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Der Engelmacher - Stefan Brijs

Der Engelmacher

Roman

(Autor)

Buch | Softcover
448 Seiten
2009
btb Verlag (TB)
978-3-442-73851-9 (ISBN)
CHF 12,60 inkl. MwSt
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Zu diesem Artikel existiert eine Nachauflage
Wer gewinnt das Rennen zwischen Gut und Böse?
Ein fulminanter Thriller um die Grenzen wissenschaftlicher Forschung, um religiösen Wahn und individuelle Verantwortung.

Stefan Brijs, Jahrgang 1969, lebt in der Nähe von Antwerpen. Mit seinem Roman "Der Engelmacher" gelang ihm in Belgien und den Niederlanden ein Sensationserfolg. Er wurde dafür u. a. mit der "Goldenen Eule" für das beste Buch des Jahres ausgezeichnet sowie mit dem Preis der Königlichen Akademie für Literatur der Niederlande, die Auslandsrechte wurden in zahlreiche Länder, darunter auch England und die USA, verkauft.

Manche Einwohner von Wolfheim behaupten noch immer, sie hätten zuerst das Geheul der drei Babys auf der Rückbank gehört und erst danach den Motor des in das Dorf einfahrenden Taxis. Als es vor dem alten Doktorhaus an der Napoleonstraße 1 anhielt, unterbrachen die Frauen sofort das Fegen der Bürgersteige, die Männer kamen mit den Gläsern in der Hand aus dem Wirtshaus »Terminus« heraus, die Mädchen stellten ihr Himmel-und-Hölle-Spiel ein, und auf dem Dorfplatz ließ sich der lange Meekers den Ball abluchsen, den der taub geborene Gunther Weber dann im Tor versenkte, am nach hinten guckenden Seppe von der Bäckerei vorbei. Das war am 13. Oktober 1984. Ein Samstagnachmittag. Im Kirchturm läuteten die Glocken gerade drei Mal. Der Fahrgast stieg aus dem Taxi, und was allen sofort auffiel, war die feuerrote Farbe seines Haupt- und Barthaars. Die tief gläubige Bernadette Liebknecht bekreuzigte sich hastig, und ein paar Häuser weiter hielt sich die betagte Juliette Blerot die Hand vor den Mund und murmelte: »Mein Gott, ganz der Vater.« Vor drei Monaten hatten die Einwohner des kleinen belgischen Dorfes, das sich nahe am Dreiländereck seit jeher zwischen den kräftigen Schenkeln des niederländischen Vaals und des deutschen Aachen eingeklemmt befand, von der bevorstehenden Rückkehr Victor Hoppes erfahren. Der schlaksige Gehilfe des Notars Renard aus Eupen hatte das vergilbte Schild mit der Aufschrift »Zu vermieten« von der heruntergekommenen Villa abgenommen und Irma Nussbaum von gegenüber erzählt, der Herr Doktor habe die Absicht, nach Wolfheim zurückzukehren. Einzelheiten wusste er nicht, auch ein Datum konnte er noch nicht angeben. Für die Dorfbewohner war es ein Rätsel, warum Victor Hoppe nach fast zwanzig Jahren nach Wolfheim zurückkam. Zuletzt hatte es geheißen, er arbeite in Bonn als Arzt, aber diese Information war auch schon wieder etliche Jahre alt. Schon bald machten zahlreiche Erklärungsversuche für seine Rückkehr die Runde. Der eine meinte, er habe keine Arbeit mehr, der andere tippte auf hohe Schulden, Florent Keuning aus der Albertstraße glaubte, er komme nur, um sein Haus wieder in Schuss zu bringen und zu verkaufen, und Irma Nussbaum mutmaßte, der Doktor habe vielleicht eine Familie gegründet und wolle nun der städtischen Hektik entfliehen. Damit kam sie der Wahrheit näher als alle anderen, wenngleich sie später unverblümt zugab, ebenfalls schockiert gewesen zu sein, als sich herausstellte, dass Doktor Hoppe der Vater nur wenige Wochen alter, missgebildeter Drillinge war. Diese unheimliche Entdeckung machte der lange Meekers gleich an jenem ersten Nachmittag. Als der Taxifahrer sein Auto kurz unbeaufsichtigt ließ, um Victor Hoppe beim Öffnen des eingerosteten Zauntors zu helfen, schlich der lange Meekers, von dem unablässigen Geheul angezogen, zum Wagen und warf einen Blick durch das Seitenfenster. Was er auf der Rückbank sah, jagte ihm einen solchen Schrecken ein, dass er auf der Stelle in Ohnmacht fiel und somit zum ersten Patienten Doktor Hoppes wurde, der den dürren Jungen mit ein paar Klapsen auf die Wange wieder zu sich brachte. Der lange Meekers öffnete blinzelnd die Augen, sein Blick huschte vom Doktor zum Auto, dann rappelte er sich auf und spurtete, ohne sich noch einmal umzusehen, zu seinen Spielgefährten. Noch etwas unsicher auf den Beinen, legte er einen Arm um die breiten Schultern seines Mitschülers Robert Chevalier - sie waren beide im vierten Schuljahr - und eine Hand auf die Schulter von Julius Rosenboom, der drei Jahre jünger und zwei Köpfe kleiner war. »Was hast du gesehen, Langer?«, fragte Seppe von der Bäckerei, der mit dem Lederfußball unter dem Arm seinen Kumpels gegenüberstand und das Gesicht dem tauben Gunther Weber zugewendet hatte, damit der auch mitbekam, was gesagt wurde. »Sie...«, setzte der lange Meekers an, verstummte dann aber und wurde wieder kreidebleich. »Stell dich nicht so an«, sagte Robert Chevalier und stieß Meekers mit der Schulter an. »Wie >sie»Drei. Es sind drei Babys«, antwortete der lange Meekers und hielt ebenso viele Finger hoch. »Dwei Mäischen?«, fragte Gunther mit einem fetten Grinsen angesichts der drei ausgestreckten Finger. »Das hab ich nicht gesehen«, sagte der lange Meekers. »Aber was ich gesehen hab.« Er bückte sich, sah kurz zu Doktor Hoppe und dem Taxifahrer, die gerade gemeinsam die beiden Torhälften öffneten, und winkte die vier anderen näher heran. »Ihre Köpfe.«, sagte er langsam, »ihre Köpfe sind gespalten.« Und in einer schnellen Bewegung zog er mit der flachen Rechten einen vertikalen Strich von seiner Stirn über die Nase bis unters Kinn. »Tschack!«, sagte er. Erschrocken wichen Gunther und Seppe einen Schritt zurück, während Robert und Julius den langen Meekers anstarrten, als könne dessen schmales Gesicht ebenfalls jeden Moment aufreißen und in zwei Teile auseinanderfallen. »Ich schwöre! Man kann ihnen bis ganz tief in den Hals reingucken. Und außerdem, ohne Scheiß, außerdem kann man ihre Gehirne sehen.« »Ihre was?«, fragte Gunther. »Ihre Gehirne!«, wiederholte der lange Meekers und tippte dem tauben Schüler mit dem Zeigefinger an die Stirn. »Iiiiiiee!«, rief der aus. »Wie sehen die denn aus?«, fragte Robert. »Wie Walnüsse. Nur viel größer. Und schleimiger.« »Boah«, sagte Julius, dem ein Schauer über den Rücken lief. »Wenn das Fenster offen gewesen wäre«, fuhr der lange Meekers unbeirrt fort und streckte dabei den Arm aus, »hätt ich die einfach so anfassen können.« Die anderen Jungs verfolgten die Bewegung seiner zu einer Klaue gekrümmten Hand mit offenem Mund. Aber gleich darauf deutete er mit derselben Hand nach vorne und lenkte so alle Blicke auf das etwa dreißig Meter entfernt stehende Taxi, dessen hintere Tür Victor Hoppe gerade öffnete. Der Doktor beugte sich ins Wageninnere und brachte eine große dunkelblaue Babytragetasche zum Vorschein, aus der noch immer ein entsetzliches Geheul aufstieg. An den Trageriemen schleppte er sie den Pfad entlang ins Haus, auf dem Fuß gefolgt von dem Taxifahrer, der zwei große Koffer trug. Nach etwa drei Minuten, während derer es auf dem Dorfplatz von Stimmen nur so schwirrte, kam der Fahrer wieder nach draußen, zog die Haustür hinter sich zu, hastete zu seinem Wagen und fuhr sichtlich erleichtert davon. Im »Terminus« führte Jacques Meekers an jenem Nachmittag das große Wort und beschrieb ausführlich, was sein Sohn gesehen hatte, wobei er vor keiner Übertreibung zurückschreckte. Vor allem die älteren Einwohner waren ganz Ohr, und sie wussten zu berichten, dass auch Victor Hoppe selbst eine Missbildung im Gesicht hatte. »Eine Hasenscharte«, erklärte Otto Lelieux. »Wie sein Vater«, erinnerte sich Ernst Liebknecht. »Er gleicht ihm übrigens aufs Haar.« »Auch wenn das Haar schon Rost ansetzt«, lachte Wilfred Nussbaum. »Genauso wie der Bart. Habt ihr das gesehen? Rot wie... wie...« »Wie das Haar des Teufels!«, rief der auf einem Auge blinde Josef Zimmermann plötzlich aus, woraufhin es in dem Wirtshaus sehr still wurde.

Erscheint lt. Verlag 13.1.2009
Reihe/Serie btb
Übersetzer Ilja Braun
Sprache deutsch
Original-Titel De engelenmaker
Maße 118 x 187 mm
Gewicht 358 g
Einbandart Paperback
Themenwelt Literatur Krimi / Thriller / Horror
Schlagworte Goldene Eule (Belgischer Literaturpreis) • Krimis/Thriller
ISBN-10 3-442-73851-2 / 3442738512
ISBN-13 978-3-442-73851-9 / 9783442738519
Zustand Neuware
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
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