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»Du bist doch unser Bruder!« Begegnungen in den kommunistischen Ländern von 1958 bis 1980. -  Gerhard Specht

»Du bist doch unser Bruder!« Begegnungen in den kommunistischen Ländern von 1958 bis 1980. (eBook)

Erinnerungen an mein Leben (Teil 2)
eBook Download: EPUB
2025 | 1. Auflage
178 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-6951-2165-6 (ISBN)
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Schon der Vorname, den seine Eltern ihm gaben, schien ein Fingerzeig auf die spätere Tätigkeit des Autors zu sein - schließlich war es der heilige Gerhard Sagredo aus Venedig, der die christliche Lehre in Ungarn verkündigte. Als dann 1956 der ungarische Aufstand blutig niedergeschlagen wurde, stand die Entscheidung fest: Gerhard Specht, damals als Vikar in Höxter tätig, fuhr mit seinem VW-Käfer nach Ungarn, um das Land seines Namenspatrons kennenzulernen. Die Erfahrungen dieser ersten Reise führten zur Zusammenarbeit mit der Ostpriesterhilfe und zu weiteren Fahrten in die kommunistischen Diktaturen Osteuropas - der VW-Käfer immer vollgepackt mit Hilfsgütern. Auf Bitten des damaligen Paderborner Erzbischofs Johannes Joachim Degenhardt übernahm Dr. Specht 1977 die Leitung des Europäischen Hilfsfonds (EHF) mit Sitz in Wien. Dieser hatte das Ziel, die Kirche in den kommunistisch regierten Ländern mit Geld- und Sachspenden zu unterstützen. Von da an war der Autor regelmäßig in Osteuropa unterwegs. Schon bald galt er bei den kommunistischen Machthabern als »vatikanischer Spion«, denn ihnen war jegliche Religion ein Dorn im Auge. Die damit verbundenen Gefahren für seine eigene Person blendete Dr. Specht aus - die Menschen brauchten dringend Unterstützung, das allein zählte. Von diesen Begegnungen zwischen 1958 und 1980 mit den Menschen in den kommunistischen Ländern erzählt dieses Buch: Es waren »einfache« Gläubige, aber auch hohe kirchliche Würdenträger - darunter der spätere Papst Johannes Paul II. Sie alle waren dankbar für das Engagement des EHF und den unermüdlichen Einsatz von Dr. Gerhard Specht.

Dr. Gerhard Specht, Jahrgang 1929, legt mit diesem Buch den zweiten Teil seiner Lebenserinnerungen vor.

Der Europäische Hilfsfonds (EHF)


Anfang 1977 kam es zu einer wichtigen Veränderung: An einem Nachmittag klingelte es und Mutter ging an die Haustür. Zu ihrer Verblüffung standen dort drei Priester – Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt, Generalvikar Kresing und Personalchef Horstkemper. Sie kamen gerade vom Sekretariat der Bischofskonferenz in Bonn, wo sie mit dem Sekretär Prälat Dr. Josef Homeyer ein längeres Gespräch geführt hatten. Nun teilten die drei Herren mir mit, dass die Bischofskonferenz mich darum bitte, die Leitung des Europäischen Hilfsfonds zu übernehmen.

Erzbischof Degenhardt bei uns in Hagen

Da ich mit diesem Hilfsfonds bisher nie etwas zu tun gehabt hatte, holte ich mir diesbezüglich zunächst einige Informationen ein. Dabei erfuhr ich, dass der EHF – auf einen Vorschlag des Kardinals Döpfner – im Jahre 1970 von der deutschen und der österreichischen Bischofskonferenz in Rom gegründet und in Wien eingerichtet worden war. Wien schien damals als Zentrum besonders geeignet zu sein, schließlich war Österreich »neutral«, sodass man für Wien leichter ein Visum erhielt. Da aber viele Priester auf direktem Weg nach Rom kamen, wurde ein weiteres Büro im römischen Campo Santo Teutonico eingerichtet. Dadurch konnte man auch in Rom wichtige Gespräche führen und der Kontakt mit römischen Zentralstellen gestaltete sich ebenfalls einfacher. Weiter las ich, dass der Hilfsfonds die Aufgabe hatte, die Kirche in den kommunistisch regierten Ländern durch Geld- und Sachspenden zu unterstützen und sie zu stärken. Dafür hatte die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) aus ihrem Budget vierzig Millionen D-Mark zur Verfügung gestellt und auch die Österreichische Bischofskonferenz beteiligte sich an den Hilfsaktionen. Konkret bedeutete das:

  • Hilfe beim Bau oder der Renovierung von Kirchen, Seminaren usw.
  • Hilfe bei der Erhaltung von Seminaren und Vergabe von Stipendien für Theologiestudenten
  • Hilfe bei der Anschaffung von Literatur (von der Heiligen Schrift bis zur neuesten Theologie)
  • Hilfe bei der Anschaffung von liturgischen Gewändern, Devotionalien usw.
  • Hilfe beim Aufbau eines kirchlichen Medienwesens (vom Abonnement ausländischer kirchlicher Organe bis zur Einrichtung von Druckereien)
  • Hilfe bei der Anschaffung von Fahrzeugen, die in der Seelsorge eingesetzt werden
  • Hilfe bei der Anschaffung von Heizungsanlagen, Kücheneinrichtungen, Büromaschinen usw. für kirchliche Zwecke

Hinter der harmlos klingenden Kurzbezeichnung »Europäischer Hilfsfonds« steckte aber noch mehr – ein Kapitel stillen Heldentums der neuesten Kirchengeschichte. Denn der 1971 offiziell begründete »Europäische Hilfsfonds« hat – ebenso wie seine verschiedenen Vorgänger-Organisationen in Deutschland und Österreich seit 1956 – in den Jahren und Jahrzehnten vor der »Wende« den Teilkirchen im damals kommunistisch beherrschten Teil Europas buchstäblich Überlebenshilfe geleistet. Der EHF hatte wesentlichen Anteil daran, dass die Kirche in Mittelost- und Osteuropa ihren von den kommunistischen Regimen immer mehr eingeengten Bewegungsspielraum wieder etwas ausweiten konnte. Unter schwierigsten Bedingungen gelang es ihm, der »schweigenden Kirche« materielle und geistige Hilfe zu leisten. Solange der Kommunismus herrschte, musste der »Europäische Hilfsfonds« aber ein großer Unbekannter bleiben, von dessen Existenz außerhalb des innersten kirchlichen Kreises kaum jemand wusste. Jede Publizität hätte den Erfolg gefährdet.

Der erste Leiter des EHF war der schlesische Prälat Carlo Bayer, der am 16. Januar 1977 in Rom verstarb und auf dem Campo Santo Teutonico beigesetzt wurde. Zunächst übernahm Prälat Herbert Michels aus Köln die provisorische Leitung, ohne allerdings Entscheidungen zu treffen. Dafür sollte allein der neue Leiter zuständig sein. Bei der Suche nach einem Nachfolger von Carlo Bayer war dann die Wahl auf mich gefallen. Nach einigem Nachdenken und auf Bitten meines Erzbischofs sagte ich dann Ja zu dieser neuen Aufgabe.

Zunächst musste jedoch um eine Beurlaubung für mich nachgesucht werden, da ich ja als Beamter zu vollem Dienst am Theodor-Heuss-Gymnasium in Hagen verpflichtet war. Zwei Jahre unbezahlten Urlaubs wurden mir dann von Düsseldorf genehmigt. Ausdrücklich wies man dort aber darauf hin, dass ich mich am Ende der beiden Jahre entscheiden müsse, ob ich weiterhin im Schuldienst verbleiben oder eine Abfindung erhalten wolle. So streng waren damals die Sitten und Gesetze!

Am 4. März 1977 wurde ich schließlich zum Leiter des EHF ernannt, doch der Dienst in Wien konnte erst nach den Sommerferien 1977 beginnen. Zwei Schulfreizeiten auf Bornholm waren nämlich schon seit Langem geplant und vorbereitet, daher mussten sie nun auch durchgeführt werden. Es waren die letzten Schülerfreizeiten auf Bornholm. Am 1. August 1977 fuhr ich nach Wien in die Hubergasse 7. Diese Gasse war nach dem Baumeister Karl Huber benannt, der sie 1850 eröffnet hatte. In der Hubergasse 8 hatte früher die alte Synagoge gestanden, »Hubertempel« genannt. Am 9. November 1938 – der Reichspogromnacht – wurde sie von den Nationalsozialisten zerstört. Im geräumigen Innenhof des Hauses »Hubergasse 7« konnte ich mein Auto leicht unterstellen.

Zuerst begrüßte ich alle im Hause Anwesenden. Einige von ihnen konnte ich im Bild festhalten. Später entdeckte ich im Arbeitszimmer ganze Stapel von Anträgen, die seit dem Tod von Carlo Bayer dort abgelegt worden waren. Darüber musste nun der neue Leiter entscheiden. Das war eine Überraschung schon am ersten Tag! Der größte Stapel waren die Anträge auf Gesundheitshilfen wie beispielsweise Rollatoren oder Medikamente. Diese ließ ich sofort an die Absender zurückschicken mit dem Vermerk, dass wegen des Todes des bisherigen Leiters in den letzten Monaten keine Entscheidungen getroffen werden konnten. Sollte jedoch auch weiterhin eine Notwendigkeit bestehen, so möge man neue Gesuche durch den katholischen Pfarrer bestätigen lassen.

Am nächsten Tag kam dann der zweite Sekretär der polnischen Bischofskonferenz, Aloys Orszulik, zu Besuch. Sofort nahmen wir den Stoß »Polen« und breiteten alle Anträge aus diesem Land auf dem Boden aus. Aloys sortierte sie. Jeder Antrag musste ja durch die jeweiligen Bischöfe bzw. Ordensoberen geprüft und bewertet werden. Der Sekretär nahm einen Stoß Akten mit nach Polen, um die Sache in Warschau zu erledigen. So war auch der zweite Tag schnell vorbei!

In den nächsten Tagen ging die Aufarbeitung der vielen Anträge weiter und ich lernte, dass hier ständig Entscheidungen zu treffen waren. Dazu kamen die vielen Besucher! Täglich erschienen neue Gäste aus verschiedenen Ländern, die ihre Anträge erklären und abgeben wollten. Regelmäßig kam auch der damalige Chefredakteur der Zeitung »Die Presse«, Otto Schulmeister. Für ihn war es wichtig, neue Informationen über die Ostblockländer zu erhalten. Ständige Besucher waren auch Schwester Salvatora FDC und Prälat Viktor Dudzinski. Schwester Salvatora kümmerte sich nicht nur rührend um die Schwestern, die zur Kongregation der göttlichen Liebe in Kroatien gehörten, sondern auch um deren Häuser. Mehrmals fuhr uns Herr Radmann dorthin, um an Ort und Stelle die Anträge zu prüfen. Viktor gehörte zur Diözese Łódź in Polen, wohnte aber in Wien. Emsig wie eine Biene sammelte er Obst, Medikamente, Kaffee und vieles mehr für seine polnischen Mitbrüder. Jede Woche schickte er außerdem ein Paket mit Obst an Primas Wyszynski. Von einem »Onkel Krause« hatte er ein Schloss geerbt, das er aber bald wieder verkaufte. Bei jedem Besuch brachte er eine Aufmerksamkeit in die Hubergasse mit.

So gingen die Tage sehr schnell dahin. Ruhepausen gab es während des Tages fast nie – über Arbeitsmangel konnte ich mich also wirklich nicht beschweren! Dazu kam noch Rom. Schon mein erster Besuch dort war voller Überraschungen. Am Flughafen erwartete mich bereits Vittorio, unser Chauffeur, der mich bei jedem Besuch in Rom zu den gewünschten Zielen fuhr. Am ersten Tag ging es natürlich zunächst zum Campo Santo. Hier hatte die DBK ein Büro für den EHF eingerichtet. Erwin Gatz, der Direktor des Hauses, begrüßte mich und zeigte mir mein Büro, das mit Schlaf- und Badezimmer verbunden war. Aus dem Fenster schaute man auf das Eingangstor S. Ufficio / Petritor, vor dem die Schweizer Gardisten standen.

Nach einem Jahr wechselte ich auf die andere Seite des Hauses und schaute jetzt auf den Campo Santo, den Heiligen Friedhof. Hinter dem Friedhof sah man das Haus Martha, in dem später Papst Franziskus wohnte. Jede Viertelstunde schlug die Vatikanische Turmuhr und gab die Zeiten an. Hier war ich also mitten in den Vatikanischen Gefilden. Damals war die Kontrolle noch nicht so streng wie heute, sodass ich jeden Tag in den Vatikanischen Gärten spazieren gehen konnte – was ich auch sehr gerne tat.

Prälat Viktor Dudzinski Die oberen Fenster waren mein Büro in...

Erscheint lt. Verlag 6.11.2025
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
ISBN-10 3-6951-2165-3 / 3695121653
ISBN-13 978-3-6951-2165-6 / 9783695121656
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