büttner (eBook)
786 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-6951-8192-6 (ISBN)
Seit mehr als 25 Jahren übt Sascha Büttner die Profession des Coaches sowie des Trainers in der Arbeitswelt aus, ist Taijiquan, Tai Chi und Qigong praktizierender und meditiert seit seinem 14. Lebensjahr. Zudem betätigt er sich als Fotograf, Herausgeber und Autor. Zeit seines Lebens folgt er dem Tao. Sascha Büttner gründete und betreibt das metalabor, einen der kleinsten, deutschsprachigen Think Tanks.
Amerika
Büttner saß auf der Rückbank und sah nichts und alles zugleich, seine Augen geschlossen aber dennoch empfänglich für jene Bilder, die sich nicht mit den Gesetzen der Optik erklären ließen, während Bohl am Steuer seine erste Fahrstunde absolvierte - eine Initiation in die Mysterien der amerikanischen Wegfindung, ein Erlernen mechanischer Fertigkeiten unter Reuss’ nikotinvernebelter Anleitung, dessen Zigarettenrauch sich mit der heißen Wüstenluft zu einer Art atmosphärischem Philosophieren vermischte, und der Asphalt rollte sich endlos vor ihnen aus wie ein schwarzer Gedankenstrom durch Kaliforniens kollektives Bewusstsein, wobei die Camera Obscura auf dem Dach - dieses Relikt aus einer anderen Ära der Bildgebung, das paradoxerweise futuristischer wirkte als alle digitalen Innovationen, die sie in Europa zurücklassen würden - ihr eigenes Tempo bestimmte, langsamer als die Gedanken, die durch Büttners Kopf rasten wie Züge durch nächtliche Bahnhöfe, schneller als die geologische Zeit, die sich in den Gesteinsschichten der vorbeiziehenden Berge manifestierte, präziser als die Erinnerung, die bereits begonnen hatte, die Ereignisse der vergangenen Tage zu mythologisieren, zu verfälschen, zu einem großen Amerikadurchrollen umzuwandeln - und die Bilder sammelte, die noch nicht entwickelt waren wie Träume, die noch nicht geträumt wurden, aber schon existierten in jenem Zwischenraum zwischen Licht und Schatten, zwischen bewusster Erfahrung und unbewusster Aufnahme, zwischen der physischen Reise durch den amerikanischen Kontinent und ihrer späteren narrativen Transformation in europäischen Wohnzimmern, während draußen Amerika vorbeizog wie ein endloser Jazz-Riff, synkopiert und unvorhersagbar, mit plötzlichen Breaks und Improvisationen, die von der Kaffeetasse in der letzten Raststation - wo der Kaffee nach Pappe schmeckte, aber dennoch eine transzendente Wirkung hatte, als wäre er mit dem Geist des amerikanischen Optimismus angereichert - zum Existentialismus spezifisch zu Heideggers Konzept der Geworfenheit, das in der Wüste Nevadas eine ganz neue Bedeutung erhielt, zur ersten Liebe - jenes universelle Trauma, das sich vor der Kulisse amerikanischer Endlosigkeit plötzlich als kosmische Farce entpuppte - zum Vietnam-Krieg sprangen, der wie ein Gespenst durch die Landschaft wanderte und jede Tankstelle, jeden Diner, jede Kleinstadt mit seiner unsichtbaren Anwesenheit imprägnierte, in einem einzigen Atemzug, der niemals enden wollte und sich stattdessen durch ihre gesamte Reise wie ein roter Faden zog, ein Atemzug, der Amerika selbst zu sein schien, dieser kontinentale Seufzer der Sehnsucht und Enttäuschung, der Hoffnung und Melancholie.
„Da vorne,“ sagte Reuss und zeigte mit der Zigarette - deren Asche sich wie grauer Schnee auf seine Jeans legte, als wäre sie ein Zeitzeuge ihrer gesamten bisherigen Reise, ein mineralisiertes Tagebuch der vergangenen Stunden - in Richtung einer Kreuzung, die wie eine geometrische Epiphanie aus der Landschaft stieg, ein Knotenpunkt menschlicher Intention inmitten der natürlichen Gleichgültigkeit. „Pearblossom Highway“ - wobei schon der Name wie ein Gedicht klang, wie eine haiku-artige Verdichtung amerikanischer Sehnsucht, die Verbindung von Frucht als Symbol für Süße, Reife, Erfüllung und Straße als Symbol für Bewegung, Suche, Unerfülltheit, und Bohl nickte, lenkte, lernte, wobei jede seiner Bewegungen am Steuer eine Art kinästhetischer Meditation war, eine körperliche Aneignung amerikanischer Mobilität, die Beherrschung eines Fahrzeugs bedeutete, aber auch die Integration in einen kontinentalen Rhythmus, in eine Philosophie der Bewegung, die Europa so nie gekannt hatte, während die drei Dinge, die sie immer dabei hatten - Büttners theoretische Neugier, die sich inzwischen von einer akademischen Haltung zu einer existenziellen Grundeinstellung gewandelt hatte, Bohls praktische Verzweiflung, die paradoxerweise umso produktiver wurde, je hoffnungsloser die Situation erschien, Reuss’ stoische Gelassenheit, die ihre Wurzeln in ostdeutschen Nachkriegserfahrungen hatte, aber sich in der amerikanischen Weite zu einer Art zen-buddhistischen Gleichmuts entwickelte - sich mit dem vierten vermischten, dem mythischen 48er Pack Miller Bier, das sie nie fanden aber immer suchten, als wäre es der Heilige Gral amerikanischer Subkultur - wobei der Gralsvergleich nicht zufällig war, denn wie der mittelalterliche Gral bezog auch das 48er Pack seine Macht gerade aus seiner Unerreichbarkeit - oder zumindest ein Symbol für all das, was authentische Erfahrung von touristischem Konsum unterscheidet, ein Unterschied, der sich nicht durch Geld kaufen lässt, obwohl in Amerika alles käuflich zu sein scheint, sondern nur durch die Bereitschaft erworben werden kann, sich verlaufen zu lassen und dabei zu entdecken, dass das Verlaufen oft der direkteste Weg zum Ziel ist, wobei das Ziel sich permanent verschiebt wie die Landschaft vor ihrem Fenster, wie die Schatten in der Camera Obscura, wie die Bedeutung ihrer Reise selbst, die sich mit jeder Meile, mit jedem Gespräch, mit jedem Schweigen neu konfigurierte.
Es war heiß - wie fast jeden Tag im Südwesten der USA - und die Hitze machte alle gleich: Coupland, Foucault, Hemingway saßen nebeneinander in den Pit Toilets von Santa Barbara und schwitzten dieselbe menschliche Suppe, während draußen die Theorien verdampften und nur die Körper übrigblieben mit ihren primitiven Bedürfnissen nach Schatten und Wasser und Verständnis, wobei diese demokratische Konstellation des Schwitzens über Amerika lehrte, was alle Bücher nicht vermochten - dass auch die größten Geister sterbliche Fleischsäcke sind, dass auch die revolutionärsten Ideen in banalen Situationen entstehen, dass die Wahrheit oft dort zu finden ist, wo niemand sie sucht: in den Toiletten der Tankstellen, in den Pausen zwischen den Gedanken, in den Momenten der Leere, die voller sind als alle Fülle, während die Camera Obscura diese Szenen mit derselben Aufmerksamkeit dokumentierte wie die Momente der theoretischen Inklusion und dabei bewies, dass vollständige Dokumentation beide Dimensionen erfassen muss - Erfolg und Scheitern, Begegnung und Verweigerung, Verstehen und Missverstehen.
Steinbeck und Charley fuhren parallel zu ihnen, diese ikonischen Gestalten einer Reiseliteratur, die schon in den Sechzigern gespürt hatte, wie brüchig die amerikanische Selbstgewissheit war, und für einen Moment zogen beide Expeditionen nebeneinander her - die alte und die neue, die dokumentarische und die experimentelle, die Suche nach Amerika und die Flucht vor Europa - bis die drei Europäer an der Abzweigung zum Henry Cowell Redwoods State Park spontan abbogen und fröhlich hupten, als würden sie sich von Steinbecks Geist verabschieden, um ihren eigenen Weg zu finden zwischen den Bäumen, die älter waren als Kolumbus, älter als die Träume von der Neuen Welt, älter als alle Geschichten, die Menschen sich über diesen Kontinent erzählt hatten, eine Zeitlosigkeit, die in der Camera Obscura widerhallte, diesem Relikt, das zugleich Vergangenheit und Zukunft war, mechanisch und magisch, europäisch und amerikanisch.
Die Genealogie amerikanischer Verweigerung kritzelte sich durch ihre Route wie ein Jazz-Solo - von Joe Hill, dem Arbeiterführer mit seinen Kontakten zu den Hidden Woodsmen und den Dudes, über Seasick Steve, der seit Ewigkeiten den Soundtrack für die Hobos spielte, zu Jack Kerouac, der Jahre zuvor die Bibel aller Roadtrips geschrieben hatte, bis zu Jack London, dem Hobo aller Hobos - wobei diese Tradition nicht in Manifesten oder Parteiprogrammen überlebte, sondern in Songs und Geschichten und der schweigenden Solidarität der Gestrandeten, eine Tradition, die ihre eigene Zeit hatte, ihre eigene Geschwindigkeit, ihre eigenen Gesetze, die einen Scheiß gaben auf die Uhren der Zivilisation und stattdessen dem Rhythmus der Jahreszeiten folgten, dem Rattern der Güterzüge, dem Herzschlag der Wanderer, der Sehnsucht der Suchenden und der Melancholie der Findenden, während Thoreau gleichzeitig seinen Penguin Random House-Vertrag für „Walden“ feierte und brüllte: „Jetzt hab ich die Welt am Arsch und ab sofort wird jedes Leben im Wald nach meiner Pfeife tanzen!“ - eine Aussage, die den ganzen Schwindel entlarvte, der hinter den Bestseller-Philosophien steckt: echte Lebenserfahrung wird zu Lifestyle-Produkten verarbeitet, verkauft, konsumiert, verdaut und wieder ausgeschissen, wobei Edward Bernays’ „Express yourself“-Kampagne als Musterbeispiel für jene Art der ideologischen Manipulation fungierte, die individuelles Selbstverwirklichen als Konsumakt reorganisiert und dabei von der Hippie-Kultur, den West-Coast Gammlern, Surfebanden und Nerds begeistert aufgesaugt wurde - eine Aneignung, die ihre unreflektierte Übernahme durch die Popkultur (Madonna, Charles Wright) und sogar durch die Lautsprecherwagen der Autonomen in Westdeutschland zur Folge hatte, wodurch selbst die radikalsten Formen des politischen Protests unwissentlich die Konsumideologie reproduzierten, die sie zu bekämpfen meinten.
„Der Unterschied zwischen Abenteuer und Expedition,“ murmelte Büttner, während er seinen Körper auf der Rückbank neu sortierte und dabei in jenen Zustand glitt, der weder Schlaf noch...
| Erscheint lt. Verlag | 27.10.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| ISBN-10 | 3-6951-8192-3 / 3695181923 |
| ISBN-13 | 978-3-6951-8192-6 / 9783695181926 |
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