KRYONIUM (eBook)
292 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7693-7092-8 (ISBN)
Matthias Alexander Kristian Zimmermann wurde 1981 in Basel (Schweiz) geboren und ist in ländlicher Umgebung im Kanton Aargau aufgewachsen. Er studierte musikalische Komposition, Kunst & Vermittlung, Game Design, Art Education und Pädagogik. Zimmermann ist Schriftsteller, Maler und Medienkünstler. Seine Bilder, die er als »Modellwelten« bezeichnet, reflektieren und erforschen die Kunst-, Design- und Mediengeschichte. Sein Werk wurde umfassend rezensiert und befindet sich in Sammlungen diverser Museen und Kunstarchive. Im Hirmer Verlag ist das Kunst- und Sachbuch »Digitale Moderne. Die Modellwelten von Matthias Zimmermann« über ihn erschienen. Im Kulturverlag Kadmos hat er seinen Debütroman »KRYONIUM. Die Experimente der Erinnerung« und »INTOXIKATION. Chemie der Illusionen« publiziert. Zimmermanns Romanwelten haben sich in einem langjährigen Entwicklungsprozess aus den Konzepten seiner Kunstwerke herausgebildet. Seine Bücher erscheinen sowohl in Verlagen als auch unter seiner eigenen Edition MODELLWELTEN.
3
Langsam drehte ich den Lampendocht herauf und schritt durch mein Laboratorium. An den Wänden hingen Pläne, und von der Decke baumelten unfertige Leuchten. Überall lagen Skizzen verteilt, darunter Pergamentrollen mit ausgefeilten Entwürfen, gläserne Kugeln in allen Stadien der Fertigung, umgeben von Werkzeugen und Apparaturen.
Meine Arbeit war von großer Bedeutung. Sie schützte die Schlossmauern vor dem Schleierwesen, das bei Nacht unheilvoll näherkam. Die neblige Kreatur mied das Licht. Manche munkelten von einem alten Fluch, der das Wesen an die Schatten band; andere sprachen von seiner dunklen Natur, einer uralten Furcht vor der Sonne selbst.
Ich ließ meinen Blick durch die schmalen Fenster des Laboratoriums schweifen, das mitten in der Werkstatt stand – ein kleiner, geschützter Bereich, von dem aus ich den geordneten Ablauf der Arbeiten überblicken konnte. Zu meiner Linken brodelten die Schmelzöfen, aus denen zähflüssige Glasströme flossen. Die Arbeiter formten daraus Kolben unterschiedlichster Größen. Weiter hinten arbeiteten sie an ihren Werkbänken, montierten Fassungen und Verbindungsdrähte und fertigten die filigranen Bestandteile der Leuchten mit der Präzision, die nur jahrelanges Handwerk vermag. An langen Tischen wurden alle Einzelteile zusammengefügt, bevor eine arkane Apparatur alchemistische Kräfte entfaltete und die gläsernen Kugeln luftdicht versiegelte.
Doch mein Augenmerk lag auf dem gewendelten Faden, der im Inneren jeder Leuchte glühte. Von seiner Reinheit und Widerstandskraft hing unser Überleben ab. Unzählige Materialien hatte ich erprobt: Metalle aus den Minen, Fäden, gesponnen aus den Haaren seltener Kreaturen, sogar pulverisierte Edelsteine aus den Schatullen der Schlossdamen. Am Ende war es ein besonderes Erz gewesen, hart wie Drachenschuppen und zugleich geschmeidig wie Gold, das mir zum Durchbruch verholfen hatte. Daraus ließen sich Fäden zu Spiralen drehen, die das Licht in einer Intensität entfachten, wie sie nie zuvor ein Mensch gesehen hatte.
Ich ordnete die Pulverfläschchen, Phiolen und das Phosphorgranulat im Plattenregal und verstaute die Pergamentrollen und Polierwerkzeuge im Pultschrank. Schließlich kehrte ich an meinen Zeichentisch zurück, wo die Skizzen meines jüngsten Projekts lagen: die Vision einer riesigen Lichtkugel, befestigt auf dem höchsten Turm – eine künstliche Sonne, deren Strahlen die Nacht erhellen und das Schleierwesen mit seinem tödlichen Schattendunst auf immer verbannen sollten. Zugegeben, es war ein kühn ersonnenes Werk voller Widersprüche. Doch mit einem derartigen Lichtschutz könnten wir uns nicht nur der Sicherheit gewiss sein, sondern auch den schwindenden Vorrat an herkömmlichen Leuchten schonen, der uns immer größere Sorgen bereitete.
Während ich die Skizzen studierte, spürte ich einen Funken Hoffnung. Würde ich dieses Werk vollenden, so würde meine Wenigkeit in allen Hallen gepriesen. Und vielleicht, ja, vielleicht, würde ich dann endlich einen höheren Rang erhalten und die Bürde der niederen Stände hinter mir lassen. Trotz meiner Verantwortung und all der Siege, die ich für das Schloss errungen hatte, war ich noch immer Teil der Dienerschaft – weit von den höheren Rängen entfernt. Doch ich würde es ihnen beweisen. Meine Leuchte würde die Nacht erhellen. Danach wäre ein Großteil der Gefahr gebannt.
Ich war in die Proportionen und Pfadlinien auf dem Pergament vertieft, als die Tür hinter mir aufschwang. Ich blickte nicht sofort auf. Doch das Klirren von Metall an Metall verriet mir, wer es war.
»Aron«, sagte ich und legte meinen Federkiel beiseite. »Schon so früh bei der Arbeit?«
»Früh?« Seine Stimme war ruhig, doch ein rebellischer Hauch schwang darin mit. »Für dich mag es früh sein. Doch ich bin seit Stunden unterwegs und arbeite unermüdlich.«
Ich seufzte. »Manchmal frage ich mich, ob wir je aus diesem Schloss herauskommen, oder ob wir zu Staub zerfallen, noch bevor das Schleierwesen sich in Nichts auflöst.«
»Es hat wieder zugeschlagen«, erwiderte Aron ernst und stellte eine Kiste klirrend auf den Tisch. »Diesmal hat das Schleierwesen gleich dreizehn Schlossbewohner verschlungen.«
»Dreizehn?« Erstaunt drehte ich mich um. »Woher weißt du das?«
Aron schmunzelte.
»Sag schon!«
Er liebte es, Geheimnisse zu bewahren. Doch selten konnte er sie lange für sich behalten. Mit einem leichten Schwung ließ er sich auf einen Stuhl nieder; seine grauen Augen funkelten unter dem zerzausten Haar, und mit dieser ihm eigenen Geheimnistuerei begann er zu erzählen:
»Es war Mitternacht. Ich beobachtete, wie an der Mauer eine Schlupfpforte aufging. Dreizehn Bewohner traten heraus, jeder von ihnen mit einer Petroleumlaterne in der Hand. Mir war sofort klar, dass sie eine Flucht riskierten. Die letzten Tage hatte sich das Gerücht von einem Geheimgang verbreitet, der unter dem See hindurchführt und die Insel mit dem Festland verbindet. Diese Hoffnung ließ die Bewohner leichtsinnig werden. Doch kaum hatten sie den Waldrand erreicht, begann die Lichtmauer zu flackern. Und dann erlosch sie vollständig.« Er hielt inne und senkte seinen Blick.
»Und dann?«, fragte ich gespannt. »Was ist weiter passiert?«
»Der Boden bebte«, fuhr er fort. »Aus dem See stieg eine neblige Gestalt empor, ein schwarzer Wirbel aus glühenden Schatten. Das Schleierwesen hatte die Schlossbewohner gewittert. Sie flohen. Doch ohne den Schutz der Lichtmauer war ihr Schicksal besiegelt. Ihre Laternen erloschen eine nach der anderen. Und dann Stille.«
Für einen Moment fühlte ich mich zurückversetzt in die letzte Mitternacht, als ich auf dem Balkon stand und dem Schleierwesen so nah gekommen war wie noch nie. »Also gibt es diesen Geheimgang tatsächlich?«, fragte ich erstaunt. Doch bevor Aron antworten konnte, flammte ein feuriges Licht vor den Laborfenstern auf. An den Podesten erstrahlten zahlreiche Glühbirnen, um auf ihre alchemistische Leuchtkraft geprüft zu werden. Wir zogen uns in eine schattige Ecke zurück, wo ich Aron erneut drängte, mir die ganze Wahrheit über den Geheimgang zu sagen.
Da lächelte er arglistig. »Ich war es, der die Geschichte über den Gang erfand – ein Streich, um die Leute aufzuheitern.«
»Das nennst du aufheitern? Dreizehn Menschen sind tot, Aron!«
»Es war nicht meine Absicht, dass es so endet. Ich wollte nur ein wenig Hoffnung wecken. Etwas Aufregung in den tristen Alltag bringen. Das verstehst du doch bestimmt, oder?«
Ich musterte ihn prüfend. »Wie hast du die Flucht überhaupt beobachten können? Deiner Schilderung nach müsstest du selbst am Waldrand gewesen sein.«
»Das war ich auch.«
»Und wie bist du aus dem Schloss gekommen?«
»Ich hatte meine Wege«, sagte er leichthin und lehnte sich mit ernster Miene vor. »Hör zu. Es gibt einen Grund, warum ich das Gemäuer in jener Nacht verlassen habe. Ich will dir alles erzählen:
Kurz vor Mitternacht hörte ich einen Schrei aus dem Wald. Nicht menschlich, nicht tierisch. Mir war sofort klar, es war ein Einhorn, das schrie. Manchmal bleibt das Horn in einem Baum stecken. Wenn die Einhörner es nicht herausziehen können, brechen sie es ab. Das Horn ist magisch. Und wer es findet, kann sich einen Wunsch erfüllen. Also suchte ich danach.
Ich spürte, wie das Schleierwesen näherkam, und rannte. Plötzlich sah ich das Horn. Sofort griff ich danach. Doch ehe ich es aus dem Baumstamm ziehen konnte, umfing mich neblige, eiskalte Dunkelheit. In letzter Verzweiflung schlug ich meine Petroleumlaterne gegen eine Tanne, und die brennenden Zweige ließen das Schleierwesen zurückweichen. Schließlich fand ich den Felsen, der den Geheimgang verbirgt, doch das Schleierwesen versperrte mir den Weg.
Da erschien der Waldgeist und kam mir zu Hilfe. Er kämpfte gegen das Schleierwesen, leuchtend wie die Mittagssonne. Es war ein Duell aus Licht und Schatten. Doch der Waldgeist unterlag. Das Schleierwesen zwang ihn, seine leuchtende Sphäre in drei Kugeln zu bannen, bis er als Schneemann erstarrte. Sofort zog ich die Steintür hinter mir zu und floh durch den Gang zurück ins Schloss.«
»Der Waldgeist, ein Schneemann? Wirklich, Aron?« Ich war unsicher, ob ich ihm Glauben konnte. Doch wenn der Waldgeist, dieses gütige Wesen, tatsächlich bezwungen worden war, so schien jede Hoffnung verloren.
In diesem Moment erschien die Wache mit dem Stahlhut in der Tür. »Ihr beide. Mitkommen!«, sagte sie streng. »Man erwartet Euch. Es gibt Arbeit.«
Wir folgten der Wache durch die Werkstatt. Die konzentrierte Energie, die aus der Verbindung von geschmolzenem Glas und Alchemie entstand, hatte inzwischen eine drückende Intensität erreicht. Unermüdlich arbeiteten die Handwerker an den Podesten. Die glühenden Kugeln, die sie in schweren Zangen hielten, strahlten ein tiefes, goldenes Licht aus, das wie flüssige Sonne durch die Werkstatt flutete. Ich beobachtete, wie ein Glasbläser eine der Kugeln auf einem Sockel...
| Erscheint lt. Verlag | 24.10.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Codes und geheime Experimente • Flucht / Entschlüsselung von Rätseln • Magische Welt / Zauberei • Manipulierte Erinnerungen und Identitätsverlust • Virtuelle Welten / Computerspiele |
| ISBN-10 | 3-7693-7092-9 / 3769370929 |
| ISBN-13 | 978-3-7693-7092-8 / 9783769370928 |
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