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Die Schwester meines Mannes | Ein nervenaufreibender Psychothriller (eBook)

(Autor)

eBook Download: EPUB
2026
251 Seiten
dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH (Verlag)
978-3-69090-376-9 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Die Schwester meines Mannes | Ein nervenaufreibender Psychothriller - Joanne Ryan
Systemvoraussetzungen
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Ein tödlicher Unfall. Eine Schwägerin, die sie nie kannte. Ein Geheimnis, das alles zerstören könnte.

Als Megan ihren geliebten Ehemann Rick bei einem tragischen Autounfall verliert, fühlt sie sich, als wäre ihr eigenes Leben zu Ende gegangen. Wenn sie durch ihr einst geliebtes Zuhause geht, fühlt sich nichts mehr so an wie zuvor.

Doch bei seiner Beerdigung sieht sie eine hochschwangere junge Frau … mit einem Gesicht, das ihr seltsam bekannt vorkommt. Diese Fremde stellt sich als Emily vor, Ricks entfremdete Schwester. Sie erklärt, dass sie seit Jahren nach ihrem Bruder gesucht hat, aber dass es jetzt zu spät ist.

Megan empfindet Mitleid mit der Schwägerin, die sie nie zuvor getroffen hat. Und schnell wird Emily mehr und mehr Teil ihres Lebens, sie zieht sogar in das Gästezimmer ihres Hauses ein.

Es fühlt sich weniger leer an als zuvor. Und zunächst ist das für Megan tröstlich.
Aber – selbst wenn es sich um eine Verwandte des Mannes handelt, den man mehr als jeden anderen geliebt hat – kann man einer Fremden wirklich vertrauen?

Erste Leser:innenstimmen
„Joanne Ryan liefert hier einen unfassbar fesselnden Psychothriller, der durch unerwartete Wendungen und ein explosives Finale überzeugt.“
„Ein düsterer Domestic Thriller mit einer beklemmenden Atmosphäre und Spannung bis zur letzten Seite. Wahres Suchtpotential!“
„Dieser psychologische Thriller begeistert nicht nur durch die vielschichtigen Charaktere mit ihren dunklen Geheimnissen, sondern auch durch seine vielen überraschenden Plottwists.“
„Die Autorin ist eine Meisterin darin, die psychologischen Abgründe ihrer Figuren darzustellen und dich dennoch von der ersten Seite dieses Spannungsromans an mitfiebern zu lassen.“



<p>Joanne Ryan ist die Autorin mehrerer gut rezensierter Psychothriller. Sie lebt in Wiltshire und wurde bereits von Tamarillas Press ver&ouml;ffentlicht. Sie lebt im S&uuml;den Englands und hat schon immer gerne geschrieben. Ihre Romane konzentrieren sich auf die dunklen, geheimen Seiten des Lebens scheinbar gew&ouml;hnlicher Menschen.</p>

<h2>Kapitel eins</h2> <p>Der Regen peitscht nieder. Gnadenlose Wasserstrahlen prasseln auf die Stra&szlig;e und spritzen in hohem Bogen wieder hoch. Die Scheibenwischer rasen wie wild hin und her, k&ouml;nnen die schlechte Sicht jedoch nicht ma&szlig;geblich verbessern. Auf der glitschigen Stra&szlig;e steht das Wasser, die Reifen rutschen und schlittern durch die Wasserstr&ouml;me, die &uuml;ber den Asphalt flie&szlig;en und sich in den Rinnen sammeln. Doch die Abfl&uuml;sse sind &uuml;bervoll und k&ouml;nnen kein Wasser mehr aufnehmen.</p> <p>Heute Nacht ist kein Mond zu sehen. Selbst wenn nicht Neumond w&auml;re, w&uuml;rde die dichte Wolkendecke keinen Strahl durchlassen. Die hoch aufragenden, fremdartigen Stra&szlig;enlaternen entlang des Stra&szlig;enrands sind nutzlos. Ihr schwaches Licht ist fast vollst&auml;ndig verschwunden, bevor es den tief darunterliegenden Boden erreicht.</p> <p>Nach einer Woche unaufh&ouml;rlichen Regens droht der Fluss jede Minute &uuml;ber die Ufer zu treten, und was einst ein ruhiges und friedliches Gew&auml;sser war, ist nun ein rei&szlig;ender Strom. Eine Wetterwarnung der Stufe Gelb &ndash; die bald auf Rot versch&auml;rft werden wird &ndash; wurde ausgegeben, und niemand bei klarem Verstand w&uuml;rde in einer solchen Nacht diese Stra&szlig;e entlangfahren, geschweige denn mit &uuml;berh&ouml;hter Geschwindigkeit.</p> <p>Doch die Personen in diesem Auto sind nicht bei klarem Verstand &ndash; oder zumindest eine von ihnen nicht.</p> <p>Zwischen Beifahrer und Fahrer findet ein verzweifelter Kampf um die Kontrolle &uuml;ber das Lenkrad statt. Zwei Paar H&auml;nde rei&szlig;en es hin und her, und das Auto schlingert wild von einer Seite zur anderen, w&auml;hrend es dahinrast. Nach einem letzten schlitternden Ausrei&szlig;er st&uuml;rzt es mit der Motorhaube voran in den Fluss, wo es einige Sekunden lang an der Oberfl&auml;che verharrt, als k&ouml;nnte es schwimmen, bevor es lautlos im schwarzen Wasser versinkt.</p> <p>Wenige Augenblicke sp&auml;ter kommt ein Auto um die Kurve gebogen &ndash; mit deutlich reduzierter Geschwindigkeit &ndash;, und die Scheinwerfer des ersten Autos, das langsam im Wasser verschwindet, durchschneiden die n&auml;chtliche Dunkelheit und leuchten dem Fahrer direkt ins Gesicht. Verwirrt wei&szlig; er nicht sofort, was er da sieht, doch sobald er die Situation begreift, f&auml;hrt er an den Stra&szlig;enrand, stellt den Motor ab und setzt einen Notruf ab.</p> <p>Nachdem er aufgelegt hat, macht der Fahrer &ndash; ein Mann Mitte sechzig, der auf dem Heimweg von einem Besuch bei seiner Tochter und ihrem Neugeborenen ist &ndash; keine Anstalten, aus dem Auto auszusteigen. Er wei&szlig;, dass er keine Chance hat, jemanden aus dem Wasser zu holen, weil er kein guter Schwimmer ist. Und selbst wenn er es w&auml;re, w&uuml;rde er in einer Nacht wie dieser eher selbst ertrinken, als jemandem das Leben zu retten. Au&szlig;erdem hat der Notdienst ihm die klare Anweisung gegeben, nicht ins Wasser zu springen, sondern dies den Profis zu &uuml;berlassen. Also sitzt er im Auto und wartet geduldig, wobei er im R&uuml;ckspiegel nach den Blaulichtern Ausschau h&auml;lt und betet, dass sie bald kommen. Obwohl er sich sicher ist, dass es niemand mehr lebend aus diesem Auto schaffen wird.</p> <p>Als die Blaulichter endlich in Sicht kommen, atmet er erleichtert auf. Er muss sich nicht l&auml;nger verantwortlich f&uuml;hlen. Jetzt liegt es in ihren H&auml;nden. Er zieht die Kapuze &uuml;ber, steigt aus dem Auto und l&auml;uft durch den Regen zu den Rettungskr&auml;ften, die aus dem Fahrzeug springen und mit Taschenlampen und Scheinwerfern die Umgebung ausleuchten. Als er bei ihnen ankommt, ist er bereits v&ouml;llig durchn&auml;sst. Mit Gesten und lauten Erkl&auml;rungen &uuml;ber den prasselnden Regen hinweg zeigt er ihnen, wo er das Auto verschwinden gesehen hat. Ein Suchscheinwerfer auf einem der Fahrzeuge schwenkt herum, und er sieht zu, wie er &uuml;ber den Fluss schweift. Mehrere Feuerwehrleute laufen zum Ufer, und als er in ihre Richtung schaut, sieht er, wie sie auf eine Stelle im Wasser zeigen, die im Lichtstrahl dunkler erscheint.</p> <p>Eine Leiche.</p> <p>Doch dann bewegt sich die Gestalt, und etwas, das wie ein Arm aussieht, reckt sich in die Luft. Die Gestalt lebt, realisiert er.</p> <p>Jemand hat &uuml;berlebt.</p> <h2>Kapitel zwei</h2> <h2 id="megan">Megan</h2> <p>Helles Licht brennt sich in meine Netzh&auml;ute, als ich die Augen aufschlage, und ich schlie&szlig;e sie schnell wieder. In Vorbereitung, sie wieder zu &ouml;ffnen, atme ich tief und zitternd ein. Das bereue ich jedoch augenblicklich, da diese Anstrengung einen stechenden Schmerz vom Nacken bis zum Scheitel ausl&ouml;st. Ich bleibe regungslos liegen, bis der Schmerz wieder nachl&auml;sst.</p> <p>Ein Kater, das ist es. Eine grausame Erinnerung daran, dass ich keinerlei Alkohol mehr vertrage, weil er mich tagelang au&szlig;er Gefecht setzt. Die Nachwirkungen sind bei Weitem schlimmer als jegliches vor&uuml;bergehende Vergn&uuml;gen, das ich m&ouml;glicherweise durch das Trinken hatte. Irgendetwas muss passiert sein, das mich zum Trinken gebracht hat. Etwas Furchtbares, wenn es mich dazu getrieben hat, meine selbst auferlegte Regel zu brechen, auf Alkohol zu verzichten, wenn es sich irgendwie vermeiden l&auml;sst.</p> <p>Nur f&uuml;hlt es sich nicht wirklich wie ein Kater an, denn das sind immer h&auml;mmernde Kopfschmerzen, als w&uuml;rde jemand mit einem Vorschlaghammer von innen auf meinen Sch&auml;del einschlagen. Katerkopfschmerzen h&ouml;ren nicht auf, egal wie still ich liege. Dazu k&auml;me heftiges Erbrechen, das noch lange anh&auml;lt, nachdem der letzte Kr&uuml;mel aus meinem Magen ausgesto&szlig;en wurde.</p> <p>Also. Kein Kater.</p> <p>Mir ist hei&szlig; und mein K&ouml;rper f&uuml;hlt sich eingeengt an, als w&uuml;rde mich etwas Schweres niederdr&uuml;cken. Pl&ouml;tzlich &uuml;berkommt mich die Panik. Mein Gehirn schreit mich an, dass ich entf&uuml;hrt wurde und irgendwo gefesselt bin, gefangen, unf&auml;hig zu fliehen. Ich bin jetzt die Gefangene eines Verr&uuml;ckten und wurde an einen Ort mitten im Nirgendwo verschleppt, wo mich niemand je finden wird und ich den Rest meines Lebens meinem Entf&uuml;hrer ausgeliefert sein werde. Schreckliche Bilder von dem, was mir angetan werden wird, &uuml;berschlagen sich in meinem Kopf, und ich ermahne mich, mich zu beruhigen, nicht gleich das Schlimmste zu denken. Ich zwinge mich, die H&auml;nde zu bewegen, spreize die Finger und f&uuml;hle eine weiche Oberfl&auml;che. Langsam &ouml;ffne ich die Augen einen Spaltbreit und sehe die Umrisse eines Baumwollleintuchs, das helle Blau einer Decke dar&uuml;ber. Sie ist bis zu meinem Hals hochgezogen und h&auml;lt mich behaglich an Ort und Stelle fest. Ich dr&uuml;cke die Finger nach unten und erkenne das vertraute Gef&uuml;hl einer Matratze.</p> <p>Ich liege in einem Bett.</p> <p>Aber nicht in meinem eigenen Bett, denn als ich die Finger weiterwandern lasse, sp&uuml;re ich an beiden Seiten die Kanten der Matratze. Das ist ein Einzelbett, und ich habe ein Doppelbett.</p> <p><i>Wir</i> haben ein Doppelbett.</p> <p>Ich &ouml;ffne die Augen ganz und sehe, dass das Licht, das mich geblendet hat, eine lange, schmale Deckenlampe ist. Daneben ist ein brauner Fleck. Ich konzentriere mich darauf und komme zu dem Schluss, dass es sich um einen ehemaligen Wasserschaden handelt. Gemurmelte Gespr&auml;che dringen zu mir durch; Ger&auml;usche von Gesch&auml;ftigkeit, das Klacken von Abs&auml;tzen auf einem harten Boden, das rhythmische Piepen eines Ger&auml;ts. Oder vielleicht von einem Handy. Ich drehe den Kopf, ignoriere den Schmerz, der mich zum Aufh&ouml;ren dr&auml;ngt, und versuche zu erkennen, wo ich bin.</p> <p>Ein gro&szlig;er Raum. Wei&szlig;e W&auml;nde, Betten, von denen einige mit dreiviertellangen Vorh&auml;ngen umgeben sind, die nur die Sicht auf die Rollf&uuml;&szlig;e der Betten freigeben.</p> <p>Ein Krankenhaus.</p> <p>Ich versuche, mich zu erinnern, wie, wann und warum ich hierhergekommen bin. Aber ich wei&szlig; keine Antwort darauf. Da ist nur Leere. Wurde ich operiert, gab es einen Eingriff? Schon m&ouml;glich, aber wenn ja, kann ich mich nicht daran erinnern. Vielleicht ist diese Amnesie eine Nachwirkung der Narkose.</p> <p>&bdquo;Oh, hallo. Sie sind wach. Wie f&uuml;hlen Sie sich?&ldquo;</p> <p>Ein Gesicht erscheint vor mir und beugt sich &uuml;ber mich. Braune Augen, ger&ouml;tete Wangen, ein winziges Loch an der Augenbraue, wo sie ein Piercing gestochen hat. Braune, zur&uuml;ckgebundene Haare. Ein junges, offenes Gesicht, um die zwanzig, vielleicht j&uuml;nger. Sie l&auml;chelt, w&auml;hrend sie auf meine Antwort wartet, aber es ist ein professionelles L&auml;cheln, das ihre Augen nicht erreicht.</p> <p>&bdquo;Wo bin ich?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Im Krankenhaus.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Warum?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Erinnern Sie sich nicht?&ldquo;, fragt sie, ohne meine Frage zu beantworten. &bdquo;K&ouml;nnen Sie mir Ihren Namen sagen?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Megan Fordham&ldquo;, antworte ich automatisch. &bdquo;Aber ich wei&szlig; nicht, warum ich hier bin.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Sie hatten einen Unfall. Wir glauben, dass Sie sich vollst&auml;ndig erholen werden, aber wir behalten Sie noch ein paar Tage zur Beobachtung hier.&ldquo;</p> <p>Ich f&uuml;hle ihre kalten Finger auf meiner Haut, als sie mein Handgelenk ergreift, um meinen Puls zu messen. Obwohl sie nur ihre Arbeit macht, ist ihre Ber&uuml;hrung beruhigend. Ein Unfall, also keine Operation. Ich schlie&szlig;e die Augen. Regen, der gegen eine Windschutzscheibe prasselt, flie&szlig;t innen &uuml;ber meine Augenlider, begleitet von hypnotisch schwingenden Scheibenwischern, die das Wasser mit jedem Hin und Her wegwischen. Ich war irgendwohin unterwegs, so viel wei&szlig; ich noch, also muss es ein Autounfall gewesen sein. Was sonst?</p> <p>&bdquo;Ein Autounfall?&ldquo;</p> <p>Sanft legt sie meine Hand zur&uuml;ck auf das Bett. &bdquo;Ja. Aber Sie werden sich wieder erholen. Sie haben Prellungen, aber keine schweren Verletzungen.&ldquo; Wieder dieses professionelle L&auml;cheln. Sie zieht das Leintuch zurecht, steckt die Bettdecke um mich fest und streicht sie glatt.</p> <p>&bdquo;Was ist passiert? Ich kann mich nicht erinnern.&ldquo;</p> <p>Sie z&ouml;gert, weicht meinem Blick aus. &bdquo;Die Oberschwester wird gleich mit Ihnen sprechen. Sie wird Ihnen alles erkl&auml;ren.&ldquo;</p> <p>Ich greife nach der Decke, schlage sie zur&uuml;ck und versuche, mich aufzurichten, mich aufzusetzen.</p> <p>&bdquo;Es ist besser, wenn Sie liegen bleiben.&ldquo;</p> <p>Ich ignoriere sie, ignoriere den Schmerz, der mir bei jeder Bewegung durch den Sch&auml;del schie&szlig;t. Im Liegen f&uuml;hle ich mich hilflos, und das halte ich nicht aus.</p> <p>Nach einem Moment seufzt sie und hilft mir, mich aufzusetzen, indem sie die Kissen in meinem R&uuml;cken so arrangiert, dass ich mich anlehnen kann.</p> <p>&bdquo;Besser?&ldquo;, fragt sie.</p> <p>&bdquo;Ja.&ldquo; Der Raum dreht sich, und ein heftiger Brechreiz steigt in mir auf, doch ich schlucke ihn hinunter. Langsam l&auml;sst der Schmerz in meinem Kopf nach und wird ertr&auml;glich.</p> <p>&bdquo;Wie bin ich hierhergekommen?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Die Oberschwester wird Ihnen alles erkl&auml;ren.&ldquo; Sie weicht zur&uuml;ck, kann es kaum erwarten, meinen Fragen zu entkommen.</p> <p>&bdquo;Warum k&ouml;nnen nicht Sie es mir sagen?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Die Oberschwester wird mit Ihnen sprechen&ldquo;, wiederholt sie und wendet sich zum Gehen. Doch sie ist nicht schnell genug, denn ich sehe es: das Aufflackern in ihren Augen.</p> <p>Diesen Blick habe ich schon einmal gesehen, und ich wei&szlig;, was er bedeutet: Es gibt schlechte Nachrichten und sie will nicht diejenige sein, die sie mir &uuml;berbringt.</p> <div class="divider"> <p>***</p> </div> <p>Als ich aufwache, liegt mein Kopf unbequem auf einer Seite, mein Arm h&auml;ngt &uuml;ber die Bettkante und mein Gesicht ist neben meinem weit ge&ouml;ffneten Mund nass. Ich habe gesabbert. Die Erinnerung kehrt zur&uuml;ck: Die Oberschwester sollte mir sagen, warum ich hier bin, aber obwohl ich es unbedingt wissen wollte, bin ich eingeschlafen. Ich wische mir das Gesicht ab, richte mich auf, und diesmal sind die Schmerzen nicht mehr so stark.</p> <p>Sie sind ertr&auml;glich.</p> <p>Wie lange habe ich geschlafen? Minuten? Stunden?</p> <p>Ich habe keine Ahnung.</p> <p>Ein Plastikkrug und -becher stehen auf dem quadratischen Nachtschrank. Unbeholfen drehe ich mich zur Seite, strecke mich und ziehe den Krug zu mir heran. Ich schenke Wasser in den Becher ein, wobei ich ein wenig versch&uuml;tte. Mit zitternden H&auml;nden nehme ich den Becher und trinke ihn in gro&szlig;en Schlucken leer, wobei die Schmerzen in meiner Kehle mich zusammenzucken lassen. Die Fl&uuml;ssigkeit erreicht meinen Magen, und ich muss gegen den Drang ank&auml;mpfen, es direkt wieder auszuspeien; ich h&auml;tte langsamer trinken sollen. Nachdem ich den Becher wieder auf den Nachttisch geschoben habe, lasse ich mich in die Kissen zur&uuml;ckfallen und betrachte meine Umgebung. An der gegen&uuml;berliegenden Wand stehen vier Betten. Die Vorh&auml;nge um die Betten zu meiner Linken und Rechten sind zugezogen, sodass meine Sicht auf einen schmalen Streifen in der Mitte der Krankenhausstation beschr&auml;nkt ist. Am Ende des Raumes kann ich gerade noch den Rand eines T&uuml;rrahmens erkennen. Ich starre auf den blauen Vorhangstoff &ndash; oder ist es Papier? &ndash; und frage mich, wer in den Betten neben mir liegt. Es scheint ruhiger als bei meinem ersten Erwachen, und ein schwacher Essensgeruch liegt in der Luft. Ich habe keine Ahnung, wie sp&auml;t es ist, aber durch die Fenster f&auml;llt Tageslicht. Vielleicht ist das die Ruhe nach dem Mittagessen.</p> <p>Ich schaffe es, mich aufzurichten, und lehne mich nach vorne, kann aber keine Krankenpfleger oder &Auml;rzte sehen. Dann f&auml;llt mir ein, dass es irgendwo in der N&auml;he einen Notfallknopf geben muss. Mum hatte bei ihren unz&auml;hligen Krankenhausaufenthalten immer einen in Greifweite. Obwohl Mum tot ist, muntert mich diese Erinnerung seltsamerweise auf, denn sie bedeutet, dass ich mein Ged&auml;chtnis nicht vollst&auml;ndig verloren habe.</p> <p>Ich schlage die Decke zur&uuml;ck und schwinge meine Beine &uuml;ber die Bettkante. Der Krankenhauskittel, den ich trage, ist um meine Taille hochgerutscht. Schnell ziehe ich ihn hinunter, um meine Bl&ouml;&szlig;e zu bedecken, auch wenn niemand her&uuml;bersieht. &Uuml;ber dem Kopfbrett h&auml;ngt ein Kabel. Ich greife danach und dr&uuml;cke den roten Knopf in der Mitte. Es ert&ouml;nt kein Ger&auml;usch, also dr&uuml;cke ich noch einmal. Mir ist bewusst, dass ich ungeduldig bin, aber das ist mir egal, denn ich habe lange genug gewartet.</p> <p>Als niemand kommt, dr&uuml;cke ich noch einmal und lasse diesmal meinen Finger auf dem Knopf. Irgendwo muss es gerade summen. Zwei Krankenschwestern tauchen am Ende der Station auf, bleiben jedoch plaudernd in der T&uuml;r stehen. Warum brauchen sie so lange? Ich halte den Knopf weiterhin gedr&uuml;ckt, und nach einem Moment trennen sie sich, und eine kommt auf mich zu. Sie ist in Marineblau gekleidet. Das bedeutet, sie ist die Stationsleiterin, die Oberschwester.</p> <p>&bdquo;Sie sind wach.&ldquo; Sie kommt auf mich zu, nimmt mir den Rufknopf aus der Hand und h&auml;ngt das Kabel &uuml;ber das Kopfbrett. Dann erst geht sie ans Fu&szlig;ende des Bettes, nimmt das Klemmbrett, das dort h&auml;ngt, und sieht es durch. &bdquo;Wie f&uuml;hlen Sie sich?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Nicht so gut.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Der Arzt hat Ihnen Schmerzmittel verschrieben, die gegen die Schmerzen helfen werden. Sie haben etwas getrunken&ldquo;, sagt sie mit Blick auf den Becher. &bdquo;Das ist gut.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Was ist mit mir passiert?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Sie waren in einen Autounfall verwickelt.&ldquo;</p> <p>Aufs Neue regt sich eine Erinnerung: Regen, Dunkelheit.</p> <p>&bdquo;Bin ich gefahren? Habe ich jemanden angefahren?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Ich wei&szlig; nicht, ob Sie am Steuer sa&szlig;en, diese Information hat uns die Polizei nicht gegeben. Aber ich wei&szlig;, dass Sie niemanden angefahren haben. Das Auto, in dem Sie sa&szlig;en, ist w&auml;hrend des Unwetters von der Stra&szlig;e abgekommen und in den Fluss gest&uuml;rzt. Sie wurden aus dem Wasser gerettet.&ldquo;</p> <p>Eine Erinnerung, wie meine H&auml;nde das Lenkrad umfassten, blitzt in meinem Gehirn auf. Ich bin gefahren.</p> <p>Oder doch nicht?</p> <p>Denn da waren noch andere H&auml;nde am Lenkrad. Beide von uns versuchten, die Kontrolle &uuml;ber das Auto zu erlangen. K&auml;mpften um die Kontrolle. Ich war nicht allein.</p> <p>&bdquo;Wo ist Rick?&ldquo;</p> <p>Keine Antwort.</p> <p>&bdquo;Wo ist mein Mann?&ldquo; Er war bei mir, da bin ich mir ganz sicher. Oder spielt mir meine Erinnerung einen Streich?</p> <p>Sie h&auml;ngt das Klemmbrett wieder ans Bettende, kommt dann um das Bett herum und setzt sich neben mich.</p> <p>&bdquo;Es tut mir sehr leid&ldquo;, sagt sie und nimmt meine Hand. &bdquo;Aber ich muss Ihnen leider sagen, dass Ihr Mann aufgrund seiner Verletzungen das Bewusstsein nicht wiedererlangt hat.&ldquo;</p> <p>Ihre Worte ergeben keinen Sinn, k&ouml;nnen keinen Sinn ergeben.</p> <p>Tot. Rick ist tot.</p> <p>Wie kann er tot sein?</p> <p>&bdquo;Die &Auml;rzte haben ihr Bestes versucht, aber leider konnten sie nichts mehr tun.&ldquo; Sie t&auml;tschelt meine Hand. Ihre Finger sind warm, meine eiskalt. Ich starre auf sie hinunter.</p> <p>&bdquo;Kann ich jemanden f&uuml;r Sie anrufen?&ldquo;, fragt sie. &bdquo;Ein Familienmitglied, eine Freundin?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Nein&ldquo;, bringe ich nach einem Moment hervor. &bdquo;Es gibt niemanden.&ldquo;</p> <h2>Kapitel drei</h2> <h2 id="megan-1">Megan</h2> <p>Das ist erst die zweite Beerdigung, auf der ich je war.</p> <p>Die erste war die meiner Mutter vor zwei Jahren.</p> <p>Auf den Tag genau. Das war mir bewusst, sobald der Termin f&uuml;r Ricks Beerdigung vorgeschlagen wurde, aber ich habe mir nicht die M&uuml;he gemacht, ihn zu &auml;ndern, obwohl Elaine mich dazu &uuml;berreden wollte, weil dieser Tag auch in ihr Ged&auml;chtnis gebrannt ist. Was macht es schon f&uuml;r einen Unterschied, dass sie am gleichen Tag wie die meiner Mutter stattfindet?</p> <p>Keinen.</p> <p>Au&szlig;erdem hatte ich nichts mit den Vorbereitungen zu tun, obwohl Rick mein Mann war. Keith und Elaine haben sich um alles gek&uuml;mmert. Elaine hat sicher den gr&ouml;&szlig;ten Teil &uuml;bernommen, auch wenn Keith versuchen wird, die Lorbeeren daf&uuml;r einzuheimsen. Da ich kaum richtig funktionierte, habe ich zugelassen, dass sie die Sache in die Hand nehmen und alles organisieren. Die Wahl des Bestatters, der Blumen, des Sargs, der Lesungen, der Zeitungsanzeige &ndash; das alles haben sie ausgesucht.</p> <p>Elaine hat sich M&uuml;he gegeben, den Anschein zu erwecken, dass ich daran beteiligt war, indem sie mir ab und zu eine Brosch&uuml;re oder ein Bild unter die Nase hielt und mich fragte, ob es mir gefiele, und ich antwortete einfach mit einem Ja oder einem Nicken, ohne wirklich zu registrieren, was ich vor mir hatte. Mir ist das alles egal. Wenn es nach mir ginge, w&uuml;rde ich mir keine Beerdigung antun, denn ich brauche kein Ritual mit Krematorium, Blumen und Trauerfeier, um mich von Rick zu verabschieden. Er ist tot und kommt nie wieder, und all das ist nur f&uuml;r andere Leute, haupts&auml;chlich f&uuml;r Kollegen und Bekannte von Rick, die ich kaum kenne. Sie waren kein Teil unseres gemeinsamen Lebens. Der heutige Tag ist etwas, das ich hinter mich bringen muss, weil es erwartet wird, wenn jemand stirbt; es ist die Norm, es ist erforderlich, es wird erwartet.</p> <p>Was w&uuml;rde Rick von alldem halten? W&auml;re es ihm wichtig, was f&uuml;r eine Beerdigung er bekommt? Welche Musik gespielt wird, wenn der Sarg ins Krematorium getragen wird? Ich wei&szlig; es ehrlich gesagt nicht, weil wir nie dar&uuml;ber gesprochen oder auch nur dar&uuml;ber nachgedacht haben. Wir waren seit einem Jahr verheiratet, und da wir noch jung waren, hatten wir den Tod und Beerdigungen nicht auf dem Schirm. &Uuml;ber solche Dinge sprachen nur alte Leute, die ihr Leben bereits quasi hinter sich hatten, nicht wir. Wir hatten die Zeit auf unserer Seite und noch Jahrzehnte des Lebens vor uns.</p> <p>Nur dass das bei ihm doch nicht der Fall war.</p> <p>&bdquo;Alles in Ordnung, Liebes?&ldquo; Elaine t&auml;tschelt meine Hand und mustert mich besorgt. Sie tr&auml;gt dasselbe schwarze Kleid mit J&auml;ckchen wie bei Mums Beerdigung, und ich nehme an, dass sie es erst zum zweiten Mal tr&auml;gt. Seit Mums Tod hat sie aber offensichtlich ein wenig zugenommen, denn das Kleid sitzt etwas eng und sie zieht es nach jedem Schritt wieder nach unten &uuml;ber die Knie. Sie hat es extra f&uuml;r Mums Beerdigung gekauft, und ich wei&szlig;, dass es teuer war. Nicht, weil sie es mir gesagt hat, sondern weil ich es selbst anprobiert und als zu alt f&uuml;r jemanden in meinem Alter abgetan habe. Elaine stand es vor zwei Jahren gut und auch jetzt noch, obwohl sie st&auml;ndig den Rock runterzieht. Es ist elegant und passt perfekt zu einer Siebenundf&uuml;nfzigj&auml;hrigen &ndash; so alt w&auml;re Mum jetzt auch, wenn sie noch am Leben w&auml;re.</p> <p>Als ich nicke, t&auml;tschelt sie noch mal meine Hand und dr&uuml;ckt sie. Die W&auml;rme und das Gef&uuml;hl ihrer Finger sind tr&ouml;stlich, beruhigend. H&auml;tte Elaine sich nicht um mich gek&uuml;mmert, h&auml;tte ich mich wahrscheinlich einfach zusammengerollt und mein Leben aufgegeben. Auf ihre liebevolle Art hat sie mich jeden Morgen praktisch aus dem Bett gezerrt und mich dazu gezwungen, weiterzumachen, und mir gesagt, dass diese d&uuml;steren Tage wieder vorbeigehen w&uuml;rden.</p> <p>Ich wei&szlig; nicht, ob ich ihr glaube.</p> <p>Ich schaue auf ihre Hand hinab, die meine umschlie&szlig;t. Meine Finger sind eiskalt, schon seit dem Unfall. Mir wird einfach nicht warm, egal wie viele Schichten ich trage oder wie hoch ich die Heizung aufdrehe.</p> <p>Ein rasselnder Raucherhusten erinnert mich daran, dass Elaines Ehemann Keith auf meiner anderen Seite auf der R&uuml;ckbank des Autos sitzt. W&auml;hrend unserer Fahrt zum Krematorium starrt er stoisch aus dem Fenster, und jedes Mal, wenn er durch die Nase ein- und ausatmet, ist ein leises Pfeifen zu h&ouml;ren. In der Luft liegt ein leichter Geruch nach seinem zitronigen Aftershave und nach Zigarettenrauch, und ich sp&uuml;re seine Ungeduld, dass endlich alles vorbei ist, damit wir zum Leichenschmaus gehen k&ouml;nnen und er sein erstes Bier trinken kann.</p> <p>Nicht dass ich es ihm ver&uuml;beln kann. Ich will auch, dass es vorbei ist.</p> <p>Noch f&uuml;nf Minuten, dann sind wir da. Dann beginnt der Zirkus und wir werden die Rituale durchlaufen, die richtigen Dinge sagen und so tun, als w&uuml;rde uns das alles Trost und einen gewissen Frieden bringen. Rick w&uuml;rde den Leichenschmaus f&uuml;r Geldverschwendung halten, weil er nicht hier ist, um ihn zu genie&szlig;en. Pl&ouml;tzlich steigt in mir der Drang auf, &uuml;ber diesen Gedanken zu lachen, aber ich halte mich zur&uuml;ck, aus Angst, hysterisch zu wirken.</p> <p>Wenigstens ist der erste Teil vorbei &ndash; der allerschlimmste Teil, n&auml;mlich als der Leichenwagen mit Ricks Sarg unser Haus verlie&szlig; und der Bestatter in seinem schwarzen Anzug und mit steinerner Miene langsam und feierlich vor dem Fahrzeug herschritt. Ich hatte vergessen, dass sie das tun. Bei meiner Mum vor zwei Jahren war es genauso, und schon damals war es ein Schock f&uuml;r mich. Ich hatte keine Ahnung, dass man das so macht, weil ich noch nie auf einer Beerdigung gewesen war und nicht wusste, was mich erwartete. Es hatte etwas so unglaublich Trauriges und Endg&uuml;ltiges an sich, wodurch ich es schlimmer fand als die Beerdigung selbst. Als unser Auto dem Leichenwagen im Schritttempo die Stra&szlig;e hinauffolgte, brach ich v&ouml;llig zusammen. Ich erinnere mich an Weinen und Schreien, dass ich es nicht ertragen konnte, dass Mum nicht tot sein konnte, dass ich nicht weiterleben konnte. Keith und Elaine konnten ihre Best&uuml;rzung &uuml;ber meine nackte Trauer nicht verbergen, und als wir endlich beim Krematorium ankamen, mussten sie mir aus dem Auto helfen, da ich kaum noch laufen konnte. Sie st&uuml;tzten mich auf beiden Seiten und trugen mich praktisch in den Trauerraum.</p> <p>Ich dachte, ich w&uuml;rde mich nie von dem Verlust meiner Mum erholen; ich <i>wollte</i> mich nicht erholen, ich wollte auch sterben.</p> <p>Und dann kam Rick, die Liebe meines Lebens, und hat mir neuen Lebenswillen geschenkt.</p> <p>Und jetzt ist auch er tot.</p> <p>Der Stra&szlig;enl&auml;rm ver&auml;ndert sich, als der Fahrer das Auto geschmeidig auf die Schotterauffahrt zum Krematorium lenkt. Ich schaue auf und sehe, wie das gedrungene, quadratische Geb&auml;ude immer n&auml;her kommt. Innerlich bereite ich mich auf das vor, was nun bevorsteht. Es dauert keine Stunde, sage ich mir. Die Trauerfeier dauert keine Stunde.</p> <p>Das stehe ich durch.</p> <p>Wir halten an, und ich klettere hinter Keith aus dem Auto, w&auml;hrend Elaine auf der anderen Seite aussteigt. Schneeflocken wehen mir ins Gesicht, trocken und pulvrig, &uuml;berhaupt nicht wie Schnee. Die Wettervorhersage hat einen K&auml;lteeinbruch angek&uuml;ndigt, und es wurden Unwetterwarnungen herausgegeben, wie Elaine berichtete, die das Wetter wie ein Falke beobachtet und immer Angst hat, eingeschneit zu werden, obwohl sie mitten in der Stadt wohnt. Es ist bitterkalt, und meine d&uuml;nne schwarze Jacke und mein Kleid bieten keinerlei Schutz gegen den eisigen Wind, der meine Haare herumpeitscht. Ich h&auml;tte sie zu einem Dutt zusammenbinden sollen, aber ich habe sie offen gelassen, sodass sie in sanften Wellen auf meine Schultern fallen und mein Gesicht umrahmen. So mochte Rick es am liebsten. Er hat mir immer gesagt, dass mein nat&uuml;rlich blondes Haar eines der ersten Dinge war, die ihm an mir aufgefallen sind.</p> <p>Vor dem Auto nimmt Elaine meine Hand fest in ihre, und ich lasse mich von ihr f&uuml;hren wie ein Kind. Wir drei betreten die Eingangshalle, Keith voran. Dort wartet die Trauerrednerin gemeinsam mit mehreren anderen Beamten, und als sie uns sieht, l&ouml;st sie sich von der Gruppe und kommt auf uns zu. Ihr Mund bewegt sich schnell, so viele Worte str&ouml;men heraus, aber ich kann nicht h&ouml;ren, was sie sagt; es ist, als w&auml;re der Ton ausgeschaltet, und ich bef&auml;nde mich in einem Vakuum und w&uuml;rde aus der Ferne zusehen. Werde ich gleich ohnm&auml;chtig? Mir ist nicht schwindelig, aber ich f&uuml;hle mich seltsam, als w&auml;re ich nicht wirklich hier.</p> <p>Die geschw&auml;tzige, vogel&auml;hnliche Trauerrednerin &ndash; Sheila hei&szlig;t sie, glaube ich &ndash; kam letzte Woche vorbei, um f&uuml;r die Trauerrede alles &uuml;ber Ricks Leben zu erfahren. Wenn ich mich an das Gespr&auml;ch zu erinnern versuche, h&ouml;re ich nur ihr unaufh&ouml;rliches Gezwitscher. Elaine war dabei, also hat vielleicht sie die L&uuml;cken in meinen Erz&auml;hlungen gef&uuml;llt. Ich habe zu Hause eine Kopie von dem, was sie sagen wird, aber ich habe mir nicht die M&uuml;he gemacht, es zu lesen.</p> <p>Ricks Leben auf drei Seiten zusammengefasst.</p> <p>Nach ein paar Minuten entfernt sie sich wieder von uns, und obwohl ich kein Wort gesagt habe, wird mir klar, dass ich das auch nicht muss. Heute wird nichts von mir erwartet, au&szlig;er dass ich anwesend bin. Dieser Gedanke tr&ouml;stet mich. Ich muss gar nichts tun.</p> <p>Jetzt betreten wir zu dritt die Kapelle, wo wir unsere Pl&auml;tze in der ersten Reihe einnehmen und schweigend dasitzen wie drei Kr&auml;hen. Ich starre auf das Rednerpult und dann auf den Sockel dahinter, auf dem der Sarg aufgestellt werden wird, und versuche, nicht an die Vorh&auml;nge zu denken, die am Ende der Trauerfeier geschlossen werden. Ab in den Brennofen, w&uuml;rde Rick sagen, wenn er hier w&auml;re. Sobald sich diese Vorh&auml;nge schlie&szlig;en, wird Rick f&uuml;r immer fort sein.</p> <p>Der Raum f&uuml;llt sich langsam. Das Ger&auml;usch von Schritten, das Murmeln ged&auml;mpfter Stimmen, das Rascheln vom Hochnehmen der Trauerfeierabl&auml;ufe von den Sitzen dringen zu meinem Gehirn durch. Ich kann wieder h&ouml;ren. Husten, R&auml;uspern, das Knarren der Sitze, wenn sich die Leute setzen. Ich drehe mich nicht um, um zu sehen, wer da ist; ich werde sie alle noch fr&uuml;h genug sehen, wenn sie sich verabschieden. So viel wei&szlig; ich noch von Mums Beerdigung.</p> <p>Ich h&ouml;re, wie Elaine Keith etwas dar&uuml;ber zumurmelt, dass die Beerdigung &bdquo;gut besucht&ldquo; sei. Das hat sie auch bei der von Mum gesagt, als ob es wichtig w&auml;re, wie viele Leute kommen, wenn der Mensch, den man am meisten liebt, gestorben ist. Mum erz&auml;hlte mir, dass meine Gro&szlig;eltern es sich sp&auml;ter im Leben zum Hobby gemacht hatten, Beerdigungen von Bekannten zu besuchen, weil sie ein Alter erreicht hatten, in dem das zu einer regelm&auml;&szlig;igen Veranstaltung wurde. Es war eine Art Ausflug, eine Gelegenheit, alte Freunde wiederzusehen, inklusive gratis Speis und Trank. So beschrieben sie es. Das brachte mich immer zum Lachen, obwohl ich nur vage Erinnerungen an meine Gro&szlig;eltern habe, da ich bei ihrem Tod gerade einmal vier Jahre alt war. Heute kann ich mir nichts Schlimmeres vorstellen als eine Beerdigung.</p> <p>Die Musik setzt ein, und ich erkenne eines von Ricks Lieblingsliedern, eines von dreien, die ich ausgew&auml;hlt habe. Das war mein einziger Beitrag zu seiner Beerdigung. Ich h&ouml;re, wie sich T&uuml;ren &ouml;ffnen, und diesmal kann ich mich nicht davon abhalten, mich umzudrehen, weil ich wei&szlig;, was jetzt passiert: Der Sarg wird hereingebracht. Vier schwarz gekleidete Sargtr&auml;ger tragen ihn langsam den Gang entlang, den Blick starr nach vorne gerichtet. Der Sarg sieht zwischen den vier M&auml;nnern klein aus, dabei war Rick &uuml;ber einen Meter achtzig gro&szlig;. Eins achtundachtzig, wie er immer sagte, um die acht Zentimeter nicht zu vergessen. Wie kann jemand, der so voller Leben war, zu etwas in einem Holzsarg reduziert werden? Nicht mehr ein Mensch, nur noch ein K&ouml;rper. An einem Tag war er noch da, am n&auml;chsten war er weg. Wie kann das sein?</p> <p>Ich wende mich ab, damit ich den Sarg nicht sehen muss; ich kann nicht zusehen. Stattdessen schaue ich mich um und stelle fest, dass jeder Platz besetzt ist. Wir haben Freunde, allerdings nicht so viele, aber Rick hatte viele Arbeitskollegen. Ich habe keine Familie und ging davon aus, dass sich, wenn &uuml;berhaupt, nur wenige von Ricks Verwandten die M&uuml;he machen w&uuml;rden, zu kommen, da er keinen Kontakt zu ihnen gehalten hat. Seine Eltern sind schon lange tot, und zu seiner einzigen Schwester hatte er kein enges Verh&auml;ltnis und hatte sie seit Jahren nicht mehr gesehen. Obwohl wir verheiratet waren, habe ich sie nie kennengelernt. Sie ist j&uuml;nger als Rick, und ich habe noch nicht einmal ein Foto von ihr gesehen. Ist sie hier? W&uuml;rde sie zur Beerdigung ihres Bruders kommen, zu dem sie seit Jahren keinen Kontakt mehr hatte? W&uuml;rde sie &uuml;berhaupt erfahren, dass er gestorben ist? Elaine hat daf&uuml;r gesorgt, dass das Bestattungsinstitut die Todesanzeige in mehreren Zeitungen ver&ouml;ffentlicht hat, aber nicht jeder liest die Todesanzeigen.</p> <p>Ich tue das jedenfalls nie.</p> <p>Rick war, wie er selbst sagte, ein &bdquo;Armeebalg&ldquo;, der st&auml;ndig umziehen musste. Mit elf Jahren wurde er auf ein Internat geschickt und verbrachte die Ferien nicht mit seinen Eltern, die im Ausland stationiert waren, sondern mit seinen Freunden. Daher hatte er auch keine Beziehung zu seiner Schwester; sie war nie Teil seines Lebens. Und als wir heirateten, war das in einem Standesamt, nur wir beide und zwei angeheuerte Trauzeugen. Danach erz&auml;hlten wir es unserem kleinen Freundeskreis und taten so, als w&auml;re es eine spontane, romantische Entscheidung gewesen, obwohl das nat&uuml;rlich nicht stimmte. Man kann nicht heiraten, ohne einen Monat vorher einen Termin zu vereinbaren.</p> <p>Elaine ber&uuml;hrt meinen Arm und holt mich zur&uuml;ck in die Gegenwart. Ich drehe mich nach vorne. Shirley, die Trauerrednerin, spricht nun. Direkt schalte ich ab, weil ich keine Lust habe, ihre gesch&ouml;nte Version von Ricks Leben zu h&ouml;ren. Wird irgendjemand der Anwesenden darin den Mann wiedererkennen, den er kannte?</p> <p>Ich starre auf den Boden und w&uuml;nsche mir, dass alles vorbei ist.</p> <div class="divider"> <p>***</p> </div> <p>Wir biegen in den Parkplatz ein und halten direkt vor dem Eingang des Hotels. Zu sp&auml;t merke ich, dass ich besser h&auml;tte aufpassen sollen, wo der Leichenschmaus stattfindet. Ich erinnere mich vage daran, dass Elaine mir eine Brosch&uuml;re f&uuml;r ein Hotel unter die Nase gehalten hat, aber mir ist nicht aufgefallen, dass es sich um das <i>Regency Arms</i> handelte. Nicht dass es eine schlechte Wahl w&auml;re, denn es ist genau die richtige Art von vornehm &ndash; nicht einsch&uuml;chternd, aber sie verstehen ihr Handwerk. Das Restaurant ist sehr gut, was bedeutet, dass &ndash; obwohl wir kein volles Men&uuml; bestellen &ndash; das Buffet sicher erstklassig und der Service ausgezeichnet sein werden. Hier gibt es keine blassen W&uuml;rstchen im Teigmantel oder eingerollte Sandwiches, also ist es theoretisch der perfekte Veranstaltungsort. Elaine h&auml;tte nicht ahnen k&ouml;nnen, dass dies der letzte Ort auf Erden war, den ich gew&auml;hlt h&auml;tte, um das Leben meines k&uuml;rzlich verstorbenen Ehemannes zu feiern.</p> <p>Dieser Ort weckt schlimme Erinnerungen, sowohl f&uuml;r mich als auch f&uuml;r Rick.</p> <p>Ich verdr&auml;nge den Gedanken; ich habe schon genug um die Ohren. Wenn ich diese Erinnerungen in mein Gehirn lasse, bin ich am Ende und werde den Rest nicht &uuml;berstehen.</p> <p>&bdquo;Bereit?&ldquo; Elaine h&auml;lt meine Hand mit eisernem Griff umklammert, und obwohl ich sie sehr lieb habe, will ich sie gerade am liebsten wegsto&szlig;en und abhauen. Ich glaube, sie hat Angst, dass ich <i>kneife</i>, wie Keith hinter meinem R&uuml;cken zu ihr gesagt hat, als ich aus dem Krematorium geflohen bin, sobald sich nach der Trauerfeier die T&uuml;ren ge&ouml;ffnet hatten. Die Etikette sah vor, dass ich in den Gedenkgarten gehen und dort die anderen Trauerg&auml;ste begr&uuml;&szlig;en, mir ihre Blumen ansehen, Beileidsbekundungen entgegennehmen und mich f&uuml;r ihr Kommen bedanken sollte.</p> <p>Ich konnte mich zu nichts davon durchringen.</p> <p>Als die Vorh&auml;nge vor dem Sarg zugezogen wurden, schaffte ich es gerade noch, sitzen zu bleiben. W&auml;ren die T&uuml;ren zu diesem Zeitpunkt bereits offen gewesen, h&auml;tte ich in Hochgeschwindigkeit das Weite gesucht, um so viel Abstand wie m&ouml;glich zwischen mich und das zu bringen, was mit Ricks Leiche geschehen w&uuml;rde. Als ich in den Wagen stieg, der vor dem Krematorium wartete, starrte der Fahrer mich schockiert an, auch wenn er versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen. Ich blieb dort auf der R&uuml;ckbank sitzen und atmete zitternd ein und aus, bis Elaine mich suchen kam.</p> <p>Da sind wir nun, und wieder einmal will ich weglaufen, fliehen, so tun, als w&uuml;rde das alles nicht passieren. Keith neben mir wartet sp&uuml;rbar ungeduldig darauf, dass er endlich aussteigen und geradewegs zur Bar gehen kann, aber Elaine hat ihn sicher ermahnt, dass ich das Hotel als Erste betreten muss. Elaine und Mum waren seit ihrer Schulzeit beste Freundinnen, standen sich n&auml;her als Schwestern und waren immer f&uuml;reinander da. Aber Mum mochte Keith nie &ndash; trotz aller Bem&uuml;hungen &ndash; und verstand einfach nicht, warum Elaine ihn geheiratet hatte. Mum hielt ihn nie f&uuml;r gut genug f&uuml;r ihre beste Freundin, auch wenn sie es um Elaines willen m&ouml;glichst verbarg. Ich glaube, Keith wusste, was sie &uuml;ber ihn dachte, da sie immer einen eher distanzierten Umgang miteinander pflegten. Keith und ich haben uns wenig zu sagen, obwohl Elaine wie eine zweite Mutter f&uuml;r mich ist, aber ich bem&uuml;he mich, stets h&ouml;flich zu bleiben. Mum hat oft zu mir gesagt, dass Keith nichts und niemanden mag, au&szlig;er seinem t&auml;glichen Bier und Zigaretten.</p> <p>&bdquo;Ja, ich bin bereit.&ldquo; Ich setze mich aufrecht hin, straffe die Schultern und atme tief ein. Es ist Zeit, mich dem letzten Abschnitt der Beerdigung zu stellen und sie hinter mich zu bringen. Nach dem heutigen Tag muss ich mit meinem Leben weitermachen. Schluss mit dem Zu-Hause-Verkriechen.</p> <p>&bdquo;Das hier ist der bessere Teil, Liebes&ldquo;, sagt Elaine und dr&uuml;ckt meine Hand. &bdquo;Jeder kann in Erinnerungen an Rick und all die sch&ouml;nen Zeiten schwelgen. Es wird nicht so schlimm werden.&ldquo;</p> <p>Ich ringe mir ein L&auml;cheln ab, und sie wirkt beruhigt, auch wenn ich ihr das keine Sekunde abkaufe. Das war nicht der beste Teil von Mums Beerdigung; es gab keinen besten Teil. F&uuml;r Elaine werde ich versuchen, eine tapfere Miene aufzusetzen. Sie behandelt mich wie die Tochter, die sie nie hatte, sogar schon, als Mum noch lebte, weil &bdquo;Keith und mir nie ein Kind geschenkt wurde&ldquo;, wie sie es ausdr&uuml;ckt. Nach einem weiteren T&auml;tscheln und Dr&uuml;cken meiner Hand l&auml;sst sie mich los, steigt aus dem Auto und wartet, bis ich ihr folge. Einen Moment lang stehen wir da und starren die imposante Fassade des <i>Regency Arms</i> hinauf.</p> <p>Ich verdr&auml;nge die schrecklichen Erinnerungen an <i>jene</i> Nacht und gehe zielstrebig auf den Hoteleingang zu.</p> <p>Bringen wir es hinter uns.</p>

Erscheint lt. Verlag 8.1.2026
Übersetzer Verena Wirtenberger
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Krimi / Thriller / Horror Krimi / Thriller
Schlagworte Domestic Crime • Domestic Thriller • geheimnisvolle Vergangenheit • Mordfall • psychologische Abgründe • Psychologischer Thriller • Spannungsroman • toxische Beziehung
ISBN-10 3-69090-376-9 / 3690903769
ISBN-13 978-3-69090-376-9 / 9783690903769
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