Zum Hauptinhalt springen
Nicht aus der Schweiz? Besuchen Sie lehmanns.de
Bis das Meer zurückblickte -  Yvonne Kollrack

Bis das Meer zurückblickte (eBook)

Ein transatlantisches Reisetagebuch
eBook Download: EPUB
2025 | 1. Auflage
236 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-6951-3984-2 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
2,99 inkl. MwSt
(CHF 2,90)
Der eBook-Verkauf erfolgt durch die Lehmanns Media GmbH (Berlin) zum Preis in Euro inkl. MwSt.
  • Download sofort lieferbar
  • Zahlungsarten anzeigen
Eine Woche auf dem Atlantik - ohne Internet, ohne Eile, aber mit jeder Menge Geschichten. Dieses Reisetagebuch nimmt Sie mit auf eine Atlantik-Überfahrt an Bord der legendären Queen Mary 2, von New York nach Hamburg. Zwischen technischen Fakten über das Schiff und feinsinnigen Anekdoten über Mitreisende und das Leben an Bord erzählt Yvonne Kollrack mit Humor, Neugier und philosophischer Tiefe von der Magie des langsamen Reisens, der Geschichte der Oceanliner und der Frage, warum man mehr als sieben Tage auf See verbringt, wenn man auch sieben Stunden fliegen könnte. Ist es eine Flucht? Eine Suche? Oder der Versuch, die Welt für einen Moment hinter sich zu lassen? David Bowie, der aus Flugangst oft mit dem Schiff reiste, sagte einmal: "Ich schaute auf das Meer und schaute auf das Meer - bis das Meer zurückblickte." Dieses Buch folgt seinem Blick - und lädt dazu ein, die Zeit zu vergessen, das Tempo zu drosseln und sich dem Rhythmus der Wellen hinzugeben. Ein Reisetagebuch über Routinen an Bord, berührende Begegnungen und die stille Kraft des Meeres -mit Fakten über das Schiff und Gedanken darüber, was Reisen wirklich bedeutet. Denn wer sieben Tage lang aufs Meer schaut, merkt irgendwann, dass es zurückblickt. Und dass solch eine Reise zwar viel Raum zum Nachdenken bietet - aber niemanden neu erfindet. Zwischen Deckplänen, Chorproben und der Frage, warum man sich selbst nur ohne Empfang wirklich hört, wird die Queen Mary 2 zur Bühne für Gespräche, Gewohnheiten und Gedanken, für die an Land keine Zeit bleibt. Ein Buch, das erzählt, beobachtet und reflektiert - und dabei nie vergisst, dass das Meer zwar spiegelt, aber keine Antworten gibt, die man nicht schon in sich trägt.

Dr.med. Yvonne Kollrack hat den Atlantik mit der Queen Mary 2 als Passagierin bereits mehrmals überquert und ist jedes Mal aufs Neue fasziniert vom Blick aufs Meer. Sie ist Orthopädin, Unfallchirurgin und seit langem freie Autorin. Neben unzähligen medizinischen Fachartikeln schreibt sie Glossen und Kolumnen. 2020 erschien ihr erstes Sachbuch. Aufgewachsen in Marburg, lebt und arbeitet sie jetzt in Berlin. Neben ihrem Beruf und dem Schreiben liebt sie es zu reisen. In arktischen Gefilden war sie jahrelang jeweils für einige Wochen als Schiffsärztin unterwegs. Das Meer gibt ihr ein Gefühl von Freiheit und Glück.

Red Hook Kreuzfahrtterminal, Brooklyn


Als begönne die gediegene Passivität des Transatlantikpassagiers schon mit dem Betreten des Terminals, läuft der Prozess des Eincheckens so glatt, als befände ich mich auf einem unsichtbaren Förderband, als wäre ich ein Werkstück, das, durch unzählige Handgriffe bis zur Auslieferung in den Bauch der Queen Mary 2, noch perfektioniert wird.

Jeder Schritt klappt ohne mein intellektuelles Zutun; als wäre beim Einchecken eine geheime Effizienz am Werk. Hier, am New Yorker Hafen, können sich Made in Germany, deutsche Ordnungsfanatiker und Regelbefolger wie ich, eine Scheibe New Yorker Gelassenheit und Organisation abschneiden. In einer Reihe bewegen sich die ankommenden Fährpassagiere Richtung Kofferabgabe, einer Zeltstation neben dem Eingang zur Abreisehalle. Als hätten nicht nur die Gepäckstücke, sondern auch die Menschen Rollen unter dem Körper. Geübte US-Reisende und US-Bürger ziehen dabei in einer fließenden Bewegung noch einen bereits vorbereiteten Dollarschein aus der Tasche, welcher dem Gepäckabfertiger unsichtbar in die Hand gleitet; eine Synchronizität, die dem Trinkgeld-ungeübten, „Service ist eingeschlossen“, Deutschen wie mir gar nicht möglich ist und dessen Erfordernis mich überrumpelt. So schnell wie das unsichtbare Fließband fördert, bin ich gar nicht in der Lage, den Brustbeutel hervorzukramen, Geldscheine zu sichten, Dollarnoten zu finden etc.

Hier herrscht Effizienz! In einem kurzen U-Turn wird nach der Gepäckabgabe, die Kurve entlang der Absperrbänder direkt in die Check-In Halle genommen. Hier muss ich kurz Schlange stehen, ebenfalls entlang von Absperrbändern, die aber, in einem wie geheim choreographierten Ballett, von entsprechendem Personal tänzerisch umgesteckt werden, so dass die Schlange stets dahinfließt. Ich fließe zu einem Schalter, zeige meine Bordkarte, es erfolgt die Passkontrolle, es wird ein Foto gemacht. Dann erhalte ich einen Stempel - wie ein junges Tier sein Brandzeichen. Damit werde ich der Herde, die das Schiff boarden darf, zugewiesen und erhalte eine Nummernkarte, die ich ahnungslos anstarre und deren Funktion mir erst im Verlauf klar wird. Die Nummer ordnet mich einer kleineren Schaf-Kohorte zu. Sie umfasst circa 20 Individuen, die aufsteigend aufgerufen, die Sicherheitskontrolle passieren dürfen. Anders als am Flughafen muss ich meine Getränke nicht auf Ex leeren oder wegwerfen, ich darf Gürtel und Uhr anlassen. Einzig streng wie immer: Jeder Cent, jedes Taschentuchfitzelchen, jedes vergessene Bonbonpapier muss aus den Hosentaschen entfernt werden. Mit leeren Taschen darf ich dann die Schranke zu Luxus, Komfort und allen denkbaren Annehmlichkeiten durchschreiten.

Und dann bin ich an Bord.

An Bord der Queen Mary 2.

Warum ist dieses Schiff etwas Besonders, nicht nur für mich, sondern für so viele Menschen? Kreuzfahrtschiffe gibt es doch wie Sand am Meer? Sogar wesentlich größere, mit Wasserrutschen, Tennisplätzen, Eislaufbahn, Kletterpark und Surf-Simulator. Modernere Kreuzfahrtschiffe, die über 6000 Passagieren einen sorgenlosen all- inklusive Traumurlaub bieten können.

Die Queen Mary 2 jedoch setzt derzeit als einziges Schiff auf den Weltmeeren die Tradition der berühmten Transatlantik-Linienschiffe fort und ist deren letzte aktive Vertreterin. Sie wird zwar auch für Kreuzfahrten, also Vergnügungsreisen eingesetzt - ihre Hauptaufgabe ist aber tatsächlich, einen Linienverkehr zwischen New York und Nordeuropa anzubieten.

Diese Königin der Meere ist der einzig verbliebene Oceanliner der Welt! Noch habe ich keine Ahnung von ihren majestätischen Dimensionen. Auf dem Weg durch die gläserne Gangway kann ich allenfalls Teile einer dunkelblauen, metallenen Mauer erahnen, welche höher ragt, als ich den Kopf in den Nacken legen kann. Doch ich habe gelesen, dass dieser Oceanliner vom Bug bis zum Heck so lang ist wie das Empire State Building hoch!

Bevor Flugzeuge die Möglichkeit boten, den Atlantik zügig und bequem zu überqueren, waren Linienschiffe das Reisemittel der Wahl. Sie mussten schnell, sicher, robust und zuverlässig sein - und nebenbei die beschwerliche Reise so angenehm und luxuriös wie möglich machen. Zumindest für die Passagiere, die es sich leisten konnten und nicht in der „Holzklasse“ mit Mehrbettunterkünften darbten. Nachdem aber der Flugverkehr auch über längere Strecken etabliert war, versanken die Oceanliner buchstäblich in der Bedeutungslosigkeit. Als die Reederei die Wiederauferstehung in Form der Queen Mary 2 1998 plante, fassten sich alle an den Kopf - den Atlantik per Schiff überqueren, das brauchte doch im zwanzigsten Jahrhundert wirklich niemand mehr! Und um dem stürmischen und ewig gefährlichen Nordatlantik gewappnet zu sein, musste der Rumpf schmaler und länger gebaut werden, das Deck höher über der Wasserlinie stehen! Was bedeutete, dass lukrativer Platz für rentable Balkonkabinen „verloren“ ging. Was eine wahrlich bescheuerte Idee! Wo blieb dabei die maximale Gewinnausschöpfung eines modernen, zukunftsorientierten Unternehmens? Die Queen Mary 2 wurde stabiler, robuster, schneller und - durch den schlanken Bug aus Stahl mit bis zu 30mm Dicke - wesentlich eleganter als die üblichen, plumpen Kreuzfahrt-Klötze. Daher erregt die QM2 Aufsehen in allen Häfen, sei es New York oder Hamburg, und ihre Ankunft ist stets etwas Besonderes. Und auch die Transatlantik-Überquerung an sich ist ein Erlebnis, welches im Allgemeinen nicht für jeden auf der Tagesordnung steht.

Die Fördermasse von neuen Passagieren hat mittlerweile die serpentinenförmigen Schrägen der Gangway hinter sich gelassen und wird aus der relativen Dunkelheit in die hell erleuchtete Grand Lobby ausgeworfen. Sowohl neben der Eingangspforte in den Bauch des Schiffes, als auch beim Ausgangsportal und Betreten der Lobby in seinem Herz, stehen in einem Spalier aufgereiht rot livrierte Pagen, welche mit kurzem Blick auf die Bordkarte den Menschenstrom verteilen und zu den entsprechenden Aufzügen in den Gängen rechts und links der Lobby leiten. Meine Sinne wehren sich gegen diese Weiterleitung, sie sind nicht schnell genug, um aufzunehmen, was sich ihnen bietet und flehen meine Füße an, noch zu verweilen.

Ein Lichtspot setzt ein in der Form eines Pfaus arrangiertes, blaugrünes Blumengesteck ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Fast sehen die Blumen künstlich aus, dafür wirkt das indirekt einfallende Licht wie natürliches Tageslicht, doch es ist umgekehrt; die Blumen echt, das Licht beim Blick an die Decke aus blauen, intensiven Strahlern. Durch das bienennestartige Brummen der Menschen klingen zarte Klaviertöne, die ein in sich versunkener Pianist den schwarz-weißen Tasten eines Flügels entlockt. Simultan zu den, wie in einem Kaleidoskop, fragmentierten Strahlen aus warmen, orange-gelben Rechtecken des Teppichbodens zeigt ein bronzenes Relief über dem Treppenabsatz einer geschwungenen Doppeltreppe ein Abbild der Queen Mary 2, umgeben von Strahlen einer im Meer versinkenden Sonne.

Und genau so wird es kommen: Immer Kurs Ost, der Sonne entgegen.

Assoziationen zu Palästen und Galaempfängen, in und auf welchen ich nie war, prasseln auf mich ein. Doch das unsichtbare Transportband schiebt mich unerbittlich weiter und ich gehorche, denn jeder weiß, dass nur Banausen direkt am Ende einer Rolltreppe stehen bleiben und damit Menschentrauben in einen Auffahrunfall aus Gliedmaßen verwandeln. Aus den Augenwinkeln nehme ich noch glatt aufragende Marmorsäulen und stuckartige Reliefs wahr, doch dann kann ich mich dem Weiterfließen nicht mehr verwehren. Aber ich habe ja Zeit, viele Tage lang, um zurückzukehren und ernsthaft und aufrichtig und bedächtig jegliches Detail zu betrachten, solange ich will und brauche.

Denn: Ein Crossing ist keine Kreuzfahrt, bei der Landgänge abgearbeitet und Cocktailflatrates ausgenutzt werden müssen! Eine Überfahrt, die Querung des unberechenbaren, aggressiven und stürmischen Atlantiks, ist eine beeindruckend schwerwiegende, eine bedeutsame Sache. Allein die Dauer der Überfahrt impliziert Engagement und Ernsthaftigkeit. Solch eine unnütze und unnötige Reise muss gewollt werden und ich will, sehr sogar. Wer investiert schon freiwillig und ohne Agenda sieben Tage in eine Strecke, die ein Flugzeug in wenigen Stunden schafft? Der Abschied von der Zeit und der Welt, beim Einstieg in ein Flugzeug ist lapidar, er lohnt keiner Zeremonie, denn in Kürze absolviert der Reisende routiniert seine Ankunft. Wie oft bin ich in ein Flugzeug gestiegen, in der Hoffnung, nur so bald wie möglich anzukommen, der Enge der Economy Kabine endlich zu entkommen, die Beine wieder bewegen und im Leben weiter gehen zu können? Zähle nur ich im Geiste dabei die Stunden, bis es endlich vorbei ist? Atme nur ich erleichtert auf, wenn die Hälfte der Flugzeit vergangen ist? Und lebe ich nicht auch dabei wieder in dem gleichen Countdown, der das Leben generell bestimmt? Ein Countdown, der abzählt, wann wieder ein Teil des Lebens vorbei ist? Wer lebt nicht in terminierten Stunden, die herabgezählt werden, wie die Türchen in einem Adventskalender geöffnet. Noch drei Monate bis zur Hochzeit, noch 12 Stunden bis zum Prüfungstermin, noch vier Tage...

Erscheint lt. Verlag 5.11.2025
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur
ISBN-10 3-6951-3984-6 / 3695139846
ISBN-13 978-3-6951-3984-2 / 9783695139842
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
Haben Sie eine Frage zum Produkt?
EPUBEPUB (Wasserzeichen)
Größe: 3,4 MB

DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasser­zeichen und ist damit für Sie persona­lisiert. Bei einer missbräuch­lichen Weiter­gabe des eBooks an Dritte ist eine Rück­ver­folgung an die Quelle möglich.

Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belle­tristik und Sach­büchern. Der Fließ­text wird dynamisch an die Display- und Schrift­größe ange­passt. Auch für mobile Lese­geräte ist EPUB daher gut geeignet.

Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise

Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.

Mehr entdecken
aus dem Bereich
A Deal with Darkness

von D.C. Odesza

eBook Download (2025)
Piper ebooks (Verlag)
CHF 9,75
Du bist sein Schicksal

von RuNyx

eBook Download (2025)
Piper ebooks (Verlag)
CHF 9,75