Miranda (eBook)
350 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-6951-2226-4 (ISBN)
Born in Alexandria (Egypt) in 1947 Charles Hohmann studied English, French and Spanish languages and literatures at the universities of Fribourg, and the Universidad de Chile (Santiago), where he also held a post as a lecturer in Applied Linguistics for several years. From 1982 - 1986 he worked as an assistant for literary studies at the English department of the University of Zürich. 1987 he joined Unisys as an IT Instructor and became Educational Manager in that company in 1988. Since 1993 he teaches modern languages and computing at Institut Montana, Zugerberg (Switzerland).
I
Es ist Mittag. Ein sanfter Windstoß lässt die hölzernen Fensterläden klappern und Miranda tritt hinaus in den Hof. Tabby folgt ihr – die kleine Katze, die wir damals auf dem Schiff, versteckt in unserer Kabine, als blinden Passagier mitgenommen haben. Als wir unser Haus in Alexandria überstürzt verlassen mussten, weigerte sich Miranda, ohne sie zu gehen. Kurzerhand versteckte ich das Tier in unserer Reisetasche.
Ich bleibe auf der Türschwelle stehen und blicke hinaus aufs glitzernde Meer. In der Ferne erhebt sich die kleine Insel jenseits der Bucht. Ich deute mit der Hand hinüber.
„Siehst du die Statue dort?“, frage ich Miranda.
Sie schaut neugierig zu mir auf. „Wer ist das?“, fragt sie leise.
„Der Heilige Paulus“, antworte ich. „Man sagt, er sei nach einem Schiffbruch hier gestrandet. Wegen schlechten Wetters konnte er seine Reise nach Rom nicht fortsetzen und blieb eine Weile auf der Insel. In dieser Zeit soll er die Bewohner zum Christentum bekehrt haben.“
„Und ist das wirklich wahr?“, fragt sie zögernd.
„So steht’s zumindest in der Apostelgeschichte“, sage ich. „Für mich ist diese Schilderung aber viel mehr als nur eine Geschichte. Denn wir erleiden alle irgendwann im Leben Schiffbruch. Doch die Zuversicht, die Hoffnung auf mehr Glück bleibt bestehen und gibt uns Mut für den Neustart.“
Ich habe tatsächlich Schiffbruch erlitten. Meine bereits begonnene Doktorarbeit, meine Unterrichtsnotizen, meine Fotoalben, meine gesamte Korrespondenz und all meine Bücher musste ich in der Hast der Flucht zurücklassen. Zudem bin ich jetzt ohne Anstellung. Nur dank einiger Ersparnisse in England und der Hilfe meiner Schwiegereltern halten wir uns so gerade über Wasser. Auch Miranda hat alle ihre Puppen und Spielsachen verloren und vermisst ihre Schulkameradinnen. Einzig die anhängliche Tabby spendet ihr Trost und verbindet sie mit ihren Erinnerungen an eine glückliche Zeit in Alexandria.
Miranda setzt sich auf die steinerne Stufe vor dem Haus und nimmt Tabby in die Arme. Tränen stehen ihr in den Augen.
„Ich wünsche mir so sehr, dass Mama wiederkommt“, flüstert sie.
„Weißt du“, fährt sie fort, „manchmal gehe ich allein ans Meer. Ich lege mich in den Sand, sehe zum Himmel hinauf und verliere mich in seiner Weite. In den Wolken meine ich manchmal eine Gestalt über mir schweben zu sehen – und glaube, es ist meine Mama.“
„Mama hat mir einmal gesagt“, antworte ich ihr, „was stirbt, ist nur mein Ich – nicht mein Selbst. Das Selbst kann nicht sterben, denn es wurde nie geboren.“
„Das verstehe ich nicht“, unterbricht mich Miranda.
„Ich erkläre es dir. Das Ich ist das, womit wir uns im Alltag identifizieren – unsere Gedanken, unsere Gefühle, unsere Namen, unsere Rollen. Es ist das, was Freude empfindet, Trauer spürt, neidisch sein kann. All das gehört zum Ich. Und wenn wir sterben, vergeht dieses Ich – es löst sich auf.“
Ich mache eine Pause und sehe sie an.
„Aber das Selbst“, fahre ich fort, „ist etwas ganz anderes. Es ist das Ewige in uns. Das Unveränderliche, das Unsterbliche. Es ist verbunden mit allem, was lebt – mit dem ganzen Universum. Manche nennen es das Göttliche in uns.“
Ich streiche ihr sanft über die Stirn.
„Darum hat Mama auch gesagt: ‚Ihr findet mich wieder im Rauschen des Windes, in den tanzenden weißen Wellenkämmen, in den vorüberziehenden Wolken. Ich bin jetzt überall – und ich wache über euch.‘“
Ich vermisse Hannah ebenso. Doch im Gegensatz zu mir hat Miranda noch kein vollständiges Bewusstsein für den Tod. Für sie ist der Gedanke tröstlich, dass ihre Mutter irgendwo weiterlebt, auch wenn sie sie nicht mehr sehen kann. Der Blick in den Himmel stärkt ihren Glauben an ein fortwährendes Dasein ihrer Mutter.
Auch ich schaue oft empor und sehe im scheinbar leeren Raum unzählige Lichtpunkte aufblitzen. Diese Lichtzentren verändern sich stetig, erscheinen in unterschiedlichen Tiefen, manchmal verbunden durch Dreiecke oder prismatische Formen. Durch dieses wiederholte Erleben wächst in mir das Empfinden, dass es jenseits der sichtbaren Welt andere Sphären geben muss. Solche weiten, grenzenlosen Räume scheinen von einer Dimension zu zeugen, die unsere Fähigkeit zu verstehen übersteigt.
Die Mittagssonne liegt schwer auf dem Dach des Hauses. Es ist aus jenem blassen, honigfarbenen Kalkstein erbaut, der alles in ein warmes, goldenes Licht taucht. Im schmalen Hof zwischen dem Haus und der niedrigen Steinmauer reckt ein Feigenbaum seine Äste dem Licht entgegen; seine Blätter werfen tanzende Schatten auf den rissigen Boden.
Drinnen ist es kühl, beinahe dämmrig, obwohl das Sonnenlicht gedämpft durch die grüngestrichenen Fensterläden fällt. Die schwere Luft ist geschwängert mit dem Duft nach Zitronenschale, Olivenöl und einem Hauch Petroleum. In der kleinen Küche brodelt in einem Topf auf dem Gasherd eine Brühe aus Kaninchen und Lorbeer – ein Geschenk unserer Vermieterin Maria. Barfuß, in ein geblümtes Baumwollkleid gehüllt rührt sie mit einem hölzernen Löffel darin und streicht sich eine Strähne aus der Stirn.
„Es ist gleich so weit!“, ruft sie aus der Küche.
Nachdem wir vor einigen Wochen in Valletta von Bord der Korvette gegangen waren – jenes Schiffes, das uns aus dem Kriegschaos Alexandrias in Sicherheit gebracht hatte – , beschloss ich, auf dieser Insel zu bleiben. Wir brauchten Ruhe, Zeit zum Durchatmen, einen Ort, an dem wir unsere Zukunft neu planen konnten. In einem kleinen Büro der örtlichen Polizei erfuhr ich, dass man Listen mit verfügbaren Mietobjekten führte – meist Häuser von Maltesern, die vorübergehend bei Verwandten untergekommen waren, um mit der Miete ein Einkommen zu erzielen.
St. Paul’s Bay hatte mich auf Anhieb angezogen. Dort hatte ich Hannah einst zum ersten Mal umarmt. Ich erinnere mich an unsere glücklichen Gespräche auf der Mauretania; sie verband uns beide auf geheimnisvolle Weise mit diesem Ort. Als uns dort ein Haus empfohlen wurde, fuhren wir zur Besichtigung. Die Bucht war damals ein stilles Fischerdorf mit verstreut liegenden Häusern, unbefestigten Wegen und einer Dorfgemeinschaft, die noch im Rhythmus des Meeres lebte.
Das Mietshaus lag auf der Westseite der Bucht, war eingeschossig und hatte dicke Mauern, die die Hitze abhielten, und tief in der Wand sitzende Fenster. Fensterläden aus Holz dienten dem Sonnenschutz.
Wir steigen oft aufs flache Dach, auf dem stets die Wäsche trocknet und Töpfe mit Küchenkräutern fein säuberlich aufgereiht sind. In einer Zisterne sammelt sich Regenwasser. Das Haus hatte uns auf Anhieb gefallen, sodass wir der Hausbesitzerin, Maria, sofort zusagten. Sie hieß uns herzlich willkommen. Maria ist von jener Offenheit, wie man sie nur noch in ganz einfachen Verhältnissen findet. Sie bringt uns immer wieder Gemüse und Früchte vorbei und bekocht uns gelegentlich mit köstlichen lokalen Gerichten.
An der Wand im Wohnraum hängt ein Bild der Heiligen Familie, daneben ein leicht schiefes Kruzifix über einer schlichten Kommode, darauf zwei abgewetzte Porzellanvasen – eine gefüllt mit frischem Rosmarin, die andere mit verblühten Bougainvillea-Zweigen.
Tabby liegt ausgestreckt auf dem Kanapee in der Ecke des Raumes und beobachtet aus halb geschlossenen Augen jede Bewegung in der Küche.
Miranda und ich sitzen bereits am gedeckten Tisch, als Maria mit einer dampfenden Emailleschüssel hereinkommt und uns von dem duftenden Eintopf probieren lässt. Er schmeckt uns hervorragend, schon bald ist die Schüssel restlos geleert. Auch Tabby bekommt ein Stück Kaninchen ab. Zum Nachtisch bringt Maria eine Schale mit Orangen und Bananen.
Nach dem Essen schlage ich Miranda einen Spaziergang zur Bucht vor – jener kleinen, halb vergessenen Bucht, die Hannah und ich einst schwimmend erreicht hatten, ohne zu ahnen, dass der Strand noch vermint war. Damals mussten wir von einem Trupp Soldaten gerettet werden.
An Schwimmen ist zu dieser Jahreszeit allerdings nicht zu denken. Es ist November, das Wasser kalt. Uns bleibt nur der Fußweg – ein weiter Marsch durch ein kleines, von honigfarbenen Mauern umgebenes Tal, einst in mühevoller Handarbeit von den örtlichen Bauern aufgeschichtet. Vielleicht nannten die Griechen die Insel wegen der Farbe des Gesteins „Melita“ – was in ihrer Sprache Honig bedeutet.
Miranda ist sofort einverstanden. Ich bemerke, wie sehr sie über ihre Mutter sprechen will: Ihre Fragen treffen mich wie kleine Pfeile. Sie sind drängend, sehnsüchtig. Mit jeder Anekdote, die ich ihr erzähle, scheint Hannah für sie ein wenig lebendiger zu werden.
Die Vielfalt der Flora im Kalksteintal überrascht: Kakteen, Palmen, mannshohe Schilfhalme, Birken und Azaleen säumen den holprigen Weg aus gestampfter Erde.
Nach dreißig Minuten erreichen wir die Bucht. Erst jetzt erfahre ich von einem verwitterten Wegweiser ihren Namen:...
| Erscheint lt. Verlag | 26.11.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| ISBN-10 | 3-6951-2226-9 / 3695122269 |
| ISBN-13 | 978-3-6951-2226-4 / 9783695122264 |
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