffällig dann, wenn sie nicht funktionieren, wie sie sollten, und im Zusammenspiel mit vielen Faktoren, inneren wie äußeren – also körperlichen wie psychischen, sozialen oder umweltbedingten –, Depressionen erzeugen, Diabetes, Schlaf- oder Wachstumsstörungen, Schilddrüsen-, Stoffwechsel- und etliche andere Erkrankungen – oder einen Kinderwunsch unerfüllt lassen.
Ich lächele also meinen Sohn an und antworte auf die Frage mit dem Subtext, ob ich hysterische Zicke wohl hormonell bedingt nicht ganz zurechnungsfähig sei: »Yes – aber du weißt ja, wie das ist, denn du hast ja jetzt auch manchmal deine Tage!«
Mittlerweile sage ich das öfter zu ihm, wenn er hormonell daherkommt. Beim ersten Mal war er entsetzt. Ich, junger Mann? Meine Tage? Aber er hat sich daran gewöhnt. Und sogar mal genickt. Alles nur eine Frage der Zuschreibungen und Gewohnheiten.
Diese offenbar irgendwie hormonell bedingte Verstimmung ist jedoch nicht nur deshalb ein Schlüsselreiz, weil man darin gereizt und reizbar ist. Sie wird – zumindest für mich, und ich sage das ehrlich und hoffentlich entwaffnend, nachdem ich sie wieder und wieder beobachtet und reflektiert habe wie eine Verhaltensforscherin sich selbst als Fall … – von einer in sich geradezu zwanghaften Gedankenabfolge begleitet.
Die geht so: Ich bin irgendwie neben der Spur und lasse mich treiben und beuteln und leiden. Eigentlich kann ich mich selbst nicht ausstehen. Aber ich bin jetzt halt mal so. Weil … ich ausnahmsweise auch mal nicht funktionieren und mich gehen lassen will, wild sein will oder schwach und bedürftig und heulen. Weil ich mich in der Verstimmung suhlen will. Denn die Reizbarkeit macht Lust, sogar wenn sie destruktiv ist. Aber wehe, ein Außenstehender hält mir den Zerrspiegel vor und reduziert mich auf ein deterministisches Phänomen wie PMS, Pubertier oder Testosteronüberschuss. Schilddrüsenüberfunktion, Unterzuckerung oder Hitzewallungen, die Alte tickt wohl nicht sauber?
Das Ding ist nämlich, dass ich in diesem Zustand ernst genommen werden will; selbst wenn mir selber nicht danach ist. Keiner soll dann zu mir sagen: Hast wohl deine Tage? Weil es mich demütigt. Und zu einem instinktgesteuerten, hirnverbrannten, hysterischen und nicht zurechnungsfähigen Wesen degradiert.
Und jetzt kommt der Kniff. Danach, wenn die Stimmung vorbei ist, tippe ich mir selbst an die Stirn, denn mit einem Schlag wird mir klar: War doch nur das PMS, die Pubertät, das Testosteron. Verrückt!
Die frappierendste Erkenntnis dieser Art habe ich persönlich mit dem Beginn der Einnahme von Thyroxin-Tabletten gemacht. Man hatte mir eine Schilddrüsenunterfunktion, also den bei Frauen nicht seltenen Mangel an Schilddrüsenhormonen, attestiert. Die Kinder waren klein, die Tage dicht, die Finanzen knapp, die Nächte schlecht. Doch mit den ersten Tabletten war die Gereiztheit, diese ätzende Stimmung, die mich andauernd unter Druck gesetzt hatte wie einen Kessel vor der Explosion, mit einem Mal weg. Obwohl sich an den äußeren Bedingungen rein gar nichts geändert hatte. Die Stimmung kam aber schnell wieder, sobald ich die Pillen eine Zeit lang nicht nahm. Diese Erfahrung hat mich erschreckt: So einfach kann mein Temperament manipuliert werden? Du schluckst eine Hormontablette und wirst ein anderer Mensch?
Der Schlüsselreiz ist ein wiederkehrendes paradoxes Muster. Und daher wollte ich mehr über die Hormone wissen, viel mehr als das Wenige, das immer und immer wieder in plumpe Klischees verpackt wird: Frau = Östrogen, Mann = Testosteron, Schilddrüse = Thyroxin, Kuscheln = Oxytocin. Obwohl doch das Hormonsystem so wunderbar komplex ist wie die Menschen und das Leben auch.
Paradoxien sind Knackpunkte im Leben der Menschen, sie können auf Tabus verweisen und Reibung, Kraft und Neugier erzeugen. Und Hoffnungen, wie Bertolt Brecht schrieb. Sie anzugehen, ist auch deshalb so spannend, weil sich da beispielsweise im Fall der Hormone Natur und Kultur verwirren. Und sich so über Jahrzehnte und Jahrhunderte (Vor-)Urteile und Konnotationen in unsere Hirne, unser Verhalten, unsere Gesellschaften eingefräst haben – die nicht haltbar und total bescheuert sind. Und uns Freiheiten verwehren, die wir eigentlich hätten.
Weil ich als Frau eben keine hysterische, hormongesteuerte Zicke bin, der man daher die volle Teilhabe am gesellschaftlichen Leben absprechen darf; mein jugendlicher Sohn kein blödes Pubertier, dessen rebellische Kraft man ins Lächerliche ziehen muss; und der Mann: eh nur schwanzgesteuert.
Das Hormonsystem ist komplex. Wie der Körper, der Mensch, die Natur, das Leben. Das behagt uns oft nicht, denn das Komplexe scheint anstrengend. Wir hätten das Leben und die Welt gern einfach. Und deshalb reduzieren wir sie, indem wir sie in einfache Bilder, in Metaphern und in schlichte Klischees packen. Männer vom Mars, Frauen von der Venus, Mario mit Bart.
Generell bedeutet Komplexität Vielfalt, auch an Möglichkeiten. Indem ich Vielfalt reduziere, schränke ich Spielraum ein. Warum beraube ich mich ihrer selbst, und das freiwillig? Anstatt sie zu nutzen und zu feiern! Und mich an einer lebendigen Vielfalt von Entscheidungen, Erfahrungen, Chancen und Freiheiten zu bereichern. Für die ich letztlich allein verantwortlich bin. Jeder Mensch sei doch so oder so, hat der Philosoph Jean-Paul Sartre...
| Erscheint lt. Verlag | 2.3.2020 |
|---|---|
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sachbuch/Ratgeber ► Geschichte / Politik ► Politik / Gesellschaft |
| Medizin / Pharmazie | |
| Sozialwissenschaften ► Politik / Verwaltung | |
| Schlagworte | Botenstoffe • eBooks • Endokrinologie • Frauenkörper • Medizin • Östrogen • Oxytocin • PMS • Psychologie • Stimmungsschwankungen • Wechseljahre • Zyklus |
| ISBN-10 | 3-641-23187-6 / 3641231876 |
| ISBN-13 | 978-3-641-23187-3 / 9783641231873 |
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