Funkennacht (eBook)
132 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-6951-1359-0 (ISBN)
Kapitel 1
Zwischen Dampf und Wolken
In der Gegenwart, etliche Hunderte Meilen entfernt von jeder Polregion, sah Ellie Victoria Arkopolis über dem dunstigen Themse-Becken schweben. Vier riesige Aetherium-Säulen, die in Kupferstrebwerken eingefasst waren, hielten die Plattform in der Höhe, während dampfende Maschinen und schimmernde Antriebsringe an den Rändern die Stadt stabilisierten. Von unten sah es aus, als würde ein gewaltiges Metallschiff reglos in den Wolken hängen, gekrönt von Kuppeln, Türmen und etlichen Dockanlagen, die wie hölzerne Ausleger aus dem Rumpf ragten.
Diese Stadt war das Herz des britischen Aether-Imperiums: ein Ort, an dem Dampf, Magie und Fortschritt sich zu einem einzigartigen Schaubild vereinten. Auf dem oberen Crown-Deck thronten viktorianische Villen, das Parlament, die Abteilungen des Hermetic College und die Regierungsbüros. Tiefer unten, in den Schattenschichten der Plattform, drängten sich Maschinenhallen, Fabriken und Arbeiterquartiere. Dort paarten sich Funkenregen aus Schmiedeblöcken mit dem Ruß der Kesselanlagen.
Noch weiter hinaus, an der Westflanke, lagen die gewaltigen Sky-Docks. Hölzerne Stege und Verladekräne reihten sich aneinander, teils an Seilen aufgehängt, teils auf eisernen Streben verankert. Luftschiffe kamen und gingen, brachten Waren aus den Kolonien oder vom Festland, beförderten Beamte, Forscher und Händler. Für Außenstehende wirkte das Treiben in den Sky-Docks wie ein waghalsiges Ballett über dem Abgrund, denn ein Fehltritt konnte einen Hunderte Meter tief in die Wolken stürzen.
Ellie Ashcroft, heute einundzwanzig Jahre alt, war hier zuhause. Sie lebte in einem winzigen Schlafraum eines rostigen Containerhauses, das am Rand der Dock-Ebene hing. Der Ausblick aus ihrem schmalen Fenster war atemberaubend, wenn auch oft von Nebel oder Rußschwaden getrübt. Dass die Plattform unter ihren Füßen irgendwann versagen könnte, hatte sie nie beunruhigt; sie kannte es nicht anders.
Man sah ihr auf den ersten Blick an, dass sie ein Kind dieses Ortes war. Sie hatte eine schmale, zähe Figur, wache grüne Augen und kupferrote Locken, die sie nur mühsam unter einer alten Dockmütze zu bändigen versuchte. Sommersprossen zierten ihre Nase und die Wangen, was sie jünger erscheinen ließ, als sie wirklich war. Statt feiner Kleider trug sie robuste Hosen und ein eng geschnürtes Lederkorsett, das sie meist mit einer kurzärmeligen Jacke kombinierte. Und um ihren Hals, an einem einfachen Lederband, hing stets die alte Taschenuhr ihres Vaters, deren Zeiger reglos auf 2 Uhr standen.
Wenn man Ellie in einem ruhigen Moment fragte, warum sie diese kaputte Uhr immer trug, zuckte sie meist mit den Schultern. Es sei ein Andenken an ihren Vater, erklärte sie dann, und mehr wollte sie nicht preisgeben. Ein aufmerksamer Beobachter hätte aber gemerkt, dass Ellie ab und an spürbar an dieser Uhr fasste, als spüre sie heimlich irgendeinen Puls, ein Vibrieren oder eine Restwärme. Sie selbst spielte das meist herunter: Sicher nur Einbildung, wenn sie unter Stress stand.
Tagsüber arbeitete Ellie in den Sky-Docks. Man sah sie häufig an einem der Holzanleger, wo sie als Ankerhelferin Seile fixierte, Kisten stapelte oder beim Löschen von Fracht half. Sie bewegte sich geschickt über die schmalen Stege, beinahe wie eine Gauklerin, der die tiefe Fallhöhe keine Angst machte. Ihre Fingerkuppen waren vom Tauwerk rau, und an den Knöcheln trug sie ein paar alte Schrammen, die sie sich bei Kletterunfällen zugezogen hatte.
Manchmal verfluchte sie dieses anstrengende Leben, doch gleichzeitig liebte sie die Freiheit, in den Wind über dem Abgrund zu spucken und die Wolken unter sich treiben zu sehen. Nach der Schicht besuchte sie gelegentlich Kurse am Hermetic College, weil sie das Privileg besaß, eine Hexenlehre zu durchlaufen – eine Ausbildung, die Arkopolis zur Sicherung seiner schwebenden Energienetzwerke dringend brauchte. Das allerdings war ein zweischneidiges Schwert: Arkopolis hatte strenge Regeln für magische Begabte, und MI 13, eine Art Geheimpolizei, behielt Hexen stets im Auge.
Ellie konnte ihre Kräfte in den Vorlesungen des Colleges zwar entwickeln, doch sie durfte sie nicht einfach nutzen, wann immer sie wollte.
An den Abenden saß sie oft mit Freunden in rußigen Werkstattecken zusammen, in der Hand vielleicht einen dampfenden Tee mit Schuss. Oder sie ließ sich in den Gassen des Foundry-Decks blicken, wo der Boden warm war von den schwelenden Öfen und Funkenregen niederprasselte wie silbrige Glühwürmchen. Sie liebte die Kühle der Nachtluft über den Docks, wo man die Lichter der Stadt auf der Plattform sehen konnte, und darüber das gläserne Leuchten der Kuppeln.
Das war ihr Arkopolis, so rau und faszinierend zugleich.
Ellie wusste, dass die meisten Menschen in einer schwebenden Stadt kaum Natur vermuteten; dennoch liebte sie es, das Gegenteil zu beweisen. Sie hatte Ecken entdeckt, wo sich Moospolster an Stahlträgern klammerten und winzige Schmetterlinge um die schwach strahlenden Lampen tanzten, als lausche selbst der Stahl der Stimme des Lebens. Es gab in manchen Zonen des Oberdecks kleine Glashäuser, in denen Zitruspflanzen gediehen. Woanders wuchsen an Regenrinnen Algen und Pilze, die sogar essbar waren, wenn man sie denn zu kochen wusste. Auch Vögel nisteten teils an den Rändern der Plattform, Möwen und Tauben, ja sogar ein paar seltenere Greifvögel, die den Luftaufwind nutzten.
Der Großteil der Nahrung kam allerdings von außen: jeden Tag segelten Transportballons heran und brachten Fleisch, Getreide und Fisch von den Küsten. In Arkopolis wurde nicht viel angebaut. Doch Ellie hatte gehört, dass drüben im Crown-Deck so mancher Aristokrat Wintergärten mit tropischen Palmen besaß, geheizt durch geheime Aether-Technik. Ellie hatte nie ein solches Palmenhaus gesehen, aber sie stellte es sich märchenhaft vor.
Heute, an einem windigen Morgen, war Ellie schon früh auf den Beinen. Sie hatte kaum vier Stunden geschlafen, weil sie nachts noch in einem Buch über Runenstudien geblättert hatte. Es war ein Lehrbuch vom Hermetic College, halb konfisziert, halb geliehen. Vor dem Spiegel in ihrem spartanischen Zimmer – eigentlich nur ein Metallspind, ein Bett und ein Stuhl – flocht sie sich das kupferrote Haar so gut es ging und band es mit einem Lederriemen fest. Dann zog sie ihr Dock-Outfit an, setzte die Mütze schief auf und griff nach ihrer Ledertasche, in der sie ein paar Bissen Brot hatte.
Schon auf dem Weg hinaus spürte sie den vertrauten Zug an ihrem Hals, als die Uhr baumelte. Manchmal hatte sie den Eindruck, sie könnte auf die Uhr wie auf ein Schutzamulett zählen. Doch sie wusste nicht recht, wovor sie diese Uhr schützen sollte. Vielleicht vor dem harten Alltag, vielleicht vor ihrer eigenen Ungeduld, endlich etwas Größeres aus ihrem Leben zu machen.
Draußen pfiff der Wind über die Stege, und ein raues Hämmern dröhnte von einer Krananlage. Die Morgensonne beleuchtete rostige Seilrollen, die sich im Takt der Maschinen drehten. Ein Arbeiter in fleckiger Latzhose winkte ihr zu: „Ellie, wir müssen diese Ladung Fässer entladen, es eilt!“ Sie winkte zurück, sprang auf das schwankende Gerüst und half beim Abhaken der Kette, die die Fässer anhob.
Zwei Stunden später schmerzten ihr die Arme, und sie wischte sich mit dem Handrücken Ruß von der Stirn.
Da rief jemand „Kontrollposten!“ Ein MI 13-Agent in blauschwarzem Mantel – das Emblem zeigte ein mechanisches Auge aus poliertem Messing, dessen Iris von einem gezackten Aetherblitz durchbohrt wurde – trat auf den Steg. „Dockausweis“, befahl er, ohne seinen Atemschutz abzunehmen.
Ellie zog ihren abgewetzten Lederpass hervor und spürte den bohrenden Blick des Mannes, als taste er nach einer unsichtbaren Aura. Einen Herzschlag lang flackerte etwas in ihrer Uhr, und sie glaubte ein einzelnes Tick zu hören. Der Agent tippte mit einem Stift auf ein Klemmbrett, nickte knapp. „Schon gut. Weiterarbeiten.“ Erst als er fort war, merkte Ellie, dass sie die Luft angehalten hatte. „Manchmal frage ich mich, wie ich das durchhalte“, murmelte sie. „Aber was bleibt mir anderes übrig?“
Ein Kollege grinste: „Ohne uns würde das Empire keine Luftschiffschraube bekommen. Wir sind unersetzlich, Mädchen.“ Doch Ellie nickte nur abwesend. Sie wusste, dass ihr Leben am Dock nicht ewig so weitergehen konnte. Sie besaß schließlich magisches Talent – nicht sonderlich präzise, aber sie spürte, dass sie mehr lernen konnte, mehr sein konnte, wenn sie sich traute.
Nach einem kurzen Essen in der Dock-Kantine – ein Eintopf aus Bohnen und einer undefinierbaren Brühe – machte sie sich auf den Weg in Richtung Foundry-Deck, das zwischen den Docks und dem Oberdeck lag. Dort war es heiß und lärmend. Dampf stieg aus Metallröhren auf, Funken wirbelten aus Schmelzöfen, wo Kupfer und Eisen gegossen wurden. Straßenlampen, die mit Aethergas betrieben wurden, erleuchteten die Gänge, in denen unzählige Arbeiter herumliefen. Manche grüßten Ellie, andere raunten ihr zu, ob sie heute wieder „diese Magieschule“ besuchen...
| Erscheint lt. Verlag | 17.11.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Fantasy |
| ISBN-10 | 3-6951-1359-6 / 3695113596 |
| ISBN-13 | 978-3-6951-1359-0 / 9783695113590 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
Größe: 2,8 MB
Digital Rights Management: ohne DRM
Dieses eBook enthält kein DRM oder Kopierschutz. Eine Weitergabe an Dritte ist jedoch rechtlich nicht zulässig, weil Sie beim Kauf nur die Rechte an der persönlichen Nutzung erwerben.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich