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Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch - Hans J von Grimmelshausen

Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch

Aus dem Deutsch des 17. Jahrhunderts von Reinhard Kaiser
Buch | Hardcover
764 Seiten
2009 | 1., Aufl.
Eichborn (Verlag)
978-3-8218-6224-8 (ISBN)
CHF 96,55 inkl. MwSt
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Der großartigste deutsche Roman, der noch zu entdecken bleibt Ein Roman über den Krieg und das Geld, über das Leben und Lieben, das Hauen und Stechen in einer verkehrten Welt, in der es drunter und drüber geht - ein Weltbuch und Zeitbild, das nichts auslässt und auf der literarischen Klaviatur alle Register zum Klingen bringt. Ein "Literatur- und Lebensdenkmal der seltensten Art" nannte Thomas Mann diesen ersten großen Roman in deutscher Sprache, in dem es "bunt, wild, roh, amüsant, verliebt und verlumpt" zugehe, "kochend von Leben, mit Tod und Teufel auf Du und Du". Die Titelfigur und den Namen des Dichters kennt jeder - nur gelesen hat das gewaltige Buch so gut wie niemand, denn das barocke Deutsch des Autors ist uns inzwischen fast unzugänglich geworden. Reinhard Kaiser hat das Wagnis unternommen, dieses erste große Volksbuch der Deutschen wieder unters Volk zu bringen: in einer Sprache, die uns nahe ist. Ihm ist das Kunststück geglückt, Rhythmus, Ton und Geist des ursprünglichen Textes, seine Tiefe und seinen übersprudelnden Witz wieder präsent werden zu lassen. Man darf von einem literarischen Wunder sprechen.

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (1622-76) gilt als der bedeutendste deutsche Erzähler des 17. Jahrhunderts. Nach einem gefahrvollen Leben als Soldat begann er erst 1665 mit dem Schreiben und hat in kurzer Zeit ein eindrucksvolles Opus geschaffen.

Reinhard Kaiser, geboren 1950 in Viersen. 1968 Beginn des Studiums der Germanistik, Romanistik, Sozialwissenschaften und Philosophie. Seit 1975 Übersetzer und Lektor für verschiedene Verlage. Seit 1989 Arbeit als freier Mitarbeiter für verschiedene Zeitungen und Rundfunkanstalten. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u. a. Ernst Maria Ledig-Rowohlt-Übersetzerpreis 1993, Deutscher Jugendliteraturpreis 1997, Geschwister-Scholl-Preis 2000. Der Autor lebt mit seiner Familie in Frankfurt/Main.

Das 1. Kapitel. Berichtet von des Simplicius bäurischem Herkommen und ebensolcher Erziehung. Es zeigt sich in dieser unserer Zeit (von der man glaubt, dass es die letzte sei) unter gewöhnlichen Leuten eine Sucht, bei der die Patienten, wenn sie daran erkranken und so viel zusammengerafft und erschachert haben, dass sie, neben ein paar Hellern im Beutel, ein närrisches Kleid mit tausenderlei Seidenbändern nach der neuen Mode zur Schau tragen können oder glücklich auf eigenen Beinen stehen und sich einen Namen gemacht haben, sogleich auch Ritterherren und Adelspersonen von uraltem Geschlecht sein wollen. Dabei verhält es sich doch oft so, dass ihre Vorfahren Tagelöhner, Karrenzieher und Lastträger, ihre Vettern Eseltreiber, ihre Brüder Büttel und Schergen, ihre Schwestern Huren, ihre Mütter Kupplerinnen oder gar Hexen waren, kurz, dass ihr ganzes Geschlecht von allen zweiunddreißig Ahnen her genauso besudelt und befleckt gewesen ist wie des Zuckerbastels Diebeszunft in Prag.- Ja, diese neuen Nobilisten sind oft selbst so schwarz, als wenn sie in Guinea geboren und erzogen worden wären. Mit solchen närrischen Leuten möchte ich nicht in einen Topf geworfen werden, obwohl ich mir, um die Wahrheit zu bekennen, tatsächlich oft eingebildet habe, auch ich müsse von einem großen Herrn oder wenigstens einem einfachen Edelmann herstammen. Denn von Natur aus war ich immer geneigt, das Junkerhandwerk zu treiben, wenn ich nur das Geld und die Mittel dazu gehabt hätte. Und tatsächlich kann man mein Herkommen und meine Erziehung durchaus mit der eines Fürsten vergleichen, wenn man nur den großen Unterschied außer acht lässt. Wie bitte' Nun, mein Knan (so nennt man die Väter im Spessart) hatte einen eigenen Palast, so gut wie jeder andere und sogar noch schöner, als ein König ihn sich mit eigenen Händen je erbauen könnte. Der war mit Lehm verputzt, und statt mit unfruchtbarem Schiefer, kaltem Blei oder rotem Kupfer war er mit Stroh gedeckt, auf dessen Halmen das edle Getreide wächst. Um mit seinem Adel und Reichtum recht zu protzen, ließ mein Knan die Mauer um sein Schloss auch nicht mit Mauersteinen aufrichten, wie man sie am Weg findet oder an unfruchtbaren Orten aus der Erde gräbt, und erst recht nicht, wie es andere große Herren zu tun pflegen, mit kümmerlichen Backsteinen, die in kurzer Zeit verfertigt und gebrannt werden können; sondern er nahm dazu Eichenholz, von einem nützlichen, edlen Baum, auf dem Bratwürste und fette Schinken wachsen- und der hundert Jahre braucht, bis er sich ausgewachsen hat. Wo ist der Monarch, der ihm solches nachtut' Die Zimmer, Säle und Gemächer hatte er innen nur deshalb vom Rauch ganz schwärzen lassen, weil dies die haltbarste Farbe der Welt ist und weil ein solches Gemälde zu seiner Vollendung mehr Zeit erfordert, als ein geschickter Maler für seine trefflichsten Kunstwerke aufwendet. Die Tapisserien waren aus dem zartesten Gewebe, das man auf der ganzen Erde findet, denn jene hatte sie für uns gemacht, die sich vor Zeiten erdreistet hatte, mit Minerva selbst um die Wette zu spinnen.- Die Fenster hatte er nur deshalb dem Sankt Nittglas gewidmet, weil er wusste, dass solche ausPapier, von der Aussaat der Hanf- oder Flachssamen bis zu ihrer vollkommenen Verfertigung gerechnet, weit mehr Zeit und Arbeit kosten als das beste und durchsichtigste Glas von Murano.- Denn sein Stand ließ ihn glauben, dass alles, was durch viel Mühe zuwege gebracht wird, auch besonders schätzbar und deshalb besonders kostbar und alles Kostbare dem Adel besonders angemessen sei. Statt Pagen, Lakaien und Stallknechte hatte er Schafe, Böcke und Säue, die, jedes fein ordentlich in seine natürliche Livree gekleidet, auch mir auf der Weide oft aufgewartet haben, bis ich sie dann heimtrieb. Die Waffen- oder Harnischkammer war mit Pflügen, Hacken, Äxten, Hauen, Schaufeln, Mist- und Heugabeln wohlversehen, und mit diesen Waffen übte er sich jeden Tag. Denn Hacken und Roden war seine disciplina militaris, wie bei den alten Römern zu Friedenszeiten. Beim Ochsenanspannen übte er sich als Befehlshaber, mit Mistfahren befestigte er die Umwallung seines Anwesens, das Ackern war sein Feldzug, das Stallausmisten aber seine adelige Kurzweil, sein Turnierspiel. In dieser Weise bekriegte er die ganze Weltkugel, so weit er darauf kam, und jagte ihr bei jeder Ernte reiche Beute ab. Dies alles achte ich gering und bilde mir nichts darauf ein, damit niemand einen Grund habe, mich mit anderen ähnlichen neuen Nobilisten auszulachen, denn ich halte mich für nichts Besseres, als was mein Knan war, welcher diese seine Wohnung an einem sehr angenehmen Ort hatte - nämlich im Spessart, wo die Wölfe einander gute Nacht sagen. Dass ich aber nichts Ausführliches von meines Knans Geschlecht, Abstammung und Namen mitteile, geschieht vor allem der Kürze zuliebe und weil es hier nicht darum geht, eine adelige Ahnenreihe nachzuweisen und zu beeiden. Es genügt doch, wenn man weiß, dass ich im Spessart geboren bin. Nachdem nun klargeworden ist, wie adelig das Hauswesen meines Knans war, wird jeder Verständige vermuten, dass meine Erziehung von ebensolcher oder ähnlicher Art gewesen sein müsse - und wer das glaubt, der täuscht sich nicht. Schon mit zehn Jahren hatte ich die Grundsätze der eben geschilderten adeligen Exerzitien meines Knans begriffen, während ich es in meinen Studien mit dem berühmten Amphisteides- durchaus aufnehmen konnte, v on dem uns Suidas- berichtet, dass er nur bis fünf zählen konnte. Vielleicht fühlte sich mein Knan über dergleichen erhaben und folgte dem Brauch der heutigen Zeit, in der sich vornehme Personen ums Studieren oder um Schulpossen, wie sie es nennen, oft kaum kümmern, weil sie ihre Leute haben, die ihnen die Tintenkleckserei abnehmen. Im Übrigen war ich ein trefflicher Musicus und konnte auf der Sackpfeife schöne Klagelieder spielen. Was aber die Theologie angeht, so kann mir keiner erzählen, dass es damals in der ganzen Christenwelt auch nur einen meines Alters gegeben habe, der es mir darin gleichgetan hätte, denn ich wusste nichts von Gott und Menschen, Himmel und Hölle, Engeln und Teufeln und konnte Gut und Böse nicht unterscheiden. Daher kann man sich unschwer vorstellen, dass ich mit der gleichen Theologie gelebt habe wie unsere ersten Eltern im Paradies, die in ihrer Unschuld von Krankheit, Tod und Sterben und erst recht von der Auferstehung nichts wussten. O, edels Leben (man könnte auch sagen: Eselsleben), in dem man sich auch um die Medizin nicht kümmert! Genauso darf man sich meine Erfahrenheit im Studium der Rechte und in allen anderen Künsten und Wissenschaften auf der Welt vorstellen. Ja, ich war so perfekt und vollkommen in der Unwissenheit, dass es mir unmöglich war, zu wissen, dass ich gar nichts wusste. Ich sage noch einmal: O, edles Leben, das ich damals führte! Aber mein Knan wollte mich solche Glückseligkeit nicht länger genießen lassen, sondern hielt es für angebracht, dass ich, meiner adeligen Geburt gemäß, mich auch adelig aufführen und adelig leben sollte, und fing deshalb an, mich zu höheren Dingen zu erziehen und mir schwerere Lektionen aufzugeben.

Erscheint lt. Verlag 31.7.2009
Reihe/Serie Die Andere Bibliothek ; 296
Übersetzer Reinhard Kaiser
Zusatzinfo 2 Bände
Sprache deutsch
Gewicht 1398 g
Einbandart gebunden
Themenwelt Literatur Klassiker / Moderne Klassiker
Schlagworte 30jähriger Krieg / Dreißigjähriger Krieg; Romane/Erzählungen • 30jähriger Krieg; Romane/Erzähl. • 30jähriger Krieg; Romane/Erzählungen • Deutschland • Dreißigjähriger Krieg, Barock • Hardcover, Softcover / Belletristik/Hauptwerk vor 1945 • HC/Belletristik/Hauptwerk vor 1945 • Roman
ISBN-10 3-8218-6224-6 / 3821862246
ISBN-13 978-3-8218-6224-8 / 9783821862248
Zustand Neuware
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