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Mutter sieht alles | Der Psychothriller bei dem nichts ist, wie es scheint (eBook)

(Autor)

eBook Download: EPUB
2026
390 Seiten
dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH (Verlag)
978-3-69090-415-5 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Mutter sieht alles | Der Psychothriller bei dem nichts ist, wie es scheint - J. A. Baker
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Eine Mutter kämpft um ihre Familie – während in der Stadt die Mädchen verschwinden …

Helena war immer stolz darauf, die Mutter zu sein, die ihre beiden Töchter brauchten: stark, verlässlich, ein sicherer Hafen. Aber je älter Vanessa und Rachel werden, desto mehr fragt sich Helena: War ihre Hingabe nur eine Illusion?

Während die Eine in Schichten arbeitet und ihre Kinder bei Helena lässt, treibt sich die Andere, der Sucht verfallen, ziellos durch die Straßen. Helena spürt, wie ihre Familie langsam zerbricht – und fragt sich, ob all ihre Opfer umsonst waren.

Als in der Stadt nachts junge Mädchen verschwinden, wächst Helenas Angst ins Unerträgliche. Doch je mehr sie versucht ihre Mädchen zu beschützen, desto mehr stoßen ihre Töchter sie von sich weg, bis sich ein schrecklicher Gedanke festsetzt, der Helenas mütterliche Instinkte in eisigen Verdacht verwandelt.

Was, wenn die wahre Gefahr nicht draußen in der Dunkelheit lauert … sondern längst in ihrer Nähe ist?

Erste Leser:innenstimmen
„Ein Thriller über einer Mutter, die alles für ihre Töchter geben würde – und dabei in einen Albtraum aus Misstrauen und Angst stürzt. Packend, bedrückend und voller Gänsehautmomente.“
„Die Mischung aus zerrissener Familie und brutalen Verbrechen hat mich tief bewegt.“
„Was als Familiendrama beginnt, entwickelt sich zu einem packenden Psychothriller voller Zweifel und Abgründe.“
„Ein Domestic Thriller, der mich bis zur letzten Seite atemlos gemacht hat. Düster, intensiv und voller überraschender Wendungen.“



<p data-pm-slice="1 1 [&quot;list&quot;,{},&quot;list_item&quot;,{&quot;indent&quot;:1,&quot;type&quot;:&quot;bulleted&quot;}]">J. A. Baker ist eine erfolgreiche Autorin von psychologischen Thrillern. Geboren und aufgewachsen in Middlesbrough, lebt sie heute mit ihrem Mann in einem Dorf am Rande von Durham. Ihr Haus, das direkt am Fluss liegt, bietet reichlich Inspiration f&uuml;r ihre B&uuml;cher, die alle im Nordosten Englands spielen.</p>

<h2>Prolog</h2> <p><i>Es dauert ein paar Sekunden, bis ich begreife, bis sich die Erkenntnis in meinem Gehirn festsetzt. So etwas passiert normalerweise nur in Filmen. Nicht hier, so nah an meinem Arbeitsplatz. Nicht in dieser Stadt. Und schon gar nicht mir. Aber es passiert gerade. Es ist real.</i></p> <p><i>Ich werde vom Boden hochgezogen und nach hinten geschleift, meine F&uuml;&szlig;e suchen verzweifelt Halt, meine Finger krallen sich an der gro&szlig;en Hand fest, die meinen Mund verschlie&szlig;t. Blitze durchzucken meinen Kopf, eiskalte Angst breitet sich aus. Die Welt verengt sich zu zwei Punkten: Licht und Schmerz. Ich werde sterben. Ich &hellip; werde &hellip; sterben.</i></p> <p><i>Ich halte den Atem an, bereit f&uuml;r den Schmerz, das Grauen, die endlose Schw&auml;rze.</i></p> <p><i>Laue Nacht, stille Stra&szlig;en &ndash; und dann pl&ouml;tzlich rausgerissen aus dem komfortablen Leben. Ich war entspannt, f&uuml;hlte mich sicher, war zu vertrauensselig. Und jetzt bin ich hier und warte auf den Moment, in dem dieser Unbekannte mich umbringen wird.</i></p> <p><i>Er beugt sich &uuml;ber mich, w&auml;hrend ich in den Kofferraum gezwungen werde. Augen schwarz wie Kohle und ein Blick, der mich kalt und gierig abtastet. Ein Raubtier, das seine Beute mustert, bevor es zuschl&auml;gt. Ich w&uuml;rge. Dann wird der Kofferraumdeckel zugeschlagen. Ich trete. Schreie. Kratze. Sto&szlig;e. Ich winde mich in der Dunkelheit. In diesem schrecklich engen Loch. In der Hoffnung, dass mich irgendjemand h&ouml;rt. Aber da ist niemand.</i></p> <p><i>Ich bin allein. Der Motor heult auf, und als sich das Auto in Bewegung setzt, ist mein einziger Gedanke: Mach es kurz.</i> Und bitte, mach, dass es nicht weh tut.</p> <h2>Kapitel 1</h2> <div class="style_time_loc"> <p>Helena</p> </div> <p>Der Raum um sie herum scheint sich zu drehen. Eine pl&ouml;tzliche Welle von Schwindel zwingt sie in eine aufrechte Sitzposition. Die Benommenheit in ihrem Kopf gleicht einem wirbelnden Kaleidoskop aus ged&auml;mpften Farben. Helena zittert. Das schrille Klingeln des Telefons hat sie aus dem Tiefschlaf gerissen und die abrupte Unterbrechung f&uuml;hlt sich an wie ein Schlag auf ihren Sch&auml;del. Sie hat von ihrer Mutter getr&auml;umt. Von der Frau, die nie f&uuml;r sie da war. K&ouml;rperlich zwar anwesend, aber emotional nicht verf&uuml;gbar. In Herzensangelegenheiten eine absolute Null, solange Helena sich erinnern kann. Sie hat sich immer geschworen, ihren eigenen T&ouml;chtern eine bessere Mutter zu sein. Sie w&uuml;rde f&uuml;r sie da sein, alles f&uuml;r sie tun. Eben eine kompetente Mutter, die ihnen Stabilit&auml;t zu geben vermochte. Selbst in den schwierigsten Zeiten. Und die Zeiten waren schwierig. Sind es manchmal heute noch.</p> <p>Ein Schmerz durchzuckt ihren Hinterkopf, als sie wieder unter die Bettdecke schl&uuml;pft, um sich vor der K&auml;lte des ungeheizten Schlafzimmers zu sch&uuml;tzen. Ihre Finger zittern beim Griff nach dem Handy, w&auml;hrend ihr Blick den Wecker auf dem Nachttisch streift. Sie kneift die Lider zusammen, versucht, nicht hinzuschauen, aber das Leuchten der Ziffern sticht ihr in die Augen. Zw&ouml;lf Uhr drei&szlig;ig. Das kann nur ein Anruf von ihrer Tochter sein. Oder jemand ist gestorben. Ihre Fingern&auml;gel kratzen &uuml;ber das Plastik, als sie hastig auf das gr&uuml;ne Icon zur Rufannahme dr&uuml;ckt. Ihre Stimme klingt heiser, als sie spricht.</p> <p>&bdquo;Hallo? Vanessa?&ldquo;</p> <p>Jede andere Stimme w&uuml;rde ihr das Blut in den Adern gefrieren lassen und sie in Panik versetzen. Es ist sp&auml;t, oder fr&uuml;h, je nachdem, wie man es betrachtet, und Anrufe zu dieser Stunde sind Vorboten schlechter Nachrichten. Unf&auml;lle. Todesf&auml;lle. Nachrichten, die das Leben ver&auml;ndern &ndash; und dir den Atem rauben.</p> <p>&bdquo;Entschuldige, Mama. Ich wurde gerade zur Arbeit gerufen. Sie brauchen mich im Pflegeheim. Ich muss los. Kannst du vorbeikommen?&ldquo;</p> <p>Ihre Tochter klingt so wach, als w&auml;re sie schon seit Stunden auf den Beinen. Nicht verschlafen wie Helena. Nicht m&uuml;de und schwindelig und mit dem Wunsch, unter die Bettdecke zu schl&uuml;pfen und wieder einzuschlafen. Vanessa ist auf den Beinen und voller Tatendrang, bereit, das zu tun, was getan werden muss. Zu jeder anderen Zeit w&auml;re Helena stolz auf die Professionalit&auml;t und Loyalit&auml;t ihrer Tochter gewesen. Aber nicht nachts um halb eins. Die Ersch&ouml;pfung hat alle positiven Gedanken ausgel&ouml;scht und ihre scharfen Krallen bis auf die Knochen in ihr Fleisch gegraben.</p> <p>Mit kalten, zusammengeballten F&auml;usten reibt Helena sich die Augen und versucht, den schweren Mantel des Schlafes abzusch&uuml;tteln, der sie in den vergangenen Stunden warm umh&uuml;llt hatte. &bdquo;Gib mir zehn Minuten, dann bin ich unterwegs.&ldquo;</p> <p>Ihre Sinne sind noch benommen, ihre Sicht ist verschwommen, sie stolpert durch das Schlafzimmer, greift nach ihren Kleidungsst&uuml;cken und wirft blindlings ein paar Sachen f&uuml;r die Nacht in eine Tasche. Ein pochendes Gef&uuml;hl h&auml;mmert hart gegen ihre Schl&auml;fen. Sie h&auml;tte nicht gedacht, dass sie nur zwei Stunden nach dem Einschlafen in einen solch tiefen Schlaf fallen w&uuml;rde, aber die Ersch&ouml;pfung hatte sie scheinbar &uuml;berw&auml;ltigt, nachdem sie den ganzen Tag den Garten winterfest gemacht hatte. Wer konnte denn auch ahnen, dass das Zur&uuml;ckschneiden von Str&auml;uchern und das Entfernen verwelkter Rosen sie so auslaugen w&uuml;rde? Im Stillen hatte sie gehofft, dass Vanessa sie nicht anrufen w&uuml;rde, aber diese Hoffnung hat sich nicht erf&uuml;llt, und als ihre Mutter muss sie alles tun, um zu helfen. Weil Eltern das so machen. Anst&auml;ndige Eltern jedenfalls. Nicht jedoch die armselige Gestalt einer Frau, die ihre eigene Erziehung vermasselt hat. Eine Frau, die sich weigert, den Namen von Helenas Vater preiszugeben. Dieselbe Frau, die in ihren letzten Lebensjahren in einer winzigen Wohnung haust, umgeben von verschimmelten Pizzakartons und streunenden Katzen, die ihr bis nach Hause nachlaufen, wenn sie zum Laden an der Ecke geht, um Zigaretten und billigen Wein zu kaufen. Als Helena sie das letzte Mal besucht hat, musste sie &uuml;ber Berge von schmutziger Kleidung und Tellern mit verfaultem Essen klettern, um zu der zusammengekauert in der Ecke sitzenden Gestalt zu gelangen, die sie finster anstarrte.</p> <p>&bdquo;Na, kommst du, um dich an meinem Elend zu weiden? Oder ist das wieder einer deiner j&auml;hrlichen Besuche bei der verr&uuml;ckten alten Furie, die dich zuf&auml;llig zur Welt gebracht hat &ndash; bei dem du wie immer mit steinerner Miene dastehst als w&auml;rst du lieber sonst wo?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Hallo, Mama&ldquo;, war alles, was sie lahm herausbrachte, als sie sich einen Weg durch den M&uuml;ll gebahnt hatte, den Ekel hinunterw&uuml;rgend, w&auml;hrend sie darauf achtete, keine Emotionen zu zeigen und nicht auf die scharfen Sticheleien und bissigen Kommentare einzugehen. Der Klang der Stimme ihrer Mutter zerrt unvermindert an Helenas Nerven. Selbst nach all den Jahrzehnten geht ihr Sylvies Stimme noch unter die Haut, weil sie wie die Nadel eines Plattenspielers klingt, die &uuml;ber eine Schallplatte kratzt.</p> <p>&bdquo;Was auch immer du hier willst, mach schnell. Ich bekomme in zehn Minuten Besuch. Einer dieser Mitarbeiter aus dem Gemeindezentrum kommt mit einem Fotografen von der Lokalzeitung vorbei. Sie wollen mich f&uuml;r eine Auszeichnung nominieren: &sbquo;F&uuml;rsorglichste Nachbarin und Mutter&lsquo;.&ldquo; Ihr Lachen klingt wie ein heiseres Bellen, sie sch&uuml;ttelt den Kopf und mustert Helena mit dunklen, kieselartigen Augen, auf der Suche nach dem geringsten Anzeichen einer Reaktion. Nach irgendetwas, das sie mit ihrer bei&szlig;enden Zunge packen und zerrei&szlig;en kann. An ihren Mundwinkeln hat sich Speichel gebildet, kleine wei&szlig;e Schaumh&auml;ufchen, die sich dort sammeln und dann zerflie&szlig;en und einen feuchten, &ouml;ligen Film hinterlassen, der in silbernen Rinnsalen an ihren Lippen herunterl&auml;uft und &uuml;ber ihr Kinn tropft. Helena wollte w&uuml;rgen, sich umdrehen und fliehen, aber stattdessen tut sie, was sie immer getan hat: Sie bleibt und unterh&auml;lt sich mit der Frau, die sie geboren hat. Die Frau, die sie kaum kennt, geschweige denn versteht. Ganze Welten trennen sie, ihre Denkweisen und Erziehungsmethoden liegen auf v&ouml;llig unterschiedlichen Ebenen. Und doch kommt sie regelm&auml;&szlig;ig, um ihre alternde Mutter zu besuchen. Eine Tochter, die ihre Pflicht tut. Die versucht, sich zu k&uuml;mmern. Die hofft, eine Frau zu &auml;ndern, die in ihren Gewohnheiten festgefahren ist und sich allem widersetzt, was sie von ihrem einmal eingeschlagenen Kurs abbringen k&ouml;nnte.</p> <p>Der Besuch w&auml;hrt nie lange. Die elenden Verh&auml;ltnisse und die Gef&uuml;hlsk&auml;lte ihrer Mutter, bar jeder Zuneigung, bar jeglicher menschlichen W&auml;rme, machen ein l&auml;ngeres Verweilen unm&ouml;glich. Ein Besuch pro Monat gen&uuml;gt Helena, um ihr schlechtes Gewissen zu bes&auml;nftigen &ndash; und um sicherzustellen, dass ihre Mutter nicht zur Statistik verkommt: eine weitere klapprige, unterern&auml;hrte Rentnerin, die einsam im Sessel stirbt und erst Wochen sp&auml;ter &ndash; unter Schutt und Ger&uuml;mpel begraben &ndash; gefunden wird.</p> <p>Ein stechender Schmerz f&auml;hrt ihr in die Magengegend, als sie daran denkt, wie viel Familienleben ihrer Mutter entgeht. Wie sie alles an sich vorbeiziehen l&auml;sst. Und wie viel auch Gavin, Helenas verstorbener Mann und Vater ihrer beiden T&ouml;chter, verpasst hat. Es &auml;rgert sie immer wieder, dass ihre Mutter ihr Leben wegwirft, w&auml;hrend Gavin alles daf&uuml;r gegeben h&auml;tte, um seines zu verl&auml;ngern. Er h&auml;tte seine Enkelkinder geliebt, w&auml;hrend Helenas eigene Mutter sich kaum an ihre Namen erinnern kann. Er w&auml;re stolz gewesen auf Vanessa und ihre Arbeitsmoral. Wie sie diese traumatischen ersten Jahre &uuml;berstanden hat, wie sie wieder Fu&szlig; gefasst hat und zu einem stabilen Halt in Helenas Leben geworden ist, w&auml;hrend sie ihr eigenes Leben als alleinerziehende Mutter meistert. Helena sagt Vanessa viel zu selten, was f&uuml;r ein anst&auml;ndiger Mensch sie ist, wie stolz sie als ihre Mutter darauf ist, wie sie Widrigkeiten &uuml;berwunden und sich dar&uuml;ber phoenixartig erhoben hat und nun wie ein Leuchtfeuer strahlt. Das Leben dr&auml;ngt sich zwischen die Wahrheit und jene so dringend n&ouml;tigen, von Gef&uuml;hl getragenen Augenblicke, in denen Menschen ihre innersten Gedanken aussprechen und wieder zueinanderfinden k&ouml;nnen. Die ausschlaggebenden Momente. Die Bruchst&uuml;cke unserer Existenz, die uns menschlich machen. Vanessa ist nicht perfekt, aber wer ist das schon? Wir alle haben unz&auml;hlige Fehler.</p> <p>Helena zieht sich in Rekordzeit an und streift ihren Mantel &uuml;ber, noch w&auml;hrend sie die Stufen hinuntereilt. Am Fu&szlig; der Treppe schl&uuml;pft sie in ein altes Paar Gartenschuhe und verl&auml;sst dann &ndash; immer noch schlaftrunken &ndash; das Haus, wobei sie die T&uuml;r so leise wie m&ouml;glich abschlie&szlig;t, um die Nachbarn nicht zu wecken.</p> <p>Frost glitzert auf der Windschutzscheibe ihres Autos, die feinen Kristalle funkeln im Licht der Stra&szlig;enlaternen &ndash; ein stiller Hinweis darauf, dass der Winter nicht mehr fern ist. Sie reibt mit dem Mantel&auml;rmel dar&uuml;ber und sucht schnell die Stra&szlig;e nach Anzeichen von Eis ab, bevor sie sich auf den Fahrersitz setzt und r&uuml;ckw&auml;rts aus der Einfahrt f&auml;hrt.</p> <p>Die Fahrt zu Vanessas Haus dauert genau viereinhalb Minuten. Wenn die Sonne scheint, die Stra&szlig;en hell und einladend sind und sie genug Zeit und Energie hat, geht sie zu Fu&szlig;, aber jetzt ist es stockdunkel und die Zeit dr&auml;ngt, also navigiert sie den Wagen durch die dunklen Gassen und bremst vor Vanessas Haus. Die &Uuml;bergabe vollzieht sich rasch und nahtlos, ein eingespielter Ablauf. &bdquo;Danke, Mama. Ich bleibe vermutlich nicht lange weg. Kommt ganz drauf an, was die Nacht bringt. Man kann ja leider nie voraussehen, was im Dienst so alles passiert.&ldquo;</p> <p>Ihre Tochter steht am Tor, hinter ihr l&auml;sst die Eingangst&uuml;r einen schmalen Lichtstreifen auf den Weg fallen, dessen sanfter goldener Schein wie fl&uuml;ssiges Gold inmitten der Dunkelheit wirkt. Wie eine sanfte Brise, die Helenas Haut streichelt, beugt sich ihre Tochter vor, ber&uuml;hrt kurz ihren Arm und verschwindet dann in der Nacht. Das leise Surren ihres Motors ist das einzige Zeichen daf&uuml;r, dass sie eben noch hier war.</p> <p>Drinnen legt Helena ihren Mantel ab, fr&ouml;stelt im kalten Haus. Wie erwartet herrscht Stille: Die Kinder schlafen bereits, kein Geschrei, kein Geplapper &ndash; nur eine schwere, bedr&uuml;ckende Ruhe, die sich wie ein Leichentuch &uuml;ber sie legt. Um sieben Uhr morgens werden sie wieder auf den Beinen sein und herumrennen. Selbst wenn Vanessa vorher zur&uuml;ckkommt, wird Helena hier &uuml;bernachten, die Kinder fertig machen und sie zur Schule bringen. Sie wird das Fr&uuml;hst&uuml;ck abr&auml;umen und ihre Tochter noch etwas schlafen lassen, bevor deren n&auml;chste Schicht beginnt. Sie und Vanessa hatten in der Vergangenheit ihre Differenzen, aber als alleinerziehende Mutter hat Helena genug Einf&uuml;hlungsverm&ouml;gen, Verst&auml;ndnis und Mitgef&uuml;hl, um zu wissen, dass man bei der F&uuml;hrung eines Haushalts und der Erziehung von Kindern, sei es allein oder sogar als Paar, so viel Hilfe braucht, wie man bekommen kann. Au&szlig;erdem ist Vanessa ihre Tochter, und wenn die eigene Mutter sie nicht unterst&uuml;tzt, wenn sie Hilfe braucht, wer dann? &Uuml;berall im ganzen Land, auf der ganzen Welt gibt es famili&auml;re Streitigkeiten, aber wenn alle an einem Strang ziehen, wird das Gewebe ihres Zusammenlebens gest&auml;rkt. So straff und z&auml;h wie eine Darmsaite.</p> <p>Vanessa war erst sieben Jahre alt, als Gavin starb, ihre Schwester Rachel gerade einmal vier. Sie weinten, sie trauerten. Helena schluchzte jeden Abend in ihr Kissen, wenn die Kinder im Bett lagen, und ging am n&auml;chsten Morgen mit einem Gef&uuml;hl der Leere und Trauer zur Arbeit. Jeder Tag brachte ein neues Gef&uuml;hl des Verlassenseins mit sich. Und doch ging das Leben weiter. Die Erde drehte sich weiter um ihre Achse, auch wenn ihre kleine Welt brutal auseinandergerissen worden war. Die Menschen m&auml;hten Rasen und putzten Fenster. Sie tranken Kaffee in schicken Caf&eacute;s, gingen einkaufen, unterhielten sich, tanzten und lachten. Helena brauchte Wochen, vielleicht sogar Monate, um zu begreifen, dass ihre Trauer f&uuml;r andere unsichtbar war, dass die Menschen um sie herum ihren Gewichtsverlust und ihr ausgezehrtes, geisterhaftes Aussehen nicht wahrnahmen, weil sie ihr normales Leben weiterf&uuml;hrten, mit eigenen Gewohnheiten, in ihren eigenen Familien und mit Jobs, die ihre Zeit ausf&uuml;llten. Jeden Tag durchflutete sie die komplette Gef&uuml;hlsskala von Verwirrung bis zu v&ouml;lliger Wut dar&uuml;ber, dass die anderen nicht sehen konnten, wie sehr sie litt. Aber allm&auml;hlich begann sie zu verstehen, dass Menschen den Schmerz anderer nicht f&uuml;hlen k&ouml;nnen. Niemand kann nachvollziehen, was in jemandem vorgeht, der einen geliebten Menschen verloren hat. Trauer ist universell und einzigartig zugleich. Ein komplexes Gef&uuml;hl, das ein breites Spektrum an Emotionen umfasst. Aber Helena versteht Vanessas Trauer und wenngleich sie einige Differenzen auszutragen hatten, tut sie f&uuml;r ihre Tochter alles in ihrer Macht Stehende. Den Streitigkeiten zum Trotz, die ihren Alltag bestimmten. Vanessa litt unter dem Verlust ihres Vaters. Rachel war j&uuml;nger, ihre Emotionen noch nicht voll entwickelt, ihr Bewusstsein f&uuml;r die Ereignisse begrenzt. Aber Vanessa war in einem Alter, in dem sich Erlebnisse tief einpr&auml;gen. Nacht f&uuml;r Nacht ihre &auml;lteste Tochter weinen zu h&ouml;ren, vermischt mit ihrem eigenen Schluchzen, das wird Helena niemals vergessen. Vanessa und Helena verbindet etwas Besonderes. Eine Verbindung, die im Laufe der Jahre etwas ausgefranst und manchmal sogar vollst&auml;ndig zerrissen schien. Aber immer ist da noch ein Faden, ein kleiner Faserstrang, der sie zusammenh&auml;lt. Eine fundamentale, untrennbare Beziehung.</p> <p>Als sie nach Noah und Mabel sieht, schlafen beide tief und fest, ihre kleinen Gesichter in die Kissen vergraben. Sie zieht sich aus und legt sich in das Einzelbett im G&auml;stezimmer, wo eine Welle der Ersch&ouml;pfung sie f&uuml;r die n&auml;chsten Stunden in einen finsteren Abgrund zieht.</p> <h2>Kapitel 2</h2> <div class="style_time_loc"> <p>Alex</p> </div> <div class="style_time_loc"> <p>Zwanzig Jahre zuvor</p> </div> <p>&bdquo;Gib das zur&uuml;ck, Alex. Das geh&ouml;rt dir nicht.&ldquo; Saskias keifende Stimme, die normalerweise zart und kaum mehr als ein Fl&uuml;stern war, dr&ouml;hnte durch das Klassenzimmer, prallte von der hohen Decke ab und hallte von den weitl&auml;ufigen Gipsw&auml;nden des viktorianischen Geb&auml;udes wider.</p> <p>Blonde Locken umspielten ihr Gesicht, als sie sprach. Sie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her und beugte sich vor, um nach dem silbernen Federm&auml;ppchen zu schnappen, das Alex fest umklammert hielt. Er verst&auml;rkte seinen Griff um seine Beute. Verzweifelt bem&uuml;ht, etwas zu haben, das er sein Eigen nennen konnte.</p> <p>Die Augen zusammengekniffen und den Blick gesenkt, sp&uuml;rte er, wie die Lehrerin ihn von der anderen Seite des Raumes beobachtete. Sein R&uuml;cken war steif, jeder Muskel seines K&ouml;rpers angespannt und unnachgiebig. Er war bereit. Bereit f&uuml;r den Kampf, der in wenigen Sekunden losbrechen w&uuml;rde. Nachgeben &ndash; nicht mit ihm. Ganz egal, wer sein Gegner war &ndash; Junge, M&auml;dchen, Lehrer oder Eltern; Alex wusste, dass in ihm eine Zeitbombe tickte, die bei der geringsten Provokation zu explodieren drohte. Er konnte nichts dagegen tun. Es steckte einfach in ihm drin. Manchmal stellte er sich seine Wut wie einen Drachen oder einen herumstreifenden Tiger vor. Die Lehrerin war zu weit weg, um eingreifen zu k&ouml;nnen. Sie konnte nicht &uuml;berall sein. Und sie hatte einen anstrengenden Tag gehabt. Von Stunde zu Stunde nahm ihre Gereiztheit und damit ihre Ersch&ouml;pfung zu und hinterlie&szlig; winzige unsichtbare Spuren. Alex hatte einmal geh&ouml;rt, wie sie nach dem Unterricht im Flur zu einer anderen Lehrerin sagte, dass der Versuch, das schlechte Benehmen eines Kindes zu unterbinden, bevor es eskaliert, mit einer Tellerjonglage oder dem Spiel &bdquo;Hau-den-Maulwurf&ldquo; zu vergleichen sei. Kaum habe man ein Problem gel&ouml;st, tauche schon das n&auml;chste auf. Das hatte ihn zum Lachen gebracht. Auf dem Heimweg hatte er dar&uuml;ber nachgedacht und sich Miss Lathaway als Zirkusartistin oder auf einem Jahrmarkt vorgestellt, wo sie immer w&uuml;tender wurde, weil sie den Maulwurf mit einem Spielzeughammer nicht richtig treffen konnte.</p> <p>Nachgiebig war sie jedoch nicht. Das wusste er. Er hatte sie in Aktion gesehen. Streitigkeiten auf dem Schulhof schlichtete sie souver&auml;n. Er hatte oft gesehen, wie sie Kinder trennte und ihnen mit allen m&ouml;glichen Strafen drohte. Aber Vorf&auml;lle mit Alex waren immer anders. Weil <i>er</i> anders war. Er tat es nicht absichtlich, er war einfach so.</p> <p><i>&bdquo;Der bringt mich noch um den Verstand.&ldquo;</i> Das hatte Miss Lathaway der Schulleiterin, Mrs Brown, letzte Woche mit einem Fingerzeig auf ihn geantwortet, als diese ihren Kopf zur T&uuml;r hereinsteckte, um zu fragen, was der L&auml;rm zu bedeuten h&auml;tte.</p> <p>Zuvor hatte Alex sich geweigert, seine Arbeit fertigzustellen, sie zerrissen und geschrien, dass das &bdquo;alles hier eine verdammte Zeitverschwendung&ldquo; sei.</p> <p>Er h&auml;tte das nicht tun sollen, das wusste er, aber manchmal spukten dunkle Gedanken in seinem Kopf herum. B&ouml;sartige Gedanken. Und ob es ihm gefiel oder nicht, er musste ihnen gehorchen.</p> <p>Jetzt sah er, wie sie aufstand und sich durch den Raum schl&auml;ngelte, wobei sie ihre H&uuml;ften hin und her schwang, um den Ecken der Schreibtische auszuweichen. Er konnte ihre Anwesenheit sp&uuml;ren, ohne auch nur aufzublicken, ihren Kaffeegeruch riechen, w&uuml;rzig und stark. Da war noch ein anderer Duft &ndash; Parf&uuml;m. Das mochte er an ihr, dass sie immer so gut roch, aber heute mischte sich da noch etwas hinein. Etwas Unangenehmes. Ein dunkler, feuchter Fleck erschien unter ihren Achseln, der neue, ungew&ouml;hnliche Geruch verst&auml;rkte sich schnell, als sie sich &uuml;ber ihn beugte und ihm ins Ohr zischte:</p> <p>&bdquo;Ich nehme das, danke. Ich gebe es seinem rechtm&auml;&szlig;igen Besitzer zur&uuml;ck.&ldquo; Ihre sonst so kraftvolle Stimme klang pl&ouml;tzlich nicht mehr so &uuml;berzeugt. Sie war m&uuml;de. Er konnte es in ihren Augen sehen, an der Art, wie sie seufzte, wie sich ihre Brust hob und senkte, an ihrer schrillen Stimme, die eher nach einem aufgeregten Vogel klang als nach einer w&uuml;tenden Lehrerin.</p> <p>Alex hielt das Federm&auml;ppchen fest. Er wusste nicht einmal, warum er es besitzen wollte, aber er w&uuml;rde es nicht loslassen. Seine Finger krallten sich um das silberne, mit Glitzer bedeckte Geh&auml;use, und sein Widerstand, es wieder herzugeben, wurde immer st&auml;rker.</p> <p>Er warf ihr einen seiner dunklen, leblosen Blicke zu. Die Blicke, die seine Mutter so w&uuml;tend machten, dass sie ihn anbr&uuml;llte, er sei ein verdammtes St&uuml;ck Dreck, ein Nichts.</p> <p>&bdquo;Alex hat dieses sch&ouml;ne Federm&auml;ppchen gefunden und passt freundlicherweise darauf auf.&ldquo; Miss Lathaways Stimme hallte durch den Raum, und ihr strenger Klang lie&szlig; alle verstummen. Ein Meer von weit aufgerissenen Kinderaugen beobachtete sie und lauschte gespannt darauf, was als N&auml;chstes kommen w&uuml;rde. &bdquo;Wei&szlig; irgendjemand, wem das geh&ouml;rt?&ldquo;</p> <p>Abrupt zog sie seinen Arm in die H&ouml;he und sch&uuml;ttelte das Etui dabei so, dass der Inhalt raschelnd und klappernd die Stille im aufgeschreckten Klassenzimmer durchbrach.</p> <p>Alex h&ouml;rte seinen eigenen Atem in seinen Ohren rasseln. Er hatte keine Angst. Er f&uuml;hlte nichts. Seine Finger immer noch fest um das Federm&auml;ppchen gekrallt, sa&szlig; er einfach da und wartete auf das, was nun geschehen w&uuml;rde.</p> <p>Da hob Oscar die Hand. Oscar mit seinen kostspielig aussehenden neuen Klamotten und Schuhen und den vielen Spielsachen, die er regelm&auml;&szlig;ig mit in die Schule brachte. Alex beobachtete, wie der Junge Miss Lathaway suchend ansah, um eine Antwort darauf zu finden, wie sein Eigentum in die H&auml;nde von Alex Broadwood gelangt war. Sein &uuml;berraschter Gesichtsausdruck rang Alex ein L&auml;cheln ab. Oscar hatte vielleicht jede Menge neue Sachen. Aber Cleverness? <span>Die lie&szlig; sich nicht kaufen.</span> Er hatte sich seine eigenen Methoden angeeignet, um sicherzustellen, dass er alles bekam, was er brauchte. Alex war auf eine Art clever, von der andere nur tr&auml;umten.</p> <p>&bdquo;Das geh&ouml;rt mir, Miss Lathaway. Ich habe es heute Morgen verloren. Ich habe es vor der Pause in meine Tasche gesteckt, und als wir vom Schulhof hereinkamen, war es nicht mehr da.&ldquo;</p> <p>Er h&auml;tte es auch gar nicht finden k&ouml;nnen, weil Alex ihn beobachtet und sich das M&auml;ppchen einfach genommen hatte. Manchmal nahm er Dinge, die er gar so toll fand, nur weil es sich gut anf&uuml;hlte, etwas zu besitzen. Aber jetzt musste er eine Entscheidung treffen: entweder es hergeben oder darum k&auml;mpfen. Manchmal griff Miss Lathaway zu Verhandlungen, wenn Sch&uuml;ler sich weigerten, etwas zu tun &ndash; doch bei Alex zogen weder Bestechung noch Drohungen. Er tanzte nach seiner eigenen Pfeife, das hatte er schon immer getan, und jetzt musste er eine Entscheidung treffen &ndash; das M&auml;ppchen behalten und riskieren, nach dem Unterricht zu einer &bdquo;Unterredung&ldquo; mit seiner Lehrerin bleiben zu m&uuml;ssen, oder es hergeben und wie ein Schw&auml;chling dastehen, wie ein Kind, das Angst hatte, ausgeschimpft zu werden.</p> <p>Etwas Positives hatte seine Aktion schon jetzt: Als er die junge Lehrerin beobachtete, konnte er sehen, wie Panik in ihr aufstieg, wie er, ein kleiner Junge, der noch in der Grundschule war, die Macht hatte, sie zu einer ver&auml;ngstigten jungen Frau zu machen. Ihre Halsschlagader pochte sichtbar, als ob ein kleines Tier in ihrer Kehle gefangen war und versuchte, sich herauszuwinden. Vielleicht war es doch keine so schlechte Idee, ihr das Federm&auml;ppchen zu geben. Er hatte bereits gewonnen, seine Lehrerin so sehr beunruhigt und ver&auml;ngstigt, dass sie Herzklopfen bekam. Jetzt verstand er, was es bedeutete, wenn jemand angab, das Herz schl&uuml;ge ihm bis zum Hals. Und er hatte das geschafft. Er war eben doch kein Schw&auml;chling, er war m&auml;chtig und stark und besser als alle anderen in diesem Raum. Vor allem besser als seine Lehrerin, die sich als regelrechter Angsthase entpuppte. Eine Erwachsene, die sich Sorgen machte, was er als N&auml;chstes tun w&uuml;rde. <i>Das</i> war echte Macht und St&auml;rke. Er f&uuml;hlte sich wie auf einem Berggipfel. Der Wind wehte ihm um die Ohren und die Sonne w&auml;rmte ihn. Er war klug und kontrolliert und allen anderen in der Klasse &uuml;berlegen.</p> <p>Alex wartete gespannt darauf, was sie als N&auml;chstes tun w&uuml;rde. Wie sie reagieren und was sie sagen w&uuml;rde, um die ganze Situation zu entsch&auml;rfen. Er hatte keine Angst. Wenn &uuml;berhaupt, war er etwas aufgeregt. Drei&szlig;ig Augenpaare waren auf ihn gerichtet, w&auml;hrend sie warteten, drei&szlig;ig halb ge&ouml;ffnete M&uuml;nder, gespannt darauf, was sich gleich abspielen w&uuml;rde. Alex wusste, was alle von ihm dachten. Er war der Junge, der regelm&auml;&szlig;ig andere Kinder bestahl, ihre Habseligkeiten in seinen Taschen versteckte und sich nicht sch&auml;mte, das Eigentum anderer Kinder mit nach Hause zu nehmen, wenn um drei Uhr die Schulglocke l&auml;utete. Es war einfach etwas, das er tat, etwas, das er weder verstand noch kontrollieren konnte. Es war einfach so.</p> <p>Die Luft im Raum war zum Schneiden, man h&ouml;rte nichts als das Ticken der Wanduhr. Abgesehen von dem Ger&auml;usch, als Miss Lathaway hart schluckte. Es war, als w&uuml;rde sie versuchen, das kleine Wesen hinunterzuschlucken, das so heftig in ihrem Hals strampelte, indem sie es zwischen ihren Fingern festhielt, dr&uuml;ckte und das weiche Fleisch an dieser Stelle bearbeitete, in der Hoffnung, es zu zerquetschen und dadurch loszuwerden.</p> <p>&bdquo;Danke, dass du dich darum gek&uuml;mmert hast, Alex.&ldquo; Er sp&uuml;rte die Anspannung in ihrem Griff, als sie versuchte, es ihm aus den H&auml;nden zu rei&szlig;en. Das w&uuml;rde ihr nicht gelingen. Das w&uuml;rde er nicht zulassen. Sein Griff war fester als ihrer, seine hei&szlig;en kleinen H&auml;nde hielten das Plastik fest, dr&uuml;ckten es flach und taten alles, um die Kontrolle &uuml;ber die Situation zu behalten.</p> <p>Dann, pl&ouml;tzlich &ndash; als h&auml;tte man ihm diesen einen Moment zum Geschenk gemacht &ndash; lockerte sich ihr Griff. Ob das ihre Absicht war oder unbewusst geschah, wusste er nicht. Es f&uuml;hrte jedenfalls dazu, dass er langsam und ruhig aufstand. Die Stille lag bleischwer &uuml;ber dem Raum. Er w&uuml;rde das Federm&auml;ppchen zur&uuml;ckgeben, aber nur, weil <i>er</i> es wollte, nicht weil <i>sie</i> ihn dazu gebracht hatte. Seine Schuhe quietschten auf dem Vinylboden, als er zu Oscar hin&uuml;berging und den kleinen glitzernden Gegenstand auf sein Schreibpult pfefferte. Mit einem Klatschen landete das M&auml;ppchen auf der beschichteten Oberfl&auml;che, und eine Reihe kleiner Buntstifte fiel heraus und kullerte auf den Boden. Alex sah h&auml;misch zu, wie Oscar unter dem Tisch herumkrabbelte und versuchte, seine Kostbarkeiten zusammenzuklauben. Was f&uuml;r ein Spinner. Das waren nur Stifte. Nichts Besonderes. Alex hatte sie sowieso nie wirklich haben wollen. Es ging ihm nie um die Gegenst&auml;nde, wenn er etwas nahm. Lediglich um Kontrolle. Au&szlig;erdem war das hier f&uuml;r ihn l&auml;ngst nicht vorbei. Er hatte noch ein Ass im &Auml;rmel &ndash; etwas Krasses, Aufregendes. Er w&uuml;rde Oscar schon zeigen, dass Alex Broadwood immer als Sieger vom Platz ging. Alex lie&szlig; sich nie unterkriegen. Niemals.</p> <div class="divider"> <p>***</p> </div> <p>Die n&auml;chste Stunde verging ohne Zwischenf&auml;lle, und als die letzte Klingel des Tages schrillte, ging ein kollektiver Seufzer der Erleichterung durch die Klasse. Sie alle f&uuml;rchteten und hassten ihn. Meistens f&uuml;hlte sich das ganz gut an, aber wenn er ganz ehrlich war, machte es ihn manchmal auch ziemlich traurig. Es stach wie Nadeln, wenn sie sich wegdrehten, kaum dass er n&auml;her kam. Er hatte beobachtet, wie sie alle zusammen spielten, sich an den Armen hielten und lachten. Er wollte auch so sein, aber er wusste nicht, wie er das erreichen konnte. Die in ihm brodelnde Wut und sein Neid lie&szlig;en ihn immer Dinge tun, die alle anderen abschreckten.</p> <p>Mit dem L&auml;uten der Glocke lockerte sich auch die starre Haltung seiner Lehrerin. Er hatte beobachtet, wie sie den Rest des Nachmittags dagesessen hatte, mit gerade aufgerichtetem K&ouml;rper in alle Richtungen blickend, um einen weiteren Zwischenfall zu vermeiden. Es war Freitag. Freitags waren alle besser gelaunt. Alle au&szlig;er Alex. Freitag, das bedeutete f&uuml;r Alex zwei ganze Tage, in denen er mit seiner Mutter zu Hause allein war. Zwei Tage voller Dunkelheit und unvorhersehbarem Verhalten. Alex ballte die F&auml;uste so fest, dass seine Fingern&auml;gel schmerzhaft in die Haut schnitten. Sein Bauch war ein einziger harter Knoten, als h&auml;tte er einen schweren Stein hinuntergeschluckt. Er sp&uuml;rte die Hitze in seiner Brust, den Druck, der nur darauf wartete, entweichen zu k&ouml;nnen. Die anderen Sch&uuml;ler tummelten sich herum, sammelten M&auml;ntel und Taschen ein und strahlten voller kindlicher Vorfreude &uuml;ber das ganze Gesicht. Er hasste sie alle. Er hasste ihr ordentliches, immer gleich verlaufendes, l&auml;cherliches Leben. Und besonders hasste er Oscar mit seinem bl&ouml;den gl&auml;nzenden Federm&auml;ppchen und der Art, wie er sich anbiederte, bedacht darauf, nie etwas falsch zu machen, und Miss Lathaway anl&auml;chelte, als w&auml;ren sie beste Freunde.</p> <p>Er w&uuml;rde seinen Plan in die Tat umsetzen, wenn alle anderen aus der T&uuml;r str&ouml;mten und mit ihren Augen die Menge der wartenden Eltern abscannten, w&auml;hrend er allein nach Hause gehen musste. Bei dem Gedanken daran, was ihn erwarten w&uuml;rde, wenn er durch die Haust&uuml;r trat, zog sich sein Bauch zusammen, als h&auml;tte er einen Stein verschluckt. Er machte nicht einmal den Versuch, das, was als N&auml;chstes geschah, wie einen Unfall aussehen zu lassen oder als ungeschickte Tollpatschigkeit, als w&auml;re er in seiner Aufregung &uuml;ber die eigenen F&uuml;&szlig;e gestolpert. Nein &ndash; es sollte wie ein Sto&szlig; wirken. Ein kr&auml;ftiger. Alex&rsquo; Hand, seine Schulter und der gesamte Oberk&ouml;rper krachten gegen den nichts ahnenden Oscar, der unsanft auf dem Beton landete. Ein fl&uuml;chtiger Blick auf die zusammengekr&uuml;mmte Gestalt reichte Alex, um zu wissen, dass er ganze Arbeit geleistet hatte. Oscars H&auml;nde waren aufgesch&uuml;rft und voller Staub, seine Knie aufgeschlagen. Mit glasigen Augen, in denen Tr&auml;nen und Verwirrung zu erkennen waren, schaute er zu Alex hoch. Blutspuren zeichneten sich durch den zerrissenen Stoff seiner Hose ab. Alex l&auml;chelte in sich hinein. Erledigt.</p> <p>Alex sog den Anblick in sich auf. Endlich. Endlich war da einer, der kleiner war als er. Schw&auml;cher wirkte. Endlich hatte er etwas im Griff. Ein Zucken huschte &uuml;ber seine Lippen &ndash; ein leises, dunkles L&auml;cheln der Genugtuung.</p> <p>Hinter ihm versammelte sich eine Menschenmenge, die dem verletzten Jungen tr&ouml;stende Worte zuraunte. In ihre Rufe, er solle Oscar in Ruhe lassen, mischte sich von der Schult&uuml;r her jetzt auch Miss Lathaways Befehl, sofort zur&uuml;ckzukommen.</p> <p>Zu sp&auml;t. Er war bereits auf halbem Weg durch das Tor, schl&auml;ngelte sich durch die Menge der wartenden Eltern und verschmolz mit ihnen, bevor er endg&uuml;ltig aus dem Blickfeld verschwand. Am Montag w&uuml;rde er zweifellos f&uuml;r seine S&uuml;nden bezahlen m&uuml;ssen, aber bis Montag war noch viel Zeit. Zu Hause warteten dringendere Probleme auf ihn: eine betrunkene Mutter, ein verwahrlostes Haus, leere Schr&auml;nke. Dagegen sind ein kleiner Schubs und ein weinender Oscar v&ouml;llig unbedeutend. Keiner von seinen Mitsch&uuml;lern kannte ihn wirklich. Und sie hatten auch keine Ahnung von seinen Sehns&uuml;chten und den boshaften, grausamen Gedanken, die in seinem Kopf herumschwirrten.</p> <p>In sich gekehrt l&auml;chelte Alex, als er in einen abgelegenen Schleichweg einbog, einges&auml;umt von einem Gewirr aus Brombeerstr&auml;uchern und &uuml;berwucherten Hecken. Hier st&ouml;rte ihn keiner mehr. Endlich allein. Nur er und seine Gedanken gegen den Rest der Welt. Erleichtert, all das hinter sich gelassen zu haben, trat Alex aus dem matschigen Pfad heraus und bog in die schmale Gasse ein, die zu seinem Haus f&uuml;hrte. Vor dem Tor blieb er stehen, holte tief Luft und legte die Hand an den Griff &ndash; bereit, das eine Problem gegen das n&auml;chste zu tauschen.</p> <h2>Kapitel 3</h2> <div class="style_time_loc"> <p>Helena</p> </div> <p>&bdquo;Iss das jetzt, Noah. Wenn du nichts isst, wird Oma richtig sauer. Nur einen kleinen Bissen, das ist doch echt nicht schlimm.&ldquo; Mabels strenger, belehrender Tonfall tr&auml;gt nicht gerade dazu bei, die angespannte Stimmung zu entsch&auml;rfen, und ihre aufmunternden Worte verfehlen ihre Wirkung, als Noah den Kopf sch&uuml;ttelt und mit seiner kleinen Faust auf den Tisch schl&auml;gt.</p> <p>Mit einem Wisch bugsieren seine kleinen, kurzen Kinderfinger die vor ihm liegende Scheibe Toast auf den Boden, wo sie mit der Butterseite nach unten landet und ein schmatzend-feuchtes Ger&auml;usch von sich gibt. Helena atmet schwer, w&auml;hrend sie Luft holt. Ihr L&auml;cheln verkommt zu einer Grimasse. Es ist nur Toast. Den Boden kann sie gleich putzen, die Butter abwischen. Es ist nur ein unbedeutender Zwischenfall, kein Grund, w&uuml;tend zu werden oder die Stimme zu erheben. Er ist ein Kind, sie ist seine Gro&szlig;mutter; sie darf bestimmte Dinge durchgehen lassen. Nicht wie damals, als ihre eigenen Kinder klein waren, sie noch keine Erfahrung hatte und immer in Eile war. Stets bem&uuml;ht, alles richtig zu machen und daf&uuml;r zu sorgen, dass sie nicht hungrig zur Schule gingen, was dazu f&uuml;hrte, dass sie sich st&auml;ndig &uuml;berfordert f&uuml;hlte. Eine alleinerziehende Mutter am Rande des Abgrunds.</p> <p>&bdquo;Noah, du bekommst Bauchschmerzen und wirst in der Schule Hunger haben, wenn du jetzt nichts isst.&ldquo; Einf&uuml;hlsam und mit sanfter Stimme findet sie die richtigen Worte und tut, was sie kann, um ihn zu ermutigen, dabei wei&szlig; sie genau, dass ihm einer der Lehrer einen M&uuml;sliriegel oder ein St&uuml;ck Obst geben wird, sollte er in der Schule Anzeichen von Hunger zeigen. So verl&auml;uft ihre morgendliche Routine &uuml;blicherweise. Noah ist klug genug, um ihre Bitten und Schmeicheleien zu durchschauen und ihnen nicht nachzugeben, denn er hat schon Bilder von seinem Ersatzfr&uuml;hst&uuml;ck vor Augen. Die Vorstellung, in der Schule bevorzugt behandelt zu werden, ist ein verlockender Gedanke in seinem kleinen, sich gerade erst entwickelnden Gehirn. Er liebt seine Oma, aber diese n&auml;chtlichen Anrufe haben Auswirkungen auf ihn. Auf sie alle. Er vermisst seine Mama und ist oft verzweifelt, wenn er aufwacht und sie mal wieder nicht da ist.</p> <p>&bdquo;Also gut, los geht's. Holt eure Taschen und Jacken und steigt ins Auto, sonst kommen wir zu sp&auml;t.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Ist Mama im Bett?&ldquo; Mabels Stimme durchdringt den Aufbruchsl&auml;rm und den allgemeinen Trubel.</p> <p>&bdquo;Ja, deshalb m&uuml;ssen wir leise sein. Sie wurde gestern Abend sehr sp&auml;t zur Arbeit gerufen und ist sehr m&uuml;de.&ldquo; Mit dem Zeigefinger auf ihren Lippen macht sie eine Geste des Schweigens, wohl wissend, dass das kaum etwas an der Lautst&auml;rke &auml;ndern wird. Es sind Kinder. L&auml;rm zu machen geh&ouml;rt zu ihrem Naturell.</p> <p>&bdquo;Immer ist sie bei der Arbeit. Und danach ist sie immer m&uuml;de.&ldquo; Noah runzelt die Stirn, schiebt schmollend die Unterlippe vor und senkt protestierend die Augenlider. Unter seinen dunklen Wimpern huscht ein nerv&ouml;ses Blinzeln &uuml;ber die schmalen Augen, w&auml;hrend er den Kopf abwendet und Helena nur mit einem knappen Seitenblick bedenkt &ndash; ein Blick voller Frustration, der die unterschwellige Wut nur m&uuml;hsam verbirgt.</p> <p>&bdquo;Und sie ist immer w&uuml;tend.&ldquo; Mabels singende Stimme steht im krassen Kontrast zu der zischenden Erkl&auml;rung ihres Bruders. Ein kindlicher Ton, leicht und luftig, als w&auml;ren ihre Worte nichts weiter als eine Feststellung, als w&auml;re die Wut ihrer Mutter etwas, an das sie sich leichthin gew&ouml;hnt hat.</p> <p>Helena zieht die Augenbrauen zusammen, w&auml;hrend ihr ein unerkl&auml;rlicher Schauer &uuml;ber den R&uuml;cken l&auml;uft. Sicher, Vanessa hatte immer schon ein temperamentvolles Wesen. Aber Helena hatte gehofft, dass sich das mit den Jahren gelegt h&auml;tte, dass die Mutterschaft die scharfen Kanten ihrer Tochter abrunden, sie nachgiebiger und einf&uuml;hlsamer machen w&uuml;rde. Nun entfacht Mabels Bemerkung in ihrem Inneren eine hei&szlig;e und beunruhigende Glut. Erinnerungen an Vanessas Jugend. Streit. H&auml;ssliche Worte, laut ausgesprochen. Beleidigungen, die sie jedem entgegenschleuderte, der ihr in einem ihrer Wutanf&auml;lle in die Quere kam.</p> <p>Sie zuckt bei dem Gedanken daran zusammen, streckt die Arme aus, um jedes ihrer Enkelkinder kurz darin einzuh&uuml;llen, ignoriert beide Aussagen und gibt sich alle M&uuml;he, sie zur Eile zu dr&auml;ngen. &bdquo;Kommt schon&ldquo;, verk&uuml;ndet sie fr&ouml;hlich, &bdquo;der Letzte, der aus dem Haus geht, ist ein Stinker.&ldquo;</p> <p>Freudenschreie hallen um sie herum. Auf dem Holzboden lassen sich die trippelnden Schritte der Kinder vernehmen, w&auml;hrend Mabel und Noah auf den Weg laufen, wo sie kurz schweigend innehalten und zu Vanessas Schlafzimmerfenster hinaufschauen. Helena wirft keinen Blick auf die fest zugezogenen Vorh&auml;nge. Erst als sie im Auto sitzen und schon mehr als die H&auml;lfte der Strecke zur Schule zur&uuml;ckgelegt haben, geht sie auf ihre Bedenken ein.</p> <p>&bdquo;Eure Mama arbeitet sehr hart, wisst ihr. Sie ist die Leiterin eines stark ausgelasteten Pflegeheims, in dem viele alte und gebrechliche Menschen leben.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Stellvertretende Leiterin&ldquo;, unterbricht Mabel sie, und ihre Richtigstellung klingt scharf und unvers&ouml;hnlich. Sie vermittelt eine Ver&auml;rgerung, die ihrem Alter so gar nicht entspricht.</p> <p>Helena unterdr&uuml;ckt den Seufzer, der ihr in der Kehle steckt. Jetzt ist nicht die Zeit f&uuml;r Schelte oder Vortr&auml;ge &uuml;ber Vergebung und Toleranz und dar&uuml;ber, dass Erwachsene sich abrackern, weil sie Hypotheken und Rechnungen bezahlen m&uuml;ssen. Sie weigert sich, zu glauben, dass Vanessa gemein zu ihren Kindern ist. Ein temperamentvolles Wesen zu haben ist eine Sache, absichtlich grausam zu sein eine ganz andere. Stattdessen atmet sie tief durch, umklammert das Lenkrad und versucht, ihre letzte Energie zu sparen, bevor sie ihr wie Wasser aus einem Sieb entweicht. Heute wird ein langer Tag. Sie hatte definitiv zu wenig Schlaf f&uuml;r die vielen vor ihr liegenden Aufgaben.</p> <p>&bdquo;Okay, <i>stellvertretende</i> Leiterin, aber es ist trotzdem ein sehr anspruchsvoller Job. Vielleicht umarmt ihr sie heute Abend einfach mal ganz doll, wenn sie euch von Josie abholt? Vielleicht k&ouml;nntet ihr eure Zimmer auch selbst aufr&auml;umen und sauber halten? Dann muss sie das nicht auch noch machen und ist vielleicht nicht mehr so m&uuml;de und schlecht gelaunt. Nur so eine Idee.&ldquo;</p> <p>Ein kurzer Blick in den R&uuml;ckspiegel trifft auf zwei traurige Augenpaare. Helena wei&szlig; tief in ihrem Inneren, dass sie das Temperament ihrer Tochter gerade mal wieder herunterspielt, aber sie muss tun, was sie kann, um die Stimmung aufzulockern und Mabel und Noah zu best&auml;tigen, dass sie bedingungslos geliebt werden. Um die Atmosph&auml;re aufzuhellen, schaltet Helena das Autoradio ein und alle singen zu den sanften Kl&auml;ngen von George Ezra mit. Als sie vor dem Schultor ankommen, sind ihre vorherigen Bemerkungen l&auml;ngst vergessen.</p> <p>&bdquo;Josie holt euch heute von der Schule ab, und dann kommt Mama dorthin und nimmt euch mit nach Hause.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Und du, Oma? Wo bist du?&ldquo;</p> <p>Schon wieder dieser stille Vorwurf. Helena muss arbeiten &ndash; sie will arbeiten. Sie kann nicht &uuml;berall sein.</p> <p>Und Josie ist eine Kinderbetreuerin, die praktisch zur Familie geh&ouml;rt. Eine geduldige, zuverl&auml;ssige Frau, die obendrein noch angemessene Preise verlangt.</p> <p>&bdquo;Ich habe einen Job, meine Lieben, das wisst ihr doch. Ich fahre direkt dorthin, nachdem ich euch zur Schule gebracht habe.&ldquo;</p> <p>Es ist nur eine Teilzeitstelle in der Stadtbibliothek, aber ihr Job hilft ihr, nicht den Verstand zu verlieren. Als sie davor zu viele Stunden zu Hause verbracht hatte, f&uuml;hrte das nur dazu, dass unz&auml;hlige d&uuml;stere Gedanken in ihrem unbesch&auml;ftigten Kopf herumschwirrten. Die Kinder zur Schule zu fahren und sonst nichts zu tun, vernebelte ihren Verstand, und so bewarb sie sich spontan um die Stelle als Assistentin in der Stadtbibliothek und bekam damit den perfekten Job: nur ein paar Stunden pro Woche und wenig Verantwortung. Sie hat weder die Energie noch die Lust, irgendetwas zu tun, das sie auch nur im Entferntesten anstrengt. Dieser Job hingegen war bestens geeignet, sie passend zu besch&auml;ftigen, um die Dunkelheit fernzuhalten. Die F&uuml;hrungsaufgaben in einem gro&szlig;en, gesch&auml;ftigen B&uuml;ro, die sie einst so geliebt hatte, w&uuml;rden sie v&ouml;llig &uuml;berfordern. Sie war jetzt ein anderer Mensch in anderen Lebensumst&auml;nden.</p> <p>&bdquo;Kommt schon, Zeit, sich auf den Weg zu machen.&ldquo;</p> <p>Nach einer Reihe von K&uuml;ssen, begleitet von Gemurmel und Fragen &uuml;ber Schultaschen und Sportzeug, verabschieden sie sich voneinander. Helena sieht ihren Enkelkindern nach, wie sie durch das Tor h&uuml;pfen, und beim Anblick ihrer sich entfernenden Gestalten &uuml;berkommt sie eine leichte Welle der Unruhe. Sie zittert, sch&uuml;ttelt dieses unerw&uuml;nschte beklemmende Gef&uuml;hl ab und wirft ihnen einen Handkuss zu. Noahs Augen funkeln, als er ihn in seiner winzigen Faust auff&auml;ngt. Mit seinen pummeligen, noch etwas ungeschickten Fingern steckt er den Kuss in seine Brusttasche. Es f&uuml;hlt sich an, als w&uuml;rde eine ganze Wildpferdeherde &uuml;ber ihre Brust galoppieren, als die beiden kleinen Gestalten um die Ecke biegen und aus ihrem Blickfeld verschwinden. Sie sind in Sicherheit, es geht ihnen gut. Ihrer Mutter geht es gut. Helena geht es gut. Es ging ihr noch nie besser. Warum also, fragt sie sich traurig, f&uuml;hlt sie sich so unwohl, als st&uuml;nde etwas Be&auml;ngstigendes bevor? Es ist keine Angst im eigentlichen Sinne und schon gar nicht die Trauer und Verzweiflung, die sie nach Gavins Tod empfunden hat, aber da ist etwas. Wie eine &Ouml;lschicht, die langsam unter ihre Haut sickert, in ihre Adern flie&szlig;t und sie von innen vergiftet. Es f&uuml;hlt sich an, als h&auml;tten sich Klauen mit Widerhaken in ihrem Kopf verankert, unbeweglich, wie ein ungebetener Gast, der nicht gehen will. Ihre Gedanken wandern zu Rachel.</p> <p><i>Rachel.</i></p> <p>Ihre andere Tochter. Ihr j&uuml;ngstes Kind. Alles dreht sich immer um Rachel. Egal, wie sehr Helena versucht, ihr eigenes Leben zu leben, sie ist immer pr&auml;sent. Rachel ist der dunkle Schleier in Helenas Gedanken. Sie ist das Damoklesschwert, was Tag f&uuml;r Tag &uuml;ber Helena schwebt, ihre Probleme nisten sich in Helenas Geist ein und vernebeln ihn. Rachel geht es alles andere als gut, doch nichts, was Helena sagt oder tut, kann an ihrer Situation auch nur das Geringste &auml;ndern. Sie hat es versucht. Gott wei&szlig;, dass sie es versucht hat. Die Sorge um Rachel und die Last, die sie sich dadurch aufb&uuml;rdet, sind dauerhafte Begleiter geworden. Sie nagen unaufh&ouml;rlich an ihrem Gehirn, bis ihr ganzer K&ouml;rper von der Anstrengung und dem st&auml;ndigen Unbehagen schmerzt. Ihr eigenes Leben zu leben, eine gute Mutter und eine liebevolle Gro&szlig;mutter zu sein, w&auml;hrend Rachel da drau&szlig;en ist, &uuml;berzeugt davon, ungeliebt und vernachl&auml;ssigt zu sein und sich dabei selbst ruinierend, ist ein schwieriger Balanceakt.</p> <p>Helena holt zitternd Luft und verdr&auml;ngt diese letzten Gedanken. Rachel ist alles andere als ungeliebt. Sie wird genauso geliebt wie jedes andere Mitglied der Familie, und doch sind ihre Lebenswelten so unterschiedlich, dass Helena die Denkweise und den Lebensstil ihrer Tochter nicht nachvollziehen kann. Sie fragt sich oft, wie und wann der Abstieg begonnen hat. Jetzt aber sch&uuml;ttelt sie den Kopf. Das ist eine Frage f&uuml;r ein anderes Mal, das ganze Konstrukt ist zu komplex, um es nebenbei w&auml;hrend der Autofahrt zu analysieren.</p> <p>Der Verkehr ist ungew&ouml;hnlich dicht. Heulende Sirenen und blinkende Blaulichter begleiten sie, w&auml;hrend sie sich in Richtung Stadt schl&auml;ngelt. Die Fahrt verl&auml;uft mehr als die H&auml;lfte der Zeit in einem erm&uuml;denden Stop-and-go-Modus. Als sie endlich bei der Bibliothek ankommt und durch die T&uuml;r hastet &ndash; einem taumelnden B&uuml;ndel aus Armen, Beinen und Taschen gleich &ndash; hat sich das unheilvolle Gef&uuml;hl l&auml;ngst verfl&uuml;chtigt. Die bleierne Last in ihrem Inneren ist ausgel&ouml;scht, verdr&auml;ngt vom Stress, sich zwischen all den Einsatzfahrzeugen hindurchk&auml;mpfen zu m&uuml;ssen, um dann einen Parkplatz zu suchen, der nicht am anderen Ende der Stadt liegt und keinen zwanzigmin&uuml;tigen Fu&szlig;marsch zur Arbeit erfordert.</p> <p>Das Betreten der Bibliothek hellt ihre Stimmung gleich merklich auf. Einmal beschrieb sie es einer Freundin als einen Moment spiritueller Reinigung, in dem sich alle Sorgen, die sie vor dem &Ouml;ffnen der T&uuml;r noch hatte, in Luft aufl&ouml;sten und verschwanden. Hierherzukommen f&uuml;hlt sich nicht wie Arbeit an. Sie kann dieses Gef&uuml;hl nicht wirklich in Worte fassen, wagt es auch nicht, weil das dazu f&uuml;hren k&ouml;nnte, dass es einfach verschwindet, und das darf Helena nicht riskieren, denn ohne diesen Ort kann sie nicht &uuml;berleben. Ihre Enkelkinder sind ihr Ein und Alles. Aber das hier ist ihr pers&ouml;nlicher Zufluchtsort. Und sie wei&szlig;, dass in ihrem Herzen Platz f&uuml;r beides sein muss.</p> <p>Barbara scrollt gerade durch ihr Handy, als Helena den Personalraum betritt und ihre Tasche und ihren Mantel aufh&auml;ngt.</p> <p>&bdquo;Guten Morgen, Barb.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Grundg&uuml;tiger, ich wei&szlig; nicht, was an diesem Morgen gut sein soll.&ldquo;</p> <p>Helena und Barbara sind fast gleich alt und haben einige gemeinsame Interessen. Oft schwelgen sie in Erinnerungen an ihre Kindheit und Schulzeit. Auch ihre Kinder sind etwa gleich alt, Barbaras T&ouml;chter sind nur ein Jahr j&uuml;nger als Helenas. Barbara geh&ouml;rt zu Helenas engsten Freundinnen, sie sehen sich auch regelm&auml;&szlig;ig au&szlig;erhalb der Arbeit. Allerdings hat Barbara die unangenehme Angewohnheit, selbst das Allt&auml;glichste zu dramatisieren &ndash; was Helena manchmal schier zur Verzweiflung bringt. Nach dieser unruhigen Nacht ist Helena sich nicht sicher, ob sie die Kraft hat, Barbaras neuesten melodramatischen Bericht zu ertragen &ndash; der am Ende doch nur auf einer Kleinigkeit fu&szlig;t, die Barbara zu einem halben Seifenoper-Drama aufgebauscht hat. Die eigentliche Wahrheit geht regelm&auml;&szlig;ig in den sorgf&auml;ltig konstruierten Erfindungen und Ausschm&uuml;ckungen unter.</p> <p>&bdquo;Na ja, wir beide sind hier, das Wetter ist gut, es ist windstill und es scheint so, als w&uuml;rde die Sonne sogar gleich herauskommen. Ach, und ich habe einen Parkplatz gefunden, ohne zweimal durch die halbe Stadt fahren zu m&uuml;ssen, also ist alles gut.&ldquo; Ihr L&auml;cheln wirkt gezwungen. Kaum hat sie es ausgesprochen, plagt sie auch schon ihr schlechtes Gewissen, denn ihr verzweifelter Versuch, fr&ouml;hlich zu wirken, ist eigentlich eine Beleidigung f&uuml;r Barbaras Intelligenz. Es sind die n&auml;chtlichen Notrufe. Und Rachel. Die Gedanken an ihre j&uuml;ngste Tochter rauben ihr regelm&auml;&szlig;ig Energie und Geduld, weil sich immer alles nur um Rachel dreht.</p> <p>Barbara blickt zu ihr hoch, die Augen von Traurigkeit &uuml;berschattet. &bdquo;Sie haben eine Leiche gefunden, Helena. Noch eine.&ldquo;</p> <p>Eisesk&auml;lte durchflutet sie, gefriert auf der Haut und entzieht ihren Beinen jeglichen Halt. Ein Schmerz durchzuckt ihren Unterleib, als sie sich auf den Stuhl neben Barbara sinken l&auml;sst, die mit einem gleicherma&szlig;en verzweifelten wie hilflosen Gesichtsausdruck ihren Blick nun erneut vom Bildschirm l&ouml;st.</p> <p>&bdquo;Sie wurde in der N&auml;he der Stadt gefunden. Nahe dem Supermarkt. Weitere Details wurden noch nicht bekannt gegeben.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Sie?&ldquo;, fragt Helena mit leiser, rauer Stimme. &bdquo;Die wissen also, dass es eine Frau ist?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Noch nicht, aber der Bericht deutet darauf hin, er wurde im gleichen Stil verfasst wie der letzte. Sie haben sogar den Ausdruck &sbquo;eine weitere Leiche&lsquo; verwendet, was ja wohl darauf schlie&szlig;en l&auml;sst, dass die F&auml;lle miteinander in Verbindung stehen.&ldquo;</p> <p>Helena versp&uuml;rt ein flaues Gef&uuml;hl in der Magengrube. Dies ist bereits die zweite Leiche, die innerhalb weniger Monate gefunden wurde. Die F&uuml;lle an Einsatzfahrzeugen auf dem Weg in die Stadt, all die blauen Lichter und heulenden Sirenen &ndash; und irgendwo ganz in der N&auml;he liegt mit erkalteter Haut und starren Gliedern wom&ouml;glich ein Mitglied irgendeiner Familie. Sie fragt sich, wie lange die Leiche schon dort gelegen und darauf gewartet hat, gefunden zu werden.</p> <p>Rasiermesserscharfer Draht schneidet ihr in die Kehle, ihre Worte klingen gezwungen und erstickt. Sie versucht, positiv zu bleiben, alle unangenehmen Gedanken zu verdr&auml;ngen, obwohl eine Stimme in ihrem Kopf sie anschreit, dass sie der Realit&auml;t in ihrer Heimatstadt endlich ins Auge sehen soll. &bdquo;Vielleicht ist es doch nicht dasselbe wie letztes Mal, Barb. Die R&uuml;ckseite des Supermarkts ist ein Zufluchtsort f&uuml;r Drogenabh&auml;ngige. Vielleicht &hellip;&ldquo;</p> <p>&bdquo;Und dann ist da ja auch noch die Frau, &uuml;ber die wir letzte Woche sprachen. Die wird immer noch vermisst. Die suchen sie jetzt schon seit Monaten.&ldquo;</p> <p>Nat&uuml;rlich erinnert Helena sich. Wie k&ouml;nnte sie das vergessen? Nicht nur das Gespr&auml;ch mit Barbara hatte ein dumpfes Gef&uuml;hl in ihrer Magengrube hinterlassen. Das Foto der Frau, die sie jung und strahlend sch&ouml;n von allen Nachrichtenseiten anl&auml;chelte, hatte sich in ihr Ged&auml;chtnis eingebrannt. Ihr Name ist Maisie Anderson, sie ist Gesundheitsassistentin im &ouml;rtlichen Krankenhaus und arbeitete fr&uuml;her einmal in dem Pflegeheim, in dem auch Vanessa t&auml;tig ist. Der Name &bdquo;Oak Meadow Care Home&ldquo; war Helena sofort ins Auge gesprungen, als sie zum ersten Mal von ihrem Verschwinden gelesen hatte, und jeder Buchstabe, jede Silbe hatte ihr vor Angst den Magen umgedreht. Sie hatte mit Vanessa dar&uuml;ber gesprochen, doch ihre Tochter behauptete, sie k&ouml;nne sich kaum an Maisie erinnern.</p> <p>&bdquo;Sie war nur etwa einen Monat dort. Wir besch&auml;ftigen manchmal Mitarbeiter von Agenturen. Sie hat wahrscheinlich f&uuml;r eine davon gearbeitet.&ldquo;</p> <p>Das war alles. Eine junge Frau, vermisst und vergessen. Abgetan und weggeworfen, als h&auml;tte sie nie existiert.</p> <p>Ein kalter Lufthauch streicht &uuml;ber Helenas Gesicht und legt sich um ihren Hals. Fr&ouml;stelnd schlingt sie die Arme um sich und senkt das Kinn auf die Brust, um sich zu w&auml;rmen und Trost zu suchen. Solche Schreckensmeldungen gehen ihr ohnehin nahe &ndash; jeder Tod, jedes Verschwinden trifft sie. Doch diesmal spielt noch etwas anderes mit: Die toten Frauen werden nur wenige Kilometer von ihrem Arbeitsplatz gefunden, ganz in der N&auml;he ihres Zuhauses. Sie wei&szlig;, dass es egoistisch ist, solche Gr&auml;ueltaten nur durch die Brille der eigenen Familie zu betrachten &ndash; doch tut das nicht fast jeder? Am Ende r&uuml;ckt der Instinkt, die Seinen zu sch&uuml;tzen, immer in den Vordergrund und verdr&auml;ngt jedes gesellschaftliche Pflichtgef&uuml;hl. Sie denkt an ihre Tochter Rachel. An ihre N&auml;he zu dem Ort, an dem die Leichen gefunden wurden. An ihre Schutzlosigkeit. Und nat&uuml;rlich bewegt sie auch das Schicksal dieser armen Frauen. Was m&uuml;ssen sie wohl durchgemacht haben? Wie kommen ihre Eltern und Familien wohl damit zurecht? Und dann &uuml;berlegt sie, wie sie selbst damit zurechtkommen w&uuml;rde, wenn einer ihrer T&ouml;chter etwas zusto&szlig;en w&uuml;rde. Vor allem Rachel, die sich vermutlich unwissentlich ganz in der N&auml;he der Leichenfunde aufh&auml;lt. Sie bereitet ihr die gr&ouml;&szlig;ten Sorgen. Etwas an Rachels Lebensstil passt nicht ganz zusammen, ergibt f&uuml;r Helena keinen Sinn, so als w&uuml;rde ihr ein wichtiges Puzzleteil fehlen. Helena kann immer noch nicht begreifen, wie ihre j&uuml;ngste Tochter als obdachlose S&uuml;chtige auf der Stra&szlig;e gelandet ist. Scheinbar hat sie den Zeitpunkt verpasst, als alles aus dem Ruder lief. Ein scharfer Messerstich durchzuckt ihren Bauch. Sie verdr&auml;ngt diesen Gedanken und bei&szlig;t sich auf die Innenseite ihrer Wange, als wolle sie sich selbst daf&uuml;r bestrafen, dass sie eine schlechte Mutter ist. Helena schmeckt Blut, zuckt kurz zusammen und f&auml;hrt sich dann durch ihr dunkles, lockiges Haar, wobei sie an den kleinen Str&auml;hnen h&auml;ngen bleibt, die sich ineinander verhakt haben.</p> <p>&bdquo;Nun, wir k&ouml;nnen nur abwarten, bis sie die Todesursache herausfinden. Es ist vielleicht nicht das, was wir denken.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Oder gerade das.&ldquo;</p> <p>Ihre Bef&uuml;rchtung bleibt unausgesprochen. Wenn das zweite Opfer ebenfalls eine Frau ist und auf die gleiche Weise brutal ermordet wurde, muss man von der Tat eines Serienm&ouml;rders ausgehen.</p> <p>Nat&uuml;rlich wei&szlig; Helena, dass ihre Freundin recht hat, doch das Bed&uuml;rfnis nach Drama auf Kosten anderer, noch ehe &uuml;berhaupt die Fakten bekannt sind, st&ouml;&szlig;t ihr bitter auf. Eigentlich w&uuml;rde sie den Raum gerne verlassen, entgegnet aber lediglich: &bdquo;Nun ja, als Mutter und Gro&szlig;mutter w&uuml;rde ich lieber auf die Experten warten, um herauszufinden, was passiert ist, statt mich Spekulationen hinzugeben.&ldquo; Und dann &auml;ndert sie abrupt das Thema und erkundigt sich mit beinahe enthusiastisch klingender Stimme: &bdquo;Haben wir heute nicht die &ouml;rtliche Grundschule zu Besuch?&ldquo; Wenn Barbara diesen unterschwelligen Versuch ihrer Freundin, das Gespr&auml;ch zu beenden bemerkt hat, so l&auml;sst sie sich davon nichts anmerken, l&auml;chelt breit und schl&auml;gt sich mit den H&auml;nden auf die Knie, bevor sie sich von ihrem Stuhl erhebt. Barbara, die wie immer eine frisch geb&uuml;gelte schwarze Hose und eine wei&szlig;e Bluse tr&auml;gt, gl&auml;ttet ihre Kleidung und streicht sich eine blonde Str&auml;hne hinter das Ohr.</p> <p>&bdquo;Ja, du hast recht. Wie konnte ich das vergessen? Hoffentlich ist es nicht wieder der Junge aus der vierten Klasse. Der von letzter Woche, der f&uuml;nf Minuten lang mit dem Finger in seinem rechten Nasenloch gebohrt hat, bevor er sich ein Buch ausgesucht und es mir mit einer theatralischen Geste gereicht hat&ldquo;, sagt sie tief seufzend und ihr schwach nach Zahnpasta und Kaffee riechender Atem weht Helena entgegen. Barbara l&auml;chelt sie breit an, legt eine Hand auf Helenas Schulter, und pl&ouml;tzlich ist alles wieder wie zuvor.</p> <p>&bdquo;Komm schon, Kollegin.&ldquo; Barbaras Stimme ist voller Einf&uuml;hlungsverm&ouml;gen und Humor. &bdquo;Versuchen wir, alles zu vergessen, was in der gro&szlig;en weiten Welt passiert, und konzentrieren wir uns auf das, was hier bei uns vor sich geht. Ich schlie&szlig;e die Eingangst&uuml;r auf, wenn du die Computer hochf&auml;hrst. Her mit den rotzn&auml;sigen, klebrigen Kindern.&ldquo;</p> <p>Helena sp&uuml;rt die W&auml;rme in dem L&auml;cheln ihrer Freundin, die Verbindlichkeit ihrer Ber&uuml;hrung tut ihr gut, und sie lacht zustimmend, in der Hoffnung, dass Barbara recht hat und alles gut werden wird.</p> <h2>Kapitel 4</h2> <div class="style_time_loc"> <p>Helena</p> </div> <p>Selbst wenn Schulbesuche nicht so verlaufen wie geplant, selbst wenn Kinder Seiten aus B&uuml;chern herausrei&szlig;en und schmutzige Fingerabdr&uuml;cke auf Regalen und Tischen hinterlassen, selbst wenn ihre Lehrerin die ganze Zeit in der Ecke sitzt und auf ihr Handy starrt, w&auml;hrend Helena den Sch&uuml;lern hilft, ihre B&uuml;cher auszuw&auml;hlen &ndash; sie liebt diese Tage einfach. Den L&auml;rm, die Hektik. Die Beschwerden und das Gejammer, das schallende Gel&auml;chter und das gelegentliche leise Aufblitzen eines Kinderl&auml;chelns. Das alles geh&ouml;rt zum echten Leben dazu. Das ist kein gew&ouml;hnlicher B&uuml;rojob, bei dem man in einer kalten, klinischen Umgebung Zahlen in einen Computer tippt oder E-Mails von Menschen verschickt und empf&auml;ngt, die man nie getroffen hat und wahrscheinlich auch nie treffen wird. Aber hier begleitet sie die n&auml;chste Generation auf ihrem Weg durch das Leben, hat die M&ouml;glichkeit, sie zu formen und in die richtige Richtung zu lenken. B&uuml;cher sind ein wunderbares Mittel zur Bildung und Aufkl&auml;rung. So kitschig und klischeehaft das auch klingen mag, sie glaubt fest daran.</p> <p>&bdquo;Angus, vergiss deine Tasche nicht!&ldquo; Die Ber&uuml;hrung der weichen Haut des Jungen auf ihrer, als er die ihm entgegengestreckte Schultasche aus ihrer Hand entgegennimmt, gen&uuml;gt, und schon bildet sich ein Klo&szlig; in Helenas Kehle.</p> <p>Sie schluckt heftig und schimpft leise mit sich selbst, weil sie sich von ihren Gef&uuml;hlen &uuml;berw&auml;ltigen l&auml;sst. Sie ist einfach nur m&uuml;de, das ist alles. M&uuml;de und &uuml;berarbeitet. Und dar&uuml;ber hinaus besch&auml;ftigen sie die Gedanken an Rachel und an die Entdeckung dieses weiteren Opfers und schw&auml;chen ihre sonst so eiserne Entschlossenheit, sich nicht von den Problemen der Welt unterkriegen zu lassen. Na ja, und dann ist da noch ihre Mutter. Ein Besuch ist l&auml;ngst &uuml;berf&auml;llig. Der Gedanke daran tickt unabl&auml;ssig in ihrem Kopf und z&auml;hlt die Zeit herunter, bis sie wieder gezwungen ist, einen Fu&szlig; in das stinkende Loch zu setzen, in dem ihre Mutter haust. Angus ist offensichtlich ein geliebtes Kind &ndash; sauber, gut gen&auml;hrt. Gl&uuml;cklich. Nicht alle Kleinen haben eine solche Kindheit wie die ihre. Mit zitternden Fingern wischt sie sich &uuml;ber die Augen. Und nicht alle jungen Menschen schlagen den richtigen Weg im Leben ein, selbst wenn ihre Eltern ihr Bestes gegeben haben. Es scheint, als h&auml;tten einige Menschen st&auml;ndig einen Finger auf einer Art Selbstzerst&ouml;rungsknopf, jederzeit bereit, ihn zu dr&uuml;cken.</p> <p><i>Rachel</i>.</p> <p>Egal, wie leicht der Tag ist, wie hoch die Sonne am Himmel steht, ihr Gesicht w&auml;rmt und sie mit Hoffnung erf&uuml;llt, Rachel ist immer in Helenas Gedanken &ndash; ihr Gesicht, ihre zusammengesunkene Gestalt. Ihre Sucht.</p> <p>&bdquo;Sie kommt ganz nach mir&ldquo;, erkl&auml;rte Sylvie mit einem gewissen Stolz in der Stimme, als sie von der Notlage ihrer j&uuml;ngsten Enkelin erfuhr, und es klang gerade so, als geh&ouml;rten sie und Rachel einem exklusiven Klub an. Eine Bruderschaft, die nur denen bekannt ist, die ihr zugeh&ouml;rig sind, deren Gedanken und Herzen aufeinander abgestimmt und auf die v&ouml;llige Vernichtung ihres k&uuml;mmerlichen Lebens ausgerichtet sind. &bdquo;Sie wird schon zurechtkommen. Mach dir keine Sorgen&ldquo;, hatte Sylvie gemeint, w&auml;hrend sie eine Zigarette aus der Packung nahm und sie zwischen ihre zusammengepressten, geschminkten Lippen schob. &bdquo;Das ist dein Problem, Helena. Du versuchst immer, alles zu kontrollieren. Lass das M&auml;dchen in Ruhe. Sie ist gl&uuml;cklich, so wie sie lebt.&ldquo;</p> <p>Helena h&auml;tte gerne wissen wollen, woher ihre Mutter &uuml;ber Rachels Gem&uuml;tszustand Bescheid wusste, da sie ihre beiden Enkelkinder seit &uuml;ber zwei Jahren nicht gesehen hatte, aber sie hatte nicht die Energie, darauf einzugehen. Streit mit ihrer Mutter war so sinnlos wie der Versuch, einen w&uuml;tenden Stier mit sanften Worten zur Vernunft bringen zu wollen. Ihr letztes Treffen endete in einem Streit &uuml;ber die Unordnung und das Chaos in der Wohnung ihrer Mutter und hatte sie k&ouml;rperlich ersch&ouml;pft und seelisch ausgelaugt. Da sie nur wenig Zeit und Energie hatte, musste sie sorgf&auml;ltig abw&auml;gen, welche K&auml;mpfe es auszufechten lohnte, und in diesem Fall entschied sie sich dazu, zur&uuml;ckzustecken und die Dinge auf sich beruhen zu lassen.</p> <p>In der Mittagspause geht es heute so hektisch zu, dass sie nicht einmal zum Essen kommt, weil noch vor dem ersten Bissen eine ganze Schar &auml;lterer Menschen mit B&uuml;chern in den H&auml;nden hereinkommt. Sie verbringen die n&auml;chste Stunde damit, langsam die Regale zu durchst&ouml;bern, w&auml;hrend ihr Sandwich an den Ecken wellig wird und der Schinken eine unappetitliche gr&uuml;nliche Farbe annimmt.</p> <p>Um 16 Uhr, w&auml;hrend die Sonne hinter den fernen H&uuml;geln untergeht, r&auml;umt Helena die Rezeption auf und schlie&szlig;t die Eingangst&uuml;r ab, bevor sie ins Personalzimmer geht, um ihre Sachen zu holen. Ein langer, aber erf&uuml;llter Tag geht zu Ende. Es war viel los, sie war gut besch&auml;ftigt. Ein st&auml;ndiger Strom von Aufgaben hielt ihre Gedanken davon ab, an Orte zu wandern, an denen sie lieber nicht sein wollte.</p> <p>Erst als sie das Geb&auml;ude verl&auml;sst und zum Parkplatz geht, merkt sie, dass ihre Gedanken wieder zu den Leichen und dem vermissten M&auml;dchen Maisie Anderson zur&uuml;ckwandern. Eine Welt voller entwurzelter Menschen &ndash; das, denkt sie traurig, ist die Umgebung, in der wir leben. Eine Welt, in der Menschen ohne Erkl&auml;rung verschwinden und dann unter unheimlichen und oft m&ouml;rderischen Umst&auml;nden wieder auftauchen. Die arme, entwurzelte Rachel. Sie fragt sich oft, ob sie mehr h&auml;tte tun m&uuml;ssen, mehr h&auml;tte sagen m&uuml;ssen. Sie mehr h&auml;tte lieben m&uuml;ssen. Ob sie &uuml;berhaupt etwas h&auml;tte tun k&ouml;nnen &ndash; <i>irgendetwas</i> &ndash;, um den Verfall aufzuhalten. War Rachels Kindheit derart zerr&uuml;ttet, dass sie das Bed&uuml;rfnis hatte, sich selbst so zu verletzen? Unz&auml;hlige N&auml;chte hatte Helena schlaflos im Bett gelegen und versucht, den genauen Moment zu bestimmen, in dem alles auseinandergebrochen ist. In ihren Augen gibt es nicht diesen einen entscheidenden Moment. Es ist die Summe kleiner Dinge &ndash; Augenblicke, die manchmal so unbedeutend erscheinen, dass sie unter dem Radar verschwinden, ungesehen und unausgesprochen.</p> <p>Jetzt, da die Sonne untergeht, &uuml;berzieht eine unangenehme K&uuml;hle ihre Haut, huscht &uuml;ber ihr Gesicht und setzt sich in ihren Knochen fest. Helena starrt auf den letzten Schimmer goldenen Lichts, der hinter den H&uuml;geln versinkt. Eine neblige orangefarbene Kugel, umgeben von wolkigen Schwaden, die in bleigrauem Metallton schillern. Sie schaltet das Autoradio ein und verfolgt aufmerksam die Berichterstattung rund um die k&uuml;rzlich entdeckte Leiche. Die Details sind l&uuml;ckenhaft, Geschlecht und Alter werden nicht erw&auml;hnt, ebenso wenig die Todesursache. Aber sie wei&szlig; es. Alle wissen es. Manchmal steckt die Wahrheit zwischen den Zeilen.</p> <p>Als sie Rachel das letzte Mal sah, gab Helena ihr ein Prepaidhandy mit Guthaben und eine Prepaidkarte f&uuml;r ein Caf&eacute; in der N&auml;he. Kein Bargeld. Das hatte sie auf die harte Tour lernen d&uuml;rfen, als sie ihre j&uuml;ngste Tochter nur wenige Tage, nachdem sie ihr 100 Pfund in die schmutzige, ungewaschene Hand gedr&uuml;ckt hatte, schlafend in einer Gasse fand, umgeben von leeren Flaschen. Wenn es doch nur Handb&uuml;cher f&uuml;r Eltern wie Helena g&auml;be; Ratgeber mit fundierten Tipps, wie man erwachsene Kinder aus den F&auml;ngen einer Sucht befreien kann. Sie hatte schon fr&uuml;h erkannt, dass Zeitschriften und Websites f&uuml;r Eltern nur f&uuml;r Mittelschichtfamilien gedacht waren, deren gr&ouml;&szlig;te Probleme darin bestanden, dass ihre Kinder nicht ihren Wunschstudiengang an der Universit&auml;t bekommen hatten oder dass ihre Babys nachts nicht durchschliefen oder mit acht Monaten noch nicht vollst&auml;ndig abgestillt waren. Als Mutter einer alkohol- und drogenabh&auml;ngigen Tochter muss sie diesen holprigen Weg ganz alleine gehen. Ohne Ehemann oder Eltern an ihrer Seite, die ihr h&auml;tten helfen k&ouml;nnen, musste sie &uuml;ber die Jahre hinweg an sich selbst arbeiten, einfallsreich sein und aus ihren Fehlern lernen. Die wichtigste Lektion seit Rachels Zusammenbruch: Man kann nur Menschen helfen, die sich auch helfen lassen wollen. Rachel ist eine eigenst&auml;ndige Person mit einer eigenen Meinung. Und was f&uuml;r eine starke Meinung das ist! Sie behauptet immer, dass sie gl&uuml;cklich sei, so wie sie lebt, dass sie ihre aktuelle Situation freiwillig gew&auml;hlt habe und nichts daran &auml;ndern wolle. Ihr letzter Abschiedsgru&szlig; an Helena vor wenigen Wochen war, dass sie auf keinen Fall wie ihre Mutter oder ihre Schwester sein m&ouml;chte.</p> <p>&bdquo;Du hast sie mir sowieso immer vorgezogen. Ich hoffe, ihr zwei werdet jetzt sehr gl&uuml;cklich zusammen.&ldquo;</p> <p>Diese Worte trafen sie tief ins Mark. Es stimmte nicht. Es stimmte einfach nicht<i>.</i> Als Kind war Rachel ein so unkompliziertes, fr&ouml;hliches M&auml;dchen gewesen, das wenig verlangte und half, wo sie konnte, w&auml;hrend Vanessa anspruchsvoller gewesen war. Sogar widerspenstig. Gavins unerwarteter fr&uuml;her Tod durch einen Herzinfarkt hatte Vanessa st&auml;rker aus der Bahn geworfen als ihre Schwester. Das musste Rachel doch sehen? Doch w&auml;hrend Helena mit diesen Gedanken ringt und sich einzureden versucht, dass Rachel unter Alkoholeinfluss stand und ihre Erinnerung an diese Zeit sicherlich verschwommen war, beginnt sie sich zu fragen, ob an Rachels Worten vielleicht doch etwas Wahres dran ist. Ist ihre j&uuml;ngere Tochter vernachl&auml;ssigt worden, sind ihre Bed&uuml;rfnisse ignoriert und beiseitegeschoben worden? Ist Helena mitverantwortlich f&uuml;r Rachels derzeitige Lebensumst&auml;nde? Oder ist diese Aussage nur ein Versuch, sich zu wehren und jemand anderem als sich selbst die Schuld f&uuml;r ihre Entscheidungen und ihren wenig gesunden Lebensstil zu geben? Die Bem&uuml;hungen, die einzelnen Str&auml;nge ihres Lebens auseinanderzuziehen und zu untersuchen, gleichen dem Versuch, den Wind einzufangen.</p> <p>Helena starrt auf die Uhr auf dem Armaturenbrett. Ihr Zuhause ruft, ein kalter, leerer Ort. Niemand ist da, um sie zu begr&uuml;&szlig;en, wenn sie durch die T&uuml;r kommt. Keine einladenden Kochger&uuml;che. Kein Ehemann oder Partner, der ihr die Jacke abnimmt und ihr sagt, dass das Essen in zehn Minuten fertig sein wird. Im Laufe der Jahre gab es ein paar lockere Aff&auml;ren, ein paar Verabredungen zum Abendessen und eine intime, aber wenig denkw&uuml;rdige Begegnung mit &Uuml;bernachtung, nach der sie sich desorientiert und unwohl f&uuml;hlte, aber es war niemand dabei, der ihr etwas bedeutet h&auml;tte. Niemand, der Gavin jemals h&auml;tte ersetzen k&ouml;nnen. Ihre beiden T&ouml;chter waren immer ihr Ein und Alles, sind es noch nach wie vor. Auch wenn eine von ihnen gerade in einer v&ouml;llig anderen Welt lebt.</p> <p>Eine Leiche wurde in der Stadt gefunden. In der N&auml;he von Rachels Stammplatz. Helena dreht den Z&uuml;ndschl&uuml;ssel und f&auml;hrt vom Parkplatz in Richtung Supermarkt. Sie muss es wissen. Sie muss ihre j&uuml;ngste Tochter sehen. Selbst wenn sie Rachel bewusstlos in einer Gosse liegend vorfindet, wei&szlig; sie dann wenigstens, dass sie nicht tot ist. Und wie immer wird Helena versuchen, sie zu &uuml;berreden, nach Hause zu kommen, ein Bad zu nehmen und in einem bequemen, warmen Bett zu schlafen. Und wie immer wird Rachel sich weigern, vielleicht sogar fluchen und sie beschimpfen. Aber das nimmt Helena gerne in Kauf, solange sie nur wei&szlig;, dass ihre geliebte Tochter noch lebt. Gerade so.</p> <div class="divider"> <p>***</p> </div> <p>&bdquo;Du dachtest, ich w&auml;re tot, was?&ldquo;</p> <p>Rachels Mund verzieht sich zu einer h&auml;sslichen Fratze, die eine Reihe verfaulter Schneidez&auml;hne freilegt, &uuml;bers&auml;t mit Schmutz und Zahnbelag. Einer ihrer Vorderz&auml;hne ist abgebrochen, und als Rachel den Mund &ouml;ffnet, sieht Helena eine dunkle L&uuml;cke, wo eigentlich eine Reihe Backenz&auml;hne sein sollte. Sie wendet den Blick ab und schaut &uuml;ber Rachels Schulter hinweg. Als Kind hatte sie ihr beigebracht, sich die Z&auml;hne zu putzen und keinen Zucker zu essen, und sie regelm&auml;&szlig;ig zur zahn&auml;rztlichen Kontrolle geschickt. Helena hatte alles getan, um ihre Tochter beh&uuml;tet und gesund gro&szlig;zuziehen. Und nun? Nun steht sie vor diesem j&auml;mmerlichen Ergebnis.</p> <p>Kleine Stromst&ouml;&szlig;e durchzucken Helenas Haut. Trotz der sinkenden Temperatur ist ihr Schwei&szlig; auf der Stirn getrocknet. Eine Person, die ihr einst so nahestand, ist ihr nun fremd, ihre Unterhaltung verl&auml;uft langsam und angespannt. Die N&auml;he ihrer Tochter ist schmerzhaft f&uuml;r sie. In ihrer Vorstellung nimmt sie Rachel in ihre Arme, dr&uuml;ckt ihren unterern&auml;hrten, d&uuml;rren K&ouml;rper an sich und bringt sie ins Auto, um sie nach Hause zu fahren. Wieder einmal w&uuml;nscht sie sich, sie k&ouml;nnte den genauen Moment bestimmen, in dem Rachels Leben bergab ging, aber in ihrem Kopf ist alles durcheinander, die Zeitachse und die Bilder sind unzusammenh&auml;ngend und lassen sich nicht synchron &uuml;bereinanderlegen.</p> <p>Sogar die Frage, wie es ihr geht, ist sinnlos und kommt einer Beleidigung gleich. Au&szlig;erdem w&uuml;rde eine so banale Frage eine Salve sarkastischer Kommentare nach sich ziehen. Ihre Tochter ist s&uuml;chtig, sie ist keine Idiotin. Helena war immer klug und scharfsinnig, und selbst jetzt kann sie Rachels Gedanken lesen und vieles vorhersagen, was ihr &uuml;ber die Lippen kommen wird. Das bedeutet, dass Helena in den seltenen F&auml;llen, in denen sie sich begegnen, vorsichtig sein und lange &uuml;berlegen muss, was sie sagt. Es ist, als w&uuml;rde man ein Niemandsland betreten und sich vorsichtig zwischen den Tr&uuml;mmern von Rachels Existenz hindurchtasten. Man &uuml;berlegt sich, wie man Konfrontationen am besten vermeidet. Selbst die einfachste Begr&uuml;&szlig;ung kann zu einer &auml;u&szlig;erst schmerzhaften Erfahrung werden.</p> <p>&bdquo;Die Leiche wurde dort hinter den M&uuml;lltonnen gefunden, falls es dich interessiert.&ldquo;</p> <p>Rachel zeigt mit einem schmutzigen Finger auf ein gro&szlig;es Geb&auml;ude auf der anderen Stra&szlig;enseite und setzt sich dann auf eine wackelige Bank, die unter ihrem skelettartigen K&ouml;rper kaum nachgibt.</p> <p>&bdquo;Hier, ich habe dir etwas mitgebracht&ldquo;, fl&uuml;stert Helena, an jedem Wort fast erstickend, weil die einzelnen Silben wie Leim in ihrer Kehle kleben.</p> <p>Doch sie weigert sich, zu weinen, obwohl die Tr&auml;nen hinter ihren Augenlidern brennen und ein schmerzhafter Klo&szlig; in ihrem Hals feststeckt. Ihre Tochter sollte nicht hier sein. Sie sollte bei ihr zu Hause sein. Oder ein selbstbestimmtes, sinnvolles Leben in den eigenen vier W&auml;nden f&uuml;hren. Rachel ist intelligent und h&auml;tte alles werden k&ouml;nnen. Lehrerin, Buchhalterin, Ingenieurin. Und dennoch ist sie hier, h&auml;ngt in der Innenstadt herum und verbringt die N&auml;chte in einer Herberge mit Fremden, die alle mit ihren eigenen D&auml;monen zu k&auml;mpfen haben.</p> <p>Helena reicht ihr eine weitere Prepaidkarte f&uuml;r ein Caf&eacute; in der N&auml;he. Dunkle Augen folgen Helenas Bewegungen, Misstrauen und Argwohn str&ouml;men aus jeder Pore, bis sich Rachel nach einigen qu&auml;lenden Sekunden, in denen die Welt stillsteht, nach vorne beugt, die Karte aus der Hand ihrer Mutter schnappt und sie in ihre Tasche steckt, als w&auml;re es Schmuggelware.</p> <p>&bdquo;Du kannst jederzeit mit mir nach Hause kommen, Rachel. Hier ist es nicht sicher. Das ist schon die zweite Leiche, die gefunden wurde. Die suchen doch schon wegen des ersten Falls nach jemandem &ndash; und jetzt meinen sie, der steckt auch dieses Mal dahinter.&ldquo; Die Worte sprudeln aus ihr heraus. Sie kann sie nicht aufhalten. Sie will es auch nicht. Nichts zu sagen, k&auml;me einer Billigung von Rachels Entscheidungen gleich.</p> <p>Ein Schniefen, ihre Augen huschen &uuml;berall hin, nur nicht zu ihrer Mutter. &bdquo;Ja, aber dieser Fall ist vielleicht anders. Au&szlig;erdem k&ouml;nnte es sich beim ersten um einen Fall von h&auml;uslicher Gewalt gehandelt haben. Das ist meistens so. Irgendein Typ stalkt seine Partnerin und wird dann handgreiflich, wenn die Eifersucht &uuml;berhandnimmt. Das &uuml;bliche idiotische Verhalten.&ldquo; Sie presst die letzten Worte hervor, voller Zorn, der sie von innen heraus abschirmt und sie so unantastbar macht wie kontaminierte Ware.</p> <p>&bdquo;Rachel, du schwebst in Lebensgefahr, wenn du dich weiter in dieser Gegend aufh&auml;ltst. Bitte, <i>bitte</i> &uuml;berleg es dir noch einmal und komm mit mir nach Hause.&ldquo;</p> <p>Helena wei&szlig; bereits, wie ihre Antwort lauten wird, aber sie stellt die Frage trotzdem. Sie kann ihre Tochter nicht hier lassen, ohne zumindest alles Menschenm&ouml;gliche versucht zu haben.</p> <p>&bdquo;Nee, mir geht es gut. Geh und verbring Zeit mit deiner anderen Tochter. Deinem Lieblingskind.&ldquo;</p> <p>Da ist er wieder. Der Vorwurf, dass sie vernachl&auml;ssigt wurde, dass Vanessa schon als Kind anders behandelt wurde. Dass sie mehr geliebt wurde als Rachel. Das ist nicht wahr, und diese Worte, abgefeuert wie Kanonensalven, darauf ausgelegt ihr Ziel zu treffen und es zu zerst&ouml;ren, verfehlen ihre Wirkung nicht. Die Andeutung, dass Helena eines ihrer Kinder bevorzugt, ist absurd und v&ouml;llig falsch. Sie weigert sich, dar&uuml;ber nachzudenken oder dar&uuml;ber zu sprechen. Es muss am Alkohol liegen, den Drogen, der Unterern&auml;hrung und den eisigen Temperaturen. Alles zusammen entwickelt sich zu einem gef&auml;hrlichen Gemisch, das Rachels Denken verzerrt. In Helenas Familie gibt es keine Lieblinge. Das gab es nie und wird es nie geben. Sie liebt alle ihre Kinder und Enkelkinder gleicherma&szlig;en, trotz ihrer Fehler und ihrer offensichtlichen Feindseligkeit ihr gegen&uuml;ber.</p> <p>&bdquo;Wo bleibst du heute Nacht?&ldquo;</p> <p>Sie folgt Rachels Blick zu den Wohnblocks hinter der Eisenbahnbr&uuml;cke und nickt. Es ist sinnlos, weiter zu versuchen, sie zu &uuml;berreden. Sie kann es beim n&auml;chsten Treffen versuchen. Und sie wird daf&uuml;r sorgen, dass sie sich wiedersehen. Sie wird jetzt regelm&auml;&szlig;ig hierherfahren, um nach Rachel zu sehen. Mit einem m&ouml;glichen M&ouml;rder auf freiem Fu&szlig; braucht ihre Tochter sie mehr denn je. Ob sie das nun begreifen will oder nicht.</p>

Erscheint lt. Verlag 8.1.2026
Übersetzer Andrea Kienitz
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Krimi / Thriller / Horror Krimi / Thriller
Schlagworte Domestic Thriller • dunkle Geheimnisse • Familie • psychologische Abgründe • Psychologischer Thriller • Serienmörder • Spannung • Spannungsroman
ISBN-10 3-69090-415-3 / 3690904153
ISBN-13 978-3-69090-415-5 / 9783690904155
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
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