Zum Hauptinhalt springen
Nicht aus der Schweiz? Besuchen Sie lehmanns.de
Junger Dichter in bewegter Zeit -  Hermann Eimüller

Junger Dichter in bewegter Zeit (eBook)

Oskar Maria Graf zwischen 1916 und 1919
eBook Download: EPUB
2025 | 1. Auflage
100 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-6951-2115-1 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
5,49 inkl. MwSt
(CHF 5,35)
Der eBook-Verkauf erfolgt durch die Lehmanns Media GmbH (Berlin) zum Preis in Euro inkl. MwSt.
  • Download sofort lieferbar
  • Zahlungsarten anzeigen
Dieses Buch erzählt von dem Gelegenheitsarbeiter und angehenden Dichter Oskar Maria Graf, der seine individuelle Lebensspur zwischen Krieg und Poesie, Anpassung und Revolte zu finden sucht. Zudem wird den Schicksalen einiger Gefährten und Zeitgenossen im Gefüge der Revolution nachgespürt, wie Georg Schrimpf, Kurt Eisner, Ernst Toller oder Erich Mühsam. Ein Ausblick über das tragische Ende der Münchner Räterepublik hinaus vervollständigt das Porträt eines jungen Menschen in bewegter Zeit.

Hermann Eimüller, Jahrgang 1959, in Augsburg geboren und lebend. Verfasst seit mehr als vierzig Jahren Gedichte, Liedtexte, Theaterstücke. Den Autor beschäftigen provinzkulturelle Themen: Neben Lyrik, hochdeutsch als auch im heimischen Lechsläng abgefasst und Essays, zeugen hiervon Monografien über Oskar Maria Graf. Seine geistlichen Texte wurden vertont und auf allen gängigen Tonträgern veröffentlicht. Seit 1982 fanden sie ihren Weg zu zahlreichen Katholiken- und Kirchentagen, wurden zum Teil dort erstmals aufgeführt. Eimüllers Schriften sind u. a. bei Books on Demand und im Eigenvertrieb erschienen.

Rückblende Graf


Ein junger Mann, zweiundzwanzig Jahre zählend, kehrt in das zivile Leben zurück. Zumindest äußerlich scheint er unversehrt geblieben zu sein. Seltenheit in einem Krieg, der Europa seit beinahe zweieinhalb Jahren fest umklammert hält.

Die Altersgenossen des jungen Mannes vegetieren derweil im Morast der europaweit sich breitenden Schützengräben. Sie erfrieren in den Dolomiten. Sie ersaufen in Unterseebooten, deren dünnhäutiger Mantel von Torpedos durchbohrt wird. Sie krepieren an vielfältigen, geruchlos über die Schlachtfelder wabernden Giftgasen, während die in ihren Laboratorien unermüdlich nach immer noch brutaleren Todesmitteln Forschenden mit den Verdienstorden ihrer jeweiligen Vaterländer dekoriert werden.

Es sterben die Besten ihrer Zeit, mögen sie sich in Vorkriegszeiten als Kunstmaler oder Dichter betätigt haben. Eine ganze Generation geht zugrunde. All die Befehlshaber, die Kaiser, Könige, Präsidenten, Minister, Generale, durch die Bank älteren Semesters, mit Verschlagenheit und Brutalität gesegnet – sie sterben sanft. Zumeist werden sie den Krieg ohne ärgere Blessuren überstehen. Den Herren ergeht es bestens. Sie leiden keinen Hunger, keinen Durst. Sie sind mit wärmender Kleidung ausgestattet. Es fehlt ihnen an nichts.

Wer vorzeitig vom Krieg heimgekommen war, hatte Federn lassen müssen. Dem Einen fehlte ein Arm oder ein Bein, dem Anderen eine Hälfte des Gesichts. Der Eine wurde taub, der Andere blind. Und ein Dritter war irre geworden am Tohuwabohu auf den Schlachtfeldern.

Der junge Mann, von dem im Folgenden zu berichten ist, hatte sich seine Rückkehr in das zivile Leben unter Mühen erkämpft. Der Kampf hätte ihn sein lächerlich kleines Leben kosten können. So manch einer endete Knall auf Fall als Verräter am jeweiligen Vaterland.

Nun war Oskar Graf, ein gelernter Bäcker, der einfühlsame Lyrik dichtete und am Gedankengut der Anarchisten Gefallen gefunden hatte, von seinem Dienst beim verhassten Militär entbunden. Für immer. Nie mehr müsste er den Befehlen verblödeter Offiziere und Unteroffiziere gehorchen, hinter deren Dauergeplärr letztendlich nur eine Unperson stand: sein Bruder Max, ihm um zwölf Altersjahre voraus, Erbe eines florierenden Bäckerei- und Konditoreibetriebs am Ostufer des Starnberger Sees.

Vom wilhelminischen Korpsgeist berauscht, war Max nach Verrichtung des obligatorischen Militärdienstes zur heimatlichen Backstube heimgekehrt, um zum Tyrannen über Eltern, Geschwister und Gesellen zu werden. Den unternehmerisch impulsiven Vater trieb er zu Resignation, Isolation und Trunksucht. Die jüngeren, bereits erwachsenen Brüder vertrieb er in die Fremde.

Am 28. Mai 1915 fand der Unteroffizier Max Graf dann sein Ende. Nichts Neues im Westen. Vielmehr der banale Alltag an der Front. Zuvor hatte er das Angebot auf Heimaturlaub ausgeschlagen. Schließlich galt es, der Pflicht für das Vaterland zu genügen. Nun waren vier Kugeln zielsicher zum Rückenmark vorgedrungen. Der Gefallene hinterließ Frau und drei Kinder. Die dankbare Pfarrgemeinde widmete ihrem tapferen Sohn eine knappe Zeile innerhalb einer langen Liste auf dem Kriegerdenkmal: Name, Sterbedatum, Eisernes Kreuz, in grauen Stein gehauen.

Oskar empfand keine Trauer für den Gefallenen.

Zu gewaltig waren die seelischen Verwerfungen.

Noch immer schmerzten die brüderlichen Prügel.

Es stimmte ihn froh, des unguten Bruders ledig zu sein. Wegen seiner Hiebe hatte er das heimatliche Dorf, hatte er die geliebte Mutter verlassen müssen, um in der Großstadt München sein zweifelhaftes Glück zu suchen. In bitteren Briefzeilen gab er der Befreiung Ausdruck:

Diejenigen, die so sind wie er, haben auch diesen sinnlosen Krieg über uns gebracht. Sie bringen immer Krieg, und in jeder Form! Und sie glauben, es wäre Größe!

Liebe Mutter, liebe Schwestern, verargt es mir nicht Ich muß sagen, ich bin fast froh, daß der Maxi tot ist.

Die Mutter, mit einer ehrlichen, bodenständigen Frömmigkeit ausgestattet, suchte das offensichtlich gefährdete Seelenheil ihres Jüngsten zu retten. Sie ließ in aller Stille eine Heilige Messe für ihn lesen.

Ein knappes Jahr zuvor, am 28. Juni 1914, hatte Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este, Thronfolger im fragilen österreichisch-ungarischen Staatsgefüge, dem bosnischen Sarajevo einen Besuch abgestattet. Die Fahrt im offenen Automobil sollte Nähe zu den schwierigen Untertanen signalisieren. Unter den Schaulustigen befand sich Gavrilo Princip aus dem benachbarten Serbien. Neben ihm lauerten weitere Landsmänner vor Ort, Terroristen, mit Sprengstoff und Schusswaffen ausgerüstet. Princip feuerte auf den Erzherzog und dessen Gattin. Das Attentat löschte in böser Ironie den prominentesten Verfechter einer halbwegs moderaten Balkanpolitik aus.

Einen Monat später erfolgte die Kriegserklärung Österreich-Ungarns an das serbische Königreich. Dessen Bündnispartner Russland fühlte sich veranlasst, seine Streitkräfte zu mobilisieren. Zielstrebig wurde auf die Katastrophe zugesteuert:

Die gegenseitige Zuweisung von Schuld. Propagandageschrei. Das Spiel mit der taktischen Lüge.

Kaiser gegen Zar und König. Willy bekämpfte seine Cousins, den russischen Nicky und den britischen George. Am 1. August erklärte Deutschland erst Russland und zwei Tage später Frankreich den Krieg. Nichts sollte den zügigen Marsch dorthin versperren. Also besetzten kaiserliche Truppen die neutralen Staaten Belgien und Luxemburg.

Es wehten die heimischen Fahnen und die ihrer Verbündeten. Mit den Schildern französisch oder balkanisch klingender Restaurants und Kaffeehäuser wurden deren Interieurs zu Kleinholz verarbeitet. Jubelnd, blumengeschmückt, von Frauen und Kindern begleitet, zogen die Soldaten in Richtung Front. Binnen weniger Wochen würde der Krieg eh wieder siegreiche Vergangenheit sein.

Jubel beherrschte auch die Intellektuellen, ob sie nun Thomas Mann, Ludwig Thoma, Ludwig Ganghofer hießen. Der Kaiser kannte keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche. Die Autoren und Zeichner des Simplicissimus folgten willig den Parolen ihres obersten Kriegsherrn. Sie, die mit Kritik bislang selten gespart und für ihre liberale Haltung sogar im Knast gesessen hatten, rüsteten sich zu treffsicheren Waffen im Dienst der Propaganda auf.

Lena Christ, Verfasserin der eindrücklichen Erinnerungen einer Überflüssigen, brachte sich mit Unsere Bayern anno 14 in die männlich dominierte Kriegsliteratur mit ein. Zwei weitere Bände folgten dem erfolgreichen ersten. Der bayerische König ließ es sich nicht nehmen, die Autorin mit seinem Ordenskreuz zu schmücken.

Menschen wie Heinrich Mann, die sich dem kollektiven Wahn entzogen, waren eher die Ausnahme. Der Vorabdruck seines satirischen Romans Der Untertan in der Münchner Wochenschrift Zeit im Bild wurde folgerichtig mit dem 13. August abgebrochen. Kritik am System war in diesen Zeiten unangebracht.

Bevor ihn die Zensur zum Schweigen bringen konnte und um das eigene Leben fürchtend, stellte Erich Mühsam das Erscheinen von Kain, seiner anarchistischen Zeitschrift für Menschlichkeit ein.

Oskar Graf fand sich in der Montur des Königlich Bayerischen Eisenbahnbataillons wieder. Mit der Betreuung von Pferden und dem Ordonnanzdienst bei Offizieren hatte ihn das Schicksal vergleichsweise milde getroffen.

Vergebens suchte man ihn mit der Mechanik eines Karabiners vertraut zu machen. Dass er während der Lehrlingszeit vom Bruder Lenz im Umgang mit dem Wildererstutzen unterwiesen worden war, brauchte ja keiner der Uniformierten zu wissen.

Mit einer Fotopostkarte, die ihn uniformiert, mit Pickelhaube und umgeschnalltem Säbel darstellte, beglückte er seine Geschwister in Berg.

Das groteske Porträt ergänzte er um die Prophezeiung: Bald wird das blöde Gesicht wieder auf der Bildfläche erscheinen. Gruß Graf.

Beim Marschieren blieb Oskar stets außerhalb des gleichen Schritts. Als unabhängig denkendes Individuum konnte er den monotonen Übungen auf dem Exerzierplatz nur ein Lachen abgewinnen. Mit wiederholten Arresten, dem Einsatz zu Küchen- und Putzdiensten, suchte man dem Verstockten in Sachen Disziplin nachzuhelfen. Als ehrenwerter Bruder von Jaroslav Haseks bravem Soldaten Svejk blieb er dem Starrsinn treu. Graf fühlte sich dem Militär nicht zugehörig. Sein ungehöriges Lachen war das eines Außenstehenden.

Noch dem letzten seiner Erinnerungsbücher wird er den Titel Gelächter von außen geben.

Zu allem Überfluss befanden sich unter den Kameraden solch ungute Vorbilder wie der vom militärischen Getriebe um sich herum unbeeindruckte Zuhälter Johann Otto Schönleber aus Wien. Trotz einer untergeordneten Funktion als Offiziersfahrer gelang es diesem, das gewohnt kommode Wiener Vorkriegsleben fortzuführen – dank der üppigen Liebesgaben seiner Damen. An seiner stilvoll zelebrierten Jause mit bestem Kaffee, Gebäck und Zigarren ließ er die Kameraden wie...

Erscheint lt. Verlag 11.11.2025
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
ISBN-10 3-6951-2115-7 / 3695121157
ISBN-13 978-3-6951-2115-1 / 9783695121151
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
Haben Sie eine Frage zum Produkt?
EPUBEPUB (Wasserzeichen)
Größe: 150 KB

DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasser­zeichen und ist damit für Sie persona­lisiert. Bei einer missbräuch­lichen Weiter­gabe des eBooks an Dritte ist eine Rück­ver­folgung an die Quelle möglich.

Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belle­tristik und Sach­büchern. Der Fließ­text wird dynamisch an die Display- und Schrift­größe ange­passt. Auch für mobile Lese­geräte ist EPUB daher gut geeignet.

Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise

Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.

Mehr entdecken
aus dem Bereich
Mein Leben mit paranoider Schizophrenie

von Eric Stehfest

eBook Download (2025)
ZS - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
CHF 16,60
Eine besondere Freundschaft und der Weg zu mir selbst

von Ronja Forcher

eBook Download (2025)
Knaur eBook (Verlag)
CHF 17,55
Die Autobiografie

von Daniel Böcking; Freddy Quinn

eBook Download (2025)
Edition Koch (Verlag)
CHF 9,75