Mein Stilles Herz (eBook)
455 Seiten
Lofty Dreams Publications (Verlag)
978-0-00-113708-0 (ISBN)
Als die gehörlose Reinigungskraft Alina Reed versehentlich einen Firmenaufzug blockiert, ahnt sie nicht, dass der eiskalte CEO darin ihr Zufluchtsort werden wird. Während sie versucht, ihren rebellischen Bruder zu unterstützen und sich in einer lautlosen Welt zurechtzufinden, hat Alina eine Mauer der Unabhängigkeit errichtet, die niemand durchbrechen kann - bis Owen Clarke ihr geheimes Refugium auf dem Dach entdeckt.
Owens Leben, geprägt von Machtkämpfen in Vorstandsetagen und leeren Siegen, lässt ihn nach echter Verbundenheit sehnen. Auf dem windumtosten Dach im 38. Stock findet er etwas Unerwartetes: eine Frau, die durch Skizzen und Notizbücher spricht und deren Schweigen ihn lehrt, wirklich zuzuhören.
Während aus heimlichen Mittagspausen vertraute Gespräche entstehen, lernt Owen Gebärdensprache, und Alina entdeckt ihre Stimme wieder. Doch ihre wachsende Verbundenheit stößt auf Hindernisse - seine privilegierte Welt, ihren starken Stolz und die Geister des Traumas, die sie zu entzweien drohen.
Von intimen Geständnissen auf dem Dach bis hin zu gemeinsamen Familienessen, von Künstlerateliers bis zu Bürotürmen - Alina und Owen müssen lernen, dass die tiefsten Verbindungen über den Klang hinausgehen. In einer Welt, die vom Lärm besessen ist, entdecken sie, dass die wahrhaftigste Sprache der Liebe in Geduld, Verständnis und dem Mut zur Verletzlichkeit geschrieben steht.
Eine wunderschöne Geschichte über Widerstandsfähigkeit, Hoffnung und darüber, wie man im Herzen eines anderen ein Zuhause findet.
Kapitel 1: Kollisionskurs
Nacht
Stille ist nicht nur etwas, das man hört. Sie ist etwas, in dem man sein Leben aufbaut, wie ein Raum mit sehr dicken Wänden.
Mein Morgen ist eine Reihe von Bildern ohne Ton. Das gelbe Eigelb, das sich in der Schüssel ausbreitet, das graue Licht am Fenster, der Dampf aus dem Wasserkocher, der sich aufbläht und dann verfliegt. Finns Gesicht, blass und verschlossen, während er mit der grimmigen Hingabe eines Teenagers Toast kaut. Ich sehe das Knacken, aber ich höre es nicht. Unsere Kommunikation ist ein vertrauter, müder Tanz. Ich schreibe auf die kleine Tafel, die wir auf dem Tisch haben. Er spricht mir ins Gesicht, seine Lippen bewegen sich in übertriebenen Formen, die manchmal eher wie Spott als wie ein Zeichen der Zustimmung wirken.
Wir haben darüber gesprochen. Schultage sind zum Schlafen da.
Er verdreht die Augen, eine demonstrative Geste der Verachtung. „Du bist nicht meine Mutter, Alina. Entspann dich.“
Die Worte sind leicht zu lesen. Und doch schmerzen sie jedes Mal aufs Neue. Ich bin nicht seine Mutter. Ich bin die unsichere Ersatzmutter, die zweiundzwanzigjährige Schwester, die seine Einverständniserklärungen unterschreibt und nachts wach liegt und sich fragt, ob sie im einzigen, was wirklich zählt, versagt.
Er geht, die Tür knallt zu und vibriert im Rahmen. Die Wohnung umgibt mich mit einer stillen, fast körperlichen Präsenz. Sie ist in den Staubkörnern, die im Sonnenstrahl tanzen, in der beständigen Kälte, die die Heizung nie ganz vertreibt. Das ist mein Leben. Eine kleine, sorgsam gepflegte Box. Ich bewege mich auf Zehenspitzen hindurch, bemüht, das fragile Gleichgewicht nicht zu stören.
Mein Job ist eine Fortsetzung dieser Stille. Im Bus, ans Fenster gepresst, beobachte ich, wie sich die Stadt verändert. Die rauen Ränder meines Viertels fügen sich langsam in das elegante, imposante Straßennetz der Innenstadt ein. Hier ist die Stille anders. Es ist die Stille des Ignoriertwerdens, und das ist eine Erleichterung. Ich bin Teil der Kulisse, eine Frau in einer eintönigen blauen Uniform, die einen Einkaufswagen schiebt. Unsichtbar.
Das Lawson Building ist wie eine riesige Glasnadel, die durch die Wolken ragt. Achtunddreißig Stockwerke voller Geld und Ehrgeiz. Ein Jahr lang habe ich die Finanzabteilung im zehnten Stock geputzt. Ich weiß, in welchem Büro die Sekretärin sitzt, die morgens um zehn Joghurt isst und den Mülleimer immer verfehlt. Ich weiß, welche Toilettenkabine ein wackeliges Schloss hat. Ich kenne den Rhythmus dieses Ortes, das Kommen und Gehen, das ich beobachte wie ein Wissenschaftler, der eine fremde Spezies studiert.
Frau Doolittle erwischt mich an meinem Spind. Ihr Gesicht strahlt Freundlichkeit aus, Fältchen umspielen ihre Augen. Langsam spricht sie zu mir: „Jane ist schlecht gelaunt. Die ist echt begriffsstutzig. Ignorier sie einfach.“
Ich lächle, ein ehrliches Lächeln, und forme mit den Lippen ein „Danke“. Ich gebärde nicht mit ihr; sie hat es nie gelernt. Unsere Freundschaft beruht auf diesen kleinen, bewussten Gesten der Verständigung.
Meine Uniform ist ein Sack, so dunkel wie ein verblasster blauer Fleck. Ich binde mir die Haare zusammen, stecke Notizbuch und Stift – meine Lebensadern – in die Tasche und gehe hinaus. Der zehnte Stock glänzt bereits, die Morgensonne bricht sich in scharfen Winkeln über den Marmor. Ich bewege mich an den Rändern entlang, ein Schatten vor den beigen Wänden. Heute ist kein Putztag, also bleibe ich in den Gemeinschaftsbereichen: dem Labyrinth aus Bürozellen, den luxuriösen Badezimmern, den Aufzügen.
Dort, bei den Aufzügen, lässt mich mein Verstand im Stich.
Ich poliere das gebürstete Stahlblech des Rufknopfpanels. Die Ecke ist knifflig, Schmutz hat sich in der Fuge festgesetzt. Und meine Gedanken, diese tückischen Dinger, schweifen ab. Sie wandern zurück zu Finn, zu dem leeren Blick in seinen Augen letzte Nacht, zu dem furchterregenden Abgrund, der sich zwischen uns auftut. Was macht er, wenn ich nicht da bin? Mit wem ist er zusammen? Die Angst ist wie ein kalter Stein in meinem Magen. Ich schrubbe fester, als könnte ich die Sorge einfach wegschrubben.
Ich bin so weit weg, so sehr in meiner eigenen stillen Panik gefangen, dass ich sie nicht kommen sehe.
Eine Berührung an meinem Arm. Kein Antippen. Ein fester, plötzlicher Griff.
Ich zucke zusammen, mein ganzer Körper zuckt. Die Welt strömt in einer schwindelerregenden Welle aus Farben und Bewegung zurück. Eine Frau hält meinen Arm fest, ihre Finger umklammern meinen. Ihr Kostüm ist grellrot. Ihr Gesicht ist von purer Verärgerung gezeichnet. Hinter ihr wartet eine kleine Gruppe. Mein Gepäckwagen, leuchtend gelb und blau, steht direkt vor den Aufzugtüren, die von einem Mann im Inneren offengehalten werden, der sichtlich unbehaglich wirkt.
Hitze schießt mir ins Gesicht, ein so heftiger Schauer, dass mir schwindlig wird. Mein Blick schweift über die Gruppe, ein automatischer, verzweifelter Scan nach Zusammenhängen, nach Gefahr.
Und sie bleiben bei ihm stehen.
Er steht etwas abseits, vor den anderen. Ein Mann in einem dunkelblauen Anzug, der wie aus demselben Material gefertigt scheint wie der Himmel draußen. Seine Haltung ist vollkommene Stille. Braunes Haar, ordentlich frisiert. Ein kurzer Bart, der seine markanten Gesichtszüge betont. Er ist nicht unruhig. Er schaut nicht auf sein Handy. Er wartet einfach nur. Und seine Augen – klar und durchdringend blau – sind auf mich gerichtet.
Einen Augenblick lang ist es genau das. Sein Blick hält meinen fest. Kein Zorn darin. Keine Ungeduld. Es ist eine so vollkommene, so neutrale Beobachtung, dass sie entwaffnender wirkt als jeder finstere Blick.
Dann unterbreche ich die Verbindung, mein Gehirn holt auf. Der Einkaufswagen. Der Aufzug. Ich bin im Weg.
Die Scham durchdringt den Schock. Ich reiße meinen Arm ruckartig aus dem Griff der Frau und beeile mich, meinen Einkaufswagen rückwärts zu ziehen. Er knattert und rattert. Meine Wangen glühen. Ich senke den Blick, während sich in meinem Kopf eine verzweifelte Entschuldigung formt, die ich nicht aussprechen kann.
Die Männer steigen in den Aufzug. Die Frau in Rot bleibt draußen und wendet sich mir zu. Ihre Lippen bewegen sich schnell und scharf. „Was ist los mit Ihnen? Haben Sie eine Ahnung –?“ Der Rest verschwimmt, ihr Mund ein wütender Schnitt, der sich viel zu schnell bewegt. Ich verstehe nur noch „wichtig“, „unglaublich“ und „lächerlich“. Ich kramt nach meinem Notizbuch, meine Finger sind vor Scham ungeschickt, aber sie wirft die Hände in die Luft, murmelt noch etwas und stürmt zu einem anderen Aufzug.
Die kleine Gruppe der Frühaufsteher zerstreut sich, ihre morgendlichen Gespräche sind beendet. Ich stehe da, mein Herz pocht mir bis zum Hals, der Nachhall dieses blauen Blicks brennt noch immer auf meiner Haut.
Ich weiß nicht, wer er ist. Jemand in einer hohen Position. Jemand, dessen Zeit mehr wert ist als meine.
Doch in dem Moment, als er mich ansah, hatte ich mich nicht wie ein Möbelstück gefühlt. Ich hatte mich … gesehen gefühlt. Und die seltsame, beunruhigende Wahrheit ist: Ein Teil von mir mochte es.
Owen
Druck hat einen Geschmack. Er ist metallisch, wie alte Münzen, hinten auf der Zunge.
Es war während des gesamten Treffens mit Richard Walsh, dem Finanzchef, deutlich zu spüren. Der Mann saß schwitzend hinter einem viel zu großen Schreibtisch und erzählte Lügen, die so durchsichtig waren, dass selbst ein Kind sie hätte durchschauen können. Millionen, einfach weg. Und er behauptete, nichts davon bemerkt zu haben.
An solchen Tagen hallt die Stimme meines Vaters in meinem Kopf wider. Lass sie dich bloß nicht blinzeln. Sobald du Zweifel zeigst, wirst du zur Beute. Also blinzelte ich nicht. Ich ließ die Kälte in meine Knochen kriechen, in meinen Gesichtsausdruck. Ich sah ihm beim Zappeln zu, sah, wie seine Blicke zur Tür, zum Fenster, überall hin huschten, nur nicht in mein Gesicht. Der Druck schmeckte bitter vor Verachtung.
Als ich sein Büro verließ, war ich völlig angespannt. Der Weg zum Aufzug war ein mühsamer Kampf, diese Energie zu bändigen. Brandon und zwei weitere Kollegen vom Compliance-Team folgten mir schweigend. Der Manager aus der Finanzabteilung im roten Anzug, dessen Namen ich mir einfach nicht merken kann, huschte neben mir her und gab nervöse Kommentare von sich, denen ich nicht mehr zuhörte.
Der Aufzugsschacht war leer, bis auf eine Reinigungskraft. Die Frau beugte sich über ihren Wagen und polierte das Bedienfeld mit einer so konzentrierten Miene, dass sie die ganze Welt um sich herum ausblendete. Es wirkte fast beeindruckend.
Der Aufzug kam. Ihr Gepäckwagen blockierte ihn. Der Angestellte drinnen hielt die Tür auf, seine Augen weiteten sich, als er mich erkannte. Brandon räusperte sich. Einmal. Zweimal. Nichts.
Ein Anflug von Ärger durchbrach meine kalte Konzentration. Das war das letzte Hindernis an einem Morgen voller solcher Schwierigkeiten. Die Frau im roten Anzug, die ihre Chance witterte, Effizienz zu demonstrieren, marschierte vorwärts. Sie sagte etwas Scharfes zu der Reinigungskraft, und als diese nicht reagierte, packte sie sie am Arm und riss sie herum.
Das Mädchen stolperte, aus dem Gleichgewicht geraten. Und als sie aufblickte,...
| Erscheint lt. Verlag | 9.1.2026 |
|---|---|
| Übersetzer | Katrin Faerber |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| ISBN-10 | 0-00-113708-5 / 0001137085 |
| ISBN-13 | 978-0-00-113708-0 / 9780001137080 |
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