Die Anatomie der Bibliomanie 3.Teil (eBook)
334 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7693-9209-8 (ISBN)
Holbrook Jackson (1874-1948) war ein bemerkenswerter autodidaktischer Journalist, Literaturkritiker und Feuilletonist in London, der zu den großen englischen Kennern und Gelehrten der Buchkultur zählt. Seine zahlreichen und großartigen Werke zum Bücherwesen und zur Lesekultur, aber auch seine kulturgeschichtlichen Arbeiten sind bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt worden.
Teil 16.Bibliotheken und die Pflege der Bücher
1.Das Lob der Bibliotheken
Bibliotheken sind die besten Tröster, Rückzugsmöglichkeiten, Häfen und Zufluchtsorte für die Seele des Menschen:
„Wo nie leichtfertig die profane Zunge
Soll Einlass finden,
Und daher die grobe, ungebildete Menge
Wird weit entfernt plappern.“185
Aber Bibliotheken brauchen keine Verteidigung, keinen Applaus und keine Entschuldigung. In einem wahren Urteil behauptet Richard Whitlock,186 „daß kein solcher Schatz wie eine Bibliothek existiert und (wenn alles wahr ist) der Hügel Amara in Äthiopien sogar Westindien entweder mit seinen Diamanten oder seinem Gold aussticht, denn die Bibliothek dieses Ortes, versichern uns einige, ist derart berühmt, da sie Schriften von Henoch, Hiob, Abraham, Salomon und den ganzen Titus Livius enthält.“ Nichts ist wertvoller als eine große Bibliothek und nichts edler. „Grüße die Trinity Bibliothek in meinem Namen!“187 Charles Lambs Bitte an Dorothy Wordsworth in Cambridge ist der Inbegriff der Verehrung aller Büchermenschen für diese Heiligtümer des geschriebenen Wortes. Eine Stadt ohne eine Bibliothek ist eine Wüste und ein unerwünschter Ort. Die British Museum-Bibliothek, sagte Jusserand, „genügt, um eine Stadt liebenswert zu machen.“188 Bibliotheken sind „kein Luxus, sondern eine der Notwendigkeiten des Lebens;“189 demnach wäre eine Unterdrückung von ihnen, sagt Joseph Hall, „schädlich für die Menschheit, deren Geister, wie so viele Kerzen, sich gegenseitig entzünden sollten.“190 Sie sind „ein Konzertsaal mit den schönsten aus allen Zeiten und Plätzen versammelten Stimmen;“191 sie sind „die Kleiderschränke der Literatur, woraus gut informierte Menschen etwas als Zier hervorbringen können, viel für die Neugier und noch mehr zum Gebrauch;“192 sie sind das höchste Heiligtum der Weisheit; der Hafen der Imagination und Vision; die Ruhestätte wertvoller Autoren: „Die Zeder-Türen einer königlichen Bibliothek fliegen auf, um sie zu empfangen: Jawohl, sie werden dort in Sicherheit sein;“193 sie sind die Manufakturen der Literatur: „Trete ein in den Lesesaal des British Museum; dort ist die größte Manufaktur, aus der wir die Bücher der Saison ziehen.“194
Sie sind die glücklichen Jagdgründe nicht nur des Studierenden, sondern auch des Plagiators und des Diebs von Ideen und Phrasen, auf welche Pope in seiner Satire auf [den plagiierenden Theatermacher] Colley Cibber einprügelte:195
„Das Auge rollt auf Büchern unverhohlen,
Gedenkt der Stellen, die er draus gestohlen;
Wo er genippt, wo er geraubt das Ganze
Und daraus sog, wie eine gier‘ge Wanze.“
Sie sind die Minen, in denen jeder graben kann, die dichten Verstecke, die jeder abklopfen kann, und die Flüsse, in welchen alle angeln mögen:
„Da thront der Weise von Stagira [Aristoteles] in seiner allumfassend Weite,
Der Aldine-Anker prunkt auf seiner Eröffnungsseite;
Dort schlafen die Geburten von Platons stets himmlischen Kniffen,
Im dunklen Grab eingesperrt, gesichert mit eifersüchtigen Griffen.
[…]
In diesen quadratischen Blättern füllen von Maro [Vergil] die Lieder
Die silbrigen Typen von glattblättrigem Baskerville wieder;
Hoch über allem, in kompakter Anordnung dicht beisammen,
Die Elzevirs zeigen ihren klassischen wertvollen Namen.“196
Sie sind eine Art Staat, in welchem alle gleich erscheinen hinsichtlich ihres Vermögens:
„Sieh da! Alles in Schweigen, alles in Ordnung nun steht,
Mächtige Folios zuerst, ein herrschaftliches Band entsteht;
Dann Quarts ihre wohl geordneten Reihen enthüllen,
Und helle Oktav‘s eine geräumige Ebene füllen.
Sieh darunter, rangiert in mehr frequentierten Reihen,
Ein bescheideneres Band von Duodez‘ in Weihen;
Während unauffällige Kleinigkeiten den Anblick berücken,
Wie von vergeudeten Magazinen und letzten neuen Theaterstücken.
So ist es im Leben, wo zuerst die Stolzen, der Großen mächtige Hand,
Bewahren in verbündeter Versammlung ihren schwerfälligen Zustand;
Schwer und groß, erfüllen sie die Welt mit ängstlichem Wesen,
Werden viel bewundert und sind doch letztlich wenig gelesen:
Die Gemeinen als nächste, ein mittlerer Rang, sind gefunden;
Berufe fruchtbar für ihre Abkömmlinge ringsum befunden:
Vernünftler und Geistreiche nächst ihrem Platz unwägbar,
Und zuletzt, von vulgären Stämmen eine Masse unzählbar.“197
Sie sind ein Land, in dem Milch und Honig fließen, wo alle nach ihrem Geschmack ernährt werden und wo Luxus und Notwendigkeiten allen gleichermaßen zugänglich sind und allen gemeinsam:
„Anders als der Harte, der Egoist und der Selbstbewusste,
Meiden sie nicht mürrisch die Menge, die zu bitten wusste:
Noch brauchen sie Leute mit unterschiedlichen Erzählungen einzukleiden,
Sondern zeigen all ihren Untertanen, was sie auch den Königen zeigen.“198
Kann die Welt eine bessere Sehenswürdigkeit bieten, süßeren Gehalt, einen schöneren Gegenstand und einen gnädigeren Aspekt?
Bibliotheken nehmen laut Lord Bacon199 den ersten Platz ein unter den Werken von verdienstvollen Taten gegenüber von Gelehrtheit. Sie „sind wie die ehrwürdigen Schreine, wo all die Relikte der alten Heiligen aufbewahrt werden, voll von wahrer Tugend, und die ohne Täuschung und Betrug bewahrt bleiben“:
„Wo noch die Schatten von geschiedenen Seelen fortbestehen Einbalsamiert in Verse!“200
Sie sind der Ruhm moderner Städte und Universitäten, wie sie Laternen im finsteren Mittelalter vor der Renaissance der Gelehrtheit waren. De Thous Bibliothek wurde der „Parnass der Musen“ genannt und es wurde behauptet, „daß die, welche die Bibliothek von Thuanus nicht gesehen hatten, Paris nicht gesehen hätten.“201 „Der Stolz und Ruhm eines Klosters“, sagte Merryweather,202 „war eine gut ausgestattete Bibliothek“, und so wie er das „klösterliche System nicht mochte, die kalte, herzlose, finstere und asketische Atmosphäre des Klosters“, gestand er, daß es schwierig würde, ihn zu überzeugen, mit all diesen schönen Relikten ihrer Taten vor ihm, „diese wunderschönen Kirchen gewidmet der Frömmigkeit und Gott, diesen Bibliotheken so überfüllt mit ihren Pergament-Bänden, so prachtvoll geschmückt, und die überschwängliche Evidenz, welche die Geschichte zu ihrer bekannten Wohltätigkeit und gastfreundlichen Liebe beiträgt, daß diese Mönche und ihr System eine Einrichtung von trostloser Barbarei gewesen seien;“ sie waren „die Förderer der Literatur“, die „Bewahrer von Büchern“ und die „Verkünder der Zivilisation;“203 und Dibdin rät uns,204 „auf die alten Abteien und Klöster als heilige Depositorien der Literatur der vergangenen Zeitalter zu schauen“:
198 Ebd.
„Hier, gehörig platziert auf dem Boden tief geweiht,
Werden die gelehrten Werke gefunden mancher Zeit.“205
Ich könnte mit diesem Lob „ad infinitum [bis ins Unendliche]“ weiterfahren, aber um nicht zuletzt zu ermüden, werde ich meinen Vortrag mit W. E. Channings Ermahnung schließen, daß jeder Mensch „ein paar gute Bücher unter seinem Dach versammeln sollte oder Zugang zu einer Bibliothek für sich und die Familie verschaffen.“ Auch weise Menschen haben durch alle Zeitalter derart gehandelt, entweder indem sie eigene Sammlungen für sich anlegten, oder indem sie gelehrte oder öffentliche Bibliotheken begründeten oder zu unterhalten mithalfen. Die erste große systematische Bibliothek wird Aristoteles zugeschrieben; die erste öffentliche Bibliothek in Ägypten wurde so geschätzt, daß sie unter den Schutz der Götter gestellt wurde; und so begierig war einer der Ptolemäer nach Büchern, daß er den ausgehungerten Athenern Weizen verweigerte, bis sie ihm die Originalmanuskripte von „Aischylos, Sophokles“ und „Euripides“ aushändigten.206 Pisistratus projektierte die erste griechische Bibliothek und es wird vermutet, daß er der Sammler der verstreuten Werke von Homer gewesen ist; Sulla gründete die erste römische Bibliothek mit Büchern, welche er dem Apollo-Tempel in Athen entnahm; Nicholas Niccoli gründete die erste Universitätsbibliothek in Oxford vor den Tagen von Bodley und Dick Whittington „stattete“ die Bibliothek der Grauen Brüder in der School...
| Erscheint lt. Verlag | 15.10.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| ISBN-10 | 3-7693-9209-4 / 3769392094 |
| ISBN-13 | 978-3-7693-9209-8 / 9783769392098 |
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