Eine Stadt in Angst und Schrecken (eBook)
140 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-6951-1425-2 (ISBN)
Ich wurde als Nachkriegskind 1948 in Müllrose bei Frankfurt an der Oder geboren. Mit meinen Eltern und zwei weiteren Kindern flüchteten wir 1953 in zwei Gruppen und verschiedenen Zügen nach West-Berlin. Nach der Schulzeit folgte sofort die dreieinhalbjährige Lehre als Radio- und Fernsehtechniker. Am Tag nach Beendigung der Lehre wurde ich zum Wehrdienst nach Rendsburg in Schleswig-Holstein eingezogen und blieb dann zwölf Jahre in der Funk- und Fernmeldegeräte Werkstatt der Bundeswehr. Davon habe ich zum Ende der Dienstzeit vier Semester das Studium zum Staatlich geprüften Techniker absolviert. Anschließend arbeitete ich acht Jahre als Programmierer bei der Rudolf Hell GmbH in Kiel und im Qualitätswesen der Salzgitter Elektronik in Flintbek, bevor ich als Leiter des Qualitätswesens bei dem japanischen Druckerhersteller Seikosha in Neumünster ganz neue und interessante Aufgaben übernahm. Als 1999 die Jahrtausendwende bevorstand, war ich bei den Sparkassen und Volksbanken in Süddeutschland mit dabei, die EDV-Systeme und Geldautomaten auf diesen Wechsel vorzubereiten. Danach gab es dann wieder viel zu tun, als alle Geldautomaten am Ende des Jahres 2001 von der D-Mark auf den Euro umgerüstet werden mussten. Wegen meiner Krebserkrankung GIST wurde ich dann ein 15 Jahre zu früh Rentner. Um den Krebs zu vergessen, meldete ich ein Gewerbe an und installierte im Hamburger Bereich Alarmanlagen. Nach zehn sehr interessanten Jahren mit viel Kundenkontakt übernahm mein langjähriger Geschäftspartner die Nachfolge. Der neue Zeitvertreib bestand dann für darin, meine Lebensgeschichte und eine Menge weiterer Bücher zu schreiben. Ich war nicht mehr zu stoppen. Mindestens jedes Jahr ein Buch, war mein Ziel. Im Durchschnitt habe ich das Ziel erreicht. Das erste Buch wurde als Paperback (günstiger) in Herbstdesign und als gebundenes Buch in winterlichem Einband veröffentlicht. "... und eines Tages kam der GIST". Gebundene Bücher im Bücherregal sind einfach schick. Der Mehrpreis zum Taschenbuch lohnt sich.
Der alte Jarek aus Kielce
Der alte Jarek ist ein Bauer aus Kielce. Ich nenne ihn so, weil sein Adoptivsohn auch Jarek heißt. Der alte Bauer weiß noch nichts davon.
Während die in Stalingrad eingekesselten Soldaten damit rechnen mussten, getötet zu werden oder nach Sibirien in eines der Arbeitslager1 gebracht zu werden, war der Bauer Jarek, leicht verletzt an Rücken, Oberschenkel und Ohr, auf dem Weg in seine Heimat. Leicht fiel ihm das Laufen nicht, aber es galt die Devise, keinem russischen Soldaten in die Arme zu laufen, wenn man in Freiheit überleben wollte.
Als einziger Soldat seiner Kompanie von 100 Mann, war der Bauer Jarek bei Charkow dem Inferno entkommen, Nachdem er vorher dreizehn Tage lang den Kompaniechef ersetzt hatte, der bei einem Schusswechsel getroffen wurde und starb.
Neben Bauer Jarek starben jeden Tag seine Kameraden, bis er alleine war. Die Leichen im Schützengraben waren mit Schnee bedeckt, sodass man sie nicht sehen konnte. Aber man spürte deutlich, wenn man auf einen verschneiten Kameraden herum trat. Es war eng im Schützengraben. Es war grausam im Schützengraben. Eine Handgranate tötete und verletzte immer mehrere deutsche Soldaten - bis keiner mehr da war. Sie waren nicht auf der Flucht, das wäre viel zu gefährlich gewesen, sie starben den Heldentod für das Vaterland. Solange noch Soldaten herumliefen, hörte das Schießen und Sterben nicht auf. Warum? Wofür?
Sollten nicht die in den Krieg ziehen,
die ihn beschlossen haben?
Was ihn vor dem Tod und der Gefangenschaft bewahrte, wusste der alte Bauer Jarek nicht. Er war so froh, davongekommen zu sein. Abgesehen von seinen kleinen Verletzungen hatte er wirklich großes Glück gehabt. Als ihm das jetzt bewusst wurde, setzte er sich kurz und weinte vor Freude. Gleichzeitig dachte er an die Kameraden in seiner Kompanie, die alle im Sturmfeuer der Russen durch Maschinengewehrgarben oder durch Handgranaten starben. Es dauerte eine Weile bis er sich beruhigt hatte und ihm bewusst wurde, das die Gefahr keinesfalls vorbei war. Er war schon über 1000 Kilometer gelaufen - immer in Gefahr, auf russische Truppen zu treffen. Da der alte Bauer immer noch seine Uniform trug, hätten die Russen in sofort erschossen, wenn er in ihre Sicht- und Schussweite gekommen wäre.
Nach einem weiteren langen Streckenabschnitt ohne Störungen war der alte Jarek bis in die Nähe von Lodz gekommen. Kielce war jetzt nur noch gute 150 Kilometer weit entfernt. Von einem Hügel aus glaubte er, seine Stadt am Horizont zu sehen. Das war aber eine Täuschung, denn ein mittelgroßer Mann mit 1,70 Meter Länge kann auf ebenem Gelände etwa fünf Kilometer weit bis an den Horizont schauen. Sicher lag weit vor ihm noch ein anderer Ort. Wenn man eine Karte hat, die Polen zeigt, sieht man, dass der Umweg über Lodz zu groß war. Die Strecke über Radom nach Kielce wäre fast Luftlinie, also deutlich kürzer. Aber er kam ja von der Danziger Bucht. Da bot sich der Weg über Lodz an. Wichtig war, kurz vor der Heimat nicht den Russen in die Arme zu laufen.
Ich habe mal am Starnberger See Sichtweitenmessung mitgemacht. Erst wenn der Sender an der Nordseite des Sees und der Empfänger an der Südseite je fünfzehn Meter hoch waren, konnte man über die Länge des Starnberger Sees schauen. So stark ist die Erdkrümmung bei einer Entfernung von nur knapp zwanzig Kilometer.
Jarek wusste das aber nicht und er glaubte, Kielce zu sehen. Das beflügelte ihn, noch etwas schneller zu gehen. Er hatte ausgerechnet, dass er vor über fünf Jahren seinen Hof verlassen musste und an die über 1100 Kilometerlange Front geschickt wurde. Jetzt war er auf dem Rückweg, der nur wenigen Soldaten vergönnt war. Jederzeit konnte er von einem russischen Vorauskommando entdeckt und erschossen werden. Er hatte noch seine Uniform an. Einen anderen Kälteschutz hatte er nicht. Nur die ’SS’ Zeichen hatte er von der Uniform entfernt. Wer aber die Stellen dieser Zeichen kannte, konnte dort die feinen Löcher erkennen, durch die der Faden zum Halten der Zeichen gezogen worden war.
Seine Uniform war zwar verschließen und hatte diverse Löcher, aber darin war er immer noch ein Soldat. Ohne Kompass musste er auf die Kampfgeräusche im Osten hören und der hinter den Wolken versteckten Sonne vertrauen, wenn sie mal kurzfristig zu sehen war. Eine genaue Bestimmung von Ort und Richtung mittels der kurzen Sonnenzeiten, bevor die nächste Wolke sich vor die Sonne schob, war nicht möglich, da der Bauer keine Uhr mehr besaß. Die gefiel einem russischen Soldaten, der sagte in gebrochenem Deutsch »gib Uri oder Leben« Damals gab der Bauer lieber seine Uhr ab, die ihm jetzt bei der Orientierung helfen könnte. Schneetreiben und Nebel erlaubten nur eine Sicht auf unter fünfzig Meter. Da bestand die Gefahr immer in einem großen Kreis zu laufen, statt voran zu kommen.
Bei nächster Gelegenheit wollte er sich Zivilkleidung besorgen und die Uniform verstecken oder verbrennen. Bisher war aber auf keinem Hof, wo er den Bauern befragte, jemand bereit, Zivilkleidung an einen Soldaten abzugeben. Soldaten wurden wegen ihrer Schandtaten fast überall gehasst.
Zunächst wusste der Bauer nicht, wo er war, bis er ein schief stehendes Schild sah, auf dem »Rschew« stand. Das war laut Karte gut 200 Kilometer westlich vor Moskau. Jarek erschrak, so lange ist er schon unterwegs und befindet sich immer noch im Umkreis von Moskau. Wie konnte das angehen? Er hatte sich total verlaufen. Hätte er das Schild nicht gesehen, wäre er in Moskau angekommen. Als deutscher Soldat wäre das für ihn das Todesurteil gewesen.
Am Ende des Krieges und Sieg der Russen kam heraus, dass sich in und um Rschew die blutigste Schlacht stattfand. Sie dauerte über ein Jahr von Januar 1942 bis März 1943 und rund zwei Millionen Menschen verloren dort ihr Leben. Der alte Jarek ist an dieser Schlacht unbemerkt vorbeigekommen, da er Kriegsgeräuschen immer aus dem Weg ging. Die Schlacht geriet wegen der Niederlage vor Moskau und der Katastrophe in und um Stalingrad völlig aus dem Gedächtnis, obwohl dort die meisten Soldaten starben. Es gab keinen Erfolg für die Rote Armee, sondern enorme Verluste. Trotzdem wurde der Krieg hier nicht entschieden. Der deutsche Journalist Gernot Kramper hat im Magazin Stern im Juli 2020 über die Schlacht geschrieben »Rschew 1942 - warum der ’Fleischwolf’ der Ostfront lange vergessen wurde.«
Außerdem erkannte der Bauer, das er sich verlaufen hatte, wenn das Schild nicht verdreht war. Um den Feind nicht direkt auf sein Wunschziel hinzuweisen, war es üblich, Ortsschilder zu drehen. Auch das noch. Statt nach Süden war er nach Osten abgedriftet. Dabei war er in Lodz seiner Heimat schon so nahe gewesen. Aber die Orientierung im Schneetreiben und wolkenbedecktem Himmel war nicht so leicht. So war es ein langer Weg von der Front bis nach Hause. Der Umweg über Gotenhafen2 und die Pausen die er wegen Schwäche einlegen musste, verzögerten die Ankunft in seiner Heimat deutlich.
Als Jarek Gotenhafen verließ, da das letzte Schiff gerade abgelegt hatte, hörte er plötzlich lautes Knallen. Er drehte sich um und sah, dass sich die »Wilhelm Gustloff« leicht zur Seite legte und eine unübersehbare Zahl von Menschen auf dem Schiff standen. Das erste der fünf einsatzbereiten Rettungsboote war mit etwa sechzig Personen belegt. Da für rund 13000 Menschen die Boote längst nicht ausreichten, sprangen viele in das Wasser und hofften, die Küste schwimmend zu erreichen. Das eiskalte Wasser der Ostsee ließ das aber nicht zu, sodass diese Menschen verstarben. Zu Hilfe gekommene Boote konnten ein paar hundert Menschen vor dem Tod im Wasser retten. Wer in den Unterdecks war, konnte durch das Gedränge nicht nach oben kommen. Zusammen mit vielen weiteren Menschen starben sie gemeinsam schreiend in der eiskalten See im Innenraum des Schiffes. Nach kurzer Zeit entstand eine beängstigende Ruhe in den Unterdecks - sie waren alle ertrunken oder erfroren und wurden mit der »Wilelm Gustloff« vom aufgewühlten Eiswasser verschlungen. Es war und ist nach nach Anzahl von Toten, die schlimmste See-Katastrophe weltweit.
Ein russisches U-Boot hatte gewartet, bis die »Wilhelm Gustloff« aus der Danziger Bucht kam, dann wurden drei Torpedos auf das Schiff abgeschossen. Die großen Löcher waren der Grund, das sich zunächst das Unterdeck mit Wasser füllte. Der hohe Wasserdruck sprengte die Trennkammern - eine nach der anderen, bis es keine einzelnen Kammern mehr gab. Das Gewicht des Wassers ließ das Schiff immer weiter in Schieflage geraten, sodass an Deck befindliche Personen auf die niedrigere Deckseite rutschen und die Schieflage noch vermehrten. Nach rund einer Stunde nach den Torpedotreffern versank das Schiff und mit ihm viele Menschen in den verschiedenen Decks und auch die, die in der Nähe waren, wurden durch den Sog mit in die Tiefe gerissen. Seit dem 30.Januar 1945 liegt das Schiff in 42 Meter Tiefe vor der pommerschen Küste. Damals konnten etwa 1200 Personen von herbei eilenden Schiffen gerettet werden. Genaue Listen darüber gibt es nicht.
Das anfängliche Pech, das Schiff verpasst zu haben, wandelte sich für den Bauern Jarek in unendliches Glück. Trotzdem...
| Erscheint lt. Verlag | 8.1.2026 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| ISBN-10 | 3-6951-1425-8 / 3695114258 |
| ISBN-13 | 978-3-6951-1425-2 / 9783695114252 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
Größe: 1,6 MB
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich