Die Spur erkaltet im Nürnberger Land (eBook)
286 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-6951-5521-7 (ISBN)
Klaus Lang war über 30 Jahre Richter an verschiedenen hessischen Gerichten. Die letzten 20 Jahre seiner beruflichen Tätigkeit war er Vorsitzender einer Zivilkammer. Seit seiner vor etwa vier Jahren erfolgten Pensionierung arbeitet er gelegentlich als Rechtsanwalt und Buchautor. Im Jahre 2024 erschien sein Debutroman "Neues vom Amtsgericht Waldeck".
Kapitel 2
Im D-Zug Richtung Ostfront im
Frühjahr 1944
Der Professor saß bequem in seinem Abteil der Reichsbahn. Selbstverständlich reiste er in der Ersten Klasse. Sein Ziel lag in Polen. Allerdings war er damals noch kein Professor und trug auch einen anderen Namen. Bei seiner Geburt hieß er Georg von Kreilsberg. Seinerzeit existierte auch keine Nation, die noch den Namen Republik Polen tragen durfte. Die Nationalsozialisten hatten diesen souveränen Staat im Jahre 1939 überfallen, in einem Blitzkrieg besiegt und teilweise ihrem Reich einverleibt. Der nicht annektierte Teil wurde als Generalgouvernement eine Zone der rechtsfreien Ausbeutung, in der die dort lebende polnische Bevölkerung brutal unterjocht wurde.
Georg kam im Frühjahr 1918 zur Welt. Etwa ein halbes Jahr später wurde der große Krieg, heute in den Geschichtsbüchern als der Erste von zwei Weltkriegen bekannt, mit der militärischen Niederlage Deutschlands und seines Bündnispartners Österreich-Ungarn beendet.
Trotz seines Alters von nun 26 Jahren war Georg seit kurzem frisch promovierter Doktor der Medizin. Sein Äußeres entsprach exakt den nationalsozialistischen Vorstellungen von einem deutschen Jungmann. Er war etwa 190 cm groß, blond, hellheutig und hatte ein ovales Gesicht mit einer auffallend langen, recht spitzen Nase. Der kalte Blick seiner stahlblauen Augen ließ auf seine Bereitschaft schließen, entschlossen und brutal gegen jeden Widersacher vorzugehen. Dies wurde noch durch das Tragen der schwarzen Uniform eines SS-Offiziers unterstrichen. In der SS begleitete er, obwohl er keinerlei militärische Erfahrung besaß, den Rang eines Hauptsturmführers. Im Vergleich zu den Dienstgraden der Wehrmacht entsprach dies einem Hauptmann.
Das Abteil des D-Zuges war noch einem älteren Oberst der 7. Panzerdivision zugewiesen worden, der aus dem Heimaturlaub zurück an die Front musste. Der Oberst hatte ersichtlich kein Interesse, oder vielleicht auch Angst, mit einem jungen Offizier der SS vertiefend ins Gespräch zu kommen. In Zeiten wie diesen konnte einem aus einer unbedachten Äußerung im wahrsten Sinne des Wortes der Strick gedreht werden. So blieb es bei einer kurzen Vorstellung und einigen belanglosen Worten.
Bei Einbruch der Dunkelheit waren sie im Münchener Hauptbahnhof, beziehungsweise von dem, was von diesem einst stattlichen Bauwerk nach etlichen Bombenangriffen auf die Stadt noch übrig war, in den Zug eingestiegen. Da stets mit weiteren Luftangriffen zu rechnen war, durfte nur nachts gefahren werden. Vor der Abfahrt wies das Zugpersonal sämtliche Passagiere eindringlich auf ihre Pflicht zur konsequenten Verdunkelung hin. So war es ihnen während der Fahrt nahezu unmöglich festzustellen, an welchem geographischen Punkt sie sich inzwischen befanden. Es ging auch nur zeitweise recht schnell voran. Mit zunächst nur 6 Waggons, die allesamt mit Soldaten belegt und an eine Dampflokomotive der DR-Baureihe 03 angekoppelt waren, nebst eines angehängten Eisenbahnluftabwehrgeschützes hätte zwar rein technisch eine Geschwindigkeit von bis zu 130 km/h erreicht werden können. Da aber Gleise auf vielen Hauptstrecken zerstört waren, musste öfters auf Nebenstrecken ausgewichen werden. Hinter Nürnberg wurde dem Verband zudem eine Reihe von Viehwagen angekoppelt. Auch dies verlangsamte die Fahrt. In den Anhängern wurden indessen keine Tiere transportiert, sondern Menschen, die noch schlechter als Vieh behandelt wurden. Sie erhielten weder Nahrung noch Wasser. Ganz zu schweigen davon, dass keine sanitären Einrichtungen vorhanden waren.
Im krassen Gegensatz dazu wurde in den Abteilen der ersten Klasse das Abendessen in einem Speisewagen serviert, die Mannschafts-dienstgrade erhielten Verpflegungspakete. Nach Einnahme der Mahlzeit wurden in dem Abteil des Obersts und des Hauptsturmführers relativ bequeme Betten hergerichtet. Vor dem Einschlafen ließ Georg noch die letzten Tage Revue passieren, die er vor seiner Abfahrt am Starnberger See verbracht hatte.
*
Etwa eine Woche vor seiner Abreise hatte er von seinem Vater ein Telegramm erhalten. Es bestand nur aus wenigen Zeilen:
»Ich bin nicht im Amt. Der Reichsführer SS hat mich mit der Ausführung eines besonderen Projekts beauftragt, benötige dich als fachärztliche Unterstützung. Nimm am kommenden Dienstag den D-Zug Nr. 3318 nach Krakau. Dort wirst du alles Weitere erfahren.
Heil Hitler! Friedrich von Kreilsberg«.
Kurz danach erhielt Georg den entsprechenden Marschbefehl. Dennoch ließ man ihn über die Natur seines Auftrages im Unklaren. Georg ging freilich davon aus, dass sein Vater schon wissen würde, was er zu tun oder zu lassen habe. Schließlich hatte dieser schon immer seine Hand schützend über ihn gehalten.
*
Friedrich von Kreilsberg war ebenfalls Mediziner. Er diente im ersten Weltkrieg bis zum Jahre 1917 als Chirurg an der Westfront. Nach der militärischen Niederlage des Deutschen Reichs im November 1918 entwickelte er sich zu einem glühenden Verehrer des aufkeimenden Nationalsozialismus. Getragen von dem Glauben an die Richtigkeit der sogenannten Dolchstoßlegende, einer Verschwörungstheorie, nach der der Untergang des Kaiserreichs auf das Judentum und die Sozialdemokratie abgewälzt werden sollte, wurde er eines der ersten Parteimitglieder der NSDAP und später Mitglied des SS-Oberstabs. Dort befehligte er auf eigenen Wunsch die SS-Sanitätsabteilung. Nach einer Umstrukturierung der SS wurde er in das SS-Hauptamt versetzt, also die oberste Befehlsstelle der Organisation. Obwohl er nicht promoviert war, bekleidete er mittlerweile als SS-Obergruppenführer einen Generalsrang. Diese Position verschaffte ihm die Möglichkeit, seinem Sohn Georg sämtliche Wege zu ebnen und ihn insbesondere auch von einem Fronteinsatz zu bewahren.
*
Während seines Studiums der Medizin war Georg ohnehin UK gestellt. Das bedeutete, dass er als unabkömmlich anzusehen und vom Wehrdienst befreit war. Auf Anraten und mit tatkräftiger Unterstützung seines Vaters hatte Georg parallel zu seinem Medizinstudium eine Laufbahn in der SS eingeschlagen. Eigentlich war geplant, dass er gemeinsam mit seinem besten Freund, den alle seit frühster Jugend nur Dick nannten, in Starnberg eine Arztpraxis für die Parteiprominenz eröffnet. Das dazu erforderliche Anwesen hatte Georgs Vater bereits im Jahre 1938 an sich bringen können, indem er es »für einen Appel und ein Ei« von einem jüdischen Kaufmann unter der Vorspiegelung der falschen Tatsache erwerben konnte, diesen nebst seiner Familie noch außer Landes bringen zu können. Angedacht war, dass Georg seine Grundkenntnisse erweitert und zum Facharzt für Innere Medizin avanciert. Zusätzlich hatte er begonnen, sich im Thema Gerontologie einzuarbeiten. Einem Spezialgebiet, das darauf abzielt, die Altersvorgänge unter medizinischen und biologischen Aspekten zu entschlüsseln. Er trug sich mit dem Gedanken, irgendwann den Alterungsprozessen wenigstens partiell Einhalt bieten zu können. Dicks künftiges Spezialgebiet lag noch in Dunkeln. Zu der angestrebten gemeinsamen Tätigkeit sollte es nun doch nicht kommen.
Letzteres hatte Georg seinem Kumpel Dick erst vorgestern gebeichtet. Trotz aller Befürchtungen hatte Dick diese für ihn überraschende Nachricht recht gut weggesteckt. Wie so oft, so konnte er auch jetzt auf einen Plan B zurückgreifen. Dick war schon immer flexibel. Die etwa gleich-alten Freunde hatten sich 1934 in der Oberstufe der Napola Oranienstein kennen gelernt. Hierbei handelte es sich um eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt, die nur in der Grundstruktur wie eine Internatsoberschule gegliedert war. Ihr Besuch führte zwar ebenso zur Hochschulreife. Die Hauptaufgabe einer Napola wurde von der Partei aber dahin definiert, dass eine Erziehung der Schüler zu Nationalsozialisten, tüchtig an Leib und Seele für den Dienst an Volk und Staat stattzufinden habe. Im Gegensatz zu einem herkömmlichen Internat waren damit Leibes-übungen und vor allem eine vormilitärische Ausbildung ein schulisches Hauptfach. Nach Ansicht ihrer vom Nationalsozialismus begeisterten Väter war ein derartiges Schulsystem genau das Richtige für ihre Jungs.
Dick war etwas kleiner als Georg und verfügte auch nicht über sämtliche, der seinerzeit so sehr gefragten arischen Merkmale. Er hatte einen etwas dunkleren Teint und ein eher rundlich wirkendes Gesicht mit braunen Augen. Sein dunkelblondes Haar war leicht gelockt. Im Gegensatz zu dem im München aufgewachsenen, eher verschlossen wirkenden Georg war Dick als gebürtiger Rheinländer sehr kontaktfreudig. Durch seine offene Wesensart war es in der Regel allein ihm zu verdanken, dass sie in der Freizeit mit den Mädchen in den umliegenden Dörfern an der Lahn anbandeln und ihre ersten sexuellen Erfahrungen machen konnten. Dick war zwar auch ein sehr sportlicher Typ, der militärische Drill blieb ihm aber bereits in der Schule fremd. Er schmiedete deshalb häufig Pläne, wie er sich von manchen dieser ungeliebten Aktionen drücken könnte, was ihm als Sohn eines Arztes mit allerlei gut simulierten Krankheiten öfters gelang. Genauso konnte er sich nach dem Schulabschluss mit der vorgeschobenen...
| Erscheint lt. Verlag | 7.1.2026 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| ISBN-10 | 3-6951-5521-3 / 3695155213 |
| ISBN-13 | 978-3-6951-5521-7 / 9783695155217 |
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