Neuroenhancement revisited: Wie Antidepressiva die alltägliche Leistungsfähigkeit erhalten und verbessern
disserta Verlag
978-3-95935-222-2 (ISBN)
In diesem Zusammenhang wird die Frage nach den Grenzen der medizinischen alltäglichen Verwendung von Psychopharmaka neu gestellt. Die übliche Kopplung des Begriffes "Gehirndoping" an den Krankheitsbegriff wird angezweifelt. Stattdessen wird die Ansicht vertreten, dass auch die Verwendung von ärztlich verschriebenen Psychopharmaka in bestimmten Fällen als Gehirndoping betrachtet werden muss. Nämlich dann, wenn die Verwendung der Medikamente dazu dient, die Patienten im Alltag leistungsfähig zu halten bzw. ihre Leistungsfähigkeit zu verbessern.
Patrick Schubert, M.A., wurde 1988 in Berlin geboren. Sein Studium der Soziologie an der Technischen Universität Berlin schloss der Autor im Jahre 2015 erfolgreich ab. Bereits während des Studiums sammelte er als studentische Hilfskraft in einem interdisziplinären Forschungsprojekt umfassende praktische Erfahrungen im Wissenschaftsbetrieb. Diese Tätigkeit weckte sein Interesse für medizinsoziologische Fragestellungen und inspirierte ihn zur Durchführung der vorliegenden Studie.
Textprobe:
Kapitel 3.4.4 Kommunikative Konstruktion der Wirkung von Psychopharmaka:
Ist eine Diagnose erst einmal gestellt, ist eine weitere Besonderheit psychischer Erkrankungen gegenüber den meisten körperlichen Erkrankungen, dass auch deren Behandlung kommunikativen Aushandlungsprozessen unterworfen ist. Dabei ist es nicht nur die Art und Weise der Behandlung, sondern auch die Wirksamkeit der Medikamente, die der Arzt einerseits zu beeinflussen versucht, andererseits lediglich über die Berichte des Patienten nachvollziehen kann. Die interviewte Hausärztin nutzt den von ihr gepflegten, direktiven Umgang mit Patienten, um die Wirkung der von ihr verschriebenen Medikamente auf gewisse Weise zu präformieren:
Es ist ja immer so, dass eigentlich der Arzt die Medikation auch schon ist. Je nachdem, wie ich mit dem Patienten umgehe, wie ich ihm das Medikament anbiete, wird es Wirkung, Nicht-Wirkung, Nebenwirkungen haben. Wenn ich einem Patienten sage: "Also, ich habe hier eine Tablette für Sie. Ähm, ja, die kann man jetzt geben. Ich glaube, dass das für Sie ganz gut wäre. Da gibt es so ein paar Nebenwirkungen, aber das muss Sie ja nicht unbedingt betreffen. Probieren wir mal aus." Oder ich sage: "Passen Sie auf, ich habe hier ein Medikament, damit arbeite ich schon viele Jahre. Das kenne ich sehr gut. Das wird bei Ihnen mit Sicherheit klasse funktionieren, wie bei den anderen Patienten auch. Nebenwirkungen - brauchen wir gar nicht drüber zu reden. Ich sehe so gut wie nie irgendetwas. Vielleicht mal, dass Sie ein bisschen zunehmen. Achten Sie auf Ihr Gewicht! Das kann man aber handeln. Hauptsache psychisch geht es ihnen gut. Ähm, wenn irgendetwas ist, Sie können mich ja jederzeit anrufen. Ich rechne nicht damit, dass irgendetwas ist. Und fangen Sie am besten gleich morgen damit an, oder holen Sie es heute noch - Sie haben ja auch einen ordentlichen Leidensdruck - damit das möglichst schnell besser wird." Sie merken den Unterschied, was würden Sie nehmen? Wo würden Sie Nebenwirkungen kriegen. Ist ganz klar.
Die Ärztin nutzt die ihr durch ihren Expertenstatus verliehene Autorität aus, um Patienten ganz im Sinne des Thomas-Theorems auf eine bestimmte Medikation positiv einzustellen. Ihre Rolle als Ärztin erlaubt es ihr, bis zu einem gewissen Grade Einfluss auf ihre Patienten auszuüben, auch wenn diese vielleicht von gegenteiliger Überzeugung sind. Die Wirkmächtigkeit sozialer Rollen und der damit verbundenen Erwartungen wurde z.B. in dem sogenannten Milgram-Experiment (Milgram 1963) nachgewiesen.
Allerdings ist diese Art der Präformierung kein Garant für therapeutischen Erfolg. Vielmehr scheint es so zu sein, dass diese Art der psychologischen Unterstützung der medikamentösen Therapie den massiven Unsicherheiten in der Wirksamkeit von Psychopharmaka geschuldet ist. So kann eine Wirksamkeit bei unterschiedlichen Patienten selbst auf Grundlage umfangreicher Erfahrungen des Arztes nicht prognostiziert werden. In einigen Interviewpassagen kam dies zum Ausdruck:
Also es ist schon bei den Psychopharmaka so, dass man, und das sage ich den Patienten auch, unter Umständen nicht gleich mit dem Ersten das richtige hat, dass es einfach nicht wirkt, dass der Patient das eben doch nicht verträgt, ähm wir fangen ja auch niedrig dosiert an, weil man nicht weiß, ob der Patient jetzt wirklich gut drauf anspricht oder nicht. Das hat jetzt auch nicht immer mit dem Gewicht des Patienten [...].
Wobei man nicht vorher sagen kann, für welchen Patienten ist welches Medikament am geeignetsten. Ja, SNRI ja auch. Man muss dann einfach ausprobieren. Also es gibt so bestimmte Erfahrungen, die ich gesammelt habe, mit Medikamenten, wo ich sage, das passt jetzt besser für den, das passt besser für den. Aber man muss immer mit einer paradoxen Wirkung rechnen.
[...] nur eben muss man gucken, ob es wirklich mit der Substanz geht, die man als erstes auswählt, oder ob man sagt, das ist jetzt doch nicht das Gelbe vom Ei, wir probieren
| Erscheinungsdatum | 15.02.2016 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Maße | 155 x 220 mm |
| Gewicht | 205 g |
| Themenwelt | Medizin / Pharmazie ► Pharmazie |
| Schlagworte | Antidepressiva |
| ISBN-10 | 3-95935-222-0 / 3959352220 |
| ISBN-13 | 978-3-95935-222-2 / 9783959352222 |
| Zustand | Neuware |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
aus dem Bereich