Geistermädchen (eBook)
326 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-6951-1324-8 (ISBN)
Peter Lukasch wurde 1942 in Wien geboren. Nach dem Studium der Rechtswissenschaft trat er in den Staatsdienst ein, wo er bis zu seiner Pensionierung im Bereich der Strafjustiz tätig war. Seinem Interesse für Geschichte und Kriminalistik folgt der Autor in mehreren Zyklen historischer Kriminalromane, er hat aber auch Fantasieerzählungen und in Fachkreisen anerkannte Bücher zum Thema Kinder- und Jugendliteratur veröffentlicht.
II
Die Trainingshalle in der Kaserne der Frumentarii war von Waffenlärm und den Rufen der Ausbilder erfüllt. Bei den herrschenden Witterungsverhältnissen verbot sich ein Training im Freien, das hieß aber noch lange nicht, dass die Halle geheizt war. Vor den keuchenden Mündern der Übenden dampften Atemwölkchen. Spurius Pomponius, Offizier der Frumentarii, versuchte verbissen, die Schwertattacken seines Ausbilders, eines ehemaligen Gladiators namens Barbarus, abzuwehren. Noch vor wenigen Wochen war ihm die Ausbildung an der Waffe ein Gräuel gewesen. Denn er verabscheute körperliche Anstrengungen und vertraute in kritischen Situationen lieber auf seine Schlauheit und seinen Einfallsreichtum, als einem potenziellen Gegner mit der Waffe entgegenzutreten. Jetzt, obwohl ihn sein Kommandant nicht dazu verdonnert hatte, nahm er freiwillig an Waffenübungen teil. Schuld daran war Scantilla, seine Partnerin bei seinem letzten Einsatz. Nicht nur, dass er in hoffnungsloser Liebe zu ihr entbrannt war, hatte sie sich zum Christentum bekannt und war auf Nimmerwiedersehen nach Rom abgereist, wobei sie einen Waisenjungen mit sich nahm, den sie adoptieren wollte. Natürlich hatte diese Entscheidung dazu geführt, dass sie den Dienst bei den Frumentarii quittieren musste. Immerhin hatte man sie wegen ihrer bisherigen Verdienste ehrenhaft entlassen, was ihr eine ausreichende Versorgung als Veteran sicherte.
Diese verwirrenden und für ihn weitgehend unverständlichen Ereignisse hatten Pomponius in eine tiefe seelische Krise gestürzt. Er war ohnehin vor depressiven Anwandlungen nicht gefeit. Anstatt sich der Trübsal und dem guten Wein zuzuwenden, wie er es früher bei ähnlichen Anlässen getan hatte, versuchte er dieses Mal durch intensive körperliche Anstrengung wieder ins Lot zu kommen. Barbarus war nicht unzufrieden mit ihm. Das sagte er aber nicht, sondern hieb nur umso heftiger auf seinen Schützling ein. Die Übungsschwerter waren zwar stumpf, weil man ihnen die Schneide genommen hatte, dennoch konnte ein Treffer trotz gepolsterter Übungskleidung sehr schmerzhaft sein.
„Achte auf deine Deckung!“, schrie Barbarus. „Wo hast du bloß deine Gedanken? Schon wieder bei den Weibern? Im Ernstfall kann es dich das Leben kosten. Hoch die Deckung, sage ich!“
Barbarus deutete einen Stich gegen den Bauch an, dann führte er einen überraschenden Hieb gegen den Kopf seines Gegners, ein Trick, den er früher in der Arena gern angewandt hatte. Pomponius konnte diesen Schlag zwar nicht mehr parieren, duckte sich aber so weit, dass er nur gestreift wurde. Der Helm flog ihm vom Kopf, und er setzte sich unsanft auf den Hallenboden. Vor seinem Gesicht tauchte die Schwertspitze des Barbarus auf. „Jetzt bist du schon wieder tot, Pomponius“, verkündete sein Ausbilder mit grimmiger Genugtuung.
„Mir tut der Kopf weh“, klagte Pomponius.
„Das hört auf, sobald er ab ist“, versicherte Barbarus. „Hoch mit dir!“ Er hielt Pomponius die Hand hin und zog seinen Schüler empor. „Für heute machen wir Schluss. Morgen treffen wir uns wieder zur üblichen Stunde. Ich denke, nächste Woche können wir schon die Übungen mit der scharfen Waffe beginnen.“
Pomponius sah Barbarus nachdenklich an. „Hast du je überlegt, als Agent zu arbeiten, Barbarus?“, fragte er überraschend.
„Nein“, antwortete Barbarus. „Wie kommst du darauf?“
„Früher oder später wird mir Masculinius wieder einen neuen Fall übertragen“, sagte Pomponius. „Ich habe zurzeit keinen Partner und da habe ich an dich gedacht.“
„Kommt nicht infrage“, lehnte Barbarus ab. „Ich weiß, was du tust oder besser gesagt, was du schon getan hast. Das ist nichts für mich. Ich bin nur ein einfacher Kampflehrer, der froh ist, die Arena überlebt zu haben. Du bist vor allem bei den Jüngeren fast schon zur Legende geworden. Die Kameraden in der Kaserne erzählen sich die unglaublichsten Dinge über dich, die einen wie mich überfordern würden.“
„Das meiste davon wird nicht stimmen“, wiegelte Pomponius ab. „In den langen Winternächten erzählen sich die Männer eben Geschichten und dabei gedeihen Märchen und Sagen.“
„Dann stimmt es also auch nicht, dass du den Vertrauten des Statthalters, den wegen seiner Brutalität allseits gefürchteten Pontius Nigrinus mit einer Jupiterstatue erschlagen hast, um deine damalige Partnerin Scantilla zu retten?“1
„Sakrileg!“, rief Pomponius empört. „Mit einer Statue unseres höchsten Gottes? Wer behauptet so etwas? In meinem Bericht steht kein Wort über einen solchen Vorfall.“
„Es stimmt aber schon, dass Pontius Nigrinus von einer Jupiterstatue, die von einem Neubau stürzte, erschlagen wurde?“
„Ich habe davon gehört.“
„Und stimmt es, dass unser Pomponius, der sonst nicht als Ausbund an Frömmigkeit gilt, kurz darauf Jupiter ein sündteures Sühneopfer brachte? Wie man hört, hast du einen prächtigen Stier opfern lassen. Warum wohl?“
„Nun ja“, murmelte Pomponius.
„Eben“, sagte Barbarus. „Ich frage mich nur, wie du das zustande gebracht hast.“
„Mit Hilfe von zwei Freunden“, gestand Pomponius. „Für mich allein wäre die Statue zu schwer gewesen.“ Er hatte sich zu mehr Offenheit entschlossen, weil er Barbarus vertraute und für sich gewinnen wollte.
Barbarus nickte zufrieden und fuhr fort. „Dann stimmt es wahrscheinlich auch, dass du …“
„Erzähl mir nicht, was ich angeblich alles getan habe“, unterbrach ihn Pomponius. „Der größte Teil meiner Tätigkeit besteht in langweiliger Ermittlungsarbeit. Was ist? Willst du meinem Team angehören, sobald es so weit ist? Es ist meist völlig ungefährlich.“
„Ich fürchte die Gefahr nicht“, antwortete Barbarus. „Ich habe Dutzende Kämpfe in der Arena überlebt. Dabei verliert man die Furcht vor dem Tod. Aber ich kann das, was ihr Agenten tut, nicht machen. Dazu fehlt mir der Verstand.“
„Das zu beurteilen überlasse mir“, sagte Pomponius. „Überlege dir mein Angebot.“ Er klopfte Barbarus auf die Schulter und trat in den kalten Wintertag hinaus.
Seine Ahnung, dass er bald einen Fall zugewiesen bekommen werde, erfüllte sich rascher, als Pomponius erwartet hatte. Eine der Wachen eilte auf ihn zu und rief: „Gut, dass ich dich noch antreffe, Pomponius! Masculinius hat nach dir gefragt und befohlen, dass du dich möglichst bald bei ihm melden sollst.“
Pomponius überquerte den Hof der Kaserne und betrat durch eine kleine Pforte den angeschlossenen Statthalterpalast, wo er die Stiegen zum obersten Stockwerk hochstieg, wo Masculus Masculinius, der Kommandant der in Niederpannonien stationierten Frumentarii, sein Quartier hatte.
Der Posten vor der Tür salutierte und sagte: „Du wirst bereits erwartet, Pomponius.“ Er senkte vertraulich die Stimme: „Dicke Luft. Es muss etwas passiert sein, das unseren Kommandanten zu schaffen macht.“ Er riss die Tür auf, nahm Haltung an und meldete: „Pomponius ist gekommen, Herr.“
„Hereinkommen!“, befahl eine barsche Stimme.
Pomponius trat ein und sah sich dem Kommandanten gegenüber, der hinter seinem Schreibtisch saß und ihn kritisch musterte. Masculus Masculinius war ein altgedienter Soldat, der durch die Gunst des Kaisers auf diesen Posten gekommen war. Eine Gunst, auf die er gern verzichtet hätte, denn er hatte nach dem regulären Ende seiner Dienstzeit vor, seinen wohlverdienten Ruhestand im sonnigen Italien zu genießen. Stattdessen saß er jetzt in einer Frontstadt am Ende des Reiches und musste sich als Chef des militärischen Geheimdienstes mit germanischen Spionen und staatsgefährdenden Umtrieben herumschlagen. Den Wunsch des Kaisers abzuschlagen, war natürlich keine Option gewesen. Dazu war Masculinius zu pflichtbewusst. Also diente er dem Kaiser auf dem ihm zugewiesenen Posten mit größter Loyalität, so wie er es stets getan hatte. Er hatte sich damit abgefunden, dass er sein Leben wohl in dieser unwirtlichen, krisengeschüttelten Region beenden werde und nicht in Rom. Trotzdem verdarb ihm diese Einsicht so manchen Tag.
Pomponius nahm Haltung an und sagte: „Spurius Pomponius meldet sich befehlsgemäß zur Stelle, Herr.“
„Wie ich an deiner Adjustierung erkennen kann, kommst du aus der Trainingshalle“, sagte Masculinius. „Du bist immer wieder für eine Überraschung gut, Pomponius. Noch vor nicht allzu langer Zeit hast du dich mit Händen und Füßen gegen ein Waffentraining gewehrt und jetzt betreibst du es freiwillig.“
„Es hilft mir, einen klaren Kopf zu bekommen, Herr.“
„Den wirst du auch benötigen, denn ich habe einen neuen, sehr heiklen Fall für dich. Setz dich!“ Masculinius deutete auf die Bank, die vor seinem Schreibtisch stand.
Pomponius nahm gehorsam Platz.
„Sagt dir der Name Tacita etwas?“, fragte...
| Erscheint lt. Verlag | 20.11.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| ISBN-10 | 3-6951-1324-3 / 3695113243 |
| ISBN-13 | 978-3-6951-1324-8 / 9783695113248 |
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